ARD-Papier: Aufbau einer "Anti-Fake-News-Einheit" geplant

Kai Gniffke will sich bis mindestens nach der Bundeswahl konsequent mit irreführenden Nachrichten auseinandersetzen

Die Aufregung in Teilen der Medienlandschaft ist derzeit groß. Der Grund: Fake News. Gegen Nachrichten, die inhaltlich falsch und manipulierend sind, will die ARD nun schweres Geschütz auffahren - und, wie es aussieht, werden weder Kosten noch Mühen gescheut. Eine Art "Anti-Fake-News-Einheit" wünschst sich der Chefredakteur von ARD-Aktuell, Kai Gniffke.

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Davon berichtet Ulrike Simon vom Redaktionsnetzwerk Deutschland in ihrer aktuellen Medienkolumne. Ein entsprechendes Papier, dass der "oberste Nachrichtenmann" der ARD ausgearbeitet hat, sei vergangene Woche bei der Konferenz aller ARD-Chefredakteure besprochen worden. Nun liege das Papier bei ARD-Chefredakteur Rainald Becker und solle nächste Woche auch bei der ARD-Direktorenkonferenz diskutiert werden. Simon, der das Papier vorliegen soll, führt genauer aus, was es mit dem Konzept auf sich hat. Demnach sei zum Aufbau der "Anti-Fake-News-Einheit" Folgendes notwendig:

"Für Monitoring und Listening: zwei Schichten pro Tag zwischen 8 und 22 Uhr.

Für Recherche inklusive Austausch in Netzwerken, Faktencheck: zwei Schichten pro Tag zwischen 8 und 22 Uhr.

Für die Herstellung plattformoptimierter Formate: ein Grafiker

Für die Bereitstellung einer Landing-Page und kontinuierliche Begleitung: circa 80 Webmaster-Tage.

Dazu

IT-Support

Serverkapazität."

Wie Simon weiter berichtet, werde die Gruppe gegen Falschmeldungen ihren Dienst spätestens im April aufnehmen und dann bis im November tätig sein. Zum Ende des Projektes stünde eine Evaluierung an. Anschließend solle "über langfristige Strukturen und Workflows zu Verifikation und Fake News in der ARD entschieden" werden.

Simon macht darauf aufmerksam, dass auch andere Medien gegen Fake News mobil machen:

Vor wenigen Tagen hat sich die Deutsche Presseagentur dem Bündnis "First Draft Coalition" angeschlossen. Dem Netzwerk, dem unter anderem Aljazeera, Twitter, Google, Facebook und die "Washington Post" angehören, sind jüngst unter anderem auch Reuters, die BBC und NBC beigetreten. Gemeinsam wollen sie im Netz auftauchende Geschichten verifizieren bzw. falsifizieren und die Rechercheergebnisse im Anschluss mit der Öffentlichkeit teilen. Die BBC kündigte ebenfalls an, ein eigenes Team zu gründen, das Fake News identifizieren soll.

Ulrike Simon

Was ist von dem Vorgehen großer Medien zu halten, die an breiter Front gegen "Fake News" mobil machen? Oberflächlich betrachtet lässt sich nichts daran aussetzen, dass Medien, deren Aufgabe es ist, sachlich, objektiv und wahrheitsgemäß Informationen auszuwerten und den Mediennutzern zugänglich zu machen, Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen und darüber informieren, was der Wahrheit entspricht und was nicht.

Doch bereits in dieser Aussage kommt das eigentliche Problem zum Vorschein. Dass sich Journalisten mit einer Vielzahl von Informationen und Nachrichten auseinandersetzen, auf die sie an den unterschiedlichen Verbreitungsquellen treffen, ist nicht neu. Dieses Vorgehen war von jeher Kernaufgabe eines Journalisten. Und deshalb stellt sich die Frage: Wenn Journalisten sich grundsätzlich bei ihrer Arbeit einer Vielzahl von Nachrichten und Informationen annehmen und auswerten, warum wird seit geraumer Zeit so getan, als sei das etwas Besonderes?

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Warum wird seit geraumer Zeit die Auseinandersetzung mit "Fake News" so dargestellt, als sei diese im Sinne einer Aufklärung der Mediennutzer nicht ohnehin grundsätzlicher Bestandteil eines verantwortungsvollen Journalismus? Die Fragen führen zum Kern des Problems.

Unter dem Deckmantel journalistischer Aufklärung ist eine Kampagne zu beobachten, bei der es im Wesentlichen um die Fortführung jenes Kampfes geht, der seit der Verbreitung des Internets entstanden ist. Es ist der Kampf um die Deutungshoheit zwischen den "legitimen" Deutern und Bestimmern der Wirklichkeit und den "illegitimen" Wirklichkeitsbeobachtern.

Wer die Aufregung großer Medien um Fake News verstehen will, ist gut beraten, den Blick auf diese Auseinandersetzung zu werfen, die seit vielen Jahren von Vertreter beider "Lager" mit harten Bandagen geführt wird.

Das Misstrauen, das viele Mediennutzer gegenüber der Berichterstattung großer Medien haben, soll nun dadurch zurückgewonnen werden, in dem versucht wird, die Kompetenz der journalistischen Nachrichtenauswertung gegenüber den Mediennutzern besonders hervorzuheben. Die Strategie ist durchschaubar: Vordergründig geht es darum, "Nachrichten" mit einem hochproblematischen Inhalt, die sich durch das Internet verbreiten, rasch aufzuspüren und zu überprüfen. Doch der Kampf der großen Medien gegen Fake News ist vor allem auch eine Selbstinszenierung der eigenen Stärken im Hinblick auf die Auswertung von Informationen. (Marcus Klöckner)

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