56 Prozent der Deutschen "frei von Antisemitismus"

Nach einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung entspannt sich das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen, aber 40 Prozent der Deutschen meinen weiterhin, der Nationalsozialismus habe auch gute Seiten gehabt

Nach einer Umfrage, die im Januar von TNS EMNID im Auftrag der Bertelsmann Stiftung in Israel, den USA und Deutschland über das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen durchgeführt wurde, hat sich das Bild der Juden von Deutschland entspannt. Weiterhin ist aber Juden und Deutschen klar, dass der Holocaust die Einstellung der Juden zu Deutschland belastet. Gleichwohl geben 57 Prozent der Israelis und 70 Prozent der Juden in den USA an, eine gute Meinung über Deutschland zu haben. Bei den Deutschen scheint man hingegen langsam von der Geschichte abrücken und auch dem Nationalsozialismus wieder etwas abgewinnen zu wollen.

Nur 9 Prozent der Israelis sind heute noch der Meinung, dass man sich mit Deutschland nicht versöhnen könne. Das sagten vor 15 Jahren noch 22 Prozent. Jetzt sehen die meisten Juden Deutschland als gefestigte Demokratie, die von extremistischen Gruppen nicht mehr gefährdet sei. Über vierzig Prozent schätzen Deutschland zudem als Israel-freundlicher als die restlichen EU-Länder ein, drei Viertel begrüßen auch den Einsatz deutscher Soldaten in der UNIFIL-Mission vor dem Libanon. Gleichwohl vermuten 50 Prozent der Juden in Israel und über 40 Prozent der Juden in den USA, dass die Deutschen antisemitisch eingestellt seien.

Auch in Deutschland hat sich gegenüber Israel nach den Umfrageergebnissen einiges gewandelt. Mehr Deutsche (28%) hegen mittlerweile im Kontext des Nahostkonflikts Sympathien mit der Position Israels als mit der der Palästinenser (14%). Allerdings neigen die meisten Deutschen keiner Seite zu oder haben keine Meinung. Im Unterschied zu den Juden in Israel und in den USA sagen 86 Prozent, dass beide Seiten gleichermaßen nachgeben müssten.

Die Bertelsmann Stiftung würde die Umfrage offenbar gerne unter diesem Titel sehen: "Die Vergangenheit verbindet, die Gegenwart trennt." Man könnte dies so interpretieren, wenn beispielsweise 55 Prozent der Deutschen sagen, dass der Nationalsozialismus „nur schlechte“ oder „mehr schlechte Seiten“ gehabt habe, wenn 56 Prozent der Deutschen nach Selbstauskunft angeben, nicht antisemitisch zu sein, oder wenn 66 Prozent der Aussage: "Mich beschämt, dass Deutsche so viele Verbrechen an den Juden begangen haben“ zustimmen. Vergleicht man beispielsweise die Antworten auf diese Aussage mit denen vor 15 Jahren, dann stimmten ihr damals mit 60 Prozent weniger Deutsche zu und ist der Anteil derjenigen gesunken, die "trifft überhaupt nicht zu" sagen.

Andererseits ist die Zahl der Deutschen gegenüber 1991 von 42 auf 40 Prozent kaum gesunken, die der Meinung sind, dass der Nationalsozialismus auch gute Seiten hatte. Das sagen vor allem ältere Deutsche (50% der über 60-Jährigen), aber auch 54 Prozent der Deutschen mit niedriger Bildung, was bedeutet, dass diese Haltung nicht ausstirbt. Minderheitenmeinung mit 1 Prozent ist immerhin, dass er mehr gute als schlechten Seiten hatte. Man weiß zwar schon lange, aber die Umfrage bestätigt es wieder: Die Deutschen würden mehrheitlich gerne endlich einen Schlussstrich hinter ihrer Vergangenheit ziehen. 58 Prozent sind dieser Meinung (wenn auch vier Prozent weniger als 1991), 37 Prozent halten sie für falsch – deutlich mehr als 1991. Auch hier spielt der Bildungsgrad eine Rolle. Menschen mit höherer Bildung sind mehrheitlich gegen einen Schlussstrich, für den allerdings in Westdeutschland mehr Menschen (60%) als in Ostdeutschland (50%) plädieren.

Fast die Hälfte der Deutschen vertritt die Position, dass die jetzt lebenden Deutschen keine besondere Verantwortung mehr für die Juden wegen der Verfolgung in der NS-Zeit tragen. Das sagen ebenso viele Juden in den USA, von den Israelis wird das aber anders beurteilt, die Deutschland weiter in der Verantwortung sehen. Fast 80 Prozent der Deutschen erklären, dass Israel ein Staat wie jeder andere sei, die Mehrheit der Israelis meint hingegen, die Deutschen dürften Israel nicht wie jeden anderen Staat behandeln.

Die Deutschen gehen zwar mit überwiegender Mehrheit davon aus, dass in Deutschland der Antisemitismus nicht oder kaum mehr verbreitet sei. Die Antworten auf einige Fragen lässt daran jedoch zweifeln und zeigt die Beständigkeit von manchen Annahmen. So sind immer noch 12 Prozent der Meinung (trifft völlig zu), dass die Juden an ihrer Verfolgung im Nazideutschland mitschuldig gewesen seien. "Trifft gar nicht zu", sagen 58 Prozent, der Rest bewegt sich dazwischen. Ein Drittel – mehr Männer als Frauen, mehr West- als Ostdeutsche, mehr Ältere und weniger Gebildete als Jüngere und Gebildetere - ist überdies der Meinung, dass die Juden zuviel Einfluss auf der Welt haben. 10 Prozent stimmen auch zu, dass Juden versuchen, Vorteile aus ihrer Vergangenheit zu ziehen, 36 Prozent sehen in der Aussage etwas Wahres. Die Autoren der Studie gehen als Ergebnis der Fragen davon aus, dass 56 Prozent der Deutschen als "frei von Antisemitismus" betrachtet werden können, während ein Kernsatz von 15 Prozent als "judenfeindlich" eingestuft werden müsse.

Auch was die aktuelle Politik betrifft, gibt es große Unterschiede. Ein Drittel stimmt der Ausssage zu: "Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben" Die Autoren der Studie interpretieren die Zustimmung als Zeichen für Antisemitismus, "getarnt als Kritik an dem Staat Israel". Man dürfe zwar nicht jede Israelkritik als antisemitisch bewerten, heißt es weiter, aber man müsse "eine Israelkritik, die Vergleiche der israelischen Politik mit dem Nationalsozialismus anstellt und Israel die Absicht eines „Vernichtungskriegs“ unterstellt, in ihrem Kern als antisemitisch einstufen. Der Staat Israel steht hier stellvertretend für „die Juden“, die auf diesem Umweg von Opfern zu Tätern umdefiniert werden." Hinter dem überzogenen Vergleich kann natürlich der Versuch von Deutschen stehen, die Schuld zu mildern, indem man Deutsche und Juden auf die gleiche Ebene stellen will, wohl noch stärker dürfte aber das Motiv sein, dem Holocaust seine Einzigartigkeit zu nehmen, um so das deutsche Verbrechen zu mildern.

Aus ihrer kriegerischen Vergangenheit haben die Deutschen offenbar bislang die Konsequenz gezogen, mehrheitlich gegen Kriege zu sein. So glauben zwar 62 Prozent, dass Israel durch ein iranisches Atomwaffenprogramm bedroht würde, aber nur ein Drittel sieht einen Militärschlag gerechtfertig, "wenn der Iran trotz umfangreicher Verhandlungen die Atombombe baut". Waren sich die Befragten in allen drei Ländern. In Israel sagen das hingegen 80, in den USA 72 Prozent der befragten Juden. Die Mehrheit der Deutschen (58%) glaubt auch nicht, dass es Situationen gibt, in denen militärische Gewalt angewendet muss. Das sehen jeweils vier Fünftel der israelischen und amerikanischen Juden ganz anders.

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