40 Prozent der Lehrer sind für ihren Beruf nicht geeignet

Passauer Schulpädagogikprofessor Norbert Seibert fordert verpflichtenden Test zu Beginn des Studiums

Dem Passauer Pädagogikprofessor Norbert Seibert zufolge eignen sich weniger als zwei Drittel der Absolventen eines Lehramtsstudiums für den eingeschlagenen Berufsweg. Deshalb bietet der Hochschullehrer mit siebenjähriger Normalschulerfahrung seinen Studenten einen Test an, mit dem sie schon zu Beginn ihres Lehramtsstudiums herausfinden sollen, ob sie nicht nur ein paar Seminaren und Prüfungen, sondern 40 Jahren Aktiv-Unterricht gewachsen sind.

Der Test dauert mit acht Stunden länger als ein Schultag. Zu den Aufgaben gehört unter anderem, sich in freche Rotzlöfel hineinzuversetzen und Erklärungen für deren Verhalten zu finden. Die Reaktionen der Teilnehmer werden auf Video festgehalten und von Rektoren, Schulräten, Hochschulmitarbeitern und gewöhnlichen Schullehrern nach Kriterien wie Extraversion, Gewissenhaftigkeit und "starke Nerven" bewertet.

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Wer den Test nicht besteht, der bekommt von den Juroren in einem Einzelgespräch Alternativen zum Lehrerberuf präsentiert. Wenn er unbedingt möchte, kann er aber trotzdem auf Lehramt weiterstudieren. Seibert ist der bislang freiwillige Test zu wenig: Er will, dass alle potenziellen Lehrer gezwungen sind, sich auf diese Weise mit ihrer Eignung auseinanderzusetzen, weil das seiner Ansicht nach allen Beteiligten nützt: Den geeigneten Bewerbern, weil es ihr Selbstvertrauen stärkt, den ungeeigneten Bewerbern, weil ein schnelles "Ende mit Schrecken" besser ist als eine jahrelange Ausbildung und jahrzehntelanges tägliches Leid. Für die Schüler, weil sie unter schlechten Lehrern ebenso leiden und sich nicht gegen sie wehren, sondern nur auf das nächste Schuljahr hoffen können. Und für die Steuerzahler, die ein am Burn-Out-Syndrom erkrankter Lehrer 375.000 und ein Seibert-Test nur 150 Euro kostet.

Trotzdem sind die deutschen Kultusminister bislang relativ geschlossen gegen Seiberts Test. Aus dem Hause des bayerischen Kultusministers Ludwig Spänle verlautbart es beispielsweise, ein Bewerber könne sich ja die fehlenden Qualifikationen während seines Studiums zulegen. Davon abgesehen, ob so etwas bei Eigenschaften wie "starke Nerven" wirklich möglich ist, haben die Studenten allerdings nicht sehr viel Gelegenheit dazu. In Bayern trägt die "Schulpädagogik" bei Gymnasiallehrern lediglich 1,58 Prozent zur Abschlussnote bei. Ähnliches zurückhaltend wie die Kultusministerien sind die Lehrerverbände. Hier fordert man stattdessen eine Imagekampagne, die dazu beitragen soll, eigentlich geeignete Bewerber weniger abzuschrecken. Vielleicht würde man damit aber auch nur mehr ungeeignete anlocken.

Einen wichtigen Grund dafür, warum der Anteil der nicht geeigneten Absolventen aktuell mit etwa 40 Prozent so hoch ist, sieht Seibert in Berufswahlmotiven außerhalb des Interesses: Da spielt die Verbeamtung in manchen Bundesländern eine Rolle, aber auch die Vorstellung, dass Lehrer viel Zeit für die eigene Familie, Hobbys und Reisen haben können, wenn sie entsprechend bei der Unterrichtsvor- und Nachbearbeitung sparen. Da Lehrer zudem ein Beruf ist, den alle Schüler nach 12 oder 13 Jahren Schule zu kennen glauben, ist das Studium häufig auch eine Verlegenheitslösung, wenn ein Abiturient nicht recht weiß, für welches der nach der Bologna-Reform zahllos gewordenen Mini-Fächer er sich entscheiden soll. (Peter Mühlbauer)