Abschied vom Agrartreibstoff?

Seit Anfang der 1990er verbrauchen die AKWs in aller Welt mehr Uran als gefördert wird. Das mag zum Teil daran liegen, dass es aus Zeiten des kalten Krieges große strategische Lagerbestände gab, die nun abgebaut werden. Aber einige Länder wie Deutschland, Frankreich oder die tschechische Republik haben ihre Ressourcen auch bereits erschöpft. Bild: Energy Watch Group

Die Energie- und Klimawochenschau: US-Atom-Lobbyist übt sich als Komiker, während Moskau seien Museumsreaktoren offenbar noch bis ins nächste Jahrhundert weiterlaufen lassen will. Die Freunde des Agrarsprits bekommen hingegen kalte Füße

Ist es nun US-amerikanischer Humor, oder was soll man davon halten, wenn US-Präsident Bush sich einen "Klimaberater" hält und dieser auch noch anderen Ländern Lektionen erteilt: Man müsse die Atomkraft nutzen, ließ Buchs Sprachrohr James Connaughton am Montag in Japan die internationale Presse wissen, "wenn man es mit der Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen ernst meint".

Die Äußerungen zielten offensichtlich vor allem auf die deutsche Regierung. Für Angela Merkel, die gerade zum G-8-Gipfel im Land der aufgehenden Sonne weilt, ist das natürlich besonders komisch. Vor zehn Jahren tourte sie noch wie derzeit Nicolas Sarkozy durch die Lande, um als Kohlsche Umweltministerin deutsche AKWs an den Mann zu bringen. Unter anderem versuchte sie ihr Glück beim indonesischen Massenmörder und Kohlfreund Suharto. Und jetzt muss sie ihren Amtskollegen erklären, weshalb ihre Regierung auf das für Kraftwerksbauer und Stromkonzerne so überaus lukrative Geschäft verzichten will. Wo sie doch selbst auch gerne immer wieder mal das Märchen von der klimafreundlichen Atomkraft erzählt. Als Antwort auf Connaughton ließ die Bundeskanzlerin daher nur wissen, dass sie bekanntlich für längere Laufzeiten eintritt.

Kola 1. Bild: Rosenergoatom

In Russland hätte sie damit wahrscheinlich mehr Freunde, denn da hat man ein Herz für Museumsstücke. Auf der Halbinsel Kola im russischen Teil Skandinaviens bekam dieser Tage der Reaktor Kola Nummer 1 eine Verlängerung der Betriebsgenehmigung um weitere zehn Jahre. Der Meiler war seinerzeit das erste Atomkraftwerk nördlich des Polarkreises als es im Juni 1973 in Betrieb ging. Konzipiert wurde er damlas für eine Betriebszeit von 30 Jahren, doch nun läuft er bereits im 36. Sommer. In den 1970ern und frühen 1980ern wurden in seiner Nachbarschaft drei weitere Blöcke errichtet, die ebenfalls eine Verlängerung bekommen sollen.

"BarentsObserver", eine Internetplattform für die Küstenregion an der Barentssee, die vom norwegischen Ölkonzern StatoilHydro gesponsort wird, berichtet unter Berufung auf den AKW-Betreiber Rosatom, dass in den letzten Jahren 400 Millionen US-Dollar in die Modernisierung der Anlage gesteckt worden seien. Dadurch sei diese nun vertrauenswürdiger, findet zumindest der Betreiber.

Das findet Vattenfall von seinem schleswig-holsteinischen AKW Brunsbüttel auch. Das ist nur ein paar Jahre jünger, aber im Laufe der Jahrzehnte so oft nachgebessert und geflickt worden, dass schließlich kein Techniker mehr durchblickte. Eine Computersimulation hatte vor einigen Jahren gezeigt, dass das Sicherheits- und Steuerungssystem durch die Nachbesserungen derart komplex geworden war, dass verschiedene neue Sicherheitsprobleme von den Ingenieuren nicht mehr erkannt werden konnten. Hoffen wir mal, dass man in Russland etwas systematischer vorgegangen ist und dass man dort die Ermüdung des Materials richtig einschätzen kann.

In Brunsbüttel war es im Dezember 2001 zu einer Wasserstoffexplosion ganz in der Nähe des Reaktordruckbehälters gekommen. Drei Meter eines Kühlwasserzuflusses wurden seinerzeit weggerissen. Der Betreiber, damals noch die später von Vattenfall übernommene HEW, meldete den Vorfall erst Wochen später an die Behörden und ließ das AKW zunächst weiterlaufen. Ende Juni hatte Greenpeace nach jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzungen endlich Akteneinsicht erstritten. Derzeit steht das AKW seit rund einem Jahr still, nachdem es Ende Juni 2007 aufgrund einer Netzstörung (Pannenserie in Vattenfall-AKWs) abgeschaltet werden musste. Im Augenblick werden Haarrisse in Armaturen repariert und falsche Dübel ersetzt.

Typisch für die derzeitige Debatte um Laufzeitverlängerungen und Atomrevival ist indes, dass die Atomfreunde die Technik für eine Art Füllhorn zu halten scheinen. Keiner spricht davon, wo all das Uran für die alten und ersehnten neuen AKWs herkommen soll. Die Energy Watch Group hat schon vor eineinhalb Jahren in ihrem Uran-Report darauf hingewiesen, dass das Uran nicht allzu lange mehr reichen wird. Beim jetzigen Verbrauch vielleicht gerade noch 60 Jahre.

Interessant auch: Seit fast 20 Jahren wird mehr Uran verbraucht als gefördert. Lagerbestände werden abgetragen und alte Atomwaffen umgebaut. Einige Länder, wie zum Beispiel Deutschland – bisher weltweit drittgrößter Produzent von Uran –, haben ihre Ressourcen bereits restlos abgebaut, mit den bekannten katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt in Wismut und Umgebung.

Unterdessen werden im japanischen Toyako, wo sich noch bis Mittwoch die Staats- und Regieruingschefs der Gruppe der Acht (G8) treffen, die Gespräche auch ein wenig um den Klimaschutz kreisen. Neues ist allerdings nicht zu erwarten. Die Internetplattform "Canadian Press" hat einen Blick in den Entwurf der Abschlusserklärung geworfen, und fand darin kein "hartes Ziel".

Die G-8-Staten werden sich am Mittwoch mit einigen großen Schwellenländern wie China und Indien zusammensetzen, aber offenbar wird man sich dabei nicht auf Reduktionsziele für die Treibhausgase festlegen.

Ausblick auf den See Toya, den die G-8-Chefs derzeit genießen. Bild: Japanische G-8-Präsidentschaft

Stattdessen werde auf den Verhandlungsprozess innerhalb der UN-Klimaschutzrahmenkonvention verwiesen. Die sollen Ende nächsten Jahres auf einer großen Konferenz in Kopenhagen in ein neues Klimaschutzabkommen münden, das das Kyoto-Protokoll fortschreibt. Doch für diesen Prozess wäre es sicherlich sinnvoll, wenn die großen Industriestaaten ernsthafte Angebote auf den Tisch legen würden. Die US-Regierung hatte allerdings schon in den Vorgesprächen für den G-8-Gipfel klar gemacht, dass sie sich auf kein festes Reduktionsziel einlassen wird. Die EU hat hingegen bereits 20 Prozent gegenüber 1990 bis zum Jahr 2020 für sich als Reduktionsziel ausgegeben.

Anteile der verschieden Länder und Ländergruppen an den weltweiten Treibhausgasemissionen im Jahre 2005.

Ob das allerdings auch erreicht wird, ist noch keineswegs ausgemacht. Derzeit gerät gerade eine der Säulen der EU-Klimaschutzpolitik ins Wanken, nämlich die Beimischungspflicht von Agrartreibstoffen. Eigentlich hatten sich die Mitglieder bereits darauf geeinigt, dass der Pflichtzusatz schrittweise steigen sollte. 2020 will man zehn Prozent erreicht haben.

Nachdem aber in den letzten Monaten die Kritik an den nachwachsenden Kraftstoffen immer lauter geworden ist, scheint es langsam ein Umdenken zu geben. Zuletzt hatte die britische Zeitung "Guardian" die Öffentlichkeit mit einem Beitrag über einen bisher geheimen Weltbankbericht aufgeschreckt, wonach der starke Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt vor allem auf die hohe Nachfrage nach Agrarsprit zurückzuführen ist. Zudem ist sein klimaschonender Effekt oftmals fraglich. In Ostdeutschland wird für die Herstellung von Ethanol zum Beispiel viel Strom aus Braunkohlekraftwerken eingesetzt. Unterm Strich sind dadurch die CO2-Emissionen auch nicht niedriger, als wenn Benzin verbrannt wird.

Es kommt ja nicht oft vor, dass Politiker empfänglich für Kritik sind, aber in diesem Falle scheint die Botschaft langsam anzukommen. Am Wochenende hat sich der EU-Ministerrat offenbar von der Erhöhung der Beimischungspflicht verabschiedet, wie "Europolitan" berichtet. Die Energieminister hatten sich in Paris getroffen. Hinterher hieß es, die zehn Prozent Anteil der erneuerbaren Energien im Straßenverkehr könnten auch mit Elektro- oder Wasserstoffautos erreicht werden.

Auch im EU-Parlament gibt es Widerstand gegen das Beimischungsziel von 10 Prozent. Nach Angaben der Umweltorganisation Friends of the Earth stimmte am Montagabend der Umweltausschuss des Parlaments in Strasbourg das Beimischungsziel herabzusetzen. Statt 10 Prozent 2020 soll es nach Vorstellung der Parlamentarier vier Prozent bis 2015 heißen. Derzeit beträgt die Beimischungsquote im EU-Schnitt weniger als zwei Prozent.

Adrian Bebb, der in Brüssel für die Umweltschützer die Kampagne gegen Agrartreibstoffe koordiniert, begrüßte den Beschluss, meinte aber, dass der Weg der nachwachsenden Rohstoffe ganz aufgegeben werden sollte, da sie mehr Unheil anrichten als Gutes bewirken würden. Nötig seien ernsthafte Lösungen, die tatsächlich dem Klima nützen. Ein Beispiel seien dafür härtere Emissionsstandards, über die die Parlamentarier noch diesen Sommer abstimmen werden. (Wolfgang Pomrehn)

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