"9/11 war nicht meine Verschwörung"

Zacharias Moussaoui bekennt sich schuldig, Terroranschläge mit Flugzeugen geplant zu haben – aber nicht, um sie ins WTC zu stürzen

Zacharias Moussaoui, der seit August 2001 in den USA inhaftierte vermeintliche "20. Hijacker" des 11. September, hat sich am Freitag vor Gericht in allen sechs Anklagepunkten für schuldig bekannt – allerdings nicht für die Anschläge des 11.9. Er sei in die USA gekommen, um den blinden Scheich Omar Abdul Rahman mit einer Flugzeugentführung freizupressen. Wenn die Regierung darauf nicht eingegangen wäre, sollte die Boeing ins Weiße Haus stürzen.

Mit dieser überraschenden Wendung hat der 36-jährige Angeklagte allenthalben für große Verwirrung gesorgt. Seine Verteidiger hatten ihm bis zum Schluss geraten, sich für "nicht schuldig" zu erklären – und der Presse gegenüber behauptet, der Angeklagte sei nicht zurechnungsfähig und "verrückt". Doch in einem Gespräch zwei Tage zuvor und in der Verhandlung hatte sich die Vorsitzende Richterin Brinkema eines Besseren belehren lassen:

Er ist extrem intelligent und versteht mehr von unserem Rechtssystem als manche Anwälte, die ich hier getroffen habe.

Zacharias Moussaoui

In dem Verfahren am Freitag bekannte sich Moussaoui schuldig, Teil einer terroristischen Verschwörung zu sein, in Afghanistan und unter Anleitung Osama Bin Ladens trainiert zu haben, in die USA gekommen zu sein, um Anschläge auszuführen und dabei auch entführte Flugzeuge als Waffen zu benutzen. Die Richterin ging mit ihm ein fünfseitiges Statement of Facts durch und wies ihn bei den Anklagepunkten jeweils darauf hin, dass darauf lebenslange Haft oder die Todesstrafe stünde. Moussaoui bekannte sich in allen Punkten schuldig – und machte auch klar, dass er sich bewusst ist, was er damit tut:

Zeigen Sie mir einen einzigen Punkt in diesem Statement, der sagt, dass Mr. Moussaoui in die Vereinigten Staaten kam, um an 9/11 teilzunehmen. Das ist nicht meine Verschwörung. Und dies will ich bei der Verhandlung um die Todesstrafe als mildernden Umstand gegenüber der Jury einführen. Ich will nicht, dass sie behaupten können, dass ich eine kleine Rolle bei 9/11 gespielt habe, denn Sie wissen genau, dass Ihre Regierung … Ihr Kongress das Gesetz gegen Verschwörung eingeführt haben, um die Idee zurückzuweisen, dass in einem Drogenkartell der Lastwagenfahrer, der die Chemikalien für die Drogenproduktion fährt, sagen kann: Oh, ich fahre ja nur einen Lastwagen mit Chemikalien. (…) Wenn jetzt Mr. Durham (Moussaouis Anwalt) sagt, Mr. Moussaoui hatte eine kleine Rolle bei dieser Verschwörung, bedeutet das die Todesstrafe für mich, weil es bei einer Verschwörung so etwas wie eine "kleine Rolle" nicht gibt.

Aus diesem Grund lehne er auch Verhandlungen ab, die sein Anwalt im Falle eines "nicht schuldig"- Bekenntnisses führen wolle:

Sie können sich vorstellen: wenn die Regierung die Leiden der Opfer und andere Dinge vor die Jury bringt, was hat dann Gewicht ? Ein entlastendes CIA-Papier auf dem steht, Khalid Sheik Mohammed sagt dies oder das? Was wird Gewicht vor der Jury haben ? Nichts.

Deshalb wolle er den Punkt der Entlastung für seine Berufung beim Supreme Court aufbewahren:

Dort will ich präsentieren, was ich auch hier gesagt habe: ich war Teil einer anderen Verschwörung.

Als Moussaoui sich dann über seine Verteidiger beschwert, die ihn in der Presse als verrückt bezeichnen und sich weigern würden, diesen Weg zum Supreme Court zu gehen, unterbricht ihn die Richterin. "Ich möchte fortfahren …." - " Jeder weiß doch, dass ich kein 9/11 Material (laut Transcript "material", laut Spiegel Online "Märtyrer") bin" – "Ich haben das verstanden. Bitte setzen Sie sich."

Zu dieser "anderen Verschwörung", derer er sich schuldig bekennt, hatte Moussaoui zuvor gesagt:

Ich frage die Regierung, wo ein einziger Paragraph hier behauptet, dass ich schuldig an 9/11 bin. Denn die Regierung sagt, dass es eine breitere Verschwörung gab, Flugzeuge als Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Wenn das richtig ist, okay, dann kam ich in die USA, um an dieser breiteren Verschwörung, Flugzeuge als Waffen einzusetzen, teilzunehmen. Ich habe das Fliegen einer "747- 400" trainiert, um sie eventuell, wie es im "statement of facts" steht, ins Weiße Haus zu stürzen, aber dies war eine andere Verschwörung als 9/11. Meine Verschwörung hatte zum Ziel, Scheich Omar Abdul Rahman zu befreien, den blinden Scheich, der in Florence, Colorado gefangen gehalten wird – und wir wollten die 747 benutzen, weil es ein Langstreckenflugzeug ist und wir damit ohne Zwischenlandung und die Gefahr einer Stürmung nach Afghanistan gekommen wären. Deshalb bin ich schuldig, an einer breiteren Verschwörung teilgenommen zu haben, die ein Flugzeug in das Weiße Haus stürzen wollte, wenn die amerikanische Regierung Verhandlungen abgelehnt hätte.

Versucht hier ein intelligenter, mit zwei Hochschulabschlüssen ausgestatteter Terrorist und Todeskandidat mit einer letzten schlauen Finte dem elektrischen Stuhl zu entgehen – oder sagt Zacharias Moussaoui die Wahrheit? Als "verworrene Geschichte", so etwa der Spiegel-Reporter, kann seine ziemlich klare und im Protokoll nachlesbare Aussage freilich nur abtun, wer das Verbrechen des 11.9. für kriminalistisch aufgeklärt und den 9/11-Untersuchungsbericht für widerpruchsfrei hält.

All Americans remember the images of September 11th, 2001, when nineteen men hijacked four commercial airplanes to commit the largest terrorist attack in our history. We also remember the heroes of that day - brave police officers, firefighters, emergency medical personnel, National Guard troops, passengers on Flight 93, and everyday men and women who put themselves in harm's way to help others. Together with every American, they honored the thousands of victims with acts of ordinary goodwill and extraordinary patriotism. In the wake of these horrific attacks, the U.S. Government, working with our allies, launched an unprecedented global investigation - the largest of its kind - to identify and bring to justice those who participated in this conspiracy to kill thousands of innocent lives.

As part of that effort, just a short while ago at the federal courthouse in Alexandria, Virginia, Zacarias Moussaoui pled guilty to charges related to his role in the conspiracy that brought about the September 11th terrorist attacks (…) The fact that Moussaoui participated in this terrorist plot is no longer in doubt. In a chilling admission of guilt, Moussaoui confessed to his participation (…).

So heißt es in einer Mitteilung des Justizministeriums, in der der gar nicht auf die neuen Behauptungen Moussaouis eingegangen wird.

Ansonsten scheint Moussaouis Geschichte durchaus Sinn zu machen – zumindest wäre eine Attacke, wie er sie angeblich auf persönliches Geheiß von Bin Laden vorbereitete, ohne fremde Hilfe durchführbar, während die erfolgreiche Durchführung der Anschläge des 11.9. einer ganzen Serie von Pleiten, Pech und Pannen bedurfte. Allen voran beim FBI, deren Agentin Coleen Rowley nach der Festnahme des verdächtigen Flugschülers Moussaoui im August 2001 von weiteren Ermittlungen abgehalten wurde. Das "Time" Magazin kürte die unermüdliche Ermittlerin Rowley im Jahr 2002 zur "Person of the Year" – ihr Vorgesetzter Spike Bowman, der sie in der FBI-Zentrale blockiert hatte, wurde nicht etwa entlassen. Er erhielt einen Geldpreis für "außergewöhnliche Leistungen" und ein vom Präsidenten unterzeichnetes Zertifikat.

Mit der Aussage Moussaouis vor Gericht ist einmal mehr der Versuch gescheitert, Jemanden für die Mittäterschaft an einem Verbrechen zu verurteilen, das selbst noch gar nicht aufgeklärt ist. Mit dieser Wendung rückt auch das merkwürdige Verhalten der 19 anderen Hijacker wieder ins Blickfeld, die sich bekanntlich in den Wochen vor dem Attentat nicht so verhielten, als ob sie bald Selbstmord begehen würden. Sie besorgten sich neue Pässe, zahlten Bußgelder und gaben Mietwagen zurück. Der Anführer Atta eröffnete am 25. August 2001 bei "American Airlines" noch ein "Frequent Flyer"-Konto. Die Frage, ob er auf seinem Selbstmordflug Meilen sammeln wollte – oder ob die anderen 19 Hijacker wie Moussaoui Teil einer "anderen Verschwörung" waren bleibt weiter offen.

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