APO-Online: Die Opposition formiert sich neu im Netz

Im Vorfeld des Castor-Transports startet in Deutschland das Freie Medienzentrum Indymedia, das sich als Keimzelle einer neuen Oppositionsbewegung versteht

Einen Kommunikationskorridor für die linke Szene wollen die Macher von Indymedia.de mit ihrer Website schaffen und durch die dort publizierten Berichte, Fotos und Videos von Augenzeugen auch die Massenmedien beeinflussen. Die Nachrichten von sozialen und politischen Brennpunkten "von unten" haben sich in Seattle und Prag bewährt. Weltweit gibt es bereits über 50 Independent Media Center.

Berlin-Kreuzberg, früher Abend. Im Underground-Café Kato direkt im U-Bahnhof Schlesisches Tor, dem ehemaligen Endpunkt der legendären Linie 1, versammelt sich die linke Szene. Rund 50 Leute - teilweise mit gewagten Punk-Frisuren, Nasenringen und Zöpfen - trudeln langsam ein, während aus den Boxen die Stimme eines Rappers dröhnt. Am Eingang liegen Faltblätter aus, die zu "offenen Diskussionsrunden über Anarchie" in Berlin-Mitte, zu den "Libertären Tagen" in Düsseldorf oder zum Widerstand gegen die Castor-Transporte im Wendland aufrufen. Ein ganz in Feuerrot gehaltenes Papier klärt über die Machenschaften der Neonazis von Revolte.net auf.

Die Szenerie, die fast wie aus dem vergangenen Jahrhundert wirkt, bildet den Rahmen für die Vorstellung des Unabhängigen Medienzentrums Indymedia. Über die Website www.germany.indymedia.org soll von kommender Woche an "erstmalig in Deutschland eine umfassende Berichterstattung von unten" laufen, erläutert Sebastian. Er gehört zu den rund 30 Aktivisten, die den Kern der oppositionellen Redaktion bilden und lieber nur mit Vornamen oder unter Pseudonymen zitiert werden möchten. Dokumentationen und Reportagen zu "wichtigen sozialen und politischen Themen" will die Truppe bieten - möglichst von Korrespondenten live vor Ort an den Brennpunkten der Nation. Mitmachen kann letztlich jeder, der lesen und schreiben oder ein Aufnahmegerät für Audio- oder Videodaten bedienen und die Materialien an das Zentrum schicken kann.

Unzufrieden sind die Informationsrebellen vor allem mit dem Tenor der Beschreibung der Welt in den Massenmedien. "Da sieht, hört und liest man doch nie, was in Wirklichkeit passiert", ärgert sich eine junge Dame. Ein anderer Sympathisant finden den Kram, "der in der bürgerlichen Presse serviert wird", sogar einfach nur "Scheiße". Das soll sich durch das Netzwerk, in dessen Philosophie "jeder ein Medium ist", nun ändern. Die Feuertaufe des Projekts wird die Dokumentation des Widerstands gegen den Castor-Transport sein.

Die Geburt von Indymedia.de aus dem Anti-Castor-Geist

Von dem "Ereignis" Ende März erhofft sich die gesamte links-alternative Szene, die über die Politik der Grünen in der Regierungskoalition enttäuscht ist, ein Revival. Die Fortsetzung der Atomtransporte steht einem Flyer der "Stiftung Unruhe" zufolge, die auch auf der Preview-Version des deutschen Indymedia-Zentrums bereits eifrig Nachrichten postet, für "Pfusch, Murxerei, Polizeigewalt, Ökohorror, Lug und Trug" der Bundesregierung. "Und sowas schafft für Widerstände und Proteste aller Art einen schönen Rückenwind." Während die Grünen die Widerstandsbewegungen nur "befrieden und auf ihre eigenen repräsentativen Bahnen politischer Einflussnahme" lenken wollten, weist die Stiftung Unruhe auf eine "hohe Bereitschaft" hin, den "staatlich verordneten" Demonstrationsrahmen zu verlassen. Sie ruft daher offen zu einem "Aufstand der Unanständigen" sowie zur "Stilllegung der herrschenden Klasse" auf.

Im Netz können sich die Interessenten derweil bereits unter Adressen wie www.oneworldweb.de/castor, Nadir.org oder www.x1000malquer.de über das angekündigte "tolle Treiben im Wendland" rund um den Starttermin der Castor-Transporte am 26. März aufklären. Indymedia.de hat es sich zum Ziel gesetzt, die von der Stiftung Unruhe angeprangerte "medienwirksame Placebo-Politik" der Grünen durch die geplanten Augenzeugen-Darstellungen zu unterlaufen.

Gleichzeitig sieht sich das Team, das vor allem aus Studenten und freien Radiojournalisten besteht und sich keiner politischen Organisation zugehörig fühlt, als Sammelstelle der außerparlamentarischen Oppositionsbewegung. "Gerade in Deutschland sind die verschiedenen Szenen - Ökos, Autonome, Anarchos, Bürgerrechtler, etc. - in sich zersplittert", erklärt Sebastian. Die Macher von Indymedia hoffen nun, die unterschiedlichen Gruppierungen über die Website wieder stärker zusammenzuführen und so als Sprachrohr einer geeinten Graswurzel-Bewegung zu fungieren.

Das Internet als Fenster, um zensurlos aus aller Welt zu berichten

Regelrecht "infiziert" von der Idee zur Gründung eines Freien Medienzentrums in Deutschland wurden die jungen Staatskritiker während der Teilnahme an den Protesten gegen den Gipfel der World Trade Organization (WTO) vergangenen Herbst in Prag, erzählt Sebastian. Allein sind die deutschen alternativen Medienmacher nämlich längst nicht mehr. Das erste Independent Media Center (IMC) wurde 1999 während der Demonstrationen gegen das WTO-Treffen in Seattle ins Leben gerufen. Es machte sich rasch einen Namen durch seine Live-Berichte aus dem Hexenkessel der Westküsten-Metropole, in der sich die Angst vor einem schrankenlosen Welthandel in Krawallen entlud. "Die großen Medien haben das IMC wie eine Nachrichtenagentur genutzt", freut sich Sebastian, da ihre Reporter von dem Geschehen überfordert gewesen seien.

Seitdem hat sich das Virus der nicht-kommerziellen Medienzentren rasant um die ganze Welt ausgebreitet. Knapp anderthalb Jahre nach Seattle gibt es bereits über 50 IMCs, die Futter für die Massenmedien liefern und den Hunger der Surfer nach "authentischen" Informationen zu stillen versuchen. Als reines Glied der "Antiglobalisierungsbewegung" will Anna, die bei der Entwicklung der weltweiten Oppositionsnetzwerke seit langem dabei ist, die IMCs aber nicht sehen. Dort sammeln sich ihrer Ansicht nach alle von der Politik Enttäuschten, "die grundsätzlich an der Gesellschaft etwas verändern wollen." Angefangen habe das Alles mit der Revolte der Zapatistas gegen die mexikanische Regierung, um dann über den G8-Gipfel 1999 in Köln, über Seattle und Prag immer sichtbarer zu werden. Seitdem sei im Gegensatz zur Mitte der Neunziger offensichtlich, "dass es Leute gibt, die gegen den Kapitalismus sind."

Berichtet wird inzwischen aus Australien genauso wie aus zahlreichen Städten der USA oder Brasilien. Sogar für den Kongo gibt es bereits eine eigene Website. "Das Internet bietet ein offenes Fenster, um ohne Zensur aus zahlreichen Ländern und Diktaturen zu berichten", verkündet Vladimir, der von Berlin aus das russische Independent Media Center betreut. Auf "seiner" Site finden sich zahlreiche Nachrichten aus Tschetschenien oder der Ukraine, die ohne Indymedia wohl nie an die Öffentlichkeit gekommen wären. Die Server aller IMCs stehen in den USA oder in Kanada, wo das Recht auf freie Meinungsäußerung traditionell sehr hoch gehalten wird.

Zensur gegen Neonazis?

In Deutschland tut sich die Stammtruppe hinter Indymedia.de dagegen noch etwas schwer mit Thema Zensur. Prinzipiell sollen auch hier zu Lande alle eingeschickten Texte, Bilder und Audiodateien in einer Art Newsticker am Seitenrand veröffentlicht werden. Als technische Grundlage dient das "Open Publishing System", das auch bei den anderen Indymedia-Seiten seine Dienste verrichtet. Ob in der Spalte am rechten Rand bei Indymedia.de aber tatsächlich alle eingeschickten Dateien landen sollen, wurde auf der Informationsveranstaltung im Kato noch heiß diskutiert. Angst haben die Entwickler vor allem davor, so Sebastian, "dass die Nazis uns die Seiten vollmüllen."

"Sexistische, rassistische und nazistische Texte müssen die Moderatoren löschen", forderte daher eine Teilnehmerin. Mit der Aussage fing sie sich einen Rüffel eines anderen engagierten Medienstreiters ein, der "sexistisch" durch "patriarchal" ersetzt wissen wollte, ihr ansonsten aber zustimmte und gleich zum vorsorglichen Hack neonazistischer Webforen aufrief. "Die 'Kameraden' sind im Netz viel aktiver, die Linken hinken hinterher", ärgerte er sich weiter. Die freie Meinungsäußerung müsse daher zurückstecken, um zunächst die linken Kräfte zu bündeln.

Ein Abgesandter eines amerikanischen IMCs warnte dagegen vor jeglicher Zensur und erinnerte an den "radikal-demokratischen Ansatz" der in den USA geborenen Bewegung. Seiner Meinung nach ist es besser, Andersdenkende nicht zu unterdrücken, sondern ihre Postings zu kommentieren. Falls die "Verschmutzung" des Tickers trotzdem zu groß werden sollte, könnte man einzelne Meinungen immer noch an einer untergeordneten, nicht allen Besuchern der Site sofort ins Auge stechenden Stelle publizieren. Begrüßt wurde in diesem Sinne der Vorschlag einer anderen Diskutantin, die alle Statements zunächst auf einer gesonderten Seite sammeln und nur die vom Moderationsteam für gut befundenen Dokumente in den Ticker hieven will. Zudem solle eine Funktion eingerichtet werden, mit der sich Leser den Ausschuss per Email-Abo zusenden lassen können.

Diese Lösung würde auch ein anderes Problem bekämpfen, das Jürgen, ein freier Medienschaffender, aufwarf. Er befürchtet, dass die Qualität der Berichterstattung insgesamt leiden könnte, falls tatsächlich "Hunderte von Leuten einen Demo-Report schreiben." Schließlich kranke die Mediengesellschaft nicht an zuwenig, sondern an zuviel und schlechter Information. Der Überflutung will das Kernteam von Indymedia.de durch das Herausstellen besonders gelungener Text- oder Bild-Reportagen im Mittelteil der Website entgegenwirken. (Stefan Krempl)