50 Grad aus Sparsamkeit?

ICE-Züge und ihre Fenster

Seit Beginn der Hitzewelle häufen sich die Beschwerden über nicht funktionierende Klimaanlagen in ICE-Wagen. Während vom Radiosender Bayern 2 befragte Fahrgäste reihenweise von einem extrem häufigen Auftreten dieses Fehlers berichteten, spricht die Bahn davon, dass er "sehr selten" vorkomme. In der letzten Woche fielen die Klimaanlagen in jedem Fall unter anderem in einem kompletten ICE-Zug aus, was für die Fahrgäste nicht nur Unannehmlichkeiten, sondern durch Temperaturen von 50 Grad auch mehrere Hitzekollaps-Fälle und Krankenhaus-Einlieferungen mit sich brachte, weshalb mittlerweile die Staatsanwaltschaft Bielefeld wegen fahrlässiger Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

Auch in vergangenen Jahrzehnten gab es enorme Hitzewellen - etwa im Sommer 1976. Doch von damals sind keine entsprechenden Berichte bekannt. Ein wichtiger Grund dafür scheint, dass sich in den früher gebräuchlichen Zügen der staatlichen Bundesbahn die Fenster öffnen ließen und der Fahrtwind für eine quasi natürliche Abkühlung sorgte. Ein Effekt, den viele (ehemalige) Bahnfahrer nicht nur im Hochsommer vermiss(t)en.

ICE 3. Foto: Sebastian Terfloth. Lizenz: CC-BY-SA.

Achim Stauß, der stellvertretende Leiter der Pressestelle der Deutschen Bahn, erklärt auf die Frage, warum sich in den von Siemens hergestellten ICE-Zügen keine Fenster mehr öffnen lassen, dass dies mit dem Druck zu tun habe, der entsteht, wenn zwei Züge gleichzeitig mit hoher Geschwindigkeit durch einen Tunnel fahren. Gefragt, welche Nachteile denn dieser Druck mit sich bringt, meint der Unternehmenssprecher, dass "im Extremfall" etwas aus dem Zug geweht werden könnte und vergleicht die Situation mit der in einem Automobil, in dem bei hoher Geschwindigkeit die Fenster geöffnet werden. Eine Einschätzung, ob solch ein Herauswehen im Vergleich zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die eine Temperatur von 50 Grad ohne Frischluftzufuhr mit sich bringt, nicht ein weniger schlimmer Schaden wäre, möchte Stauß allerdings nicht abgeben.

Außerdem, so der Vize-Pressechef, seien im Hochgeschwindigkeitsverkehr ausschließlich Fahrzeuge zugelassen, deren Fenster sich nicht öffnen lassen. Wolle man in ICE-Zügen Fenstern zum Öffnen, müssten diese "anders konstruiert" sein als die bisherigen. Das wirft freilich die Frage auf, ob man aus Kostengründen Fenster verbaut hat, die sich nicht öffnen lassen. Mit dieser Möglichkeit konfrontiert, verweigert Stauß jedoch eine Aussage und versucht Druck auszuüben, dass dieses Schweigen nicht verwertet wird. Nachdem er damit scheitert, legt er auf und schiebt per Email die Aussage nach, dass seine Antwort lauten würde, "ein solcher Zusammenhang besteht nicht". Die Frage, ob Fenster, die sich öffnen lassen, denn nun teurer oder billiger wären, als die derzeit verwendeten, will er jedoch nicht beantworten.

Von unabhängiger Technikerseite sieht man in dem bei Hochgeschwindigkeit auftretenden Druck eine Gefahr, die mehr Schaden anrichten könnte, als nur herausgewehte Zeitungen. Mögliche Lösungen für das Problem könnten darin bestehen, dass sich die Fenster nur zentral vom Fahrer (der vorher die Geschwindigkeit verringert) öffnen lassen, oder, dass sie stabiler gebaut werden und nur ein kleines Stück weit aufgehen. Auch die Integration von Lüftungsschlitzen wäre als Ausfallsystem eine Option. Für all das müsste man freilich potenziell mehr Geld in die Herstellung der Züge investieren, welches dann nicht an Manager ausgeschüttet und zur Börsengangwerbung präsentiert werden kann - womit man wieder beim Problem der Klimaanlagen wäre, bei denen viel darauf hindeutet, dass sie aus Kostengründen auf eine Höchsttemperatur von 32 Grad ausgelegt wurden.

Ähnliche Probleme wie in Deutschland gab es in Schweden. Hier kam in einem Zug angeblich "Lynchstimmung" gegen das Personal auf und ein Fahrgast drückte eines der nicht zu öffnenden Fenster heraus, um einem Kind Luft zu verschaffen. Auch in deutschen ICE-Wagen hängen Hämmer neben Fenstern. Nach Bahn-Angaben kann damit die Scheibe im Ganzen herausgedrückt werden, wenn man auf den gekennzeichneten Punkt schlägt. Allerdings, so Achim Stauß auf die Frage, ab welcher Temperatur ein Fahrgast die Fenster mit dem Hammer öffnen darf, "dienen [diese] nicht der Frischluftzufuhr", sondern nur dazu "im Fall einer Havarie einen Ausstieg zu ermöglichen, wenn dies durch die Türen nicht möglich ist".

Was mit einem Passagier passiert, wenn er wegen hoher Temperaturen ein Fenster mit dem Hammer öffnet, hängt, so der Pressesprecher "von der Bewertung des Einzelfalles ab". Einem Fahrgast, der bei erkennbaren Gefahren für Kranke, ältere Menschen oder Kinder nicht zum Hammer greift, könnte freilich wegen unterlassener Hilfeleistung ähnlicher Ärger mit der Staatsanwaltschaft drohen, wie ihn jetzt Bahn-Mitarbeiter haben, die sich an Weisungen ihres Arbeitgebers hielten. (Peter Mühlbauer)