30 Jahre Aufmerksamkeitsstörung ADHS

Verbreitung, Drogen und Therapien geben uns Rätsel auf

Auch dreißig Jahre nach der Kodifizierung der sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gibt es viele offene Fragen. Wussten Sie etwa, dass die Störung in Deutschland bei ca. 6,5% der Jungen, jedoch nur bei ca. 2% der Mädchen diagnostiziert wird? Oder dass eine Diagnose in Bayern, Rheinland-Pfalz oder Thüringen um mehr als 50% wahrscheinlicher ist (ca. 5 bis 5,5%) als etwa in Bremen, Hamburg, Hessen oder Schleswig-Holstein (ca. 2 bis 3,5%)?

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In den südöstlichen Bundesländern und Rheinland-Pfalz wurde im Untersuchungszeitraum ADHS am häufigsten diagnostiziert (oben). In der Ansicht nach Kreisen werden aber auch innerhalb der Bundesländer teils erhebliche Unterschiede deutlich (unten). Dass die Abbildungen von links nach rechts blauer werden, spiegelt den Trend wider, dass die Häufigkeit von ADHS-Diagnosen im Zeitraum von 2008 bis 2011 im Mittel von 3,7% auf 4,4% stieg. Quelle: Hering R, Schulz Mandy, Wuppermann A, Bätzing-Feigenbaum J. Versorgungsatlas-Bericht Nr. 14/09/DOI: 10.20364/VA-14.09

Auch das Alter bei der Einschulung der Kinder hat einen großen Einfluss. Verwunderlich ist ebenfalls, dass Expertinnen und Experten die Häufigkeit von ADHS in den USA auf fast 10% schätzen, in Großbritannien aber kaum mehr als 2% der Kinder die Diagnose erhalten. Oder dass Molekularpsychiaterinnen und -Psychiater die Störung zwar für stark erblich halten (76% Erblichkeit), trotz groß angelegter Studien seit Jahrzehnten aber nicht die verantwortlichen Gene finden.

Doch nicht nur auf der Ebene der Daten gibt es offene Fragen. Auch grundlegende Herausforderungen bleiben ungelöst: Ist ADHS eine Gehirnerkrankung? Eine psychische Störung? Eine normale Reaktion auf eine sich verändernde Umwelt? Eine Medikalisierung von Moralvorstellungen? Ein Freifahrtschein zum Drogenkonsum von Kindern wie Jugendlichen - und in zunehmendem Maße auch von Erwachsenen?

Inzwischen konsumieren rund 23% der Deutschen (Männer: 20%, Frauen: 26%) mindestens wöchentlich Psychopharmaka, vor allem Schmerzmittel und Antidepressiva. In den USA führt Schmerzmittelabhängigkeit sogar zu wirtschaftlichen Problemen ("Opioid-Epidemie" wirkt sich auf US-Wirtschaft aus). Medikamentenkonsum für die Arbeit ist auch hier ein bekanntes Phänomen (Eine Million dopt regelmäßig am Arbeitsplatz).

Von ADHS sind insbesondere Kinder und Jugendliche betroffen, doch in zunehmendem Maße auch Erwachsene. Grund genug, das Phänomen in einer zweiteiligen Artikelserie näher zu untersuchen. Dabei muss es auch um die molekularbiologische Psychiatrie gehen.

Ein Blick in die Forschungsdatenbanken offenbart, dass es an Wissen jedenfalls nicht mangelt: In diesem Jahr dürften zum ersten Mal mehr als 3.000 Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften zum Thema ADHS erscheinen, also mehr als acht pro Tag. Insgesamt listet das Web of Science fast 35.000 Publikationen. Diese Fülle kann niemand mehr überblicken.

Die jährliche Anzahl der Publikationen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung stieg laut ISI Web of Science bis 2007 exponentiell an. Danach setzte sich das Wachstum auf hohem Niveau linear fort. Heute erscheinen täglich mehr als acht Publikationen. Dabei spiegelt die Datenbank auch nur einen Teil der Wissenschaft wider.

Aber gehen wir erst noch einen Schritt zurück: Was ist ADHS überhaupt? Und seit wann wird diese Diagnose gestellt?

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Eine historische Überblicksarbeit von einem Team um die Neuropsychologen Lara und Oliver Tucha von der Universität Groningen beginnt bei dem schottischen Arzt Alexander Crichton, der im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert durch Europa reiste. In einer Abhandlung aus dem Jahr 1798 schrieb er über Störungen der Aufmerksamkeit. Gerne wird auch der deutsche Zappelphilipp von Heinrich Hoffmann (1809-1894), also die Figur eines Kinderbuchs, als früher Beleg für ADHS angesehen.

Der Zappelphilipp aus Heinrich Hoffmanns Kinderbuch "Struwwelpeter" von 1844 hörte nicht auf seine Eltern und gilt heute als altes Beispiel der ADHS. Die Quellenlage ist hierfür jedoch reichlich dünn.

Wie die Tuchas und ihre Kolleginnen und Kollegen diskutieren, passen die älteren Beschreibungen aber nicht nahtlos zu den heutigen Kategorien oder ist die Quellenlage schlicht zu dünn. Ein weiteres Beispiel hierfür sind die Fallstudien des britischen Kinderarztes George Frederic Still (1868-1941). Bei diesen liegt der Schwerpunkt auf abweichendem Moralverhalten, auch wenn viele der beschriebenen Kinder Symptome der heutigen ADHS aufwiesen.

Nach der Epidemie der Europäischen Schlafkrankheit (Encephalitis lethargica) von etwa 1915 bis 1927 - siehe Oliver Sacks' Buch "Awakenings" oder den darauf beruhenden Film mit Robert De Niro und Robin Williams (deutsch: "Zeit des Erwachens") -, rückten Gehirntheorien in den Vordergrund. Manche Problemkinder zeigten nämlich Verhaltensweisen, die den Symptomen mancher Überlebender der Gehirnentzündung (Encephalitis) ähnelten. Dazu kam, dass der 1937 von dem amerikanischen Psychiater Charles Bradley veröffentlichte Versuch, solche Kinder mit Amphetamin (also "Speed") zu behandeln, vielversprechend war.

So und dank des wenig später entdeckten Methylphenidats (Ritalin® u.a.), das bis heute die Vorzugsdroge zur Behandlung von ADHS ist, setzte sich die Kategorie der MBD durch: Dies stand erst für "Minimal Brain Damage", später in etwas abgemilderter Form und in Reaktion auf Kritik für "Minimal Brain Dysfunction".

Eine angebrachte Nebenbemerkung zum Wort "Droge": Abgeleitet vom niederländischen droog stand dieses ursprünglich für getrocknete Güter. Trockenkräuter können Sie noch heute in der Drogerie kaufen. Im Niederländischen unterscheidet man, ähnlich wie im Deutschen, inzwischen aber drugs (sprich: drügs) von geneesmiddelen (nicht Genuss-, sondern Genesungsmittel, also Medikamente). Doch diese Unterscheidung ist ein soziales Konstrukt.

Die Verwendung des englischen drug ist besser, da unvoreingenommener. Im Deutschen sollte man eher zwischen medizinischen und nichtmedizinischen Drogen unterscheiden. Irreführend ist der gesetzliche Begriff des Betäubungsmittels, da viele der regulierten Mittel überhaupt nicht betäuben, sondern aufputschen oder Halluzinationen verursachen. Wie dem auch sei, Amphetamin und Methylphenidat sind je nach Sprachgebrauch Drogen, Stimulanzien, Psychopharmaka oder schlicht Medikamente, abhängig davon, für welche Zwecke wir sie gebrauchen.

Kommen wir zurück zur MBD: Interessanterweise gingen Fachleute davon aus, dass Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten nichts Geringeres haben als einen Hirnschaden, wenn auch einen minimalen. Das stellte man aber nicht im Gehirn fest, sondern im - raten Sie es - Verhalten! Den Gehirnschaden dachte man sich dazu. Gefunden hat man ihn nie. Bis heute.

Das ist auch mit Blick auf das in unserer Zeit dominierende molekularbiologische Paradigma der Psychiatrie bedeutend. Dieses versteht ADHS wahlweise als Neurotransmitterstörung ("Botenstoffe" im Gehirn, vor allem Dopamin, Noradrenalin und Serotonin), Störung von Gehirnnetzwerken oder eine Kombination von beidem. Wir werden später darauf zurückkommen.

Nachdem die Gehirnstörung ohne auffindbare Gehirnstörung zunehmend in die Kritik geriet, kam man über den Umweg der hyperkinetischen Störung der Kindheit (1968) schließlich auf die Aufmerksamkeitsstörung (ADS) mit oder ohne Hyperaktivität, nämlich in der dritten Auflage des Diagnosehandbuchs DSM der Amerikanischen Psychiatrie von 1980. In deren Überarbeitung von 1987 hieß es dann schließlich: Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS.

Es ist hier nicht so wichtig, auf Unterschiede der Überarbeitungen von 1994, 2000 oder 2013 einzugehen. Zwar wird in Deutschland und anderen Ländern statt dem DSM das ICD der Weltgesundheitsorganisation verwendet, das strengere Kriterien anlegt. Doch richtet sich die Forschung wegen des amerikanischen Einflusses vor allem nach dem DSM; und auch der Psychiatrie-Teil der nächsten Auflage des ICD wird wohl stärker an die Kriterien aus Übersee angepasst.

So oder so - die ADHS ist durch überbordende motorische Aktivität, Impulsivität und mangelnde Aufmerksamkeit charakterisiert. Konkret müssen nach DSM-5, der neuesten Auflage von 2013, mindestens sechs von neun Kriterien für Aufmerksamkeitsprobleme und/oder mindestens sechs von neun für Hyperaktivität und Impulsivität vorliegen. Diese müssen sich in mindestens zwei Umgebungen äußern, etwa zuhause, in der Schule oder bei Freunden, und das Funktionieren einschränken.

Beispiele für die Kriterien sind: häufig keine Aufmerksamkeit für Details zu haben oder Schludrigkeitsfehler zu machen; häufige Schwierigkeiten beim Aufrechterhalten der Aufmerksamkeit für Aufgaben oder beim Spielen; den Eindruck zu erwecken, man höre nicht zu, wenn man angesprochen wird; häufig mit Händen oder Füßen zu zappeln oder auf dem Sitz herumzurutschen; häufig aufzustehen, wenn man sitzen bleiben muss; häufig herumzurennen oder zu klettern, wenn das unangemessen ist. "Hinweis!", heißt es ergänzend beim letztgenannten Kriterium: Bei Jugendlichen könne schon ein Gefühl der Unruhe ausschlaggebend sein.

Von besonderem Interesse ist noch das Kriterium über den Anfang der Symptome. Bis zum DSM-IV-TR von 2000 hieß es, einige der Symptome hätten schon vor dem Alter von sieben Jahren vorliegen müssen. Damit hatte man also gerade noch den Schulanfang abgedeckt. Will heißen: Traten nicht spätestens in den ersten ein bis zwei Schuljahren solche Probleme auf, dann konnte man später keine "echte" ADHS mehr diagnostizieren.

Dies führte zu prozeduralen Schwierigkeiten, da sich in der Forschung immer mehr die Ansicht durchsetzt, die Störung würde bei etwa der Hälfte der Betroffenen auch im Erwachsenenalter fortbestehen. Wenn sich aber erst Erwachsene an eine Ärztin oder einen Psychologen wendeten, wie zuverlässig konnten sie sich noch an ihre frühste Kindheit erinnern?

Ein Forschungsteam - mit freundlicher Unterstützung der Pharmaindustrie (hier konkret: Abbott, Bristol-Myres Squibb, Eli Lilly, Janssen-Cilag, McNeil, Novartis, Pfizer und Shire), die von aufgeweichten Kriterien profitiert - stellte zudem fest, dass sich die mutmaßlichen Patienten im höheren Alter unabhängig vom Anfangszeitpunkt der Symptome in psychologischen Messungen nicht voneinander unterschieden. Dementsprechend empfahlen sie, das Alter von 7 auf 12 anzuheben.

So geschah es dann auch im DSM-5. Fairerweise sollte man ergänzen, dass beide Altersgrenzen willkürlich gezogen waren. Doch so viel ist klar: Je höher das Eingangsalter, desto mehr Menschen kann man potenziell die Diagnose geben. Formal gab und gib es aber sowieso die Möglichkeit, die Störung auch ohne vollständiges Vorliegen der Kriterien festzustellen. Das nennt sich dann "anders spezifizierte" oder "nicht spezifizierte" ADHS.

Dennoch wundert mich, dass man sich überhaupt mit solchen Altersgrenzen abmüht. Vielleicht ist dies der Tatsache geschuldet, dass man ADHS jetzt als "neuronale Entwicklungsstörung" ansieht. Unter dieser Prämisse wäre es komisch, hätte jemand erst mit 25, 30 oder gar 40 die Probleme. Dann ist die Gehirnentwicklung ja bereits abgeschlossen.

Doch kritisch nachgefragt: Wenn jemand solche Probleme mit der Aufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität hat, die das tägliche Funktionieren einschränken, und wenn man dies sowieso als Störung definiert, wie man es 1987 mit ADHS getan hat - wieso spielt dann das Alter der ersten Symptome eine entscheidende Rolle? Sollte man dieses Kriterium nicht konsequenterweise aufgeben? Die Pharmaindustrie würde es freuen, doch darum geht es hier nicht. Dann müsste man für ADHS aber ein anderes Kapitel im DSM finden, weil dann die Idee der Entwicklungsstörung nicht mehr plausibel wäre.

Eine Anekdote am Rande sind die (bisher fehlgeschlagenen) Versuche einiger Forscherinnen und Forscher, eine dritte Variante - also neben Aufmerksamkeitsmangel und Hyperaktivität/Impulsivität - der ADHS anerkennen zu lassen: "Sluggish Cognitive Tempo", zu deutsch vielleicht "gedankliche Trägheit". Diese angebliche Störung hat nicht nur eine sehr ausführliche Wikipedia-Seite in mehreren Sprachen, sondern auch eine Sonderausgabe der "Zeitschrift für Abnormale Kinderpsychologie", die sich ausschließlich damit beschäftigt.

Typische Symptome sind etwa, sich langsam beziehungsweise im Schneckentempo (von engl. slug = Schnecke) zu bewegen, in den leeren Raum zu starren oder in langweiligen Situationen nur mit Mühe aufpassen zu können. Sie dürfen selbst raten, was als Behandlungsmethode empfohlen wird; und wer solche Studien finanzierte.

Da sich bisher nur wenige mit dem Namen der Störung anfreunden konnten, kursiert jetzt der Vorschlag der "Konzentrationsdefizitstörung", kurz KDS. Vielleicht findet sich im DSM-5.1 oder spätestens 6.0 eine Aufmerksamkeits-oder-Konzentrationsdefizit-und/oder-Hyperaktivitäts-(und nicht zu vergessen Impulsivitäts-)-Störung, also AKDHIS. Wer hat die nicht?

Noch ein letzter kritischer Punkt zur "echten" ADHS: Man hatte bereits international festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose mit dem Alter bei der Einschulung zusammenhing. Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Kollegen haben diesen Zusammenhang jetzt auch für Deutschland belegt.

Bei Kindern, die im Monat vor dem Einschulungsstichtag geboren waren, also besonders jung in die Schule kamen, waren ADHS-Diagnosen im Mittel um ca. einen Prozentpunkt höher als bei den Kindern im Monat danach. Für Medikamentenverschreibungen fand man einen ähnlichen Zusammenhang.

Wenn man bedenkt, dass die mittlere Häufigkeit für Jungen und Mädchen zusammen bei ca. 5% liegt, dann ist das ein beachtlicher Unterschied: Das Risiko einer Diagnose ist also um rund 20% erhöht, wenn man minimal einen Tag, maximal zwei Monate älter ist als diejenigen, die erst im nächsten Jahr eingeschult werden.

Aus dieser oder der vorherigen Kritik abzuleiten, es gebe keine ADHS, ist müßig. Dennoch sei hier das Fazit von Lydia Furman, Professorin für Kinderheilkunde an den Universitätskliniken in Cleveland, Ohio, zitiert: "ADHD is unlikely to exist as an identifiable disease." Ein Grund dafür sei, dass die Diagnosekriterien nicht den medizinischen Standards entsprächen. Dem fügt sie aber hinzu, dass die Probleme Symptome anderer behandelbarer medizinischer, emotionaler oder psychosozialer Umstände bei Kindern sein könnten.

Wie dem auch sei: Die ADHS ist schon rein formal ein soziales Konstrukt, weil sie eben von Fachleuten am Konferenztisch definiert wird und dabei verschiedenste Interessen mitspielen ("Es gibt keine Depressionen"). Damit ist mitnichten behauptet, dass die Probleme der Betroffenen nur eingebildet seien. Die ADHS-Diagnose und ihre Folgen sind schlicht die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft heutzutage mit diesen Problemen umgeht: Sie versteht sie als medizinische Entität, die mit Methoden der Psychologie oder Psychiatrie behandelt werden kann.

Das fällt Fachleuten kaum noch auf, weil sie dazu ausgebildet werden, die Welt so zu sehen. Die offizielle WHO-Definition von Gesundheit - vollständiges körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden - ist so weit gefasst, dass sie alle Bereiche des Lebens einschließt und eigentlich nichts mehr ausschließt.

So verstanden, kann selbst ein Streit mit dem Nachbarn als medizinisches Problem verstanden werden; zweifellos hinterlässt dieser auch Spuren im Gehirn und gibt es für diesen eine genetische Prädisposition, wie für so gut wie alle Aspekte der Persönlichkeit. Sie können sich einen Namen dafür ausdenken. Vielleicht Nachbarschaftsstreitereistörung, NSS?

Ein Beispiel für dieses medizinische Denken ist, wie Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg, auf ADHS-Skeptiker reagiert: Die Störung sei doch zu 70 bis 80% erblich! Diese Antwort ist auf so viele Weisen falsch, dass man sich wünschen würde, sie käme nicht von einem Medizinprofessor.

Erstens ist für die Unterscheidung, ob etwas eine Krankheit ist oder nicht, die Frage der Erblichkeit nicht entscheidend. Eine braune Augenfarbe ist stark genetisch determiniert, doch keine Krankheit; Karies nach zehnjährigem Colakonsum ohne Zähneputzen oder posttraumatischer Stress nach fünfjährigem Grabenkrieg mit täglichen Granateinschlägen ist eine Erkrankung beziehungsweise Störung, auch wenn sie nicht genetisch verursacht sind. Dass bei der Anfälligkeit für die Probleme auch Gene eine Rolle spielen, wie für so gut wie alles, steht dahin.

Zweitens sollte man am besten ganz aufhören, von Erblichkeit zu reden. Dieses Konstrukt lädt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur zu Missverständnissen ein. Keinesfalls ist damit gesagt, dass ADHS zu 70 bis 80 Prozent genetisch determiniert ist, auch wenn es die meisten so verstehen. Es geht schlicht um die Erklärung phänotypischer Varianz (Unterschiede) durch genotypische Varianz - die aber wiederum selbst Eigenschaft der Umwelt ist.

Das hört sich kompliziert an, kann man aber mit einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Erblichkeit ist allgemein definiert als die Varianz des Genotyps dividiert durch die Varianz des Phänotyps. Stellen wir uns jetzt vor, in einem totalitaristischen Staat werden alle Schulen, alle Familien, überhaupt alle Umgebungen so gleich wie möglich gemacht. Ein extremes Beispiel wäre Aldous Huxleys "Brave New World", in dem Kinder vom Staat gezüchtet und aufgezogen werden.

Durch Vereinheitlichung der Umwelt - es gäbe keinen Unterschied mehr zwischen Privatschulen und Brandpunktschulen, zwischen Elternhäusern mit gut sortierten Bibliotheken und solchen von Analphabeten - würden auch die Unterschiede der Intelligenz der Kinder geringer, also die Varianz des Phänotyps. Da dieser Wert im Nenner der Gleichung steht und kleiner wird, würde die Erblichkeit von Intelligenz im Beispiel höher ausfallen. Dabei wurde aber die Umwelt angepasst und am Genotyp gar nichts geändert!

Man kann es auch anders verstehen: Wenn die Umwelt immer gleicher wird, dann ist es selbstverständlich, dass die Unterschiede im Phänotyp, die es dann noch gibt, stärker durch genetische Unterschiede bedingt sind. Worauf sollten Unterschiede denn sonst noch beruhen können? Damit ist gezeigt, dass das Erblichkeitsmaß selbst von der Umwelt abhängt, in der es erhoben wurde. Es dennoch als Maß für genetische Determination zu verstehen, ist wissenschaftlich fehlerhaftes Wunschdenken.

Was auf Wikipedia konsequenterweise als häufiges Missverständnis geführt wird, passiert sogar führenden Experten auf dem Gebiet der Verhaltensgenetik. So erklärte etwa Martin Reuter, Professor für Biologische Psychologie in Bonn, einem breiten Publikum, eine Erblichkeit von 0,7 für Depressionen bedeute, "dass das Auftreten einer Depression zu 70 Prozent genetisch bedingt ist und nur zu 30 Prozent von der Umwelt beeinflusst wird."

Solche Zahlen sind vielleicht nützlich, wenn man für einen Forschungszweig Eindruck schinden will, der seit Jahrzehnten viel verspricht - aber praktisch nichts liefert. Die Darstellung Reuters ist aber grundlegend falsch. Unabhängig davon tendiert der Informationswert von Erblichkeitsschätzungen gegen null. Daher sprechen sich auch immer mehr Forscherinnen und Forscher gegen die Verwendung von Erblichkeitsschätzungen aus.

In den Worten von David Moore und David Shenk von den Universitäten in Claremont beziehungsweise Iowa: "Der Begriff 'Erblichkeit', wie er heute in der humanen Verhaltensgenetik verwendet wird, ist einer der am meisten irreführenden in der Wissenschaftsgeschichte. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung, sagt uns das Maß der Erblichkeit einer Eigenschaft nicht, wie 'genetisch erblich' diese Eigenschaft ist."

Drittens unterliegen die Zwillingsstudien, die häufig solchen Schätzwerten zugrundeliegen, prinzipiellen Einschränkungen. Beispielsweise wird in der Regel vorausgesetzt, dass die Umwelten der Zwillingspaare (eineiig gegenüber zweieiig) identisch sind. Gemessene Unterschiede des Phänotyps werden dann auf Unterschiede in der genetischen Übereinkunft zurückgeführt - eben 100% (eineiig) gegenüber im Mittel 50% (zweieiig). Diese Annahme stimmt aber schon allein deshalb nicht, weil eineiige Zwillinge eine andere Beziehung zueinander und zu ihrer Umwelt haben als andere Geschwister.

Ein Forscherteam um Roar Fosse, Psychologe an der Abteilung für Psychische Gesundheit und Sucht der Vestre Viken Kliniken in Drammen, Norwegen, wagte die Probe für das Beispiel der Schizophrenie: Für diese wird eine ähnlich hohe Erblichkeit wie für ADHS angenommen, nämlich ca. 80%.

Die Forscher testeten nun, ob die Erfahrungen auf den Gebieten des Mobbings, sexuellen Missbrauchs, körperlicher Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung und allgemeinen Traumas, also die Umwelterfahrungen, für eineiige Zwillinge ähnlicher waren als für zweieiige.

Ihre Daten zeigen, dass dies für alle fünf Kategorien gilt; eine hätte bereits gereicht, um Zwillingsstudien in Schwierigkeiten zu bringen! Damit ist eine ihrer Grundvoraussetzungen mehrfach verletzt und lassen sich Effekte von Genetik und Umwelt mit ihnen nicht trennen, wie dies meist angenommen wird.

Wenn also beispielsweise ein eineiiger Zwilling sexuell misshandelt worden war, dann war es sein Zwilling mit größerer Wahrscheinlichkeit auch, als bei zweieiigen der Fall gewesen wäre. Die Ähnlichkeit der Umwelt ist für die ersteren somit höher als für die letzteren Zwillingspaare; die Umwelt behandelt sie sozusagen anders, abhängig von ihrer genetischen Ähnlichkeit.

Das sind Fakten, die dem international in der psychiatrischen Forschung vorherrschenden molekularbiologischen Ansatz diametral entgegenstehen. Die hohen Erblichkeitswerte bilden zusammen mit dem Hype um die Neurowissenschaften den Heiligen Gral. Darum sucht man immer weiter nach den Genen, Gehirnstrukturen und -Funktionen, obwohl seit Jahrzehnten Studie um Studie nichts Bedeutendes findet. Darin wird es im zweiten Teil der Serie noch ausführlicher gehen.

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