ADHS-Diagnose für jeden fünften männlichen Schüler auf der Highschool

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden mit ADHS in den USA diagnostziert und medikamentös behandelt, nach den Kriterien des neuen DSM-5 wird die Zahl weiter ansteigen

Nach Daten einer umfassenden Erhebung der Centers for Disease Control and Prevention, die von der New York Times ausgewertet wurden, ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter der Aufmerksamkeitsstörung ADHS leiden sollen, weiter angestiegen. Mittlerweile haben 6,4 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren zum zumindest einmal eine ADHS-Diagnose erhalten. Das sind 16 Prozent mehr als 2007 und 53 Prozent mehr als im letzten Jahrzehnt.

11 Prozent aller Schulkinder - 15 Prozent der Jungen und 7 Prozent der Mädchen - in den USA sollen mithin jetzt ADHS haben, 2010 ging man noch von 9 Prozent aus. Die Aufmerksamkeitsstörung hat sich zu einer Volkskrankheit entwickelt, die sich zumindest nach den Zahlen epidemisch ausbreitet. Fast 20 Prozent der Jungen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren sollen mittlerweile von dem Syndrom betroffen sein, dessen Ursache weiterhin umstritten ist, zumal wenn die Diagnose schon routinemäßig immer öfter gestellt und damit immer mehr Kinder und Jugendliche als "anormal" und psychisch gestört beurteilt werden, was auch Auswirkungen auf ihr Selbstverständnis haben wird.

Unklar ist weiterhin, ob das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom genetisch oder durch Umweltfaktoren bedingt ist, man behilft sich mit einer multifaktoriellen Ursache, wobei skeptisch macht, warum das Syndrom sich so explosiv in den Köpfen der Kinder verbreiten soll. Es könnte auch sein, dass sich neue Normen des Verhaltens durchgesetzt haben, dass die kognitiven Anforderungen an Kinder anders wurden oder dass sich Erziehungsstile verändert haben, so dass so viele Kinder mit ADHS diagnostiziert und Verhaltensweisen pathologisiert werden. Einhergeht mit der Diagnose nämlich eine massenhafte Behandlung der jungen Menschen. 10 Prozent der Jungen, die eine Highschool besuchen, erhalten Medikamente. Zwei Drittel der Diagnostizierten werden medikamentös mit Ritalin oder Adderall behandelt. Das soll natürlich therapeutisch wirken, stellt aber auch ein Neuro-Enhancing oder einen Aspekt der zunehmend mit psychoaktiven oder anderweitigen Wirkstoffen wie schmerzlindernden Opiaten gedopten Gesellschaft dar. Die Verkäufe von ADHS-Medikamenten haben sich von 4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007 auf 9 Milliarden 2012 mehr als verdoppelt.

Die Diagnose wird anhand von Kriterien im Gespräch mit den Patienten, Eltern und Lehrern gestellt. Objektive Kriterien gibt es nicht, je nach Druck der Eltern, die sich Sorgen um die Karriere ihrer Kinder machen oder mit diesen nicht zurechtkommen, oder Neigung der Ärzte kann die Diagnose auch übereilt gestellt werden. Dafür spricht auch, dass die Diagnose regional höchst unterschiedlich gestellt wird. Der CDC-Direktor Thomas Frieden fordert eine neue Balance. Die richtige Medikation könne für die richtigen Patienten sehr hilfreich sein, aber "der Missbrauch scheint alarmierend zuzunehmen", warnt er.

Im demnächst neu erscheinenden Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), das maßgeblich die Kriterien für die Diagnose von psychischen Störungen und Krankheiten festlegt, soll, so die NYT, die Diagnose von ADHS erweitert worden sein, so dass noch mehr Jugendlichen und Erwachsenen eine Aufmerksamkeitsstörung attestiert werden könnte.

So sollen die Symptome, für die nun auch weitere Beispiele gegeben werden, künftig vor dem Alter von 12 Jahren und nicht bereits vor dem von 7 Jahren aufgetreten sein, Symptome brauchen auch nur den Alltag beeinflussen, anstatt zur Behinderung zu führen ("symptoms that caused impairment were present before age 7 years" wird verändert in "several inattentive or hyperactive-impulsive symptoms were present prior to age 12"). Überdies kann ADHS nun auch mit Autismus in Zusammenhang gebracht werden. Während bei Kindern und Jugendlichen weiterhin 6 Symptome für eine Diagnose des Aufmerksamkeits- oder des Hyperaktivitätssyndroms vorliegen sollen, müssen bei Erwachsenen nur noch 5 vorhanden sein.

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