8. Mai 1945: Ein "Tag der Befreiung"?

Die Kapitulation am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlhorst. Links: Der Vertreter des Oberkommandos der Roten Armee, Marschall der Sowjetunion G. K. Shukow, am Tischende Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel. Bundesarchiv/Bild 183-J0422-0600-002/CC BY-SA 3.0 DE

In der geschichtsdeutenden Weizsäcker-Formel über die deutsche Kapitulation am Ende des Zweiten Weltkrieges kommt die Realität zu kurz

"Wir kapitulieren nie!" - so stand es noch an den Mauern öffentlicher Gebäude in Hitlerdeutschland, als das Oberkommando der Wehrmacht am 8./9. Mai urkundlich die Waffen streckte. Und nicht wenige "Volksgenossen" hatten zumindest bis zum Suizid des "Führers" diese Durchhalteparole für glaubwürdig gehalten. Dahinter steckte auch die Hoffnung auf einen Bündniswechsel der westlichen Gegnerstaaten - in letzter Minute, so ein Kalkül bei Teilen der politischen und militärischen Elite des Dritten Reiches, würden die USA und Großbritannien sich auf einen Separatfrieden mit dem Deutschen Reich einlassen und zusammen mit den deutschen Truppen eine Front gegen die Sowjetunion eröffnen, die Rote Armee zurückdrängen und den "Kampf gegen den Bolschewismus" in dieser Weise zum Erfolg bringen.

Am 2. Mai 1945 stellte Graf Schwerin von Krosigk, leitender Minister im Kabinett des kurzzeitigen, von Hitler zu seinem Nachfolger ernannten "Reichspräsidenten" Großadmiral Dönitz, in einer Radioansprache diese "historische Mission" Deutschlands als Lockruf für den Westen noch einmal heraus: Das Deutsche Reich habe "jahrelang unter Aufbietung seiner letzten Kraft als Bollwerk Europas und der Welt gegen die rote Flut" angekämpft, leider jedoch "den Rücken dabei nicht freigehabt".

Schon 1944 war die Perspektive eines "Frontwechsels" der Westmächte im publizistisch anspruchsvollen Teil der NS-Medien in vorsichtiger Form ins Spiel gebracht worden, so etwa in der Wochenzeitung "Das Reich" (mit einer Auflage von über eine Million 1944 und zahlreichen Mitarbeitern, die nach 1945 in Westdeutschland Spitzenpositionen besetzten). Eine solche "Wende"- Erwartung war bei vielen Deutschen populär, hier schien die wirkliche "Wunderwaffe" bereit zu liegen.

Wie hätte der 8. Mai 1945 bei den Anhängen solcher politischen Kalküle als "Tag der Befreiung" verstanden werden können? Mit dem Datum verband sich vielmehr das endgültige Eingeständnis der militärischen Niederlage des Dritten Reiches ebenso wie der Abschied von jeder Hoffnung, die Westmächte, den Krieg fortsetzend, gegen die Sowjetunion "drehen" zu können. Auch war nun klar, dass in Deutschland Besatzungsmächte alle Entscheidungsgewalt übernehmen würden, nicht nur für kurze Zeit, darunter auch die sowjetische.

"Dolchstoß"-Legende: Nicht wieder einsetzbar

Anders als beim Ende des Ersten Weltkrieges hatte in Deutschland diesmal eine "Im Felde unbesiegt"-Propaganda keine Chance. Die "Heimatfront" war zum unmittelbaren Kampfplatz geworden, die Bombardierungen hatten ganze Städte zerstört, sowjetische und dann westalliierte Truppen eroberten Stück um Stück das deutsche Terrain - da war kein Zweifel mehr daran möglich, dass dem Dritten Reich eine vernichtende militärische Niederlage bevorstand. Bis zum bitteren Ende aber ließen Hitlerjungen im "Volkssturm" sich zum weiteren militärischen Einsatz verführen; die hohen Funktionäre des NS-Systems wollten Zeitgewinn für sich.

Anders als 1918 hatte 1945 eine innerdeutsche Opposition keine Bedeutung für den Untergang des herrschenden Regimes. Auch der Putschversuch am 20. Juli 1944 war ohne Beteiligung bei der "Normalbevölkerung" geblieben. Konnte unter solchen Umständen die Kapitulation am 8. Mai von der Majorität in Deutschland als Befreiung empfunden werden?

Wer befreit wurde und wer sich auf Anpassung einrichtete

Befreit wurden Überlebende der Konzentrationslager, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter, versteckte jüdische Menschen und politisch Illegale, aber sie hatten nicht Teil an der "deutschen Volksgemeinschaft", wie sie bis Anfang Mai 1945 organisiert war. Selbstverständlich verbreitete sich weithin die Erleichterung darüber, dass dem unmittelbaren Kriegsgeschehen eine Ende gesetzt war; dieses existenzielle Gefühl jedoch ist nicht gleichzusetzen mit einem politischen Befreiungserlebnis. Und weshalb hätten die großen und die zahllosen kleinen Funktionsträger des Dritten Reiches sich einem solchen hingeben sollen? Die Profimilitärs, NS- Propagandisten, SS-Intellektuellen, SD-Mitarbeiter, Ortsgruppenleiter, Wehrwirtschaftsführer usw. usf.?

Berliner Straße, Juli 1945; Bild: No 5 Army Film & Photographic Unit, Wilkes A (Sergeant); gemeinfrei

Sie kümmerten sich um ihre persönliche Zukunft. Wie konnte man der Entnazifizierung entgehen oder bei dieser möglichst unbelastet davon kommen? Auf welche Weise konnte man die Gunst der Besatzungsbehörden erwerben und in seinem gewohnten Berufsfeld weiter tätig sein? Wie war privates Vermögen oder Unternehmens(mit)besitz zu sichern? Ließen sich vielleicht sogar Militärkarrieren nach einer Pause fortsetzen?

Dass solche Bemühungen sich in erster Linie auf das Terrain der westlichen Besatzungszonen richteten, lag nahe; die Kommunisten galten ja nach wie vor als Feinde. Es hatte seine historische Logik, dass die Interessen dieser zahlenstarken gesellschaftlichen Gruppen, die ihre NS-Vergangenheit unbeschadet zu "bewältigen" trachteten, in einem westdeutschen Teilstaat am günstigsten zur Geltung gebracht werden könnten; deshalb bekam im bürgerliche Milieu das Engagement für eine deutsche Westrepublik fast ausnahmslos Zustimmung.

"Befreiung" verwandelte sich unter der Hand in Freisetzung für das, was Kritiker dann "Restauration" nannten. Der Übergang zum Kalten Krieg zwischen Ost und West förderte solche Entwicklungen. Wieder anders die Millionen von deutschen Kriegsgefangenen oder Vertriebenen und Flüchtlingen; für sie ging es nicht darum, sich bei der politischen Wende zu positionieren, sondern die Kapitulation der Wehrmacht brachte ihnen Hoffnung auf kürzere Gefangenschaft oder weniger Brutalität bei der erzwungenen Migration. "Befreiung" aber bedeutete das Kriegsende für sie nicht.

Auch die meisten derjenigen Deutschen, die vor der sowjetischen Armee nach Westen flüchteten, werden den Zusammenbruch des hitlerdeutschen Systems nicht als befreienden Akt wahrgenommen haben. Keineswegs hatten sie ihn herbeigewünscht. Schon deshalb nicht, weil sie Rache der sowjetischen Soldaten für die Massenverbrechen fürchteten, die der NS-Staat und seine Organe im "Ostfeldzug" begangen hatten.

Die Weizsäcker-Formel in ihrer entlastenden Funktion

Die Rede, mit der 1985 trotz mancher Bedenken aus nationalkonservativen Kreisen der "Tag der Befreiung Deutschlands am 8.Mai 1945" zur staatsoffiziösen Deutungsformel wurde, enthielt Gedanken von Weizsäckers, die näherer, auch kritischer Betrachtung wert wären. Aber sie sind wenig beachtet worden; Karriere im deutschen Diskurs machte das Wort von der "Befreiung".

Ging damit eine systematische Einsicht in die gesellschaftlichen Strukturen des Dritten Reiches einher? Das sicher nicht. Begriffen wurde "Befreiung" als ein geschichtliches Abstraktum, als über längere Zeit hin sich vollziehende Abwendung von den Hinterlassenschaften Hitlerdeutschlands, als Hinwendung zu "westlichen" Politikprinzipien. Und in die Weizsäcker-Formel ließ sich ein Bild von der NS-Gesellschaft hineindenken, das die kriegerische Expansion und die Staatsverbrechen einem "dämonischen" Führer und seinen Spitzenkräften zuordnete, von deren Herrschaft Deutschland dann erlöst worden sei. Insofern hat das Reden von der "Befreiung 1945" eine historisch entlastende Funktion.

1945 und der "Weg nach Westen"

In diesem Jahr tritt als Gedenkredner zum 8. Mai im Deutschen Bundestag nicht der Bundespräsident auf, auch nicht die Bundeskanzlerin, sondern Heinrich August Winkler, ein prominenter Historiker, dessen politische Botschaft darin besteht, unablässig den zunächst west-, dann gesamtdeutschen "Weg nach Westen" zu preisen, den einst die Kapitulation der Hitlerwehrmacht öffnete. Die Gelegenheit ist günstig, um deutsche Treue zu den USA (trotz mancher Unstimmigkeiten) zu beteuern.

So lässt sich also, nachdem der östliche deutsche Teilstaat Vergangenheit ist, als geschichtsepochaler Effekt der "Befreiung" Deutschlands im Jahre 1945 die Zugehörigkeit der Bundesrepublik zum nordatlantischen Bündnis feiern. (Arno Klönne)

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