70 Jahre BRD - alles andere als friedliche Anfänge

Brandenburger Tor, 1961. Foto: Bundesarchiv, Bild 145-P061246 / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0

Kommentar: Die Bundesrepublik wurde vom ersten Augenblick an auf Schwerindustrie und Kriegsvorbereitung getrimmt

Können Sie sich folgendes vorstellen? Unsere Bundesregierung erscheint zu einem gut ausgeleuchteten Festakt, mit international auserlesenem Publikum. Unter allgemeinem Applaus der anwesenden Gäste in Festgarderobe bekundet die Bundesregierung "ihre ernste Entschlossenheit, die Entmilitarisierung des Bundesgebietes aufrechtzuerhalten und sich mit allen Mitteln, die in ihrer Macht stehen, zu bestreben, daß die Wiederaufstellung bewaffneter Streitkräfte jeder Art verhütet wird."

In dieser umständlichen Ausdrucksweise kommt das Petersberger Abkommen vom 22. November 1949 daher. Die dort verkündeten hehren Ziele hatte die Bundesregierung unter Doktor Konrad Adenauer mit den Alliierten Westmächten, die damals Deutschland kontrollierten, vertraglich vereinbart.

Machen Sie sich keine Sorgen. Papier ist geduldig. Wir können uns auch hier darauf verlassen, dass unsere Politiker sehr gut zwischen populärem Wunschdenken und tatsächlich vollzogener Realpolitik zu unterscheiden wussten. Dieser hehren Absichtserklärung ging am 23. Mai 1949 die Gründung der Bundesrepublik Deutschland voraus. Die Siegermächte USA, Großbritannien, Sowjetunion und Frankreich hatten seit der Kapitulation des Nazireiches im Mai 1945 vorübergehend die Regierungsgeschäfte für Deutschland durch den Alliierten Kontrollrat selbst übernommen.

Eine Legende und zwei Thesen

Dann war die Sowjetunion aus jenem Kontrollrat ausgeschieden. Die Westmächte führten nämlich, ohne die Sowjetunion auch nur zu informieren, für ihre Besatzungszonen die neue Deutsche Mark als separate Währung ein und erhoben damit die Spaltung Deutschlands zu einer vollendeten Tatsache. Die Sowjets sperrten als hilflose Vergeltung die Westberliner in der Blockade von 1948 für ein Jahr ein - und hatten sich damit selber isoliert und zum allgemeinen Gespött gemacht.

Nun konnte der Westen sagen: seht mal her - mit den Sowjets kann man sowieso nicht vernünftig reden. So ließ sich wunderbar die Legende verkaufen, eine Spaltung Deutschlands sei angesichts sowjetischer Attitüden unumgänglich geworden. "Sorry, you had your chance!"

Nochmal gesagt: eine Legende. Dazu zwei Thesen in den Raum geworfen: Zum einen hatten sehr mächtige Industrielle und Banker in den Vereinigten Staaten von Amerika schon vor dem Zweiten Weltkrieg massiv in Deutschland investiert. Wenn schon Ostdeutschland an die Kommunisten gefallen war, mussten die eigenen Investitionsobjekte wenigstens in einem westdeutschen Teilstaat nach kapitalistischem Reglement gepflegt und weiter ausgebaut werden. These zwei: Die USA hatte bereits seit 1945, spätestens aber seit 1946, Deutschland als strategischen Außenposten ihrer aggressiv nach Osten gerichteten Militärstrategie ausersehen.

These Eins: Der ehrenwerte Kilgore-Untersuchungsausschuss im US-amerikanischen Senat stellte im Jahre 1945 lapidar fest, "dass seit 1918 große Schritte unternommen wurden, um Deutschland wirtschaftlich und industriell auf einen Krieg vorzubereiten".1

Und zwar nicht allein von deutschen Industriellen, Bankern, Politikern und Militärs. Diese hätten für sich genommen gar nichts bewegen können. Denn Deutschland hatte nach den astronomischen Reparationsforderungen der Siegermächte leere Hosentaschen. Üppige Kapitalspritzen von Banken in den USA überschütteten seit dem Abschluss des Dawes-Vertrages die Weimarer Republik.

Betonung der Schwerindustrie

Mit sanftem Druck sorgten die US-Banker dafür, dass die deutsche Wirtschaft in schlagkräftigen Großkonzernen und Kartellen neu organisiert wurde. Berühmtestes Beispiel ist der Zusammenschluss von sieben Chemiefirmen zu den IG Farben. Mit einem Schlag verfügte Deutschland über gigantische Global Player, allerdings finanziell kontrolliert von der Wall Street.

Diese Betonung der Schwerindustrie ging an den vitalen Interessen der Bevölkerung haarscharf vorbei und machte so für sich gesehen keinen ökonomischen Sinn: Industriezyklopen waren in der Weimarer Republik nie auch nur annähernd ausgelastet. Das änderte sich mit der Nazi-Diktatur. Hitlers massive Aufrüstung, finanziert durch eine Kryptowährung mit Namen Mefo-Fonds, brachte endlich die Vollauslastung der Schwerindustrie - zu Lasten der anderen Industriezweige und mit der Folge einer von den Nazis massiv betriebenen Zerschlagung der mittelständischen und kleinformatigen Wirtschaft.2

Entgegen anderslautender Mythen ist festzuhalten: Die deutschen Konzerne waren eng liiert mit entsprechenden Konzernen aus den USA. IG Farben war durch weltweite Revierabsprachen und Patentaustausch (z.B. dem Howard-Ringer-Abkommen von 19393) mit Standard Oil bereits de facto zu einem einzigen Weltkonzern zusammengewachsen.

Man kann die gesamte Schwerindustrie des Dritten Reiches durchdeklinieren: bis auf wenige Ausnahmen wie Siemens war die US-Wirtschaft im deutschen Drittreich omnipräsent. Zudem gab es mit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ mit Sitz im schweizerischen Basel seit 1930 ein supranationales Instrument, um Kapitalflüsse von nun an planvoll zu lenken. Sehr zum Ärger des damaligen Präsidenten der USA, Franklin Delano Roosevelt.

Kampf zweier Linien im Machtzentrum der USA

Selbiger versuchte den ungehemmten Bestrebungen der US-Konzerne Bremsen anzulegen, um eine Politik für die gewöhnlichen Leute auf den Weg zu bringen. Man kann hier getrost von einem Kampf zweier Linien im Machtzentrum der USA sprechen: hier der charismatische Präsident aller US-Bürger, mit Trustbustern wie Henry Morgenthau, Harry Dexter White oder Thurman Arnold.

Dort eine Fraktion amerikanischer Unternehmer und Banker, die entweder mit den Nazis offen sympathisierten oder zumindest bereit waren, jeden zu unterstützen, der für den vorteilhaften eigenen Geschäftsverlauf förderlich war. Hier könnte man die Gebrüder John Foster und Allen Dulles von der Anwaltskanzlei Sullivan & Cromwell nennen. Oder Averell Harriman, dessen Privatbank Brown Brothers Harriman glänzende Geschäfte mit Mussolini, Hitler oder auch Stalin machte.

Dokumente über diese letztere Machtfraktion legen den Schluss nahe, dass man hier geradezu auf einen Sieg Hitlers und eine Niederlage der verhassten Linkspopulisten um Roosevelt baute.4 Denn als der Krieg begann, lieferten einige US-Konzerne dringend benötigte Waren zu Vorzugskonditionen an die Nazis, nicht aber an die Streitkräfte der USA.

Eine besonders verwerfliche Rolle spielte in diesem Zusammenhang wieder einmal die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. In deren Vorstand saßen übrigens die Vertreter aller Zentralbanken der damals bedeutenden Wirtschaftsnationen, Freund und Feind, einträchtig zusammen und sorgten dafür, dass alle Mitgliedsländer in jeder Phase des Zweiten Weltkrieges zahlungsfähig blieben, den Krieg weiterführen konnten und somit kein Land wegen Insolvenz aus diesem profitablen Krieg aussteigen musste.

Nur die USA waren nicht mit ihrer Zentralbank, der Federal Reserve, im BIZ vertreten, sondern durch ein Konsortium von Privatbanken unter Führung der damals weltweit mächtigsten Bank, JP Morgan. Die BIZ sorgte dafür, dass Gold, das die Nazi-Aggressoren aus den von ihnen überfallenen Ländern geraubt hatten, auf dem internationalen Goldmarkt angeboten wurde, damit das Nazireich mit Devisen jederzeit militärisch relevante Munition und Rüstungsgüter erwerben konnte.

Auch das Gold von ermordeten KZ-Häftlingen wurde hier umgeschmolzen und in Devisen verwandelt. Es war für die US-Banker auch kein Problem, dass die Nazis auf dem Gipfelpunkt ihrer Macht durch die Annexion anderer Länder und deren Zentralbanken in der BIZ ein Stimmengewicht von über zwei Dritteln erlangt hatten.5

Als das Nazireich endlich am 8. Mai 1945 niedergerungen wurde, war für die vier Siegermächte USA, Frankreich, Großbritannien und die Sowjetunion eigentlich klar, dass diese mächtigen Konglomerate, die so zynisch am Tod von fünfzig Millionen Menschen verdient hatten, zerschlagen werden sollten. So schien es zumindest. Die Nachkriegsordnung von Bretton Woods oder die Beschlüsse der Sieger in Potsdam, ja auch die Direktive JCS 1067 der US-Militärverwaltung sprachen in diesem Sinne eine deutliche Sprache.

Die Staaten als Vollstrecker des Gemeinwillens sollten die Oberhand gewinnen. Und nicht intransparente Machtkonglomerate und Netzwerke, die am Gemeinwohl vorbei ihre Manöver durchzogen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sollte zerschlagen werden. So sah es die Regierung unter Roosevelt vor.

Ein neuer Wind bei der Besatzungsbehörde

In diesem Sinne reiste der Jurist James Stewart Martin nach Ende der Kampfhandlungen nach Deutschland. Martin hatte zunächst seit 1942 im Justizministerium der US-Regierung amerikanischen Konzernen auf die Finger geschaut, die den Nazis günstig Kriegsgüter verkauften, den US-Streitkräften diese Kriegsgüter jedoch vorenthielten.

Zu Kriegsende wechselt Martin sodann zum Obersten Hauptquartier der Alliierten Expeditionsstreitkräfte SHAEF und soll in Deutschland die Abteilung zur Untersuchung von Kartellen und auswärtigen Guthaben leiten. Mittlerweile ist Präsident Roosevelt gestorben. Seine Gefolgsleute werden gerade in einer Art von kaltem Putsch entsorgt.

Auch bei der Besatzungsbehörde weht jetzt ein anderer Wind. Martins Recherchearbeit wird nach allen Regeln der Kunst behindert. Leiter von Martins Wirtschaftsabteilung war zunächst Graeme K. Howard, zuvor Topmanager bei General Motors, der mit seinem Buch "America and a New World Order" dafür plädierte, dass die USA zukünftig mit Hitlerdeutschland und Japan die Macht auf diesem Planeten teilen sollten. Man müsse Hitler besänftigen, um Frieden zu schaffen.6. Das war denn doch ein bisschen zu starker Tobak. Doch auch Martins nächster Chef war keinen Deut besser.

William Henry Draper jr. hatte längere Zeit die Bank Dillon Read angeführt, die ebenfalls prächtig am US-Nazi-Geschäft verdient hatte. Draper sorgt dafür, dass die Nazi-Unternehmer und -Banker, die laut Potsdam-Beschlüsse hinter Schloss und Riegel gebracht werden sollten, alle wieder frei kamen und in ihre alten Posten zurückkehren konnten.

Von Kartellauflösung war jetzt keine Rede mehr. Das hatte Zeit, dozierte Draper. Jetzt komme es darauf an, die deutsche Wirtschaft schnell wieder auf die Beine zu bringen. Die Schwerindustrie, versteht sich.

Martin macht trotzdem mit seinen getreuen Mitarbeitern weiter. Erste Station: Bankhaus J.H. Stein in Köln. Hier findet er die Akten zum berüchtigten "Sonderkonto S". Ein Mafia-System: Deutsche Industrielle zahlen Schutzgeld an Himmlers SS und bekommen dafür die erbeuteten Filetstücke in den eroberten Ländern zugeteilt. Martins nächste Station: Frankfurt am Main. Die gesamte Kernstadt von Frankfurt ist durch Bomben niedergebrannt. Aseptisch sauber von den Bombern ausgespart: die Zentrale der IG Farben.

Die "Fraternity"

Doch als Martin die Akten im Hause sichten will, kommen ihm Displaced Persons (im Krieg entwurzelte Zwangsarbeiter) entgegen mit Schubkarren voller Aktenordner. Auf Anweisung von Draper verbrennen sie alle hochempfindlichen Beweismittel auf einem großen Scheiterhaufen vor der Tür. Trotz allem kann sich Martin ein Bild über die ausgiebigen Vernetzungen zwischen Wall Street und Nazihierarchie verschaffen, das er uns in einem Buch vermittelt.7

Kurz und schlecht: Die "Fraternity", die Bruderschaft, wie Stewart dieses amerikanisch deutsche Netzwerk von Kartellen und Banken genannt hat, konnte sich in den Nachkriegsjahren nicht nur erneut aufstellen. Es stieg vielmehr zu noch nie gekannter Blüte auf.

Denn Draper und seine Freunde sorgten nicht nur dafür, dass die alten Nazi-Spezis dem deutschen Volk erneut vor die Nase gesetzt wurden. Bei der Vergabe von Unternehmenslizenzen behandelte man die Mitglieder der Fraternity bevorzugt, während unabhängige Unternehmer auf diesem kalten Wege abgeschaltet wurden.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wurde nicht zerschlagen. Sie sorgte ebenfalls dafür, dass das deutsche Übergewicht in diesem Gremium sich auch erneut auf die reale Wirtschaft in Europa niederschlug. Martin hat zudem festgestellt, dass 400 Millionen Dollar Raubgold, das die Nazis sich angeeignet hatten, nach dem Krieg nicht wieder aufgetaucht sind. Er stellt die Frage, ob Nazi-Seilschaften, die sich, mit amerikanischer und vatikanischer Hilfe nach Argentinien oder in Francos Spanien verkrümelt hatten8, womöglich Einfluss auf die Politik in Westdeutschland ausüben könnten …

Die Schwerindustrie musste allerdings jetzt neu organisiert werden. Die symbiotische Beziehung, die lothringisches Erz und die Kohle von der Ruhr im Kaiserreich gepflegt hatten, war nach dem Ersten Weltkrieg abrupt beendet worden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über die supranationale Montanunion diese Symbiose wieder hergestellt. Die große Völkerversöhnung, von der die Chronisten in diesem Zusammenhang so gerne singen, wurde von den Zeitgenossen bei der Gründung der Montanunion durchaus nicht so harmonisch wahrgenommen.

Westdeutschland als der bevorzugte Kreiselplanet

Die Angst vor einem erneuten deutschen Übergewicht war allgemein sehr groß. Besonders im benachbarten Ausland. Denn die Weltreiche Großbritannien und Frankreich waren als Tiger in den Krieg gesprungen und waren als Bettvorleger gelandet. Beide Staaten standen jetzt bei den Banken der USA tief in der Kreide. Verzweifelt wehrten sie sich gegen ihre neue Rolle als gegenüber den USA nunmehr untergeordnete Mittelmächte, die mit Deutschland zusammen um die neue Supermacht kreisen sollten.

Wobei Westdeutschland der von den USA eindeutig bevorzugte Kreiselplanet war. Für Westdeutschland sprachen die seit Jahrzehnten gut eingespielten transatlantischen Geschäftsnetzwerke. Zudem war Westdeutschland nach den Flächenbombardierungen eine leere Tafel, in die nach amerikanischen Gesichtspunkten neu eingeschrieben werden konnte. Der Marshallplan, an dem Westdeutschland als drittgrößtes Empfängerland saugen durfte, schrieb als Gegenleistung zwingend eine Einführung amerikanischer Governance-Regeln vor.

Die in den Nachbarländern viel und reichlich und zu Recht artikulierte Angst vor neuer deutscher Übermacht meinte eindeutig auch die Potentiale, die sich aus einer neuen deutschen Rolle als mächtiger Subunternehmer der USA ergaben. Diese Machtkonstellation lag Frankreich und Großbritannien "wie ein Alpdruck auf der Seele".9

1947 versuchten diese beiden Ex-Supermächte, aus der US-hegemonialen Zentrifuge herauszukommen durch den Vertrag von Dünkirchen. Dort schworen sie sich gegenseitige Waffenbruderschaft gegen die Teutonen. 1948 wurden im Vertrag von Brüssel noch die Benelux-Länder in diesen Trutzbund einbezogen.

Die USA verlangten nämlich immer lauter, die westeuropäischen Länder müssten ein wiederbewaffnetes Westdeutschland in ihre Reihen aufnehmen. Das wollten die Brüsseler Vertragspartner nun gar nicht. So blieb Westdeutschland bis 1955 außerhalb des neuen Militärbündnisses NATO (Siebzig Jahre NATO: Kein Grund zum Feiern).

Schließlich ein letzter Fluchtversuch aus geostrategischer konzentrischer Abhängigkeit von den USA: Wenn schon die Wiederbewaffnung Westdeutschlands nicht mehr aufzuhalten war, dann sollte die deutsche Armee nicht auf die USA bezogen sein, sondern nur auf eine rein europäische Verteidigungsgemeinschaft. Die aus dem so genannten Pleven-Plan hervorgegangene EVG sollte aber schließlich am Veto des französischen Parlaments scheitern.

Die USA hatten nach der deutschen Kapitulation wohl daran gedacht, die Wehrmacht gar nicht erst aufzulösen, sondern womöglich gleich gen Osten zu schicken. US-General Patton versammelte eine SS-Einheit irgendwo in Süddeutschland, flog mit einem Hubschrauber ein und ließ die SS-Recken auf sein Kommando einschwören, begleitet von einem dreimal herausgebrüllten "Heil Hitler!"10

Mag diese skurrile Episode auch ein Einzelfall gewesen sein, so erstaunt doch im Nachhinein, dass die gefangenen Soldaten der Wehrmacht noch lange Zeit in ihren Verbänden hinter Stacheldraht gefangen gehalten wurden, anstatt sie nach Hause zu schicken. Erst im September 1946, nach geharnischten Protesten der Sowjetunion, wurde die Wehrmacht endlich aufgelöst.

Die deutsche Wiederbewaffnung

Während also in Petersberg ein halbes Jahr nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 das Lied des ewigen Pazifismus angestimmt wurde, liefen die Vorbereitungen zur deutschen Wiederbewaffnung bereits auf Hochtouren. Da konnten die westeuropäischen Nachbarn so viel murren wie sie wollten.

Die Amerikaner traten auf das Gaspedal für die deutsche Wiederbewaffnung im Rahmen eines transatlantischen Bündnissystems. So sagte US-Außenminister Dean Acheson vor den NATO-Mitgliedern 1950 in New York: "Es ist unsere Absicht, die deutsche Macht wiederherzustellen ... um die Verteidigung Europas zu gewährleisten ... Wir wollen diesen Plan so bald wie möglich in Angriff nehmen."

Zwei Jahre später eignet sich Acheson angesichts der Widerborstigkeit der europäischen abhängigen Partner bereits einen erpresserischen Zungenschlag an:

Mitten im bunten, lauten Lissabon standen die Politiker und Militärs des Westens unter der aufreibenden Spannung einer schweren Auseinandersetzung zwischen den USA und ihren europäischen Alliierten. Mit ultimativer Schärfe hatte US-Außenminister Acheson auf der letzten NATO-Vollsitzung in Rom gefordert, daß in Lissabon ein endgültiger Beschluß über die Aufstellung deutscher Militär-Verbände im Rahmen einer internationalen europäischen Verteidigungsgemeinschaft gefaßt(!) wird, andernfalls Amerika auf die Aushebung einer deutschen Nationalarmee dringen werde.

Dean Acheson, US-Außenminister 1952

Bleibt uns nach diesem Parforce-Ritt durch die Geschichte nur lapidar anzumerken: Auch nach siebzig Jahren Bestehen der Bundesrepublik Deutschland ist es noch immer nicht zu spät, endlich eine Kehrtwendung hin zu einer friedliebenden, wirklich weltoffenen Gesellschaftsordnung zu vollziehen.