AOL und die freiwilligen Mitarbeiter

"Gemeinschaft und Mitarbeit sind der Gencode des Internet"

Schon lange hatte sich AOL, der größte Online-Provider mit weltweit über 17 Millionen Kunden, zur Betreuung seiner Mitglieder auf die Leistungen von freien Mitarbeitern gestützt. Diese "community leaders" beantworten beispielsweise Fragen von Mitgliedern, betreuen Chat-Räume oder versuchen die Regeln von AOL durchzusetzen. Sieben frühere Mitarbeiter haben jetzt das amerikanische Arbeitsministerium aufgefordert, den Einsatz von freiwilligen Mitarbeitern zu untersuchen, da er nach ihrer Ansicht Arbeitsgesetze verletzt.

"Bezahlt" werden die freiwilligen Mitarbeiten wie schon vor 10 Jahren mit einem kostenlosen Account bei AOL, doch der ist seitdem immer billiger geworden, nicht aber die zu leistende Arbeit. Die mehr als 10000 freien Mitarbeiter müssen mindestens vier Stunden in der Woche arbeiten und zusätzliche Kurse besuchen oder Papierarbeit erledigen. AOL hat reguläre 12000 Angestellte und kann sich durch die billige Mitarbeit der Freiwilligen einiges an Geld sparen. Angeblich soll die Firma aber die Freiwilligen entlassen und ihren Account gesperrt haben, wenn sie Geld für ihre Arbeit verlangten oder sich über andere Dinge beschwerten. Die ehemaligen Angestellten wollen die Praxis von AOL öffentlich bekanntmachen und die Firma dazu bringen, die Arbeit der Freiwilligen auch zu bezahlen. Schließlich ist AOL ein kommerzielles Unternehmen und die Betreuungsarbeiten tragen mit zum wirtschaftlichen Erfolg bei.

Ann Brackbill, eine Sprecherin von AOL, entgegnete nach der New York Times auf die Vorwürfe, daß es sich dabei nur um eine Formalisierung der Mitarbeit von Kunden seit dem Start der Firma im Jahr 1985 handelt: "Das ist organisch aus dem heraus gewachsen, was die Menschen gerne online machen. Gemeinschaft und Mitarbeit sind der genetische Code des Internet."

Das ist natürlich eine schöne Begründung, die letztlich daraufhin hinausläuft, daß man Menschen, die kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt wie einen Account etwas zugunsten der Firma leisten, solange ausbeutet, wie es möglich ist, auch wenn die Firma seit 1985 zu einem globalen Konzern geworden ist, der sich etwa gerade für Milliarden von Dollar Netscape gekauft hat. Natürlich stimmt es, daß viele Menschen früher in einer Art der Ökonomie des Schenkens viel Arbeit kostenlos in das Netz investiert haben. Die Hackerkultur und die Bewegung Free Software zeugen etwa davon. Vielleicht wollten und wollen sie anerkannt werden, aber sobald sie für ein Unternehmen instrumentalisiert werden, sieht die Situation doch anders aus. Schließlich ist AOL kein Pionier mehr. Ähnliches voellzieht sich gerade auch über die Konflikte innerhalb der Open Source Bewegung, die in Abgrenzung zu Free Software das kooperative Erstellen von Programmen nur als bessere Produktionsform ansieht. Wenn das Open Source Modell jetzt aber auch von Firmen wie Netscape oder Apple und sogar vom Präsidentschaftsbewerber Al Gore aufgegriffen wird, so geht es eher nur noch darum, die freiwillige und kostenlose Arbeitsleistung sich anzueignen und in Profit umsetzen. Das wohl entscheidende Moment der Selbstorganisation geht dabei jedoch vermutlich baden. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung verändert sich auch das Verhalten im und die Erwartungen an das Netz. (Florian Rötzer)

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