"Abenteuerliche Vermischung von Privateinnahmen, Staats- und Parteigeldern"

Frank Bajohr vom Münchner Institut für Zeitgeschichte zur neu entbrannten Debatte über Hitlers Vermögen

Durch die britische Dokumentation The Hunt For Hitler's Millions ist eine neue Debatte über das Vermögen und die Steuerschulden Adolf Hitlers entbrannt. Wir befragten dazu Dr. Frank Bajohr, den Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte. In seinen Forschungen über den Nationalsozialismus hat er sich auch vielfach mit der so genannten Arisierung jüdischer Vermögen, aber auch mit Korruption innerhalb des NS-Regimes befasst.

Herr Dr. Bajohr - hatte Adolf Hitler tatsächlich Steuerschulden?
Frank Bajohr: Zu Beginn des "Dritten Reiches" waren bei Hitler Steuerschulden durch nicht versteuerte Einnahmen aus dem Verkauf von "Mein Kampf" in beträchtlicher Höhe aufgelaufen. Sie wurden 1935 einfach gestrichen. Danach hat Hitler überhaupt keine Steuern mehr bezahlt. Dies galt übrigens für fast alle Reichsminister und Reichsleiter der NSDAP, die allenfalls stark verminderte Steuersätze zahlten. Sie waren exklusiv bei den Finanzämtern München-Nord oder Berlin-Mitte veranlagt, wo ihre Steuerakten wie ein Staatsgeheimnis gehütet wurden.
Welche Einnahmen hatte Hitler?
Frank Bajohr: Hitlers Einnahmen speisten sich vor allem aus fünf Quellen:
Erstens bezog er gleich zwei Gehälter für die Ämter des Reichskanzlers und - nach Hindenburgs Tod - des Reichspräsidenten.
Zweitens bezog er Tantiemen und Honorare aus dem Verkauf von "Mein Kampf" in Höhe von anderthalb bis zwei Millionen Reichsmark jährlich.
Drittens hatte er Zugriff auf den Ertrag der "Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft", de facto eine Zwangssteuer für Unternehmen, deren Erträge sich bis 1945 auf rund 700 Millionen Reichsmark summierten.
Viertens erhielt Hitler von der Deutschen Reichspost rund 50 Millionen Reichsmark für die Verbreitung seines Konterfeis auf Briefmarken.
Fünftens schließlich verfügte er bei der Bank Delbrück, Schickler & Co. über ein "Hilfsfond-Konto", das sich aus dem Vermögen verstorbener NS-Anhänger speiste, die Hitler testamentarisch bedacht hatten. Auch dafür musste Hitler keinerlei Erbschaftssteuern zahlen. Sein Rechtsanwalt argumentierte nämlich, dass "der Führer, die Partei und der Staat bekanntlich eins" seien. Insgesamt zeigt hier eine abenteuerliche Vermischung von Privateinnahmen, Staats- und Parteigeldern, die für die Korruption im Dritten reich typisch war.
Für die Verbreitung seines Konterfeis auf Briefmarken erhielt Adolf Hitler von der Deutschen Reichspost rund 50 Millionen Reichsmark.
Könnte Vermögen von Hitler auf Schweizer Bankkonten lagern?
Frank Bajohr: Das ist nicht völlig auszuschließen. Wenn dort Gelder angelegt wurden, dann jedoch sicher nicht, um Steuern zu sparen oder privat vorzusorgen. Hitler war ja ohnehin von allen Steuerzahlungen befreit und hatte fast unbegrenzten Zugriff auf öffentliche Finanzmittel. Es war ja schlechterdings unvorstellbar, dass er einst als Rentner in der Schweiz leben und am Genfer See Schwäne füttern würde.
Warum findet man so wenig Literatur zu den Vermögen von Nationalsozialisten und nationalsozialistischen Organisationen?
Frank Bajohr: Es gibt bislang keine einzige wissenschaftliche Studie, die systematisch analysiert, was nach 1945 mit dem Individualbesitz führender Nationalsozialisten einerseits, sowie mit dem Parteibesitz der NSDAP und ihrer Nebenorganisationen andererseits geschehen ist.
Gegenwärtig betreue ich eine Pilotstudie, die sich mit diesem Thema am Beispiel der Stadt Hamburg befasst. Das Institut für Zeitgeschichte in München ist sich bewusst, dass dies nicht zuletzt für Bayern ein wichtiges Thema wäre, weil sich hier besonders viel NS-Besitz konzentrierte. Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie der Freistaat Bayern nach 1945 mit seiner NS-Geschichte umgegangen ist, sollte dieses Thema nicht ausgespart bleiben. (Peter Mühlbauer)
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