Aber bitte nicht mit den Fingern

Giftmord auf britische Art, Teil 1

"Nachdem er beschlossen hatte, seine Frau zu ermorden, dauerte es noch mehrere Wochen, ehe Dr. Bickleigh in der Sache aktiv wurde." So beginnt ein Buch, das zu den besten Werken des "Goldenen Zeitalters" des britischen Kriminalromans gehört und die damaligen Regeln des Genres unterläuft, indem es gleich im ersten Satz den Täter nennt. "Mord ist eine ernste Angelegenheit", heißt es weiter. "Der kleinste Fehler kann katastrophal sein. Dr. Bickleigh hatte nicht die Absicht, eine Katastrophe zu riskieren."

Wenn man das liest, kann man sich sehr gut Alfred Hitchcock dazu vorstellen, den Liebhaber des sardonischen Humors, der uns als Zeremonienmeister seiner TV-Serie in das Leben und das Morden von Dr. Bickleigh einführt, dessen Vorhaben dann eben doch in der Katastrophe endet, weil der Gerechtigkeit auf die eine oder andere Weise Genüge getan werden muss. Tatsächlich plante Hitchcock, das Buch zu verfilmen, mit Alec Guinness als Bickleigh. Das Projekt ließ sich nicht realisieren, aber es gibt eine in den ersten Nachkriegsjahren produzierte Hörspielfassung, ein Kuriosum in Hitchcocks Œuvre, in dem der Meister des Suspense als Kommentator auftritt und an der Kunstfigur "Hitch" bastelt, die später, durch die Fernsehserie, weltberühmt wurde und häufig mit der biographischen Person gleichgesetzt wird, was ein ziemlicher Unsinn ist.

Das (im Internet leicht auffindbare) Hörspiel ist von filmhistorischer Bedeutung, weil es so etwas wie der Prototyp für "Alfred Hitchcock Presents" ist. Mit der Fernsehserie gelang Hitchcock endgültig, woran er mit den Kurzauftritten in seinen Kinofilmen seit Jahren arbeitete. Er etablierte sich als Marke und dies zu einer Zeit, als die meisten Zuschauer keine Ahnung hatten, wer einen Film inszeniert hatte oder worin die Tätigkeit eines Regisseurs eigentlich bestand (man ging ins Kino, um einen John-Wayne-Film zu sehen, keinen Western von John Ford). In Hollywood verschaffte ihm das ein Maß an künstlerischer Freiheit, von dem die meisten seiner Kollegen nur träumen konnten (auch weil er durch das Fernsehen schwerreich und zum Miteigentümer eines Studios wurde, der Universal). Dieser künstlerischen Freiheit verdanken wir Meisterwerke wie Vertigo, Psycho und Marnie. Ein klein wenig hat das auch mit diesem Hörspiel zu tun, das heute kaum mehr einer kennt, mit dem Roman, auf dem es beruht und mit dem Kriminalfall, von dem sich der Autor inspirieren ließ, als er ihn schrieb.

Offizier und Gentleman

Anthony Berkeley Cox war der Mitbegründer des legendären Detection Club, der sich ab 1930 zu Dinnerveranstaltungen in London traf und zu dem fast alle gehörten, die in der britischen Kriminalliteratur Rang und Namen hatten, von Agatha Christie über Dorothy L. Sayers bis zu A. C. Bentley (Trent’s Last Case). Der Club war um Qualitätssicherung bemüht und stellte Regeln für einen guten Krimi auf (unter anderem für einen fairen Umgang mit den Lesern), die jedoch nicht von jedem Mitglied mit heiligem Ernst befolgt wurden, was schon daran zu erkennen ist, dass Gilbert Keith Chesterton, der Erfinder von Pater Brown und der von der Geheimpolizei unterwanderten Anarchistenvereinigung in The Man Who Was Thursday, zum ersten Präsidenten gewählt wurde. Malice Aforethought (1931) ist einer der innovativen Kriminalromane, die Anthony Berkeley Cox unter seinem Pseudonym Francis Iles veröffentlichte. Das Vorbild für Dr. Bickleigh war kein Landarzt, sondern der Rechtsanwalt Herbert Rowse Armstrong. Als Wachsfigur im Horrorkabinett brachte er die Besucher von Madame Tussaud’s ein halbes Jahrhundert lang zum Gruseln. Als einziger Angehöriger seines Berufsstandes, der wegen Mordes zum Tode verurteilt und gehängt wurde, ging er in die britische Kriminalgeschichte ein.

Schauplatz war das verschlafene walisische Örtchen Hay-on-Wye, direkt an der Grenze zu England gelegen, heute Partnerort von Timbuktu sowie wegen seiner vielen Antiquariate, einiger werbewirksamer Aktionen des Buchhändlers und selbsternannten Königs Richard Booth und des jährlich stattfindenden Literaturfestivals als "Bücherdorf" bekannt. Major Armstrong betrieb in der Hauptstraße von Hay eine Anwaltspraxis. Wenn er auf die andere Straßenseite schaute konnte er das Büro seines Konkurrenten sehen, des Anwalts Oswald Norman Martin. Am 31. Dezember 1921 kamen drei Polizeibeamte in Armstrongs Kanzlei und nahmen ihn fest. Er wurde beschuldigt, am 26. Oktober desselben Jahres versucht zu haben, seinen Rivalen Oswald Martin mit Arsen zu vergiften. Diese Beschuldigung ist so ziemlich das einzige an dem Fall, das als gesichert gelten darf. Die Polizei hatte unter strengster Geheimhaltung ermittelt. Armstrong fiel entweder aus allen Wolken, weil er ein völlig unbescholtener Bürger war, der nichts getan hatte, oder ihm begann zu dämmern, dass ihm ein Fehler mit für ihn katastrophalen Folgen unterlaufen war wie Dr. Bickleigh im Roman von Francis Iles.

Herbert Rowse Armstrong, geboren 1870 in Newton Abbot (Devon), stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Der gesellschaftliche Aufstieg gelang ihm auf dem Weg über eine höhere Schulbildung, die zwei Tanten finanzierten. Außer Geld gehörten im englischen Klassensystem Fleiß und Disziplin dazu, das zu schaffen. Nach dem Jurastudium in Cambridge und Stationen in seiner Geburtsstadt und in Liverpool kam er 1906 nach Hay, wo er eine Stelle in einer Anwaltskanzlei antrat, Partner wurde und die Firma nach dem Tod des Gründers übernahm. Herbert war mit seiner Jugendfreundin Katharine verheiratet. Die beiden bewohnten ein stattliches Anwesen mit mehreren Angestellten, Mayfield genannt, im Dorf Cusop, auf der englischen Seite der Grenze, wo viele der besseren Leute von Hay lebten. Das Ehepaar hatte es zu etwas gebracht, und das durfte man auch sehen. Man musste es sogar sehen, denn Armstrongs Kanzlei bezog einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen aus Geschäften, die sie für die reichen Grundbesitzer der Gegend abwickelte, und für solche überwiegend konservativen Mandanten waren Statusfragen sehr wichtig.

Herbert Rowse Armstrong

Katharine war zwei Jahre jünger als Herbert und eine Frau von äußerst delikater Gesundheit, die bei Aufregungen leicht krank wurde, unter chronischen Verdauungsstörungen litt und zu Stürzen neigte. 1902 erblindete sie bei einem Fahrradunfall auf dem linken Auge, was ihrem Blick etwas Angespanntes gab und nicht sehr vorteilhaft war, weil sie ohnehin schon etwas hervortretende Augäpfel hatte. 1903 litt sie unter einer rheumatischen Erkrankung des linken Armes; das Rheuma kam dann regelmäßig wieder. 1904 zog sie sich eine Influenza zu, die sie lebenslang anfällig für Erkältungen aller Art machte. Was davon organische Ursachen hatte und was psychosomatisch war, ist unklar. Katharine soll, je nach Interpretation, eine kluge, musisch veranlagte und charakterstarke Person gewesen sein oder eine nervlich überreizte Xanthippe, die ihren armen Gatten dominierte und ihm das Leben zur Hölle machte. Die Armstrongs hatten drei Kinder, die Töchter Eleanor und Margaret sowie einen Sohn, Pearson Rowse. Katharine war 37, als sie zum ersten Mal schwanger wurde. Das kann nicht leicht für sie gewesen sein. Hin und wieder ist zu lesen, dass sie durch die Schwangerschaften noch kränklicher und noch unleidlicher wurde. Was davon der Wahrheit entsprach und was nachträglich hinzugedichtet wurde, um Herbert ein Motiv für die Ermordung seiner Gattin anzuhängen, ist schwer zu entscheiden. Freunde und Bekannte, die das auch schriftlich niederlegten, erlebten die Armstrongs als ein harmonisches, einander sehr zugetanes Paar.

Katharine Armstrong

Herbert Armstrong, das steht fest, war einer der Honoratioren von Hay, ein Offizier und ein Gentleman. Er hatte eine hervorgehobene Stellung in der Kirchengemeinde, war Mitglied der örtlichen Freimaurerloge, wo die Oberschicht von Hay und Umgebung zusammenkam und war als Hauptmann sehr aktiv in den Volunteer Forces, einer Art Teilzeitarmee, deren Angehörige sich regelmäßig zu militärischen Übungen trafen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Armstrong als Freiwilliger. Er wurde im Süden Englands stationiert und überwiegend mit Verwaltungsaufgaben betraut, für die er durch seine Ausbildung am besten geeignet war und ohne deren Erledigung keine Armee der Welt funktionieren kann. 1918 verbrachte er einige Monate in Frankreich, irgendwo hinter der Front, dann wurde er zurück nach England beordert und im Mai 1919 als Major entlassen. Man sollte ihm nicht vorwerfen, dass er sich weder ein Verwundetenabzeichen erwarb noch in einem Schützengraben sinnlos starb.

Toter Löwenzahn

1921 offiziell in den Ruhestand verabschiedet, erhielt Armstrong die Erlaubnis, weiter seinen militärischen Rang zu führen. Das tat er dann auch, wie andere vor und nach ihm. Major Armstrong schoss keine Feinde tot, trat aber 1900 den Volunteers bei und zog zwanzig Jahre lang eine Uniform an, um auf seine Art dem Land zu dienen. Darauf war er stolz. Mein Ding wäre das nicht, doch das kann nicht der Maßstab sein. Neben unzähligen Aufsätzen und allerlei Memoirenbänden, deren Autoren den vermeintlichen Giftmörder von Hay persönlich kannten (oder dies erfunden haben wie William Le Queux, einer der Väter des Spionageromans, in Things I Know), gibt es drei Standardwerke in Buchform zum Fall des Major Armstrong. Eines ist von Robin Odell und erschien 1975. Odell glaubt, in Armstrongs Militärzeit Hinweise auf charakterliche Defizite identifizieren zu können. Das muss er auch, weil er uns den Major als Mörder präsentiert, trotz intensiver Recherche aber kaum Beweise beibringen kann. Also muss die These mit Charakterschwächen unterfüttert werden.

Herbert Rowse Armstrong

Odell zitiert aus einer Korrespondenz, in der sich der "Papiersoldat" Armstrong gegen Verdächtigungen wehrt, er habe zu viel Schreibmaterial und zu viele Gummistempel an sich genommen, "während sich Tausende von Männern auf den Tod an der Somme vorbereiteten". Weil mehrere Briefe in der Sache hin und her gingen meint Odell, dass Armstrong nicht nur ein Pedant war, sondern leicht überreagierte und in Wut geriet, wenn Kritik an seiner Person laut wurde. Offenbar war Armstrong sehr darauf bedacht, eine routinemäßig verliehene Medaille für zwanzig Jahre Militärdienst zu erhalten. Nach dem Krieg ließ er sich in Uniform auf einem Pferd ablichten, sein Notariatssiegel zierte ein gepanzerter (= starker) Arm (Arm-strong). Odell missbilligt das (auf der Rückseite des Schutzumschlags zu seinem Buch, Exhumation of a Murder, ist das Siegel abgebildet als wäre es ein wichtiges Beweisstück) und findet, dass Armstrong ein Angeber war, der Bewunderung brauchte und irgendwann seine Frau nicht mehr ertrug, die ihn permanent kritisierte, ihm das Rauchen und den Alkohol verbot. Selbst wenn diese Ferndiagnose stimmen sollte: Bringt man deshalb die Gattin um, indem man sie langsam vergiftet?

Odell hat nicht unbedingt ein schlechtes Buch geschrieben. Es ist nur schwierig, seine mitunter arg sprunghaften Schlussfolgerungen nachzuvollziehen. Francis Iles macht das viel besser. In Malice Aforethought entwirft er das Psychogramm eines körperlich kleinen Mannes (Dr. Bickleigh ist nur fünf Fuß sechs Inches oder einen Meter siebenundsechzig groß wie Armstrong) und Aufsteigers, der aus einfachen Verhältnissen kommt (sein Vater ist Ladenbesitzer wie der von Armstrong) und an einem Minderwertigkeitskomplex leidet, den er irgendwie kompensieren muss, was schließlich zur Ermordung seiner dominanten Gattin führt, als ihn diese zu sehr demütigt. So in etwa ist das auch bei Odell, nur dass Armstrong (Odell nennt ihn "der kleine Mann" wie Iles seinen Dr. Bickleigh) eben keine Romanfigur war und man einen Verdächtigen, der in einem fairen Verfahren nie verurteilt worden wäre, weil die Anklage lediglich Indizienbeweise, fragwürdige Experten, Tricksereien und einen fürchterlichen Richter aufbieten konnte, durch Beigabe von Küchenpsychologie noch nicht in einen überzeugenden Mörder verwandelt.

Michael Chaplin dürfte sich an Odell orientiert haben, als er das Drehbuch für den TV-Vierteiler Dandelion Dead (1994) schrieb, in dem der brillante Michael Kitchen als Major Armstrong mit Arsen gegen die Feinde in seinem Leben kämpft: seine Frau, seinen Konkurrenten und den Löwenzahn in seinem Garten. Der Regisseur Mike Hodges drehte vor Ort, in Hay-on-Wye, und las damals viel Georges Simenon. Der Miniserie merkt man das an. Dandelion Dead ist eine abgründige Studie über die englische (und walisische) Provinz nach dem Ersten Weltkrieg, über die Neurosen, sexuellen Frustrationen und mühsam unterdrückten Aggressionen, die sich hinter der Fassade der bürgerlichen Wohlanständigkeit verbergen. Die Kunstfertigkeit, mit der Hodges den Zuschauer zum Komplizen eines Giftmörders macht, um ihn dann mit den Konsequenzen zu konfrontieren, hat Hitchcock-Qualität. Und weil das eine sehr britische Geschichte ist, nahm sie noch eine unerwartete Wendung, die dem Ganzen posthum etwas von der Fairness gab, die Armstrong zu Lebzeiten verweigert wurde.

Die Wahrheit: Nicht mehr lieferbar

Der Anwalt Martin Beales war bekannt dafür, dass er Ungerechtigkeiten hasste und sich für seine Mandanten mit voller Kraft ins Zeug legte. Als er in eine Kanzlei in Hay-on-Wye eintrat stellte er fest, dass er nun im Büro des berüchtigten Major Armstrong saß, und an dessen altem Schreibtisch. Und als Mayfield zum Verkauf stand, das frühere Anwesen der Armstrongs, erwarb und renovierte er es. Da hatte er schon damit angefangen, den Fall neu zu recherchieren. Die drei Armstrong-Kinder hatten ihren Namen geändert, waren gerüchteweise nach Australien ausgewandert, man hielt sie für tot. Beales erfuhr nun, dass die jüngste Tochter noch am Leben war und sich bei Odells Verlag über die ungerechte Behandlung ihres Vaters beschwert hatte. Margaret hatte Mayfield mit sechs Jahren verlassen und anderen Leuten jahrzehntelang erzählt, dass ihre Mutter an einer Lebensmittelvergiftung gestorben sei und sich ihr Vater bei einem Sturz das Genick gebrochen habe (was durchaus mit dem Resultat der vom Gefängnisarzt vorgenommenen Autopsie übereinstimmte).

Die alte Dame machte Beales die Unterlagen der Verteidigung zugänglich, die noch komplett erhalten waren. Allerdings war sie strikt dagegen, die Geschichte wieder aufzurühren, weil sie hoffte, dass irgendwann Gras über die Sache wachsen würde. Beales respektierte das und verzichtete auf das geplante Buch. Dann lief Dandelion Dead im Fernsehen, der Vierteiler, in dem Margarets Vater ihre Mutter vergiftet. Darüber ärgerte sie sich so sehr, dass sie Martin Beales anrief und doch noch ihre Zustimmung zu dem Buchprojekt gab. Beales’ Dead Not Buried, später als The Hay Poisoner neu aufgelegt, wurde mit dem Golden Dagger der britischen Crime Writers’ Association für das beste Sachbuch des Jahres 1995 ausgezeichnet. Im selben Jahr traten Beales und Odell beim Literaturfestival von Hay auf, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Leute, die dabei waren, charakterisieren das Aufeinandertreffen als eine Diskussion unter Gentlemen. Sehr britisch eben.

Beide Bücher zusammen ergeben eine faszinierende Lektüre. Man kann sie sehr gewinnbringend in Verbindung mit einem weiteren Roman von John Berkeley Cox lesen, The Poisoned Chocolates Case. Eine Frau stirbt an vergifteten Pralinen, die nicht für sie bestimmt waren. Scotland Yard ist ratlos. Sechs kluge Menschen, die sich für Verbrechen interessieren, wollen den Fall aufklären. Jeder entwickelt anhand der Indizien eine in sich schlüssige Lösung. Aber es ist immer eine andere. Odells Buch beginnt mit einer Einleitung von Edgar Lustgarten (selbst ein True-Crime-Autor und in den 1950ern und 1960ern ein sehr bekannter Präsentator von wahren Verbrechen im Fernsehen und im Radio), der versichert, dass dies das letzte Wort im Fall Armstrong sei. So kann man sich täuschen. Beales widerspricht so gut wie allem, was Odell behauptet, ohne das explizit zu sagen (Odell wird auf der vorletzten Textseite das erste und einzige Mal namentlich erwähnt).

Mich persönlich hat Beales mehr überzeugt als Odell, weil ich ihn intellektuell redlicher finde und er merkwürdige Dinge erklären kann, über die ich mich beim Lesen von Odell gewundert habe. Andererseits vertritt Odell die quasi offizielle, von einem Chefinspektor, einem Ankläger, einem Richter, drei Experten und zwölf Geschworenen abgesegnete Meinung. Von Odells Buch gibt es mehr Ausgaben, eine ist noch lieferbar, es ist leichter und billiger zu erwerben. Deshalb ist seine Version auch verbreiteter als die von Beales. Autoren - auf Papier publizierende Einzelpersonen wie die Schwarmintelligenz im Internet - tendieren dazu, Odells Version zu referieren und so zu tun, als hätten sie auch Beales gelesen (Achtung bei Texten, die einem mitteilen, dass Beales Major Armstrong für unschuldig hält, ohne dessen Argumente nennen zu können). Daraus lässt sich wieder einmal lernen, dass die Wahrheit, so sie es denn sein sollte, auch nur eine Geschichte ist, die ganz wesentlich von der Verfügbarkeit der zu ihr gehörenden Informationen abhängt.

Formidable Diagnosen

Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass aus Major Armstrong, der eigentlich wegen Mordversuchs an einem konkurrierenden Anwalt festgenommen wurde, ein Frauenmörder geworden ist. Das verwirrte auch die damaligen Prozessbeobachter. Mehr als ein Reporter schrieb, dass Armstrong unter anderem wegen vergifteter Pralinen angeklagt sei, obwohl das gar nicht stimmte. Die Pralinen trugen aber ganz erheblich zu seiner Verurteilung bei, was den Schluss nahe legt, dass in diesem Verfahren mit Nebelkerzen geworfen wurde, um etwas zu verschleiern. Gehen wir also geordnet vor, und in der Reihenfolge der Ereignisse. Man könnte etwa mit einem Tennismatch beginnen, auf das Odell großen Wert legt. Einer der Spieler war Herbert Armstrong. Er wurde wie so oft von seiner Gattin gedemütigt, als sie ihn zur Schnecke machte und er wie ein gemaßregelter Schuljunge mit ihr nach Hause gehen musste, weil es sein Badetag war. In einer anderen Version hat er das Mittagessen versäumt, und manchmal wird beides kombiniert. Vielleicht ist das Ganze frei erfunden. (Dr. Bickleigh muss in Malice Aforethought im Gestrüpp nach einem verschlagenen Ball suchen, weil Mrs. Bickleigh es verlangt).

Das Wort, mit dem Katharine Armstrong am häufigsten charakterisiert wird, ist formidable (furchteinflössend). Jedenfalls war es nicht leicht, mit ihr verheiratet zu sein. Vielleicht war sie manisch depressiv. Eine Theorie geht davon aus, dass sie in den letzten Jahren durch starke, im Klimakterium auftretende Hormonschwankungen besonders unleidlich wurde. Beales hält es aufgrund der Krankheitssymptome für nicht unwahrscheinlich, dass sie an einer Nebennierenrindeninsuffizienz (Morbus Addison) litt. Die Unterfunktion der Nebennierenrinde kann zu Erbrechen, Durchfall, Schwindelgefühlen, niedrigem Blutdruck, Bauchschmerzen und erhöhter Infektanfälligkeit führen. Richtig diagnostiziert, ist die Krankheit gut behandelbar wie bei John F. Kennedy. Ohne Behandlung verläuft sie meist tödlich wie eventuell bei Jane Austen und bei Katharine Armstrong.

Katharine Armstrong

Herbert glaubte, dass es die nicht bewältigten Belastungen der Kriegszeit waren, die Katharine das Leben vergällten. Die alleinige Verantwortung für die Kinder hatte sie überfordert, und offenbar hatte der auf Dritte so dominant wirkenden Frau der stabilisierende Einfluss ihres Mannes gefehlt, als dieser von 1914 bis 1919 seinen Militärdienst leistete. Dr. Tom Hincks, der Hausarzt der Armstrongs, diagnostizierte eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, blieb da aber sehr vage. Im Sommer 1919 litt Katharine unter Schuldgefühlen und Wahnvorstellungen. Dr. Hincks führte das auf die Wechseljahre zurück, verschrieb ein Beruhigungsmittel und empfahl schließlich die Unterbringung in einer Nervenheilanstalt. Er und ein Kollege, den Herbert zuzog, um eine zweite Meinung einzuholen, erklärten Katharine für verrückt und fertigten die nötigen Papiere aus. Dann wurde sie nach Barnwood House gebracht, eine von Dr. Arthur Townsend geleitete Privatklinik in Gloucestershire.

In Dandelion Dead blüht Armstrong förmlich auf, als er nicht mehr im Schatten seiner Gemahlin leben muss (Sarah Miles spielt die neurotische Familientyrannin mit zurückgenommener Präzision und einer Ökonomie der Mittel, durch die eine viel bedrückendere Stimmung entsteht, als wenn sie die Furie geben würde). Er wird regelmäßiger Gast im Pub, besucht Tanzveranstaltungen und trifft sich mit Frauen von zweifelhaftem Ruf. Nach dem, was er bisher auszuhalten hatte, muss man schon ein ziemlich selbstgerechter Pharisäer sein, um ihm diese Sinnesfreuden nicht zu gönnen. Die echte Katharine dachte, sie habe Sprungfedern an den Füßen, wenn sie nicht gerade bewegungsunfähig war, weil ihr die Gelenke versagten. In Dandelion Dead scheint ihr Gatte die Federn an den Füßen zu haben, so elastisch wirkt der Strohwitwer, als er durch Hay-on-Wye spaziert. Dann teilt ihm Dr. Townsend mit, dass nicht alle Patienten die Anstalt erst im Sarg wieder verlassen. Katharine geht es besser, Herbert kann (muss) sie zurück nach Hause holen. Michael Kitchen, der als Major Armstrong eine schauspielerische Bravourleistung hinlegt, schluckt kurz, verzieht einen Augenblick lang die Mundwinkel und setzt schließlich ein Gesicht auf, das den beglückten Gatten zeigt und dem doch anzusehen ist, welche Mühe es ihn kostet, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Dandelion Dead

Nach fünf Monaten in Barnwood kehrte Katharine Armstrong im Januar 1921 nach Hause zurück. Townsend schrieb an Hincks, dass sich die Lähmungserscheinungen, die er für psychosomatisch hielt, gebessert hätten, sie aber weiter Schuldgefühle habe, weil sie eine schlechte Ehefrau und Mutter sei; er hielt es für möglich, dass sie in vertrauter Umgebung wieder ganz gesund werden würde. Das kam auf einen Versuch an. Anfangs schien es ihr ganz gut zu gehen, dann verschlechterte sich ihr Zustand, sie erbrach sich heftig und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Hincks teilte Armstrong am 20. Februar mit, dass seine Frau über den Berg sei und tags darauf, dass er sich auf ihr baldiges Ableben einstellen müsse. Warum er seine Diagnose innerhalb kurzer Zeit so radikal änderte blieb das Geheimnis von Dr. Hincks. Katharine Armstrong verschied am Vormittag des 22. Februar. Als die Leiche später obduziert wurde stellte sich heraus, dass sie höchstwahrscheinlich an einer Arsenvergiftung gestorben war.

Im Prozess bot die Verteidigung eine Suizidtheorie an. Das war nicht völlig aus der Luft gegriffen. Die anfangs mit Katharines Pflege betraute Krankenschwester empfahl dringend, eine für solche Fälle speziell ausgebildete Kollegin zu engagieren (was umgehend geschah), als die Patientin sie fragte, ob es ausreiche, aus dem Dachfenster zu springen, um sich umzubringen. Armstrong bewahrte im Sekretär ein Päckchen mit in der Apotheke gekauftem Arsen auf und glaubte, dass niemand außer ihm davon wusste. Das muss nicht so gewesen sein. Bei einer großen Suchaktion nach einem Schulheft, das der Sohn der Armstrongs verlegt hatte, stellte die etwas zwanghafte Katharine das Arbeitszimmer ihres Mannes auf den Kopf, den Sekretär inklusive. Sie könnte dabei das Arsen entdeckt haben und bei dieser Gelegenheit oder später - das ist nur eine von mehreren Theorien, die alle gleichermaßen unbewiesen sind - etwas von dem Pulver abgezweigt und dieses später genommen haben, weil sie es mit etwas anderem verwechselte oder weil sie nicht mehr leben wollte.

Theoretisch könnte Katharine Armstrong auch an einem Medikamentencocktail gestorben sein. Sie war eine große Anhängerin der Homöopathie. Im Schlafzimmer stand ein prall gefüllter Arzneischrank. Es wurde nie richtig untersucht, ob und in welchem Umfang die Medikamente mit den unverständlichen Namen Arsen enthielten. Vermutlich nahm man an, dass es wegen der "homöopathischen Dosis" keine Rolle spielte. Ganz so einfach ist das aber nicht, wenn jemand gewohnheitsmäßig und jahrelang alle möglichen Tropfen und Pillen schluckt. Man weiß nicht einmal, ob das wirklich nur homöopathische Mittel waren, die da im gut gefüllten Arzneischrank standen. Einiges hatte sie aus der Wohnung ihrer verstorbenen Schwiegermutter mit nach Mayfield gebracht, zügig aufgebraucht und dann nachgekauft. Das, was Hincks verschrieb, nahm sie zusätzlich - darunter ein weißes Pulver gegen Magen-Darm-Leiden, das auch nie analysiert wurde. Die Verteidigung konzentrierte sich auf den Suizid, die Staatsanwaltschaft hatte ihre eigene Theorie, andere Möglichkeiten interessierten nicht.

Zwei Rivalen

Den Aussagen von Freunden der Familie und seinem folgenden Verhalten nach zu schließen war Herbert Armstrong zutiefst schockiert. Aber er war kein Mann, der Emotionen zeigte. Die Krankenschwester sagte später, dass er erstaunlich kühl und gefasst gewirkt habe, was ihm sehr schadete, weil es gut zu einem kaltblütigen Giftmörder zu passen schien. Dr. Hincks stellte den Totenschein aus und gab als Todesursache eine schwere Gastritis an, mit einer Herzerkrankung und einer Nierenentzündung als begleitenden Faktoren. Am 25. Februar wurde Katharine im kleinen Kreis beigesetzt. Das hätte es gewesen sein können, und heute würde niemand mehr etwas von Major Herbert Armstrong wissen, wenn es da nicht noch den Apotheker John Fred Davies und seinen Schwiegersohn gegeben hätte, den Anwalt Oswald Martin.

Der aus der unteren Mittelschicht stammende Martin war ein Mann nach dem Geschmack von Robin Odell. Er war zwar nicht heldenhaft an der Somme gefallen, aber er hatte doch eine Kriegsverletzung erlitten (mit einer daraus resultierenden halbseitigen Gesichtslähmung) und war deshalb 1918 ausgemustert worden - als einfacher Soldat und nicht als zum Major beförderter Schreibstubenoffizier. Martin galt als kränklich und als jemand, der sich nie ganz von seiner Verwundung erholt hatte. Der alte Robert Griffiths, der zweite Anwalt von Hay-on-Wye, hatte einen Sohn, dessen Jurastudium durch den Krieg unterbrochen worden war. Weil der Senior die Kanzlei allein nicht mehr stemmen konnte, stellte er Martin als Assistenten ein. Im Juli 1919 - Armstrong war kürzlich zurück nach Hay gekommen - machte er ihn zu seinem Teilhaber. Der nun entbrennende Konkurrenzkampf zwischen Armstrong und Martin, so die vorherrschende Meinung, hatte schlimme Konsequenzen, führte zu zwei Mordversuchen und einer Exekution.

Die beiden Rivalen hätten unterschiedlicher kaum sein können. Wie viele Offiziere nach dem Krieg trug Armstrong voller Stolz seinen Militärmantel, den British Warm, der ihm fast bis zu den Füßen reichte, weil er so klein war. Er wachste seine Schnurrbartspitzen, stolzierte mit soldatischem Gang durch den Ort, und manchmal hatte er sogar ein Offiziersstöckchen dabei. Martin, deutlich größer als Armstrong, wirkte daneben völlig unmilitärisch, mehr wie ein Geck aus der Großstadt, der nicht recht weiß, wie man sich in der Provinz korrekt zu kleiden hat. In den voluminösen Mänteln, die er bevorzugte, sah er noch hagerer aus, als er war. In geschäftlichen Dingen legte er eine - für einen standesbewussten Anwalt wie Armstrong ganz unakzeptable - Aggressivität an den Tag. Martin versuchte, einige von Armstrongs Mandanten abzuwerben. Für einen Gentleman der Edwardianischen Zeit wie Armstrong gehörte sich das nicht. Darum bat er Griffiths, ein ernstes Wort mit dem jüngeren Kollegen zu sprechen. Für diejenigen, die Armstrong für einen Mörder halten, ist das ein Beleg dafür, dass er um seine berufliche Existenz fürchten musste, weil Martin der bessere Anwalt war. Dafür wurde nie ein Beweis erbracht.

Kriminalgeschichte ist immer auch Sozialgeschichte; deshalb ist sie so interessant. Wer das nicht berücksichtigt geht bei der Bewertung der Ereignisse leicht in die Irre. Statt von Beginn an ablehnend auf Martin zu reagieren, weil er ein unliebsamer Konkurrent war, wie Odell meint, scheinen sich die Armstrongs um eine freundliche Aufnahme des neu Zugezogenen bemüht zu haben. Auf Wunsch seiner Frau bat der Major den jungen Anwaltskollegen zum Tee. Martin erschien aus unbekannten Gründen in weißen Flanellhosen und einem Tennisjackett, obwohl seine Gastgeber keinen Tennisplatz hatten (vielleicht ist das der Ursprung der Tennis-Anekdote mit Armstrong als Pantoffelheld). Vermutlich wusste er gar nicht, was für einen Fauxpas er da begangen hatte. Für eine penible Dame wie Katharine Armstrong war seine legere Kleidung ein unverzeihlicher Affront. Ihr Gatte durfte Martin nie wieder nach Mayfield einladen, oder jedenfalls nicht, so lange Katharine am Leben war. Andererseits war er dem Kollegen dabei behilflich, in die Anwaltsvereinigung und mehrere Clubs aufgenommen zu werden. Das gehörte zum guten Ton, unabhängig von persönlichen Sympathien, wenn man ein Gentleman der alten Schule war.

Im Vereinigten Königreich der ersten Nachkriegsjahre gab es einen starken Preisanstieg, mit den daraus resultierenden sozialen Verwerfungen. Die Landwirtschaft war noch sehr vom früheren Feudalsystem geprägt. Bauern hatten wenig Bestandsschutz, wenn sie Pächter der großen Grundbesitzer waren. Viele versuchten, das Land, das sie bewirtschafteten, zu kaufen. Für einen Anwalt konnte das ein profitables Geschäft sein. Weil solche Transaktionen nicht immer harmonisch verliefen (besonders dann, wenn es außer dem Bauern noch weitere Bieter für den Hof gab), lag es in der Natur der Sache, dass man beruflich mehr der einen oder der anderen Seite zuneigte. Sehr wichtig war das Sozialprestige. Armstrong, der bestens in die Gemeinde integrierte Gentleman mit den vielen Ämtern, den guten Umgangsformen und dem repräsentativen Haus im Villenviertel, war der Anwalt der Grundbesitzer. Martin warf sich mit dem für ihn typischen Mangel an vornehmer Zurückhaltung für die Bauern in die Bresche. Bei den Grundbesitzern machte er sich damit keine Freunde, und als Mandanten gewann er sie auch nicht. Das ist aber ein von Odell offeriertes Tatmotiv: Martin war ein erfolgreicher Anwalt, der seine Kanzlei auf Armstrongs Kosten ständig weiter ausbaute. Armstrong sah sich vor dem finanziellen Ruin und versuchte, den Konkurrenten zu vergiften. Odell, würde ich sagen, verlässt sich zu sehr auf im Prozess aufgestellte Behauptungen, die der Staatsanwalt nicht belegen konnte.

Martin Beales, selbst Anwalt und von Beginn an skeptisch, kam am Ende seiner Recherchen zum gegenteiligen Ergebnis. Nicht Martins Praxis wuchs, so Beales, sondern die von Armstrong, weil Martin durch sein übermäßig kompetitives Auftreten Mandanten eher abschreckte als anzog. Wie unterschiedlich man ein- und dasselbe Ding interpretieren kann, zeigt ein von Martin zusammengestelltes Heft mit Tipps und Tabellen für die Abgabe der Steuererklärung, die er drucken ließ und an die Bauern in der Umgebung verkaufte. Für Odell ist das ein Beleg dafür, dass Martin ein fleißiger und geschäftstüchtiger Mensch war, der Armstrong Stück für Stück das Wasser abgrub (wie viel er mit diesem über den örtlichen Zeitschriftenladen vertriebenen Heft wohl verdiente?). Beales meint, dass Martin das Heft erarbeitete, weil ihm die Kundschaft ausging und dass Griffiths, sein Vorgänger, für so etwas keine Zeit gehabt hätte, als die Kanzlei noch florierte. Robert Griffiths starb im November 1920. Sein langjähriger Kanzleivorsteher wechselte daraufhin zu Armstrong. Viele von Griffiths’ Klienten nahm er mit. Diese gingen nicht zu Armstrong, weil er sie mit unlauteren Mitteln abgeworben hatte, sondern weil sie von dem Anwalt vertreten werden wollten, der am etabliertesten war, die besten Verbindungen hatte und dieselbe Sprache sprach wie sie. Das war jetzt Major Armstrong.

Martin ließ den Steuerratgeber als "Martin’s Farm Income Tax Book" bewerben und zog stillschweigend seinen Namen zurück, als Armstrong dem Zeitschriftenhändler gegenüber erwähnte, dass diese Art der Eigenwerbung gegen den Verhaltenskodex der Anwälte verstieß. Man kann diesen Einwand für altmodisch und kleinkariert halten. Doch für einen Anwalt, der nach dem Ersten Weltkrieg in einem Ort wie Hay-on-Wye reüssieren wollte, war korrektes Auftreten extrem wichtig. Martin, meint Beales, habe nicht begriffen, dass der Anwaltsberuf ein anderes Verhalten nötig machte als das eines Geschäftsmannes oder Ladenbesitzers: "sogar die Händler wollten einen Anwalt konsultieren, der über den Handelsgeschäften stand, da sich der Respekt noch aus der gesellschaftlichen Stellung, dem Ansehen und den Manieren nährte". In einer Welt, in welcher der berufliche Erfolg von solchen Werten abhing, musste Major Armstrong keine Angst vor Oswald Martin haben. Aber warum wollte er ihn dann ermorden? Vorläufige Antwort: Es gibt überhaupt keinen Beweis dafür, dass er das wollte.

Excuse Fingers

Aus dem zuletzt Gesagten wird ersichtlich, dass sich durch diesen Kriminalfall viel über das Leben in der britischen Provinz nach dem Weltkrieg erfahren lässt. Mike Hodges erzählt denn auch in Dandelion Dead kein klassisches Whodunit im Stil von Agatha Christie (wer ist der Mörder und wie kommt ihm der Detektiv auf die Schliche?), sondern er entwirft das Portrait einer in Auflösung befindlichen Lebens- und Gesellschaftsform, indem er das Dasein von Major Armstrong mit dem von Oswald Martin kontrastiert, dem Repräsentanten eines erstarkenden Kleinbürgertums und einer zunehmend kommerziell ausgerichteten Welt. Im Juni 1921 heiratete Martin Constance Davies. Vielleicht war sie wirklich so wie bei Hodges: eine junge Frau, die weiß, was sie will und sich in einem Ort, dessen junge Männer in einem schwachsinnigen Krieg getötet wurden, den einzigen heiratsfähigen Junggesellen krallt, der sich ein eigenes Haus leisten und mit dem sie auch mal in The Pirates of Penzance gehen kann (eine komische Oper von Gilbert and Sullivan), statt über die trächtige Kuh reden zu müssen.

Constance und Oswald Martin

Major Armstrong muss schon allein deshalb einer von den Hochzeitsgästen sein, weil es sonst die wunderbare Begegnung der beiden Rivalen beim Urinieren auf der grünen Wiese (mit einem Tuch als Sichtschutz) nicht geben würde. Im echten Leben wurde er nicht eingeladen, was wieder ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette war. Selbstverständlich schickte Armstrong trotzdem ein Geschenk (zwei silberne Kerzenständer), weil sich ein britischer Gentleman auch Leuten gegenüber als ein solcher verhält, die nicht wissen, was das ist. Martin rief kurz an, um sich zu bedanken. Der nächste Fauxpas. Er hätte eine Karte schicken müssen. Martin hatte schlicht keine Ahnung von den in den besseren Kreisen von Hay gepflegten Umgangsformen, was seiner Kanzlei nur schaden konnte. Für Armstrong erwies sich an der Hochzeit am bedeutsamsten, dass die Braut die Tochter des Apothekers war. Das brachte ihn an den Galgen.

Dandelion Dead

Der in Großbritannien am meisten gelesene Autor war damals Edgar Wallace. Das Personal seiner Krimis ist immer dasselbe: Ein paar zwielichtige Gestalten, mindestens ein Mörder und ein Inspektor, der sich der Gerechtigkeit verschrieben hat, nicht ruht, bis der Täter dingfest gemacht ist und auf dem Weg dahin höchstens mal ein paar Beweise unterdrückt, damit die schöne Heldin, die er liebt, nicht unschuldig in Verdacht gerät. Für Scotland Yard war das die perfekte Imagewerbung. Gern wurde auf die Realität übertragen, was man aus Büchern kannte. 1927 gab Filson Young einen Band der legendären Reihe Notable British Trials heraus, der dem Prozess gegen Herbert Armstrong gewidmet ist (Hitchcock war stolzer Besitzer einer kompletten Sammlung). Seitdem wird der Fall als ein Musterbeispiel für exzellente Polizeiarbeit gehandelt, für das erfolgreiche Zusammensetzen kärglicher Beweisstücke, was zur Verurteilung eines heimtückischen Giftmörders geführt habe.

Beweisstück Nummer 1 kam am 20. September 1921 mit der Post. Das Ehepaar Martin erhielt ein Päckchen mit einer Schachtel Pralinen, eingewickelt in braunes Papier und mit einem orangefarbenen Band verschnürt. Oswald Martins Aussage nach gab es keinen Absender und keine Karte, die ihn identifiziert hätte. Das Papier warf er weg. Er und seine Frau aßen ein paar von den Pralinen, ohne dass sie sich danach schlecht gefühlt hätten. Achtzehn Tage später, am 8. Oktober, hatten sie Gäste: die beiden Brüder von Oswald und deren Gattinnen. Zu einem sehr reichhaltigen Abendessen wurden auch Süßigkeiten auf zwei Tellern gereicht. Einen davon füllte Constance mit sechs oder sieben von den Pralinen auf. In der Nacht hatte Dorothy, eine von Oswalds Schwägerinnen, Durchfall. Dann musste sie sich erbrechen. Dorothy hatte häufig Durchfall. Die anderen dachten, was man in einem solchen Fall eben denkt. Zu schwer gegessen, die Galle. Die Pralinen hatte keiner in Verdacht, weil Dorothy nicht die einzige war, die sie probiert hatte. Das, was von ihnen noch übrig war, tat Constance zurück in die Schachtel.

Dandelion Dead

Zwei Wochen danach, am 21. Oktober, lud Armstrong seinen Kollegen zum Tee ein. Martin verschob mehrfach den Termin und kam am 26. Oktober (Mittwoch) nach Mayfield. Harriet Price, eine der Hausangestellten, hatte auf einem Tortenständer das Gebäck angerichtet, darunter mehrere Scones, und servierte den Tee. Mrs. Price gab später zu Protokoll, dass alle Scones in einem Stück und nicht gebuttert gewesen seien. Martin behauptete, dass mindestens ein Scone halbiert und mit Butter bestrichen war. Der Gastgeber habe es ihm mit der Bemerkung "Excuse fingers" auf den Teller gelegt. Armstrong stritt das ab und bestand darauf, dass er niemals ein für einen Gast bestimmtes Gebäckstück mit den Händen angefasst hätte. Das tat man nicht. "Excuse fingers" ging trotzdem als geflügeltes Wort in den englischen Sprachschatz ein, weil das - falls Martins Aussage stimmt - eine so aberwitzige Szene ist. Entschuldigen Sie bitte, sagt der Mörder, dass ich Ihnen Ihr mit Arsen vergiftetes Gebäck mit den Fingern reiche und nicht auf einem Tortenheber. Ein britischer Gentleman bleibt immer Gentleman. Der Fairness halber muss man aber hinzufügen, dass es die von Armstrong mit Arsen präparierten und mit Butter bestrichenen Sconehälften vielleicht nie gab. Die verbliebenen Scones wurden später von den Hausangestellten gegessen, ohne unangenehme Nebenwirkungen.

Dandelion Dead

Martin fuhr mit dem Auto nach Hause, diktierte seinem Sekretär eine Stunde lang Geschäftsbriefe, aß einen von Gattin Connie zubereiteten Hasenbraten, mit Kaffeesahne als Nachtisch. Dann wurde ihm schlecht. Er erbrach eine dunkle, stinkende Masse. Im Lauf der Nacht bekam er Durchfall. Constance, eine ausgebildete Krankenschwester, hielt den Zustand ihres Gatten nicht für alarmierend genug, um den Arzt zu holen. Das tat sie erst am nächsten Tag. Dr. Hincks diagnostizierte einen verdorbenen Magen und eine Gallenkolik wie häufig in dem Viertel, in dem Leute wohnten, die sich einen üppig gedeckten Tisch leisten konnten. Den Verdacht, dass es sich um einen Mordanschlag handeln könnte, scheint erstmals Laura Davies geäußert zu haben, Martins Schwiegermutter. Vor einiger Zeit hatte sie von der üblen Vorahnung gesprochen, dass Armstrong, den sie nicht persönlich kannte, ihren Schwiegersohn vergiften könnte. Dies, meinte sie, sei nun eingetroffen.

Pralinen mit Füllung

Dr. Hincks erhielt Besuch vom Apotheker. Fred Davies teilte ihm seinen Verdacht mit, dass Armstrong Martin mit Arsen vergiftet habe, hatte seinen erkrankten Schwiegersohn zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht gesehen. Hincks hielt das für absurd, schaute abends wieder bei Martin vorbei und behandelte ihn weiter wegen einer Magenverstimmung, weil er keine Anzeichen einer Arsenvergiftung erkennen konnte. Weder der Arzt noch der Apotheker ließ das Erbrochene analysieren. Davies hätte das sogar selbst machen können, die nötigen Instrumente hatte er in der Apotheke. Stattdessen warnte er seinen Schwiegersohn, dem es bald wieder besser ging, vor weiteren Mordanschlägen und vor anonymen Postsendungen, etwa einem Paket mit Pralinen, das er womöglich erhalten werde. Genau solche Pralinen, riefen Oswald und Connie (so ein Zufall!), haben wir schon gekriegt! Davies riet, die restlichen Pralinen zu vergraben, überlegte es sich später anders und schickte seine Gattin Laura los, das Konfekt zu holen. Unter dem Vergrößerungsglas entdeckte er, dass zwei der Pralinen unten aufgebohrt waren. Das hätte er auch mit bloßem Auge sehen können. Die Löcher hatten den Durchmesser eines Bleistifts. Bei der chemischen Analyse wurde später festgestellt, dass jemand die Pralinen mit Arsen gefüllt hatte.

Der Theorie von Martin Beales nach setzte der Apotheker Davies das Gerücht von der Vergiftung seines Schwiegersohnes in die Welt, um Armstrong zu schaden. Warum? Das Ehepaar Davies hatte großen Ehrgeiz für seine Tochter und deren Gemahl entwickelt. Wenn man Odell glaubt, war Armstrong kein ernstzunehmender Konkurrent für Martin. Wenn Beales recht hat, stand Armstrong dem beruflichen Fortkommen von Connies Gatten im Wege. Armstrong war Davies’ Anwalt gewesen, bis sich dessen Tochter mit Martin verlobte. Davies sprach seitdem schlecht über Armstrong, der seinerseits dachte, sie hätten immer noch ein herzliches Verhältnis. Ein Grund könnte gewesen sein, dass der zweite Apotheker am Ort 1920 sein Geschäft aufgab. Einer der Angestellten, ein Mr. Sant, wurde arbeitslos. Sant sammelte in der Kirche, in der Armstrong Vorsteher war, bei der Kollekte das Geld ein. Armstrong half ihm dabei, einen eigenen Laden aufzumachen und beriet ihn, was er auch ohne Apothekerausbildung verkaufen durfte. Davies, meint Beales, hegte deshalb einen Groll auf Armstrong, weil der ihm einen neuen Konkurrenten beschert hatte.

Nehmen wir an, dass Armstrong nicht der Absender der Pralinen war und Martin (nebst Schwägerin) die von Dr. Hincks diagnostizierte Magenverstimmung hatte, die Schokolade also zunächst nicht vergiftet war: Wie kam dann das Arsen in die Pralinen? Die logisch erscheinende Antwort: Durch Fred Davies, der ausreichend Gelegenheit und genug Arsen hatte, um sie zu präparieren und dadurch die Anschuldigung zu stützen, die Dr. Hincks für absurd hielt. Vielleicht glaubten Davies und seine Frau ernsthaft an die Vergiftung, weil sie sich auf Armstrong als ihren Feind eingeschossen hatten, dem sie alles Schlechte zutrauten, und der Apotheker fabrizierte einen Beweis gegen einen Mann, den er wirklich für einen Mörder hielt. Odell zufolge ärgerte er sich darüber, dass er, obwohl wissenschaftlich ausgebildet, als Apotheker zu den Krämern gerechnet wurde und ein geringeres Sozialprestige hatte als Ärzte oder Rechtsanwälte. Als derjenige, der als einziger in Hay in der Lage war, eine Arsenvergiftung korrekt zu diagnostizieren, hätte er gegenüber Dr. Hincks gepunktet. Vielleicht begann das Ganze als eine aus dem Ruder gelaufene Aufschneiderei. So oder so könnte das eine fatale Eigendynamik bekommen haben.

Ich war nicht dabei, als Davies mit den Pralinen in seiner Apotheke saß und kann daher nicht sagen, was er da tat oder auch nicht. Beales’ Szenario erscheint mir aber mindestens so plausibel wie die Theorie, dass Armstrong seinen Rivalen, der eigentlich gar keiner war, umbringen wollte, indem er ihm nach Art des Russischen Roulettes eine Schachtel mit zwei oder drei vergifteten Pralinen schickte und ihn dann, nach dem Scheitern des perfiden Plans, zum Tee einlud, um ihm mit Butter und Arsen bestrichene Scones zu reichen. Hier wird es höchste Zeit, John Williams Vaughan einzuführen, damit Major Armstrong endlich ein Tatmotiv erhält und verurteilt werden kann in diesem Kriminalfall, der uns beweist, wie toll die Polizisten von Scotland Yard und die Experten für Forensik waren.

Dandelion Dead

Bei den folgenden sechs Abschnitten wird sich der genervte Leser vielleicht fragen, warum das da jetzt sein muss. Die Antwort gleich vorweg: Weil sich daraus etwas für das Leben lernen lässt. Komplizierte Sachen, das sieht man in jeder Talkshow, sind unbeliebt. Man kann den größten Unsinn reden und hat trotzdem recht, wenn man ihn in ein paar einfache Sätze packen kann. Williams Vaughan, das liest man allerorten, war schuld daran, dass Armstrong Oswald Martin vergiften wollte. In Dandelion Dead reitet dieser Finstermann wie zum Hohn auf einem weißen Pferd durch die Gegend, während bei Armstrong die Panik wächst. Außer Martin Beales hat aber keiner verstanden, worum es ging, weil sich niemand die Mühe machen wollte, es herauszufinden. Trotzdem wissen alle, dass der Mann schuld war, irgendwie. Nur wie?

Rätsel um Velinewydd

Williams Vaughan hatte von seinen Eltern ausgedehnte Ländereien geerbt, bekannt als Velinewydd Estate, und 1912 einen Kredit in Höhe von 12.500 Pfund aufgenommen. Armstrong war sein Anwalt, verhandelte mit der Bank, kümmerte sich um die Ländereien, zog für seinen Klienten die Pacht ein und zahlte mit einem Teil der Erträge den Kredit ab. Als Williams Vaughan an akutem Bargeldmangel litt, lieh er ihm eine größere Summe aus seiner eigenen Kasse. Während des Krieges, als Armstrong beim Militär war, beschäftigte Williams Vaughan einen Verwalter und geriet mit den Kreditraten in Rückstand. Die Bank stellte zudem fest, dass der Grundbesitzer noch andere Verbindlichkeiten hatte, von denen bis dahin weder die Kreditgeber noch Armstrong etwas wussten. Deshalb verlangte die Bank, Velinewydd zu zerlegen und die einzelnen Parzellen meistbietend zu versteigern.

Die Auktion im November 1919 fand in einer sehr gereizten Atmosphäre statt. Die Pächter forderten, dass man ihnen ein Vorkaufsrecht zu fairen Preisen einräumen müsse, statt ihre Höfe zu versteigern. Als ein Geschäftsmann eine Pächterfamilie überbot, wurde er von einem Vertreter des Bauernverbands am Kragen gepackt und aus dem Saal geworfen. Der Hof ging unter allgemeinem Jubel an die Pächter, die Auktion wurde danach abgebrochen. Das mit der Hypothek belastete Herrenhaus blieb unverkauft. Williams Vaughan klagte, vertreten durch Armstrong, auf Schadensersatz, der ihm ein Jahr später auch zugesprochen wurde. Vorläufig nützte ihm das jedoch gar nichts. Die Gläubiger von der Bank hatten Angst um ihr Geld und bestanden darauf, erst den gesamten Besitz zu verkaufen, statt ihrem Schuldner zu erlauben, für die drei bereits versteigerten Höfe die Formalitäten zu erledigen und den erfolgreichen Bietern die Grundstücke zu übereignen.

Martin Beales hat als einziger genauer recherchiert, wie es danach weiterging. Velinewydd war nur eines von mehreren Immobiliengeschäften, mit deren Abwicklung Armstrong betraut war, und keineswegs das lukrativste, weshalb sein Wohl und Wehe auch nicht davon abhing. Die drei Bauernhöfe, die bei der Auktion im November 1919 von ihren aktuellen Pächtern ersteigert worden waren, sollten laut Vertrag im Februar 1920 formell den Besitzer wechseln. Das verzögerte sich, weil die Bank nicht mitspielte. Für die Pächter war das eher positiv. Sie bewirtschafteten weiter ihre Höfe, mussten vorläufig aber weder die Pacht noch den vollen Kaufpreis entrichten. Im Sommer 1921 wechselten zwei von den Käufern zu Martin, weil ihr bisheriger Anwalt gestorben war. Martin schrieb am 29. September an Armstrong und verlangte eine notariell beglaubigte Übertragung der Eigentumsrechte bis zum 20. Oktober. Andernfalls werde er im Auftrag seiner Mandanten die Verträge annullieren und die Anzahlungen zurückfordern.

Armstrong verhandelte nun mit dem Anwalt der Bank in Leeds, der ein Freund von ihm war. Die Eigentumsübertragungen mussten von der Zentrale in London abgesegnet werden. Dort wurden sie am 19. Oktober notariell beurkundet. Wenn man bedenkt, dass der Papierkram von Hay über Leeds nach London und wieder zurück ging, war das sehr schnell. Armstrong zeigte Martin am 20. Oktober ein Telegramm der Bank, in dem die Eigentumsübertragungen bestätigt wurden. Martin verlangte die Urkunden, und zwar sofort. Darauf bat Armstrong um ein Treffen mit seinen Mandanten, bei denen er ihnen anbot, auf die ausstehende Pacht für ein Jahr zu verzichten, wenn sie bereit waren, noch eine Woche auf die Urkunden zu warten. So lange dauerte es, bis die Dokumente von London über Leeds nach Hay kamen. Die beiden Bauern wollten es sich überlegen. Tags darauf, am 21., teilte Martin mit, dass seine Mandanten auf der Annullierung des Kaufvertrags bestanden. Dieses Datum, der 21. Oktober 1921, wurde einer der Nägel zu Armstrongs Sarg.

Die Gemengelage war so kompliziert, dass derjenige Gehör fand, der eine möglichst einfache Zusammenfassung bot. Robin Odell, der Verfasser des am meisten gelesenen Standardwerks zum Fall Armstrong, gibt zu, dass er selbst nicht genau verstanden hat, wie das alles zusammenhing, was ihn aber nicht daran hindert, die Velinewydd-Geschichte unter der Rubrik "Tatmotiv" einzuordnen. Schließlich hatte das auch der Staatsanwalt so gemacht, und der musste es ja wissen. Die einfache Variante geht etwa so: Williams Vaughan war eine Mischung aus exzentrischem Landjunker und gerissenem Bankrotteur. Armstrong, in Geschäftssachen ohnehin nicht sehr begabt, hatte ihm viel Geld geliehen. Dadurch, und weil seine Kanzlei fast nichts mehr einbrachte, geriet er selbst an den Rand des Ruins. Der Verkauf von Velinewydd hätte ihn gerettet, zog sich aber in die Länge, weil die finanziellen Angelegenheiten von Williams Vaughan so verworren waren. Die Käufer verlangten ihre Anzahlungen zurück. Das war Geld, das Armstrong nicht mehr hatte. Um seine bürgerliche Existenz kämpfend, schreckte er sogar vor Mord nicht zurück.

Ein fauler Landjunker, der sein Erbe vergeudet. Hart arbeitende Bauern, die deshalb um Haus und Hof fürchten müssen. Ein vergnügungssüchtiger Anwalt (zu den Vergnügungen kommen wir noch), der die Anzahlungen veruntreut und den Mann vergiftet, der den Betrogenen zu ihrem Recht verhelfen will. Dieses von Polizei und Staatsanwaltschaft gezeichnete Sittenbild steckte so voller Klischees, dass es unwiderstehlich war. Man kann sich ausmalen, wie es auf die Geschworenen wirkte. Zehn der zwölf Herren, die Armstrong an den Galgen schickten, waren Bauern. In Wirklichkeit war alles komplizierter, und doch ganz einfach. Williams Vaughan musste sich bis zur Zwangsversteigerung von Velinewydd über Geld keine Gedanken machen, weil genug da war. Deshalb, und weil Armstrong als Freiwilliger zur Armee ging, gerieten seine Finanzen in Unordnung. Ein Bauer konnte sich das nicht leisten. Er musste rechnen können. Die Preise, die bis zur Auktion im November 1919 ständig gestiegen waren (für Grundstücke wie für landwirtschaftliche Produkte), waren seitdem im Sinkflug. Das Herrenhaus von Velinewydd, bei der Auktion mit 12.500 Pfund veranschlagt, war Mitte 1920 nur noch 7.500 Pfund wert. Es gab einen ganz schlichten Grund dafür, dass Martins Mandanten den Kauf rückgängig machen wollten: um nicht den Preis bezahlen zu müssen, für den sie bei der Auktion den Zuschlag erhalten hatten. So ist das immer bei Deflation. Man kauft nicht heute, sondern lieber morgen, weil es dann billiger sein könnte.

Der Major bittet zum Tee

Das Problem von Robin Odell (und von vielen anderen Autoren solcher True-Crime-Bücher) ist, dass er sich nicht sonderlich für den historischen Hintergrund und die gesellschaftliche Komponente interessiert. Odell tut so, als wäre das eine Geschichte aus den 1970ern, als er sein Buch geschrieben hat, nur eben mit Oldtimern und einer unmodern gewordenen Hutmode. Sie konnte sich so aber vermutlich nur nach dem Ersten Weltkrieg abspielen, als das britische Klassensystem allmählich durchlässiger wurde, sich die Besitzverhältnisse zu ändern begannen und im Geschäftsleben neue, von der standesbewussten Vorkriegsgeneration als unfein empfundene Sitten einkehrten. Am 21. Oktober 1921, als Martins Mandanten den Vorschlag für eine gütliche Einigung ablehnten, lud Armstrong seinen Kollegen zum Teetrinken ein. Verbunden mit der (durch nichts belegten) Hypothese, dass Armstrong die Annullierung der Kaufverträge ruiniert hätte, wirkt das verdächtig. Ohne sie hat er keinen Grund mehr, Martin umzubringen. Aber warum bat er den Mann, der versuchte, ihm die Kundschaft abzuwerben, seine verstorbene Gattin durch die Wahl der falschen Kleidung brüskiert und es nicht für nötig gehalten hatte, ihn zu seiner Hochzeit einzuladen, zum Tee? Antwort: Genau deshalb.

Robert Griffiths war ein Anwalt der alten Schule gewesen. Er und Armstrong hatten ein sehr kollegiales, auf gegenseitigem Respekt und Verlässlichkeit gegründetes Verhältnis gepflegt. Mit Griffiths’ Nachfolger änderte sich die Lage. Martin war kompetitiv statt kollegial, und unberechenbar, weil er den von Armstrong und Griffiths befolgten Verhaltenskodex nicht akzeptierte, oder diesen gar nicht kannte. In einem Ort wie Hay-on-Wye, mit zwei Kanzleien, war das schwierig, weil man notgedrungen ständig miteinander zu tun hatte. Armstrong war ein erfahrener Anwalt, dem klar sein musste, dass die Käufer der beiden Höfe seinen Kompromissvorschlag nicht abgelehnt hätten, wenn der auf eine aggressive Gangart geeichte Martin ihnen nicht dazu geraten hätte. Er lud ihn nach Mayfield ein, um ihm sein stattliches Anwesen zu zeigen, in dem man vornehm an einem Tisch saß und die Angestellten den Tee servierten, wenn man klingelte. Armstrong gab sich Mühe, den Gast zu beeindrucken - nicht, um mit seinem Reichtum zu prahlen (obwohl Martin das so empfunden haben dürfte), sondern um ihm zu demonstrieren, welche soziale Position er in der Gemeinde innehatte. So hoffte er, meint Beales, den jüngeren Kollegen davon zu überzeugen, dass er eine angesehene und honorige Person war, mit der Martin, unabhängig von den Differenzen ihrer Mandanten, zusammenarbeiten sollte, statt auf Konfrontationskurs zu gehen.

Direkt so gesagt hätte Armstrong das niemals, weil das ein Verstoß gegen die Etikette gewesen wäre. Martin andererseits hatte kaum eine Chance zu begreifen, was gemeint war. Bei dieser Einladung zum Tee trafen zwei Welten aufeinander. Martin und Armstrong trennte eine sozial bedingte Kluft, die sich nicht dadurch überwinden ließ, dass der eine dem anderen ein Scone reichte (mit Arsen oder ohne). Das wird schon daran deutlich, dass sich Armstrong später entschieden gegen die Behauptung verwahrte, er habe ein für seinen Gast bestimmtes Teegebäck mit den Händen angefasst, als sei das ähnlich wichtig wie die Frage, ob er das Scone vergiftet hatte. Martin wusste wahrscheinlich gar nicht, worum es ging. Das jeweilige Umfeld, in dem sich die beiden bewegten, verständigte sich über soziale Codes, die sie gegenseitig nicht lesen konnten.

Die Kanzleien der beiden Anwälte hatten zu der Zeit mehr miteinander zu tun als je zuvor. Viel stärker als durch die Velinewydd-Angelegenheit wurde Armstrong durch die ausgedehnten Ländereien eines Captain Hope in Anspruch genommen, das Clifford-Anwesen, deren Verkauf er abwickelte (das zu der These, dass er praktisch ruiniert war). Einige der Grundstücke erwarben Mandanten von Martin. Weil Martin ein Vorgänger jener Leute war, die nie ihr Mobiltelefon abschalten und sogar im Urlaub Mails aus der Firma beantworten, hatte er für den Abend einen Sekretär in sein Privathaus bestellt, um ihm vor und nach dem Essen mit Connie Briefe zu diktieren. Bestimmt fuhr er in der Erwartung nach Mayfield, dass man über die anstehenden Transaktionen reden würde, und über Velinewydd. Armstrong hatte ihn aber eingeladen, um ihm eine Lebensart zu zeigen, in der das Private privat war und das Geschäftliche draußen vor der Haustür blieb, ohne dass die beiden Bereiche deshalb komplett getrennt gewesen wären. Sie waren nur subtiler miteinander verwoben als bei Martin.

Armstrong präsentierte sich als ein Gentleman, der Geschäftsfreunde zum Tee bittet, dabei aber nie konkret über das Berufliche spricht, sondern über Gott und die Welt parliert, auf diese Weise ein soziales Band knüpft und so ein Grundvertrauen schafft, das am Ende auch den gemeinsamen Geschäften nützt, weil man unter Gentlemen selbst dann eine solide Verhandlungsbasis hat, wenn sich die Mandanten nicht grün sind. Darum plauderte er ganz allgemein über die Arbeitsbelastung eines Anwalts, über die beim Verkauf des Clifford-Anwesens zu beachtenden Regularien (Captain Hope dachte über eine Schadensersatzklage gegen Martin nach) sowie über die Freimaurerloge, in der beide Mitglied waren und die eine Lizenz für den Ausschank alkoholischer Getränke beantragen wollte. Martin war aber kein Gentleman, und er wollte keiner werden. Armstrong konnte er so wenig leiden wie seine ausgesuchten Umgangsformen und die gesellschaftliche Klasse, die er repräsentierte. Der Gastgeber, selbst ein Aufsteiger, übertrieb das Gentlemansein auch ein wenig. Das gibt es oft bei Leuten, die sich die Regeln eines Milieus zueigen machen, in das sie nicht hineingeboren wurden.

Als er nach Hause fuhr hatte Martin wahrscheinlich keine Ahnung, warum er eingeladen worden war, und vielleicht machte ihn das misstrauisch. Die Antwort lieferten seine Schwiegereltern: Armstrong hatte ihn zum Tee gebeten, um ihn zu vergiften. Über Velinewydd hatte Armstrong beim Tête-à-tête in Mayfield kein Wort verloren. Vor dem gemeinsamen Teetrinken jedoch, und selbstverständlich im Büro, hatte er einen Brief geschrieben, in dem er die Annullierung der Kaufverträge für die beiden Bauernhöfe formell ablehnte und die Pacht für ein Jahr forderte, die Martins Mandanten Williams Vaughan noch schuldeten. Martin muss das hinterhältig vorgekommen sein. Für Armstrong wäre es ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Benimmregeln gewesen, seinen Gast am Teetisch damit zu konfrontieren. Die verunglückte Verabredung zum Tee hatte für ihn tragische Konsequenzen. Und auch Martin ging nicht als strahlender Sieger vom Platz, als die Leiche seines gehängten Rivalen im Gefängnishof verscharrt war (er zog aus Hay weg, berufliche Erfolge blieben ihm verwehrt). In gewisser Weise endete das Zusammentreffen zweier Welten so katastrophal wie das der weißen Jäger und der schwarzen Stammesangehörigen in The Naked Prey von Cornel Wilde, über den ich neulich geschrieben habe.

Dubiose Apotheke

Fred Davies, der Apotheker, hatte es nicht besonders eilig, seinen Schwiegersohn aus tödlicher Gefahr zu retten. 24 Stunden nach der Entdeckung, dass jemand zwei von den Pralinen präpariert hatte, oder nachdem er selbst das Gift eingefüllt hatte, ging er damit zu Dr. Hincks, der direkt neben ihm wohnte. An den Rändern der Löcher in den Pralinen waren Spuren eines weißen Pulvers zu sehen. Hincks hatte Spekulationen über eine Arsenvergiftung bisher zurückgewiesen. Jetzt, da Davies die Pralinen gebracht hatte, musste er die Anschuldigungen ernst nehmen. Er und der Apotheker kamen überein, Martins Urin untersuchen zu lassen, um sicherzugehen. Einen Gil Grissom oder einen Horatio Caine gab es damals nicht (wir werden allerdings noch einem echten Experten begegnen, der als einer der Opas dieser Phantasiefiguren gilt). Hincks bat Davies, eine seiner Medizinflaschen gründlich auszuwaschen, den Korken mit destilliertem Wasser zu reinigen und die Flasche seinem Schwiegersohn zu bringen. Martin pinkelte zweimal hinein, am Abend und am nächsten Morgen (31. Oktober, fünf Tage nach dem mutmaßlichen Giftanschlag), dann holte Hincks die Flasche ab und übergab sie Davies, der sie zusammen mit den Pralinen an die Clinical Research Association in London schickte. Hincks bat in einem Begleitbrief, die Proben speziell auf Arsen zu analysieren.

Da war jetzt sehr viel Fred Davies mit dabei. Von ihm und seiner Gattin kam der ursprüngliche Verdacht gegen Armstrong, den er nicht leiden konnte. Davies warnte vor anonym zugeschickten Pralinen, die vergiftet sein könnten. Diese Pralinen hatte er genauso bei sich zuhause wie die Urinprobe, für die er die Flasche zur Verfügung gestellt hatte, und Arsen hatte er als Apotheker sowieso. Man kann hier ein auffälliges Muster beobachten. Die Pralinenschachtel holte nicht Davies bei den Martins ab, sondern seine Frau. Die Flasche mit der Urinprobe stammte aus der Apotheke und ging dorthin zurück, aber dazwischen holte Dr. Hincks sie bei Martin ab. Hincks schrieb den Begleitbrief, was hinterher so wirkte, als habe er das Paket an das Labor geschickt. Sollte Davies es - rein hypothetisch - darauf angelegt haben, den Ablauf der Ereignisse so zu gestalten, dass sich eine Geschichte erzählen lässt, in der er kaum mehr eine Rolle spielt, hätte er das nicht schlecht gemacht. Diese Geschichte gibt es tatsächlich: in der Zusammenfassung des Kriminalfalls, die Filson Young, der Herausgeber des Armstrong-Bandes in der Reihe Notable British Trials, anbietet. Da tritt Davies in den Hintergrund, obwohl er die treibende Kraft war.

Bei Young (und in der Folge bei Odell) ist Hincks der in stiller Größe von Patient zu Patient reitende Landarzt, der einen schlimmen Verdacht gegen Major Armstrong hegt und sich, auf dem Rücken seines Pferdes das Für und Wider abwägend, zu dem Entschluss durchringt, der Sache auf den Grund zu gehen. Bei Bedarf ändert Young sogar die Chronologie, weil er als Herausgeber überfordert war oder um es passend zu machen, weil es ihm mehr auf die auf Armstrong als Täter zugeschnittene Geschichte als auf die korrekte Wiedergabe der Details ankam. Davies und seine dubiose Rolle hätten da nur gestört. Ich weiß nicht, wie es wirklich war und ich begeistere mich auch nicht für Leute, die beleidigt sind, wenn man beim Teetrinken nicht den kleinen Finger spreizt. Mir persönlich aber ist Davies mindestens so unsympathisch wie Armstrong ihm und seinem Schwiegersohn. Aus dem, was über die Verwicklung des Apothekers in den Mordprozess bekannt ist, ließe sich eine gruselige Romanfigur gestalten - ein monströser Kleinbürger beispielsweise, der aus Frustration über seinen sozialen Status das Klima in einem Provinzort vergiftet. Als solcher wäre er ein lohnendes Objekt für Hercule Poirot in dessen letztem Fall (Curtain). Da beschließt der Meisterdetektiv … man lese selbst.

Dr. Hincks reitet für die Gerechtigkeit

Davies hatte zugestimmt, die Analyse zu bezahlen. Dann schrieb das Labor an Hincks, dass man bereit sei, die Proben zu untersuchen, dies jedoch nur, wenn sich der Auftraggeber verpflichte, mögliche Folgekosten zu übernehmen. Sollte ein Experte der Clinical Research Association außerhalb von London bei einem Prozess aussagen müssen, würde das Unternehmen pro Tag fünf Pfund und fünf Schillinge in Rechnung stellen (in London: drei Pfund und drei Schillinge), plus Unterbringung und Verpflegung sowie einer Fahrkarte Erster Klasse. So viel Geld wollte Davies für seinen Schwiegersohn nicht aufwenden. Vielleicht wurde ihm nun erstmals bewusst, was er da angestoßen hatte. Oder er wollte lieber im Hintergrund bleiben und nicht am Ende als der Mann dastehen, der die Anschubfinanzierung für ein mögliches Strafverfahren gegen Armstrong geleistet hatte und einen Zeugen der Anklage bezahlte. Jedenfalls weigerte er sich zu zahlen und delegierte das Problem an Dr. Hincks, den er aufforderte, sich weiter um die Angelegenheit zu kümmern. Hincks kam aus der Sache nicht mehr heraus. Er hatte den Brief an das Labor geschrieben, die Antwort war an ihn adressiert, und er war der Hausarzt des mutmaßlichen Opfers. Also wandte er sich hilfesuchend an das Innenministerium, blieb aber möglichst vage.

Das Innenministerium reichte Hincks’ Anfrage an die Polizei weiter. Diese nahm Kontakt mit dem Arzt auf, der sich weigerte, Namen und konkrete Verdachtsmomente zu nennen, bevor die Proben analysiert waren. Die Polizei informierte das Ministerium, das empfahl, Hincks mitzuteilen, dass man ohne genauere Angaben nichts unternehmen könne. So blockierte man sich gegenseitig, und das hätte es gewesen sein können. Wahrscheinlich wäre die Angelegenheit in einer Akte verschwunden, und der Giftmörder von Hay wäre ein angesehener Bürger geblieben, wenn sich das Jahr nicht dem Ende zugeneigt hätte und Hincks’ Brief nicht auf dem Schreibtisch eines verständnisvollen Ministerialbeamten gelandet wäre, der eine Idee hatte, wie man die Proben analysieren konnte, ohne dass einer der Beteiligten ein paar Pfund lockermachen musste. Er sympathisiere mit Dr. Hincks, notierte der Beamte am 14. November in einem Memo, der den Ruin seiner Arztpraxis befürchten müsse, falls jemand von der Polizei den Mund nicht halten konnte. Im Austausch für präzisere Informationen möge man ihm daher absolute Verschwiegenheit zusichern, wenn bei der Analyse kein Arsen gefunden werden sollte. Der Experte, der für das Innenministerium solche Untersuchungen durchführe, erhalte ein Pauschalhonorar von 500 Pfund. Da sei für dieses Jahr noch ausreichend Geld vorhanden.

John Webster und Dr. Tom Hincks

Der Experte, John Webster vom St. Mary’s Hospital in Paddington, fand Spuren von Arsen in Martins Urin und sehr viel davon - eine Dosis, die für einen Erwachsenen tödlich sein konnte - in den beiden Pralinen. Das Innenministerium bestätigte am 5. Dezember den Eingang des Befunds. Am 9. Dezember traf sich Hincks im Büro des Polizeichefs von Hereford-on-Wye (Zentrum des für Armstrongs Wohnsitz zuständigen Verwaltungsbezirks Herefordshire) mit einem Vertreter der Staatsanwaltschaft. Bei dieser Gelegenheit teilte er mit, dass er inzwischen Dr. Townsend einen Besuch abgestattet habe, dem Leiter der Nervenheilanstalt Barnwood, in der Katharine Armstrong fünf Monate verbracht hatte. Er und sein Kollege hätten die Krankheitssymptome der verstorbenen Mrs. Armstrong diskutiert und stimmten darin überein, dass das Krankheitsbild perfekt zu einer Arsenvergiftung passe. Hincks’ Einigkeit mit Townsend war stark übertrieben, um nicht zu sagen frei erfunden, aber das spielte bald keine Rolle mehr.

Hier lohnt es sich, einen Moment innezuhalten und sich daran zu erinnern, dass weder Dr. Hincks noch Dr. Townsend noch sonst ein Arzt vor, während oder nach Katharines Aufenthalt in Barnwood irgendetwas von einer Arsenvergiftung bemerkt hatten. Townsend hatte überhaupt keine körperliche Erkrankung diagnostiziert, sondern die Lähmungen, die Bauchschmerzen und das Erbrechen auf psychische Ursachen zurückgeführt. Der Rest ist Spekulation. Wollte Dr. Hincks von seinem (mutmaßlichen) Versagen ablenken, indem er nun umso bestimmter behauptete, dass Armstrong seine Frau vergiftet hatte? Reproduzierte er nur, was ihm Davies eingetrichtert hatte? Oder gab es andere Gründe für den radikalen Umschwung? Hincks war ein meinungsstarker Mensch, was nicht ausschloss, dass er diese Meinung änderte und mit großer Überzeugung das Gegenteil von dem vertrat, was bisher gegolten hatte. Ihm kann auch der Gedanke nicht gefallen haben, dass der Apotheker von Anfang an etwas korrekt diagnostiziert hatte, was ihm, dem Arzt, nicht aufgefallen war, und dass sich das in Hay herumsprechen könnte. Also stellte er sich, das wäre meine Vermutung, mit Vehemenz an die Spitze der Bewegung, um den Eindruck zu erwecken, dass es immer so gewesen und es nicht zuletzt ihm zu verdanken war, dass einem feigen Mörder das Handwerk gelegt wurde.

Als Dr. Hincks am 9. Dezember das Ergebnis der Analyse erfuhr machte er eine Aussage, in der er kein gutes Haar an Armstrong ließ. Seiner Meinung nach sei der Mann ein gemeingefährlicher und abnorm veranlagter Irrer, der den Frauen nachlaufe, Tanzveranstaltungen besuche und dort, so habe man ihm berichtet, mehrfach zudringlich geworden sei. Dieser Geisteskranke habe einen Revolver auf seinem Nachttisch liegen, und falls er bemerken sollte, dass die Polizei gegen ihn ermittelte, sei zu befürchten, dass er sich selbst, seine drei Kinder, Oswald Martin und ihn, Dr. Hincks, töten werde. Das war der Mann, mit dem Hincks seit Jahren befreundet war, mit dem er in derselben Freimaurerloge saß und den er nie in irgendeiner Form verdächtigt hatte, ehe Davies mit den Pralinen eines anonymen Absenders gekommen war, um seine von Hincks zuvor als absurd zurückgewiesenen Anschuldigungen zu belegen.

Wie aus einer Pralinenschachtel ohne Absender, einer Teestunde mit einem gebutterten Scone, das es wahrscheinlich nie gegeben hatte und einem Verdacht eine Mordanklage wurde, dazu mehr im zweiten Teil: Allein die Menge macht das Gift

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