"80% der philosophischen Forschung drehen sich um heiße Luft"

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Mein Ex-Kollege Hans Harbers, der die Uni verließ und Putzmann wurde, über das Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik und eine praxisbezogene Philosophie

Hans Harbers (Jahrgang 1954) promovierte 1986 über die Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik. 1989 wurde er Assoziierter Professor für Philosophie der Wissenschaft, Technologie und des Zusammenlebens an der niederländischen Universität Groningen.

Aus Unzufriedenheit mit dem akademischen Betrieb kündigte er 2012 den Forschungsteil seiner Stelle, um mehr Zeit in die Organisation öffentlicher Debatten zu investieren. Am 1. September 2019 verließ er die Universität dann ganz, um bis zum Eintritt in das Rentenalter (für ihn mit 66 Jahren und vier Monaten) etwas ganz Praktisches zu machen: Er wurde Putzmann und reinigte die Wohnungen hilfsbedürftiger Menschen.

Obwohl wir an ähnlichen Themen arbeiteten, begegneten wir einander in zehn Jahren vielleicht ein Dutzend Mal. Unterschiedliche Fakultäten - hier: Verhaltens- und Sozialwissenschaften, dort: Philosophie - sind doch unterschiedliche Welten. Typisch niederländisch war man schnell per Du. Hans erinnerte mich äußerlich immer an Mick Jagger von den Rolling Stones. Sein inhaltsstarkes Auftreten wurde stets durch seine Körpergröße sowie seine raumfüllende Stimme unterstrichen: Wenn er das Wort ergriff, hörte man automatisch zu.

Über einen Artikel in unserer Universitätszeitung erfuhr ich von seiner Tätigkeit als Putzmann. Ich freue mich sehr, dass er für ein Interview für meine deutschsprachigen Leserinnen und Leser zur Verfügung steht. Für Fotos von Hans beim Putzen sei auf den Artikel in der Unizeitung verwiesen, da wir diese hier aus lizenzrechtlichen Gründen nicht zeigen können.

Trotz der ernsthaften Themen wirkte Hans immer fröhlich. Diesen Eindruck vermittelte er auch beim folgenden Gespräch. Im ersten Teil des Interviews geht es um das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Philosophie und Politik. Im zweiten Teil erfahren wir mehr darüber, warum Hans Harbers schließlich den Universitätsbetrieb verließ und Putzmann wurde.

"Wir Philosophen stellen Fragen. Wir geben keine Antworten"

Hans, für jemanden mit Deinem Erfahrungshorizont habe ich gleich am Anfang eine sehr einfache Frage: Was ist eigentlich die Aufgabe eines Philosophen in der Gesellschaft?

Hans Harbers: [lacht] Ich habe erst kürzlich wieder einen Kurs für Manager gegeben. Da sagte ich zum Einstieg: Wir Philosophen stellen Fragen. Wir geben keine Antworten. Wir hinterfragen vor allem die "Frames" unseres Denkens, also den begrifflichen Rahmen, in dem wir oft festsitzen. Damit kreieren wir Denkraum, Raum für freie, neue Gedanken. Auf meiner Homepage spreche ich auch vom Querdenken, vom Mit- und Gegendenken.

Darum muss der Philosoph sehr nah bei denjenigen sein, die denken, den Menschen in der Praxis. Eine Kollegin aus Amsterdam, Professorin Annemarie Mol, sprach einmal von "praktischer Metaphysik". Auch eine Krankenschwester oder eine Ärztin haben ein Weltbild, eine Metaphysik, und praktizieren dies implizit. Ein Philosoph untersucht dies, befragt dies - und macht es explizit.

Und wie verhält sich das zu dem, was die meisten Philosophen heute an der Universität tun?

Hans Harbers: Leider sehr schlecht. Das war genau der Grund, warum ich 2012 den Forschungsteil meiner Stelle kündigte. Die allermeisten Kolleginnen und Kollegen schrieben und schreiben immer nur für andere Philosophen.

Unser Institut gehörte immer zur Weltspitze. Doch wie wurde das gemessen? Das weißt du wahrscheinlich besser als ich: Es ging nur um Publikationen in Fachzeitschriften. Dieses System funktioniert vielleicht für die Medizin und die Lebenswissenschaften, wie wir gerade in der Corona-Krise wieder sehen. Da müssen neueste Forschungsergebnisse international ausgetauscht werden.

Bei der Philosophie ist das aber doch anders. Im Endeffekt suchen akademische Philosophen nur noch nach den Antworten für Fragen, die sie einander stellen. Historisch kommt man dann zu Fragen wie: "Was hat Hegel über Kant gesagt?" Und dann später: "Was sagte dieser Hegel-Schüler über Hegel über Kant?" Aber auch in der zeitgenössischen Philosophie sehen wir dasselbe Muster, beispielsweise die zigste Interpretation von John Rawls' Gerechtigkeitstheorie. Oder Philosophen, die am Autonomiebegriff puzzeln.

Für mich fügte das wenig Neues hinzu. Man kann endlos so weitermachen, doch eigentlich geht es dann um nichts. Da spiele ich lieber mit einem richtigen Puzzle. Was soll das Ganze, wenn man die Untersuchungen zur Autonomie nicht auf die "praktische Metaphysik" bezieht, also was das beispielsweise für die Krankenschwester bedeutet, die sich um hilfsbedürftige Patienten kümmert? Oder denk an die Diskussion zur Sterbehilfe.

Wenn deine Überlegungen zum Autonomiebegriff in solchen Zusammenhängen nichts bedeuten, dann geht es eigentlich um heiße Luft. Meinem Eindruck nach drehen sich 80% der philosophischen Forschung um heiße Luft. Und dabei wollte ich nicht mehr mitmachen.

Haben Philosophen deiner Meinung nach eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Studentinnen und Studenten? Oder geht es im Endeffekt um dieselben Gedanken, wie du sie für die Gesellschaft ausgeführt hast?

Hans Harbers: Philosophieunterricht finde ich sehr wichtig. Darum habe ich diesen Teil meiner Anstellung - neben finanziellen Gründen - länger behalten. Dabei denke ich nicht nur an unsere eigenen Philosophiestudenten, die doch oft die Neigung hatten, sich in den rein begrifflichen Fragen zu verkriechen.

Am schönsten fand ich immer den Unterricht für Studierende anderer Fakultäten. Die bezogen die philosophischen Gedanken schnell auf Fragen ihrer eigenen Disziplinen: Was bedeutet das für die Psychologie, die Chemie oder was auch immer? In interdisziplinären Kursen haben wir uns beispielsweise mit den Pressekonferenzen führender Politiker und Wissenschaftler beschäftigt. Die haben wir mit philosophischen Mitteln der Begriffsanalyse auseinandergenommen und so Aussagen über Fakten und Werte auf den Zahn gefühlt. Dadurch lernten die Studierenden die Bereiche besser kennen, in denen sie selbst bald als Fachleute arbeiten würden.

In diesem Zusammenhang spreche ich oft von einem "begrifflichen Werkzeugkasten", den man auf die Welt loslassen kann. Manchmal braucht man einen Schraubenzieher, manchmal eine Säge, manchmal einen Hammer. Das hängt ganz vom Problem ab, mit dem man sich beschäftigt. Mir ist wichtig, diese Werkzeuge auf konkrete Probleme anzuwenden, während sich die akademische Philosophie allein mit dem Werkzeugkasten beschäftigt.

Daran schließt meine nächste Frage gut an. In deiner 1986 abgeschlossenen Doktorarbeit beschäftigtest du dich nämlich mit der Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik. Was war damals deine Schlussfolgerung und wie siehst du das heute?

Hans Harbers: Ich untersuchte damals eine konkrete Fallstudie, nämlich die Diskussion über ungleiche Bildungschancen. Nach meiner Ausbildung zum Bildungssoziologen war ich mit der empirischen Forschung und der theoretischen Diskussion bestens vertraut.

Im Vergleich der - übrigens schon sehr alten - politischen Diskussion mit der wissenschaftlichen Forschung zum Thema fiel mir auf, dass Politik und Wissenschaft Hand in Hand gingen, wenn sie von denselben Grundannahmen ausgingen. Das schließt an die "Frames" an, die ich vorher schon erwähnte, den gedanklichen Rahmen. Konkret ging es um die meritokratische Ideologie, also die Überzeugung, dass Leistung belohnt wird. Unter dieser Voraussetzung ließ sich zeigen, dass wissenschaftliche Studien politische Entscheidungen unterstützten.

Sobald man die meritokratische Ideologie selbst aber hinterfragte, wurden auch die wissenschaftlichen Ergebnisse in Zweifel gezogen, denn diese basierten ebenfalls auf dem meritokratischen Denken. So konnte ich zeigen, dass die wissenschaftliche Forschung - hier konkret: die Bildungssoziologie - vielmehr eine philosophische als eine empirische Rolle spielte.

Meine Schlussfolgerung war somit, dass das Verhältnis von Wissenschaft und Politik von dem begrifflichen Rahmen abhängt, in dem sie sich bewegen. Mir ging es auch darum, dass die Wissenschaft nicht nur stur technokratisch die Vorgaben aus der Politik ausführt, sondern auf der begrifflichen Ebene miteinbezogen wird.

Das war 1986. Für mich hört sich das aber auch im Jahr 2020 nach einer sehr aktuellen Fragestellung an. Vielleicht sind die "Frames", die begrifflichen Rahmen, heute vielleicht sogar noch wichtiger als damals. Wie siehst du das?

Hans Harbers: Absolut! Dahinter steckt natürlich auch die Beziehung zwischen Technokratie und Demokratie. In einer Technokratie gibt es eine eindeutige Aufgabenverteilung zwischen Politik und Wissenschaft.

Ein hervorragendes Beispiel hierfür ist der niederländische Virologe Jaap van Dissel in der Corona-Pandemie. Der behauptet felsenfest, für den Nutzen von Schutzmasken gebe es keine harten wissenschaftlichen Beweise. Daher könne er das Tragen der Masken auch nicht empfehlen. Politiker beziehen dann aber auch andere Fachleute ein, etwa aus der Psychologie und Soziologie. Diese heben beispielsweise hervor, dass das Tragen der Schutzmasken die Menschen daran erinnert, sich an die Sicherheitsregeln zu halten.

Zwischen Politik und Wissenschaft bleibt so ein Spannungsverhältnis bestehen, das sich nicht ohne Weiteres auflösen lässt. Die amerikanische Sozialwissenschaftlerin Sheila Jasanoff hat aufgezeigt, dass diese Felder nicht zu nahe beieinander sein sollten - aber auch nicht zu weit voneinander entfernt. In diesen beiden Fällen geht es schief.

Aus ihrer Sicht muss immer eine Spannung bestehen und genau dieses Grenzgebiet finde ich so interessant. Mit meinen Studentinnen und Studenten habe ich dann auch verschiedene Beratungsgremien besucht, die die Aufgabenverteilung zwischen Politik und Wissenschaft anders interpretierten.

"Um den begrifflichen Werkzeugkasten gut anwenden zu können, bedarf es einer gewissen Unabhängigkeit"

Das ist ein Thema für sich. Aus meiner Perspektive haben aber sogar die Gremien, die für sich beanspruchen, rein wissenschaftlich zu arbeiten, bestimmte Grundannahmen und Theorien, die eher philosophisch begründet sind. Siehst du hier einen Ausweg oder bleibt Spannungsfeld für immer erhalten?

Hans Harbers: Ich finde es eigentlich gar nicht so schlecht, wie wir das in den Niederlanden gelöst haben. Zum 25. Jubiläum unseres "Wissenschaftlichen Rats für politische Führung" (WRR) hat der berühmte französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour eine Festrede gehalten. Darin erklärte er, dass so eine Institution in Frankreich undenkbar wäre, und pries unser "Poldermodell".

Das heißt, dass wir sehr viele Meinungen zu Wort kommen lassen, sowohl von wissenschaftlicher als auch von politischer Seite, dass wir beinahe endlos gesellschaftliche Interessenvertreter miteinbeziehen. Natürlich führt das zu einer gewissen Trägheit. Im internationalen Vergleich kommen so aber Entscheidungen zustande, die auf der größtmöglichen Unterstützung von verschiedenen Parteien basieren.

Daher finde ich es auch gar nicht schlimm, dass wir unterschiedliche Beratungsgremien haben, die alle zu unterschiedlichen, teilweise sogar entgegengesetzten Ergebnissen kommen. Im Gegenteil! Dass wir diese verschiedenen Sichtweisen institutionalisiert haben, halte ich für sehr wichtig.

Ich halte es vor allem für wesentlich, dass man seine Grundannahmen, sozusagen seine "Unternehmensphilosophie", als solche offenlegt und nicht für sich beansprucht, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu verbreiten. Denn das führt schnell zu Dogmatismus und sinnlosen Wortgefechten.

Hans Harbers: Genau! Und hier kann die Philosophie einen wichtigen Beitrag leisten. Solche Analysen lernen unsere Studierenden. Daher bekam ich nach vermittelten Praktika in die genannten Beratungsgremien oft die Rückmeldung: "Schick uns noch einmal so jemanden vorbei!"

Solche Praktikantinnen und Praktikanten könnten gut nachdenken, gut schreiben, dabei die Grundannahmen sauber herausarbeiten und so weiter. Scheinbar nutzt es also doch, die zig Interpretationen von Hegel und Kant zu studieren. [lacht] So lernt man gutes und kritisches Lesen und Denken. Oder, wissenschaftlicher formuliert, Signal und Rauschen voneinander zu trennen.

Überrascht es dann aber nicht, dass so wenige Philosophinnen und Philosophen in der Politik sind?

Hans Harbers: Das stimmt. Wobei unsere Absolventen durchaus politisch aktiv sind. Im Stadtrat von Groningen sitzen beispielsweise gerade zwei meiner früheren Studenten.

Ich dachte eher an Parlamentarier und Minister. Das scheinen viel häufiger Betriebswirte und Anwälte zu sein.

Hans Harbers: Ja - aber denken wir noch einmal an das von Jasanoff beschriebene Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft. Man muss als Philosoph aufpassen, sich nicht zu stark von einer Seite vereinnahmen zu lassen.

Um den begrifflichen Werkzeugkasten, von dem ich sprach, gut anwenden zu können, bedarf es einer gewissen Unabhängigkeit. Das ist für einen Politiker im Rampenlicht schwierig. Die Philosophinnen und Philosophen arbeiten daher eher in beratender Funktion in den Büros. Das mache ich hin und wieder auch. Würde ich aber ins politische Tagesgeschäft einsteigen, dann wäre meine philosophische Unabhängigkeit schnell verloren.

Im zweiten Teil wird es um die konkreten Gründe gehen, aus denen Hans Harbers die Universität schließlich ganz verließ, und was er in seiner Zeit als Putzmann über die Gesellschaft lernte.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)