4U9525: Erweiterter Selbstmord mit dem Flugzeug

Amokläufer reißen Mitmenschen mit in ihren Suizid; auch Piloten haben dies schon zuvor gemacht, wenn auch höchst selten

Die französische Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Copilot von Flug 4U9525 die Germanwings-Airbus absichtlich zum Absturz gebracht hat. Nach der Pilot das Cockpit verlassen habe, soll er die Gelegenheit genutzt haben, um einen Sinkflug einzuleiten. Da man seine Atemzüge hört, muss er bewusst geblieben sein, den Piloten, der außen gegen die Türe hämmerte, ließ er nicht ein. Ohne noch ein Wort zu sagen, scheint er abgewartet zu haben, bis die Maschine abstürzte (Flug 4U9525: Co-Pilot hatte "die Absicht, das Flugzeug zu zerstören").

Wir sind gewohnt, dass es relativ selten technische Pannen und ein Versagen der Piloten gibt, das zum Absturz von Flugzeugen führt. Flugzeuge wurden entführt, sie wurden durch einen Bombenanschlag zerstört, zu Raketen umgewandelt in Ziele gesteuert oder absichtlich oder versehentlich wie zuletzt über der Ukraine abgeschossen.

Bergung an der Absturzstelle. Bild: Ministère de l'Intérieure

Dass jetzt ein Pilot absichtlich zum Absturz gebrachen haben könnte, ohne das es einen terroristischen Hintergrund zu geben scheint, daran hatte erst einmal niemand gedacht. Allerdings war diese Möglichkeit bereits beim weiterhin ungeklärten Verschwinden der Maschine MH370 mit 239 Menschen ins Spiel gebracht worden. Möglicherweise war für den 27-jährigen Copiloten dieser Fall zum Vorbild geworden, um seinerseits durch einen Absturz sich selbst und alle anderen Passagiere und Crew-Mitglieder zu töten. Selbstmorde können anstecken, das weiß man mindestens seit Goethes Zeiten, als ein fiktiver Selbstmord in seinem Buch "Die Leiden des jungen Werthers" eine Selbstmordwelle unter den Lesern auslöste (auch wenn diese vermutlich nur klein gewesen ist).

Trotzdem ist so ein erweiterter Selbstmord unheimlich, zumal er höchstens durch sein Motiv und meist durch kollektive Vorbereitung von einem Selbstmordanschlag zu unterscheiden ist. Zuletzt wurden in Israel Autos benutzt, um damit aus Protest oder suizidaler Wut in Menschenmengen zu fahren. Wir wissen nicht, wie viele Menschen Selbstmord begehen, indem sie verkehrt auf die Autobahn fahren oder Unfälle provozieren. Damit leben wir, das verdrängen wir und hoffen, dass es uns nicht erwischt. Und da gibt es die wütenden Amokläufer, die nicht mehr leben wollen und schwer bewaffnet losziehen, um in einen Krieg mit anderen Menschen zu ziehen, in dem sie hoffen, auch selbst umzukommen oder sich den Todesschuss selbst setzen. Wird das zum Vorbild für den zeitgemäßen Suizid, den die Todesmüden und Verzweifelten nicht mehr alleine in Abgeschiedenheit begehen, sondern indem sie andere mit sich reißen, um nicht alleine sterben zu müssen, um sich an den Mitmenschen zu rächen oder um sich durch ein finales Aufmerksamkeitsspektakel zu verabschieden?

Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass ein Pilot einen Suizid mit seiner Maschine begangen hat, obgleich das auch nicht immer zweifelsfrei festzustellen und von einem anderweitigen Versagen zu unterscheiden ist. Allerdings sind Suizide mit dem Flugzeug extrem selten. Nach dem Aviation Safety Network gab es 8 Fälle seit 1976. Der letzte ereignete sich am 29. November 2013 beim Flug TM-470 in Namibia, als 33 Passagiere und die Crew starben. 1976 flog ein russischer Pilot das Flugzeug in eine Wohnanlage in Novosibirsk, wo seine geschiedene Frau lebte, 12 Menschen starben. In anderen Fällen kam es zu einem Absturz, nachdem der Pilot das Cockpit verlassen hatte, beispielsweise am 31. Oktober 1999 bei einer ägyptischen Maschine kurz nach dem Start in New York. Hier wurde aber nur angenommen, dass der Co-Pilot dafür verantwortlich war. Es starben 217 Menschen.

Die Federal Aviation Administration berichtet ebenfalls von 8 Fällen bei Flügen in den USA zwischen 2003 und 2012, 10 weniger als Jahrzehnt davor. In sieben Fällen war der Pilot der einzige Insasse, in einem Fall saß noch ein Passagier im Flugzeug. Vier der Piloten hatten Alkohol getrunken, zwei hatten Antidepressiva eingenommen, sechs hatten über Selbstmord gesprochen, alles waren Männer. Die 8 mutmaßlichen Suizidabstüre stellen 0,29 Prozent aller mit Toten verbundenen Flugzeugabstürze in den USA während dieser Zeit dar.

Einige Fluggesellschaften haben nun, wie dies in den USA bereits vorgeschrieben ist, ihre Sicherheitsregeln geändert, so dass sich immer zwei Personen im Cockpit aufhalten müssen. Allerdings ist damit keine Gewähr verbunden, dass der zurückgebliebene Pilot das Crewmitglied nicht austricksen könnte. Der schreckliche Vorfall könnte die Entwicklung und vor allem die Akzeptanz von autonom fahrenden und fliegenden Fahr-/Flugzeugen fördern. Sie werden auch nicht fehlerfrei sein und Unfälle/Abstürze verursachen, aber die KI-Systeme werden kaum Selbstmordgedanken entwickeln, nicht emotional belastet, abgelenkt oder müde sein. (Florian Rötzer)

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