"Aber die Erblichkeit!"

Ein Beispiel für dieses medizinische Denken ist, wie Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg, auf ADHS-Skeptiker reagiert: Die Störung sei doch zu 70 bis 80% erblich! Diese Antwort ist auf so viele Weisen falsch, dass man sich wünschen würde, sie käme nicht von einem Medizinprofessor.

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Erstens ist für die Unterscheidung, ob etwas eine Krankheit ist oder nicht, die Frage der Erblichkeit nicht entscheidend. Eine braune Augenfarbe ist stark genetisch determiniert, doch keine Krankheit; Karies nach zehnjährigem Colakonsum ohne Zähneputzen oder posttraumatischer Stress nach fünfjährigem Grabenkrieg mit täglichen Granateinschlägen ist eine Erkrankung beziehungsweise Störung, auch wenn sie nicht genetisch verursacht sind. Dass bei der Anfälligkeit für die Probleme auch Gene eine Rolle spielen, wie für so gut wie alles, steht dahin.

Zweitens sollte man am besten ganz aufhören, von Erblichkeit zu reden. Dieses Konstrukt lädt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur zu Missverständnissen ein. Keinesfalls ist damit gesagt, dass ADHS zu 70 bis 80 Prozent genetisch determiniert ist, auch wenn es die meisten so verstehen. Es geht schlicht um die Erklärung phänotypischer Varianz (Unterschiede) durch genotypische Varianz - die aber wiederum selbst Eigenschaft der Umwelt ist.

Das hört sich kompliziert an, kann man aber mit einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Erblichkeit ist allgemein definiert als die Varianz des Genotyps dividiert durch die Varianz des Phänotyps. Stellen wir uns jetzt vor, in einem totalitaristischen Staat werden alle Schulen, alle Familien, überhaupt alle Umgebungen so gleich wie möglich gemacht. Ein extremes Beispiel wäre Aldous Huxleys "Brave New World", in dem Kinder vom Staat gezüchtet und aufgezogen werden.

Durch Vereinheitlichung der Umwelt - es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Privatschulen und Brandpunktschulen, zwischen Elternhäusern mit gut sortierten Bibliotheken und solchen von Analphabeten - würden auch die Unterschiede der Intelligenz der Kinder geringer, also die Varianz des Phänotyps. Da dieser Wert im Nenner der Gleichung steht und kleiner wird, würde die Erblichkeit von Intelligenz im Beispiel höher ausfallen. Dabei wurde aber die Umwelt angepasst und am Genotyp gar nichts geändert!

Man kann es auch anders verstehen: Wenn die Umwelt immer gleicher wird, dann ist es selbstverständlich, dass die Unterschiede im Phänotyp, die es dann noch gibt, stärker durch genetische Unterschiede bedingt sind. Worauf sollten Unterschiede denn sonst noch beruhen können? Damit ist gezeigt, dass das Erblichkeitsmaß selbst von der Umwelt abhängt, in der es erhoben wurde. Es dennoch als Maß für genetische Determination zu verstehen, ist wissenschaftlich fehlerhaftes Wunschdenken.

Was auf Wikipedia konsequenterweise als häufiges Missverständnis geführt wird, passiert sogar führenden Experten auf dem Gebiet der Verhaltensgenetik. So erklärte etwa Martin Reuter, Professor für Biologische Psychologie in Bonn, einem breiten Publikum, eine Erblichkeit von 0,7 für Depressionen bedeute, "dass das Auftreten einer Depression zu 70 Prozent genetisch bedingt ist und nur zu 30 Prozent von der Umwelt beeinflusst wird."

Solche Zahlen sind vielleicht nützlich, wenn man für einen Forschungszweig Eindruck schinden will, der seit Jahrzehnten viel verspricht - aber praktisch nichts liefert. Die Darstellung Reuters ist aber grundlegend falsch. Unabhängig davon tendiert der Informationswert von Erblichkeitsschätzungen gegen null. Daher sprechen sich auch immer mehr Forscherinnen und Forscher gegen die Verwendung von Erblichkeitsschätzungen aus.

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In den Worten von David Moore und David Shenk von den Universitäten in Claremont beziehungsweise Iowa: "Der Begriff 'Erblichkeit', wie er heute in der humanen Verhaltensgenetik verwendet wird, ist einer der am meisten irreführenden in der Wissenschaftsgeschichte. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, sagt uns das Maß der Erblichkeit einer Eigenschaft nicht, wie 'genetisch erblich' diese Eigenschaft ist."

Drittens unterliegen die Zwillingsstudien, die häufig solchen Schätzwerten zugrundeliegen, prinzipiellen Einschränkungen. Beispielsweise wird in der Regel vorausgesetzt, dass die Umwelten der Zwillingspaare (eineiig gegenüber zweieiig) identisch sind. Gemessene Unterschiede des Phänotyps werden dann auf Unterschiede in der genetischen Übereinkunft zurückgeführt - eben 100% (eineiig) gegenüber im Mittel 50% (zweieiig). Diese Annahme stimmt aber schon allein deshalb nicht, weil eineiige Zwillinge eine andere Beziehung zueinander und zu ihrer Umwelt haben als andere Geschwister.

Ein Forscherteam um Roar Fosse, Psychologe an der Abteilung für Psychische Gesundheit und Sucht der Vestre Viken Kliniken in Drammen, Norwegen, wagte die Probe für das Beispiel der Schizophrenie: Für diese wird eine ähnlich hohe Erblichkeit wie für ADHS angenommen, nämlich ca. 80%.

Die Forscher testeten nun, ob die Erfahrungen auf den Gebieten des Mobbings, sexuellen Missbrauchs, körperlicher Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung und allgemeinen Traumas, also die Umwelterfahrungen, für eineiige Zwillinge ähnlicher waren als für zweieiige.

Ihre Daten zeigen, dass dies für alle fünf Kategorien gilt; eine hätte bereits gereicht, um Zwillingsstudien in Schwierigkeiten zu bringen! Damit ist eine ihrer Grundvoraussetzungen mehrfach verletzt und lassen sich Effekte von Genetik und Umwelt mit ihnen nicht trennen, wie dies meist angenommen wird.

Wenn also beispielsweise ein eineiiger Zwilling sexuell misshandelt worden war, dann war es sein Zwilling mit größerer Wahrscheinlichkeit auch, als bei zweieiigen der Fall gewesen wäre. Die Ähnlichkeit der Umwelt ist für die ersteren somit höher als für die letzteren Zwillingspaare; die Umwelt behandelt sie sozusagen anders, abhängig von ihrer genetischen Ähnlichkeit.

Das sind Fakten, die dem international in der psychiatrischen Forschung vorherrschenden molekularbiologischen Ansatz diametral entgegenstehen. Die hohen Erblichkeitswerte bilden zusammen mit dem Hype um die Neurowissenschaften den Heiligen Gral. Darum sucht man immer weiter nach den Genen, Gehirnstrukturen und -Funktionen, obwohl seit Jahrzehnten Studie um Studie nichts Bedeutendes findet. Darin wird es im zweiten Teil der Serie noch ausführlicher gehen.

(Stephan Schleim)

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