Ablasshandel für den Flugverkehr

Der Traum vom sauberen Fliegen

Für Kritik auch innerhalb der Grünen hat eine Broschüre gesorgt, die die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit Airbus herausgegeben hat und die im Rahmen der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA vorgestellt wurde. Die Publikation "Oben - Ihr Flugbegleiter" enthält zwar einige brauchbare Zahlen zur Entwicklung des Luftverkehrs, kommt aber im großen Ganzen als Imagebroschüre daher, die für die Zukunft nachhaltige und klimafreundliche Flugreisen dank technischer Innovation verspricht.

Es werden zunächst Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten vorgestellt, Algen-Öl soll Kerosin ersetzen oder neue Hybridflugzeuge mit kombinierten Elektro- und Treibstoffantrieben fliegen. Doch diese Technologien sind weder markt- noch serienreif, in sieben bis zehn Jahren könnte Algen-Öl kommerziell einsetzbar sein, so die optimistische Selbsteinschätzung der Entwickler. Wie bei anderen Biokraftstoffen auch, könnte Europa niemals seinen eigenen Bedarf decken: "In Südeuropa, heißt es, stünden genug Flächen zur Verfügung, um 30 Prozent des Gesamtverbrauchs an Kerosin in Europa - 1,7 Milliarden Liter jährlich - zu decken. Besonders auf Griechenland und Albanien haben die Forscher ihr Augenmerk gerichtet", heißt es in der Broschüre, wobei die 30% hier positiv gemeint sind. Zudem dürfte angesichts weiter steigender Passagierzahlen der Treibstoffbedarf für Flugzeuge in den nächsten Jahren noch wachsen. Leider erstellen Böll-Stiftung und Airbus in ihrer Broschüre keine Gesamtbilanz von Effizienzgewinnen einerseits und Wachstum der Flugbranche andererseits.

Vorangestellt werden die Ziele der Luftverkehrsbranche: "Ab 2020 will die Branche CO2-neutral wachsen. Bis 2050 will sie den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 2005 um 75% senken." Das heißt: Bis 2020 wird die Branche ihren CO2-Ausstoß vermutlich vergrößern. 2050, wenn die Weltwirtschaft nach Ansicht von Klimaforschern weitestgehend dekarbonisiert sein sollte, wird sie noch immer nicht in einer postfossilen Welt angekommen sein.

Zu einer nominell neutralen Klimabilanz könnte die Branche über den Emissionshandel kommen. Wie die Böll-Stiftung und Airbus darstellen, sollte der Flugverkehr ab 2012 in das Europäische Emissionshandelssystem (ETS) einbezogen werden, wenn auch nur für 13% ihrer Emissionen. Dagegen wehrten sich mehrere außereuropäische Länder wie die USA, China und Indien. Seither gilt das ETS nur noch für innereuropäische Strecken und Fluggesellschaften mit Sitz in der EU, die sich nun wiederum gegenüber anderen Anbietern im Nachteil sehen. Auf ihrer Herbstsitzung wird die UN-Luftfahrtorganisation ICAO wahrscheinlich ein Modell für ein weltweites Emissionshandelssystem verabschieden. Der politische Wille für ein derartiges Modell sei vorhanden, versicherte der ICAO-Ratspräsident Olumuyiwa Benard Aliu erst vergangene Woche.

Bis 2020 solle das Emissionshandelssystem für den Luftverkehr voll funktionsfähig sein. Neben dem Erwerb von Emissionszertifikaten werden den Fluggesellschaften dann wahrscheinlich auch sogenannte Offsets zur Verbesserung ihrer nominellen Klimabilanz zur Verfügung stehen. Statt selbst den Ausstoß von Treibhausgasen zu vermeiden, können Unternehmen Klimaschutzprojekte an anderen Orten der Welt finanziell unterstützen.

Die Gelder fließen beispielsweise in Erneuerbare-Energien-Projekte, aber mitunter auch in fossile Technologien, die bestimmten Standards entsprechen und damit als sauberer gelten als ihre Vorgänger. So wurden über den Clean Development Mechanism auch Kohlekraftwerke finanziert.

Immerhin greift das Papier von Böll-Stiftung und Airbus die Kritik von Nichtregierungsorganisationen am Offsetting auf: "Nachteil des Verfahrens ist die Substitution: Klimawirksame Projekte, die ohnehin geplant waren, werden aufgeschoben, bis eine Finanzierung über die CO2-Verrechnung steht. Im schlechtesten Fall gehen alle Mittel aus dem Offsetting in Vorhaben, die sonst anderweitig von der öffentlichen Hand oder von Unternehmen bezahlt worden wären - dann läge deren Effizienz bei null." Neben der Frage, ob es auf diese Weise tatsächlich zu einer Nettoemissionsreduktion kommen kann, bergen die Offset-Projekte oftmals auch die Gefahr von sozialen Konflikte und Vertreibungen, zum Beispiel beim Bau von Wasserkraftwerken. (Jutta Blume)