ARD-Projekt: Von Fakten sprechen und dabei vermuten

Faktenfinder im Kampf gegeneinander um die wa(h)re Wahrheit. Screenshot der ARD-Website

Mit Faktenfinder kämpft "Das Erste" aus der eigenen Filterblase gegen andere Filterblasen - Ein Kommentar

Wer befindet sich innerhalb der Filterblase und wer außerhalb? Faktenfinder , das soeben angelaufene Vorzeigeprojekt der ARD, findet einfache Antworten auf eine komplexe Wirklichkeit. In jener Filterblase, die aus den eigenen Vorstellungen von Wirklichkeit besteht, leben "die Anderen". Außerhalb der Filterblase, also von jenen Positionen aus, die es erlauben, die Wirklichkeit mit einem ungetrübten Blick so zu sehen, wie sie ist, befinden sich wohl die ARD-Faktenfinder.

Wer das akzeptiert, kann das Projekt mit offenen Armen begrüßen. Ermuntern möchte man dazu aber niemand. Denn: Immer dann, wenn soziale Akteure, Gruppen und Institutionen behaupten, sie verfügten über den unverfälschten Blick auf die Wirklichkeit, ist Vorsicht geboten.

Das Projekt Faktenfinder, dem man - prinzipiell - durchaus eine Chance geben könnte, vermittelt bereits auf den ersten Eindruck, dass der Anspruch, den die Macher erheben, nicht wirklich erfüllt werden kann.

Wer der oberste Bestimmer der Wirklichkeit sein möchte, muss zwingend in der Lage sein zu erkennen, dass auch der eigene Blick auf das, was als Fakten betrachtet wird, von vielen sozialisatorischen Einflüssen verzerrt ist. Er muss Instrumente zur Hand haben, mit denen die eigenen Wahrnehmungen und Vorstellungen von Wirklichkeit so hinterfragt werden können, dass das eigene Weltbild und die eigenen politischen Einstellungen als das erkannt werden, was sie sind: nicht unantastbar.

In ihrem Zusammenspiel lassen die Aussagen und die Auswahl der Beiträge auf der Internetseite von Faktenfinder rasch erkennen: So wie nur die Anderen in der Filterblase leben, so können eben auch "Fake News" nur von jenen Seiten kommen, gegen die man journalistisch quasi etwas von Hause aus hat.

Da lässt man "deutsche Sicherheitsbehörden" im Freistil vermuten, dass "die Russen" hinter Cyberattacken stehen, platziert ein Foto von Trump im Zusammenhang von Fake News (wenig originell), wirft ohne kritische Distanz den Kampfbegriff Verschwörungstheorie in die Runde, garniert das Ganze dann noch mit einem dürren dpa-Faktencheck zum Absturz der Germanwings-Maschine ("Stimmt die Kritik an den Ermittlungen?, dem gegenüber steht dann eine über zweistündige, mit vielen Zwischentönen versehene Pressekonferenz des Vaters von Andreas Lubitz im Netz) und schon ist aus einer komplexen Welt eine geordnete Wirklichkeit geworden, in der es nichts mehr zu hinterfragen gibt und die, erstaunlicher Weise, mit genau jener Berichterstattung korrespondiert, wie sie oft genug über die Kanäle der großen Medien flimmert.

Doch diese Kritik an dem Vorgehen von Faktenfinder bewegt sich nur an der Oberfläche. Wer annimmt, es gehe bei der gesamten aufgeregten Diskussion um "Fake News" tatsächlich nur um "Fake News", hat nichts verstanden.

Die nervösen Einlassungen der Leitmedien auf die angeblich so große Gefahr von im Internet absichtlich verbreiteten Falschnachrichten haben in erster Linie mit dem Kampf um die Deutungshoheit zu tun.

Große Medien wissen seit geraumer Zeit, dass ihre Berichterstattung von einer beträchtlichen Anzahl an Mediennutzer kritisch hinterfragt wird. Über die sprachliche Konstruktion "Fake News" wird derzeit versucht, den Mediennutzer hin zu "den Fakten" zu bewegen, die - wer hätte es gedacht - selbstverständlich nur von jenen Medien geliefert werden können, die wegen einer oftmals undifferenzierten und herrschaftsnahen Berichterstattung von vielen Bürgern kritisiert werden.

Zum Vorschein kommt eine Legitimationsstrategie der unter Druck geratenen Medien mit dem Ziel einer vertrauensbildenden Maßnahme. Das ist durchschaubar. Dass dann auch noch zeitgleich Politiker in dasselbe Horn blasen, sprich: ebenfalls gegen "Fake News" mobil machen, lässt tief blicken. Journalisten großer Medien und Politiker im Kampf vereint? Ein bemerkenswertes Bild.

Anzeige