68er-Statements: Das Elend der Universitäten

Humboldt in Bologna? Teil 2

Professoren-Protest gegen 10 Jahre „Bologna-Prozess“

Teil1: Das Bologna-Schwarzbuch

Die aus wertkonservativer Sicht oft als Vorläufer der neoliberalen Bologna-Strategie gescholtenen 68er-Hochschullehrer legten schon im letzten Jahr eine Bologna-Kritik vor. Das Werk besteht überwiegend aus Abschiedsvorlesungen, herausgegeben von drei Nachwuchs-WissenschaftlerInnen mehrheitlich der Soziologischen Fakultät – tatsächlich sind hier zu einem Drittel Frauen beteiligt, gegenüber nur einer Autorin unter 18 Beiträgen im eher konservativen Bologna-Schwarzbuch des DHV. Viele Beiträge resümieren das Lebenswerk der emeritierenden ProfessorInnen, einige streifen dabei die Situation der Universitäten nur wenig, aber die meisten vertreten eine marxistische Sicht auf die Hochschulpolitik. Anders als im Schwarzbuch sieht man die Bologna-Strategie aus linker Perspektive als späten Sieg der reaktionären Widersacher der 68er-Bildungsrevolution, die heute die Universitäten kapitalistischen Interessen unterordnen: „Eine Kombination von Restauration der Ständegesellschaft mit marktradikalem Konkurrenzprinzip.“1

Ein wichtiges Schmiermittel der Bologna-Maschine besteht in der medialen Unterdrückung von Information über konkrete Machtstrukturen: „Transparenz aber über die wirklich Mächtigen und Herrschenden in unserer Gesellschaft ist geradezu ein Tabu.“2 Bodo Zeuner, den Augstein einst aus der Spiegel-Redaktion warf, weil er innerredaktionelle Demokratie statt Gewinnbeteiligung gefordert hatte, beschreibt, wie dieses Tabu funktioniert. Beim Schreiben seines Textes, in dem er Machtinteressen hinter Universitätspolitik aufdecken wollte, hätten Kollegen ihn vor konkreten Nennungen gewarnt, weil er damit in „Verschwörungstheorien“ zu verfallen drohe.3

Das Etikett „Verschwörungstheorie“ ist eine medial sorgfältig geschliffene Waffe gegen jede konkrete Machtkritik an ökonomisch Herrschenden (adressatloses Moralisieren betrifft sie nicht). Wer von ihr getroffen wird, steht flugs in einer Ecke mit Nazis und Paranoiden. Warum aber sind wir bei korruptiven Verfilzungen, Mitgliedschaften etc. mit Kapitalinteressen so reflexhaft mit dem Label „Verschwörungstheorie“ zur Hand, nicht aber bei marxistischen oder gewerkschaftlichen Gruppen? Ein konkretes Beispiel, mit dem sich auch Zeuner beschäftigte: Warum galt FU Berlin-Präsident Lenzen nicht als Verschwörungstheoretiker, als er die Berufung von Albert Scharenberg auf eine Juniorprofessur mit der Begründung blockierte, dieser säße im Aufsichtsrat der linken Rosa Luxemburg-Stiftung? Sein Kritiker Zeuner unterlag diesem Verdacht anscheinend, als er erklärend auf Lenzens Fördermitgliedschaft in der Arbeitgeber-Tarnorganisation INSM (Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft) hinweisen wollte.4

An der konkreten Verantwortung der Bertelsmann-Stiftung und des CHE haben acht der Autoren keine Zweifel. Günther Thien, Soziologie-Professor und Verleger, kritisiert die planlose Zerstückelung und Begrenzung von Bachelor-Studiengängen, die verstärkte soziale Selektivität des Hochschulzugangs nebst Zurichtung durch wissenschaftliche Halbbildung und „das ideologische Beiwerk, das man zur Genüge aus den Bertelsmann-Broschüren“ kennt.5

Neue „Zwangsmuster“ sieht Astrid Albrecht-Heide vor dem Hintergrund der Machttheorie Michel Foucaults in Vokabular und Praxis der BWL, das im Bildungsbereich zur herrschenden Sprache wird: Qualitätsmanagement, Evaluation, Standardisierung, Ranking – und moniert bei letzterem die „Dominanz, wenn nicht Alleinherrschaft des Bertelsmann-nahen CHE“, die auch BWL-Professor von der Oelsnitz im Schwarzbuch kritisiert hatte.6 Die mediale Umdeutung bzw. manipulierende Deformation von zentralen Begriffen der 68er- und folgender Bewegungen wird kritisiert. Der einst links-grüne Begriff des „Netzwerks“ wurde z.B. neoliberal besetzt und seine gegen Zentralismus und Hierarchie gerichtete Bedeutung in ihr Gegenteil verkehrt: in eine scheinbar dezentrale Marktsteuerung, hinter deren Scheinkonkurrenz zwischen intern hierarchisch strukturierten Einheiten sich in Wahrheit „vielfältige klüngelartige und seilschaftliche Privatverbindungen“ verbergen.7 Kurz gesagt: Korruption. Von dieser sind auch Sozialwissenschaftler nicht ausgenommen, wie Elmar Altvater feststellt, wenn er auf „die Vielzahl von Karrieristen in der Zunft“ verweist, die Kapitalismuskritik nur deshalb unterschlagen, „weil dies dem Fortkommen in der akademischen Welt schädlich sein kann.“8

Im konkreten Ergebnis treffen sich die rechte (DHV-) und die linke (68er-) Kritik an Bologna zwar vielfach, doch oft mit unterschiedlicher Deutung, nur selten aber mit konträrer Bewertung. Beide sehen Ökonomisierung bzw. Wirtschaftsdominanz (wenn dies die rechte Variante auch meist neoliberal idealisiert und nur auf den rechten Weg der reinen Lehre zurückbringen will), den Bildungsabbau durch Ineffizienz und Bürokratie (ob sie nun neofeudal oder – mit anti-68er-Unterton – planwirtschaftlich genannt wird); beide sehen aber mit den Augen des besorgten Wissenschaftlers die brutale Verschulung als Verbrechen am Bildungsrecht der Studierenden und vor allem eine Vergewaltigung der Humboldtschen Ideale der Freiheit von Forschung und Lehre.

Humboldt wird in beiden Kritiken als Ahnherr einer gemeinwohlorientierten Universität angeführt und Liessmanns streitbare „Theorie der Unbildung“ wird sogar öfter im „Elend der Universitäten“ zitiert, als von seinen konservativen DHV-Mitautoren – freilich nimmt sich keiner der 68er-Professoren des 68er-Bashings bei Liessmann an. Dabei liegt ein Schlüssel zur Erklärung der Spaltung der Professoren in der Luft: Bertelsmann – einst förderte ein linksliberaler Teil der Medien die 68er-Reformen, nun laufen medienökonomische Interessen selbiger Kräfte in den Neoliberalismus, was für konservative Betrachter womöglich eine Identifizierung von 68ern mit Neoliberalen nahelegt, zumal, wenn besagte Medien diesen Eindruck stimulieren. Studentische Proteste kamen dieser Verbindung schon näher.

Die Hektik der komprimierten Bachelor-Studiengänge ist heute geprägt durch die Jagd nach ECTS-Leistungspunkten, finanziell bedrückende Studiengebühren, die entmündigende Modularisierung des Lernstoffs gemäß Industrievorgaben. Controlling, Rankings und Ratings: hier zeigt sich die neoliberale Politik einer Effizienzkontrolle in allen Gesellschaftsbereichen, die mittlerweile mit dem Namen Bertelsmann verbunden ist. All das trägt vermutlich dazu bei, dass Studierende in aktuellen Sozialstudien als lasch, labil und unpolitisch gelten: Willige Opfer einer späteren Ausbeutung in Praktikum, Scheinselbstständigkeit und prekärer Beschäftigung.

Verbliebene Kräfte studentischen Protestpotentials konzentrierten sich verständlicherweise auf den Abwehrkampf gegen vielerorts parallel zum Bologna-Prozess durchgedrückte Studiengebühren. Doch der Kampf ist nicht leicht, denn Proteste leben vom Medienecho und Studiengebühren wie überhaupt die Ökonomisierung des Bildungssystems wurde maßgeblich von großen Medienkonzernen betrieben: Die Medienmultis machen sich berechtigte Hoffnungen, von einer kommerzialisierten Bildung kräftig zu profitieren, sei es durch Outsourcing von Leistungen der Hochschulen, durch Online-Lernangebote oder durch eigene Privat-Universitäten. Medienberichte über Studentenproteste, so sie überhaupt geleistet werden, sind daher oft abwiegelnd, zynisch oder sogar von hämischer Siegerpose geprägt.

Bertelsmanns Hochschul-Zeitschrift UniSpiegel versuchte z.B. während der Proteste gegen Studiengebühren 2006 weniger etwas von den Interviewten zu erfahren, als vielmehr die Studentenvertreter zum Aufgeben zu überreden – UniSpiegel fragte:

...glauben Sie wirklich, dass allgemeine Studiengebühren noch verhindert werden können? (...) Und dennoch werden die meisten deutschen Studenten schon bald zahlen müssen. Wofür kämpfen Sie noch? (...) Zu den Protestaktionen sind nicht besonders viele Studenten gekommen. (...)

Dann präsentierte der UniSpiegel nicht ohne sarkastischen Unterton sieben Seiten mit Werbung für diverse Studienkredite.9 Wen wundert es da, wenn aktuell nur noch eine Minderheit der unter 30-Jährigen der Berichterstattung durch Journalisten vertraut. Medien und Universitäten werden so auf einen Streich als Instanzen der Kritik an den Mächtigen beschädigt.

Viele Studierende sehen daher heute eine Achse des Bildungsbösen von Bucerius bis Bertelsmann. Das war nicht immer so. Ein Hamburger Kleeblatt linksliberaler Pressezaren Augstein/Bucerius/Mohn halfen in den 50er- und 60er-Jahren gegen Kalte Krieger und Reaktionäre die sozialliberale Wende in der BRD zu erkämpfen, wobei schwerpunktmäßig Augstein für Politik, Bucerius für Kultur und Mohn für die Wirtschaft zuständig war. Durch mediale, aber auch finanzielle Unterstützung der 68er-Anti-Springerkampagnen wurde die antikommunistische Zeitungskonkurrenz so sehr unter Druck gesetzt, dass Mohns Bertelsmann AG zeitweise eine Aktienmehrheit am Springerverlag erwerben konnte.

Doch dies passte weder politisch noch kartellrechtlich in die langfristige Strategie und Augstein wies Mohn in seine Grenzen: Bertelsmann musste wieder verkaufen. Damals dominierten politische Motive das Hamburger Kleeblatt. In den 80er- und 90er-Jahren gewann mit Mohn dann die Wirtschaft die Überhand und mit ihr ein Neoliberalismus, der Medien-, Finanz- und Informationsindustrie den Vorzug gegenüber der im traditionellen Kapitalismus dominierenden Energie- und Rüstungswirtschaft gab. Nicht zuletzt dank Mohns medialer Hilfe wurden seither den einst pazifistischen Grünen ein militanter Außenminister, der SPD ein neoliberales Ludwig-Erhardt-Imitat und der CDU eine ostdeutsche Protestantin als Führungsfiguren schmackhaft gemacht. Der Bereich Medien, Bildung und Kultur galt den von Bertelsmann dominierten Hamburgern zunehmend als zentraler Hebelpunkt.

Bucerius einflussreiche Wochenzeitung „DIE ZEIT“ warb schon ab 1996 für Studiengebühren und wettbewerbsorientierte Hochschulen und Bertelsmanns CHE (Centrum für Hochschulentwicklung) suchte zum gleichen Zweck den Schulterschluss mit den Hochschulrektoren. DIE ZEIT betreibt heute Hochschulranking gemeinsam mit dem CHE und trommelt ohne Unterlass für die Bologna-Strategie, unterstützt vom europaweit dominierenden Bertelsmannkonzern (RTL, Arvato, Stern, anteilig Spiegel). Die private Bucerius Law School offeriert schon seit 2001 den Jura-Bachelor, gegen den sich die juristischen Fakultäten bislang sträuben.

Immerhin sieben von 15 „Elend der Universitäten“-Autoren suchen Verantwortung bei Bertelsmann und dem CHE, gegenüber nur einem von 16 Schwarzbuch-Professoren. Der Präsident des DHV moniert immerhin im Schwarzbuch-Vorwort, „dass ein Konglomerat hochschulpolitischer Interessen die Kritik an der deutschen Bologna-Reform zu verhindern sucht.“ Diesem Konglomerat ist es offenbar gelungen, die wertkonservativen Humanisten im Geiste Humboldts gegen die marxistischen Humanisten im Geiste der 68er-Emanzipation auszuspielen und so den Widerstand der Professoren zu spalten. Als DIE ZEIT in einem ihrer Jubelberichte über das neue Bachelor-Studium ein Tübinger Seminar zitierte, wo 25 Studenten ausgerechnet das Kapital von Karl Marx durcharbeiten müssen, mag dies so manchem Konservativen antikommunistische Angstschauer über den Rücken gejagt haben. Eine wirklich typische Erfahrung der inzwischen 600.000 deutschen Bachelor-Studierenden war dies sicher nicht – eher ist das tendenziöse Herausgreifen gerade dieser Lehrveranstaltung ein Beispiel für die Korruption mancher Medien im Zuge strategischer Privatisierung des Bildungssystems.

Thomas Barth ist Mitautor von Elmar Altvater u.a.: “Privatisierung und Korruption. Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise” (libri.de 2009) sowie Hrsg. von “Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik” (libri.de 2006)

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