ADHS und die Suche nach dem Heiligen Gral

Wurzel der molekularbiologischen Psychiatrie

Körpermodelle psychischer Störungen gibt es seit der Antike. Sogar schon von den Ägyptern ist überliefert, dass sie bestimmte Probleme mit elektrischer Gehirnstimulation behandelten, nämlich mit am Kopf aufgelegten Zitteraalen. Diese ältere Geschichte beiseite, begann die moderne wissenschaftliche molekularbiologische Psychiatrie, wie wir sie heute kennen, um 1900 mit dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926).

Die internationale Psychiatrie schwenkte im Laufe des 20. Jahrhunderts, vor allem mit Zusammenstellung des DSM-III von 1980, auf den Kraepelinschen Ansatz um und ließ nach und nach die Psychodynamik nach Sigmund Freud (1856-1939) hinter sich. Seitdem liegt das Hauptaugenmerk psychiatrischer Forschung auf evidenzbasierter Medizin und dem Nervensystem, vor allem dem Gehirn des Menschen.

Suche nach Biomarkern

Als die führenden amerikanischen Psychiaterinnen und Psychiater 1999/2000 die Forschungsagenda für das 2013 erschienene und heute gültige DSM-5 verabschiedeten, hatte das Entdecken genetischer und neuronaler Marker, sogenannter Biomarker, höchste Priorität. Biomarker sind - oder besser: wären - in diesem Zusammenhang zuverlässige körperliche Merkmale zur Diagnose und Behandlung psychischer Störungen.

In den USA verfügt alleine das National Institute of Mental Health über ein Jahresbudget in Milliardenhöhe (das übrigens von Trump gerade um schlappe 300 Millionen gekürzt wurde). Geleitet wurde diese öffentliche psychiatrische Einrichtung, dem Volumen nach wohl die größte der Welt, von Steven Hyman (1996-2001), Thomas Insel (2002-2015) und jetzt von Joshua Gordon (seit 2016). Alle drei waren und sind starke Anhänger des molekularbiologischen Ansatzes; Gordon nennt sein Fach sogar "Schaltkreisepsychiatrie".

Einflussreiche Köpfe in Deutschland

Vergleichbare "Hot Spots" psychiatrischer Forschung in Deutschland sind das Max-Planck-Institut in München, früher unter Leitung Florian Holsboers (1989-2014) und jetzt der Doppelspitze von Elisabeth Binder und Alon Chen (beide seit 2013), und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, dessen Direktor Andreas Meyer-Lindenberg ist (seit 2007). Auch unter deren Leitung herrscht das molekularbiologische Denken vor.

In den letzten Jahrzehnten hatte dieses Paradigma also weder einen Mangel auf Ebene der Ressourcen, noch des Personals. Es ist eher umgekehrt so, dass Schwierigkeiten bekommt, wer außerhalb dieses Ansatzes Karriere in Wissenschaft und Forschung machen will.

Was bringt die Neuro-Forschung?

Die entscheidende und von der bisherigen Kritik unabhängige Frage ist jetzt: Für wie viele der, je nach Zählweise, 150, 300 oder 600 psychischen Störungen des DSM-5 ist es seit der Zeit Emil Kraepelins, also seit mehr als hundert Jahren, gelungen, einen zuverlässigen Biomarker zu finden?

Die Antwort: für keine einzige. Auch das DSM-5 von 2013 beruht ausschließlich auf Symptomlisten, die am Verhalten, Erleben und täglichen Funktionieren der Menschen festgemacht sind. In Fachsprache: In der Forschung suchen alle wie wild nach einer Pathophysiologie (körperlichen Krankheitslehre), dem Heiligen Gral; in der Praxis vertraut man aber nach wie vor auf die Psychopathologie (psychologische Krankheitslehre). Es bleibt einem auch nichts anderes übrig.

Angesichts dieser Befundlage muss man einmal innehalten.

Auch Zebrafische können "depressiv" sein, wenn es nach dem Forschungsteam um den MPI-Direktor Herwig Baier geht. Für eine Studie wurden die Tiere genetisch so modifiziert, dass sie permanent "gestresst" sind. Daher reagieren sie empfindlicher auf Veränderungen ihrer Umwelt und treiben dann lethargisch auf dem Boden des Aquariums. Doch nicht so, wenn dem Wasser das Antidepressivum Fluoxetin (Prozac®) beigemischt war. Bild: Max-Planck-Institut für Neurobiologie/Schorner

Der Graben zwischen dem theoretischen Fundament des molekularbiologischen Paradigmas der Psychiatrie und seinen praktischen Erfolgen könnte kaum größer sein. Wie reagieren nun die Führungspersönlichkeiten auf das evidente Scheitern ihres Ansatzes? Sie versprechen wieder einmal, dass der Durchbruch dank moderner neurogenetischer Verfahren vor der Tür stehe, siehe Joshua Gordon, siehe Andreas Meyer-Lindenberg.

Kritik gegen den Mainstream

Doch in ihrer Zunft mehrt sich der Widerstand gegen den Neuro-Wahn. Und auch junge Psychiaterinnen und Psychiater interessieren sich wieder vermehrt für die philosophischen Grundlagen ihres Fachs. Noch eine Denksportaufgabe, sollte jemand von diesen den Artikel lesen:

Die "Schaltkreisepsychiatrie", wie sie sich Gorden und andere ihrer Führungspersönlichkeiten vorstellen, wäre in letzter Konsequenz doch gar keine Psychiatrie mehr, sondern: Neurologie! Wollen Sie das, die Psychiatrie abschaffen? Wollen Sie das Reden mit Menschen durch das Anpassen neuronaler Schaltkreise ersetzen?

Ähnlich wie mit dem beflügelten Wort der "personalisierten Medizin" im Gegenteil eine neue Dimension der unpersönlichen Medizin auf uns zu kommt, in der noch mehr in Röhrchen gespuckt, Gene untersucht, Gewebe- und Blutbeproben genommen, Gehirne durchleuchtet doch weniger auf das Subjekt gehört wird?

Mit diesem Bild bewarb die Universität Heidelberg eine öffentliche Veranstaltung zur "personalisierten" beziehungsweise "individualisierten Medizin". Fragen Sie sich selbst, wie viel Persönlichkeit und Individuum in dieser Form der Medizin enthalten ist. Foto: Universitätsklinikum Heidelberg.