Abschied vom Großraumbüro

Großraumbüro mit Arbeitsnischen. Foto: Tim Patterson. Lizenz: CC BY 2.0

Arbeitsforscher halten das zur Zeit des Taylorismus entwickelte Modell für ungeeignet, bei aktuellen Arbeitsanforderungen die Produktivität zu fördern

Udo-Ernst Haner, der Leiter des Teams Information Work Innovation am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) den Abschied vom Großraumbüro eingeläutet. Die "undifferenzierten Büroflächen mit mehr als 400 Quadratmetern Größe für üblicherweise mehr als 25 Arbeitsplätze" entstanden seinen Ausführungen nach zu einer Zeit, als dort überwiegend "gleichförmige Arbeit [wie Abtippen und Addieren] geleistet wurde, die von einer Person überwacht werden musste".

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Diese Umgebung prägte Haner zufolge "ein sehr tayloristisches Verständnis von Arbeit, in dem genau festgeschrieben war, welcher Arbeitsschritt einem anderen folgt [und] wer was zu tun hat". Heute sind die Anforderungen an Büroarbeiter aber ganz andere als die, die damals an Stenotypistinnen und kaufmännische Angestellte gestellt wurden. Eine so strenge Arbeitsteilung wie im Taylorismus gibt es kaum noch, dafür ist häufig auch in wirtschaftlichen und technischen Bereichen Kreativität gefragt.

Um diesen neuen Anforderungen optimal gerecht zu werden, reicht es Haners Ansicht nach aber nicht, von Großraumbüros auf Einzelbüros umzustellen. Letztere sind seinem Urteil nach "super, wenn es darum geht, dass eine Person allein höchst konzentriert an einer Aufgabe arbeitet", reichen aber nicht aus, wenn "Kollaboration und Austausch nötig sind". Anstatt der "herkömmlichen Monostruktur" empfiehlt er deshalb "räumliche Vielfalt" und "mehr Autonomie bezüglich Arbeitsort und Arbeitszeit".

Das ist seiner Ansicht nach heute in vielen Fällen problemlos möglich, weil wir "durch die digitale Arbeitsweise […] über unsere kleinen vernetzten Rechner immer Zugriff auf unsere Inhalte und Dokumente" haben und deshalb "jederzeit entscheiden [können], welche räumliche Situation für unsere Arbeit am besten geeignet ist". Unterschiedliche Räume sollten seiner Ansicht nach in jedem Stockwerk verfügbar sein "am besten direkt nebenan". Außerdem müsse es Bereiche geben, in denen man "Abstand von der eigentlichen Aufgabe gewinnen", "auf andere Gedanken kommen" und "sich spielerisch mit etwas auseinandersetzen" kann.

Räume, in denen ein "informeller Austausch" stattfindet, sollten seinen Worten nach "einen gewissen Loungecharakter haben". Außerdem müsse man darauf achten, dass sich keine "Meeting-Kultur [etabliert], die viele Mitarbeiter und Führungskräfte einen Großteil ihrer Arbeitszeit in Besprechungen verbringen lässt", weil diese dann "in der normalen Arbeitszeit kaum noch die Möglichkeit [haben], strategische Aufgaben anzugehen oder einfach nur die sonstigen Arbeiten zu erledigen".

Eine andere Mahnung, auf veränderte Bedingungen zu reagieren, haben vor zwei Wochen die so genannten "Wirtschaftsweisen" abgegeben. Sie fordern von der Politik eine Änderung des Arbeitszeitgesetzes, weil "die Vorstellung, dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet, […] veraltet" sei, "wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest". Ob die von ihnen vorgeschlagene Wochenarbeitszeitbegrenzung von 48 Stunden in der Praxis außer zusätzlicher Bürokratie mehr bewirkt als die mit dem Home Office häufig sehr theoretisch gewordene Achtstundentagesbegrenzung ist freilich fraglich.

Den Zahlen des IT-Branchenverbandes Bitkom nach bietet inzwischen jedes dritte deutsche Unternehmen seinen Angestellten an, Arbeit ganz oder teilweise im Home Office zu verrichten. Volkswirtschaftlich betrachtet hat die Arbeit im Home Office den Vorzug, dass der öffentliche Nahverkehr und die Straßen gerade zu Stoßzeiten entlastet werden. Der Arbeitgeber spart bei entsprechender Planung Kosten für Miete, Möbel, Heizung, Strom, Telefon und Arbeitsgeräte, muss aber eventuell mit Problemen durch eine verringerte Kommunikation zwischen Mitarbeitern rechnen.

Der Arbeitnehmer spart sich zwar die Zeit für die Hin- und Rückfahrt zum Büro, ist aber manchmal mit Bedingungen konfrontiert, die eine Arbeit von zuhause aus erheblich erschweren: Gerade in Bundesländern mit Betreuungsgeldanreiz eignen sich Privatwohnungen nämlich oft nicht für die Verrichtung konzentrierter geistiger Arbeit. (Peter Mühlbauer)

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