Mann mit Gummihosenträgern

Zum ersten Mal gesehen habe ich den Film um das Jahr 1980 herum, als der Giallo seine beste Zeit schon hinter sich hatte. Im Münchner Bahnhofsviertel gab es ein Kino, das gerade dabei war, den Geist aufzugeben und als letzten Seufzer eine kleine Reihe mit Krimis aus Italien im Programm hatte. Die nymphomane Killerin lief am Nachmittag, in der Abendvorstellung wurde Der Killer von Wien gezeigt. Die Mittagszeit hatte ich im Gespräch mit einigen Weltkriegskämpfern verbracht, hinter denen eine deutsche Flagge an der Wand hing. Rückblickend war das wohl der Tag, an dem sich bei mir eine bis heute anhaltende Wut auf deutsche Behörden einstellte, die mit juristischen Winkelzügen und vorgefertigten 08/15-Begründungen unsere Grundrechte aushöhlen.

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Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave / Lo strano vizio della Signora Wardh

"Niemand", steht im Grundgesetz (Art. 4, Abs. 3), "darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden." Bis sich der Bundestag 1983 zu einer Änderung der Bestimmungen durchrang, mussten sich Wehrpflichtige, die dieses Grundrecht für sich in Anspruch nehmen wollten, routinemäßig einem "Prüfungsausschuss für Kriegsdienstverweigerer" stellen. Bei diesen "Gewissensprüfungen" wurden Fangfragen gestellt wie diese: "Sie gehen mit Ihrer Freundin im Wald spazieren. Plötzlich überfällt Sie ein Mann mit einem Messer, der Ihre Freundin vergewaltigen will. Unter einem Baum liegt ein Hammer. Was tun Sie?" Wer als Prüfling nicht vorab die richtigen Antworten einstudiert hatte, konnte bei solchen Fragen sehr schlecht aussehen. Wer die Wahrheit sagte, hatte sowieso verloren. Und wer kein Soldat sein wollte, war kein ganzer Mann.

Ich persönlich wollte gern etwas tun, das mir sinnvoller erschien, als eine Uniform zu tragen und nach der Grundausbildung die Zeit bis zur Entlassung totzuschlagen. Eine Zivildienststelle hatte ich schnell gefunden, aber damit war es nicht getan. Weil ich nach dem Abitur zwei Jahre auf diese Prüfung warten musste, die ich nicht ablegen wollte, fing ich ein Literaturstudium an. Das galt als brotlose Kunst. Bei mir war sich das Prüfungsgremium darum nicht einig, ob ich ein Träumer oder doch ein Drückeberger sei ("Vaterlandsverräter" kam auch in Frage, aber das sagte man so nicht mehr). Im Protokoll wurde mir dann beides bescheinigt, gestempelt und mit Unterschrift: Ich bin ein Träumer und ein Drückeberger. Das ist der komische Teil von der Geschichte. Weniger lustig war der Vorsitzende des Ausschusses, ein pensionierter Beamter, den ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde. Ich weiß nicht, was er im Krieg gemacht hatte, und ob er überhaupt etwas gemacht hatte, aber die "Gnade der späten Geburt" wie Helmut Kohl hatte er jedenfalls nicht erfahren. Der Herr schnalzte genüsslich mit seinen Gummihosenträgern, und nach den üblichen Ermahnungen, doch zum Bund zu gehen, weil das gut für meinen Charakter sei und ich da Freunde fürs Leben finden würde, gab er seine persönliche Holocaust-Theorie zum Besten.

Dieser Theorie nach traf die Juden zwar nicht die ganze Schuld an dem, was man ihnen angetan hatte, aber doch ein Teil davon, weil sie sich nicht ausreichend gewehrt und die Nazis dadurch erst ermuntert hatten. Auch ich war im Nachhinein noch irgendwie dafür verantwortlich, weil ich nicht freimütig erklärt hatte, dem hypothetischen Vergewaltiger im Wald mit dem Hammer auf den Kopf zu hauen (damit war man automatisch durchgefallen). Alte Männer dieses Schlages gab es damals viele. Die meisten Nazis hatten ihre Karriere nach 1945 ungehindert fortgesetzt, und nicht alle hatten sich von der Ideenwelt des Dritten Reichs verabschiedet. Manchmal fügten sie noch an, dass "die Juden" Auschwitz schamlos ausnützten, um Geld für den Staat Israel herauszuholen. Schockierend war, dass der Antisemit in dieses Gremium berufen worden war, das sich anmaßte, im Rahmen eines Frage-und-Antwort-Spiels über mein Gewissen zu befinden, und dass keiner von den beiden anderen würdigen Herren, die da vor der Fahne saßen, widersprach. Die Beisitzer saßen bei und stellten ein paar verständnisvoll wirkende Fragen, damit der Anschein der Fairness gewahrt blieb, während der Vorsitzende dauernd mit den Hosenträgern schnalzte, um seiner Erregung Herr zu werden.

Noch heute, 30 Jahre später, bin ich der Meinung, dass diese Prüfung meines Gewissens ein Paradebeispiel für strukturelle Gewalt war oder, einfacher gesagt, eine Vergewaltigung (nicht physisch, sondern psychisch): drei gegen den einen, der als einziger gezwungen wurde, an dem widerlichen Verfahren teilzunehmen. Hinterher hatte ich ein Stück von meiner Naivität verloren, ich hatte erfahren, was "Fremdschämen" bedeutet (auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab), und ich war wütend auf den Staat, der sich durch solche Leute repräsentieren ließ. Hätte mich an dem Tag ein Werber der RAF angesprochen, wäre ich sofort beigetreten. Stattdessen ging ich ins Kino und sah dabei zu, wie schöne Frauen (und nicht so schöne Männer) ermordet wurden. Auf eine seltsame Art war das sehr tröstlich. Ich ahne, was das 3er-Gremium der BPjM dazu sagen würde, aber den eher schlichten Zugang der Behörde zur Gewalt in den Medien will ich mir nicht zueigen machen. Pauschalurteile helfen nicht weiter. Hätte das Bahnhofskino damals Carpenters Halloween gezeigt, oder einen beliebigen Teil von Freitag der 13., wäre das Erlebnis ein ganz anderes gewesen, und nicht halb so tröstlich. Da bin ich mir ganz sicher.

Aufgemerkt, Frau Monssen-Engberding: Statt durch Giallo-Schweinkram sozialethisch desorientiert und ein Terrorist zu werden, blieb ich ein braver Bürger, weil ich Edwige Fenech und Anita Strindberg faszinierender fand als Inge Viett oder Verena Becker. Nun werden Sie sagen, Frau Monssen-Engberding, dass Sie das nicht interessieren muss, weil ich zu der Zeit schon über 18 und Ihrem Zuständigkeitsbereich entronnen war. Ganz so leicht kann ich es Ihnen nicht machen. Wäre ich dem Herrn mit den Gummihosenträgern ein paar Jahre später begegnet, als sich Ihre Behörde in eine Schmuddelvideoindizierungsorgie hineinsteigerte, hätten die Gialli im Kino nicht mehr laufen können, auch nicht für Erwachsene. Wer weiß, was das für meine Psyche und damit für die innere Sicherheit der BRD bedeutet hätte?

Diese Anekdote aus meinem Leben erzähle ich hier nur, weil ich glaube, dass sie etwas Wichtiges über den Giallo aussagt. Was ich mir bisher vage dachte, bringt Dominik Graf auf den Punkt. In seinem schönen Buch mit Texten zum Kino schreibt er über den italienischen Krimi der Nachkriegsära:

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Mit all diesen grausam harten und unerbittlichen, dreckigen Filmen schickten die Italiener ihre faschistische Vergangenheit endgültig zur Hölle. (Was dem so schrecklich seriösen deutschen Kino bis heute versagt blieb.)

Genau das ist es. Mit den Spaghetti-Western, den Gialli und den Poliziesci der 1960er und 1970er endete im italienischen Kino die Nachkriegszeit. Dort wurde alles ausgekotzt, was der Faschismus an menschlicher Grausamkeit und Gemeinheit an den Tag gebracht hatte und was der deutsche Film noch immer halb verdaut mit sich herumschleppt, weil er, statt sich ein paar unangenehmen Tatsachen zu stellen, das Böse lieber auf irgendwelche Monster auslagert, sehr gern in einer SS-Uniform, weil man daran gleich erkennt, dass die anderen die Ungeheuer sind, wir aber nicht. Dazu ein Text von einem, der Ausgrenzungen nicht mochte und dem wir viele Einsichten in die menschlichen Abgründe verdanken:

Fromme Seelen, welche unser Wesen gerne von der Berührung mit Bösem und Gemeinem ferne wissen möchten, werden gewiss nicht versäumen, aus der Frühzeitigkeit und Eindringlichkeit des Mordverbotes befriedigende Schlüsse zu ziehen auf die Stärke ethischer Regungen, welche uns eingepflanzt sein müssen. Leider beweist dieses Argument noch mehr für das Gegenteil. Ein so starkes Verbot kann sich nur gegen einen ebenso starken Impuls richten. Was keines Menschen Seele begehrt, braucht man nicht zu verbieten, es schließt sich von selbst aus.

Sigmund Freud schreibt das in seinem Aufsatz Zeitgemäßes über Krieg und Tod, erstmals veröffentlicht im zweiten Jahr des 1. Weltkriegs und anlässlich der Machtergreifung von Adolf Hitler gedanklich weiterentwickelt in einem berühmten Brief an Albert Einstein, "Warum Krieg?". Wie reagiert man also auf die "Berührung mit Bösem und Gemeinem"? Sollte man sich den "frommen Seelen" anschließen und so tun, als ob man sie verbieten könnte? Oder was sonst? Für Freud kommt der Kunst eine bedeutende Rolle zu (darin enthalten auch die Populärkultur) - nicht als Anstifterin zu Mord und Totschlag, sondern als Vermittlerin und als Helferin beim Umgang mit dem, was des Menschen Seele vielleicht doch begehrt, auch wenn es nicht erlaubt ist.

Wer eine Einführung in den italienischen Genrefilm sucht, könnte es mit Kinder brauchen Märchen von Bruno Bettelheim probieren. Bettelheim, ein Überlebender von Dachau und Buchenwald, bemüht sich um eine Ehrenrettung der Grimm’schen Märchen, die in den 1970ern wegen der darin enthaltenen Brutalitäten unter Beschuss geraten waren. Seiner Überzeugung nach helfen sie den Kindern dabei, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der nicht immer alles so ist, wie man es sich wünschen würde. Die Gialli sind Märchen für Erwachsene. Im Gewand von wüsten, in schönen Bildern erzählten Mordgeschichten gehen sie Themen an, um die sich das seriöse Kino gerne mal herumdrückt. Das Tröstliche ist ihre Ehrlichkeit, als Gegengift zur viel besser beleumundeten Verlogenheit. Sie spielen im bürgerlichen Ambiente, die meisten Hauptfiguren gehören zum Establishment, und mit jedem Mord wird ein Stück von der Fassade der bourgeoisen Wohlanständigkeit abgeschlagen. Der Giallo überträgt die strukturelle, schwer greifbare und daher umso wirkungsvollere Gewalt in Bilder von Mord und Totschlag. Das hilft, mit einer Lebenswirklichkeit klarzukommen, in der man eher selten auf maskierte Mörder mit Sicheln oder Rasiermessern trifft, in der Gummihosenträger aber immer noch Verwendung finden.

Zum Vorschein kommt oft eine braun oder schwarz grundierte Vergangenheit (Schwarz war die Farbe der faschistischen Kampfbünde in Italien). Man darf da keine leicht ausgrenzbaren Verbrecher in Uniform oder mit Hitlerbart erwarten. Die Verbindungen zur faschistischen Vergangenheit liegen überwiegend im Atmosphärischen, und in der Art, wie die Figuren miteinander umgehen. Manchmal werden die Filme allerdings sehr deutlich. Ich will hier nur ein paar Belege dafür bringen, dass ich mir das nicht ausgedacht habe - etwa, um ein perverses Vergnügen an solchen Leinwandbrutalitäten zu rationalisieren, oder damit ich kein schlechtes Gewissen dabei haben muss (schon wieder das Gewissen), dass ich mich in einer immerwährenden Pubertät verhakt habe, in der man sehen will, wie schöne Frauen - in satten Farben und im Breitwandformat - mit phallischen Instrumenten getötet werden, nachdem ihnen der Mörder die Kleider vom Leib gerissen hat (um nur die beiden gängigsten Vorwürfe zu nennen: Freude an der Gewaltverherrlichung und nie richtig erwachsen geworden, zum Beispiel als Soldat mit Schießgewehr).

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