Abschied vom Shareholder Value

Steht ein ökonomischer Paradigmenwechsel bevor?

In den 1980er Jahren löste der Wirtschaftswissenschaftler Alfred Rappaport mit seiner Theorie des Shareholder Value einen Paradigmenwechsel aus: Er argumentierte, dass das vorrangige Ziel einer Firma die Steigerung der Erträge ihrer Aktionäre sein sollte. Und um dieses Ziel zu erreichen, sollten Unternehmen ihren Managern finanzielle Anreize in Form von Aktienoptionen zur Verfügung stellen.

Mittlerweile werden diese Leitsätze allerdings von immer mehr Seiten infrage gestellt: Den Anfang machte der ehemalige General-Electric-CEO Jack Welch, der lange als Musterknabe der Shareholder-Value-Religion galt, weil er in den 1980er und 90er Jahren angekündigte Ziele besonders genau erreichte. Am 12. März 2009 sagte er der Financial Times, das Konzept sei "die dümmste Idee der Welt".

Roger Martin, der Dekan der Rotman School of Management an der University of Toronto, gibt dieser Aussage in seinem Buch Fixing the Game1 eine ausführliche theoretische Grundlage. Seine Kritik am Shareholder Value gründet sich unter anderem darauf, dass unter dessen Herrschaft der Aktienkurs einer Firma nicht mit dem Unternehmenserfolg sinkt oder steigt, sondern (mehr oder weniger automatisch), wenn vorher angekündigte Ziele erreicht oder verfehlt werden. Auch das Gros der Boni ist damit weniger an den Unternehmenserfolg als an das Erreichen dieser Zielwetten geknüpft.

Die Absurdität dieser Situation illustriert der Wirtschaftswissenschaftler dadurch, dass er das System in den Sport verpflanzt. Würde man dort durchgehen lassen, was in der Wirtschaft gang und gäbe ist, dann würden Footballmannschaften nicht mehr auf Sieg spielen, sondern nur mehr auf die möglichst punktgenaue Erfüllung ihrer Wetten. Interessenkonflikte, wie sie bei Unternehmensmanagern an der Tagesordnung sind, führen deshalb im Sport dazu, dass Spieler suspendiert werden.

Im Wirtschaftsleben fördert die Shareholder-Value-Ideologie Martin zufolge die Unehrlichkeit. Seiner Ansicht nach war es kein Wunder, dass es mit dem Sieg der Idee des Shareholder Value massenhaft zu Buchhaltungsmanipulationsskandalen kam - bestehen doch erhebliche Anreize für Manager, die Zahlen so hinzubiegen, wie sie gerade gebraucht werden. Das schadet langfristig der Akzeptanz des Kapitalismus in der Bevölkerung und untergräbt so die Wurzeln des Systems.

Mittelfristig leiden Martin zufolge nicht nur die Verbraucher und die Allgemeinheit, sondern auch die Aktionäre, für die das System ja eigentlich erfunden wurde. Denn wie die bereits über ein Vierteljahrhundert andauernde Erprobungsphase zeigt, hatte die Hinwendung zum Shareholder Value durchaus gegenteilige als die intendierten Effekte: Seit dem Paradigmenwechsel gingen die Leistungen der Unternehmen Martins Berechnungen nach nämlich zurück: Von 1933 bis in die 1970er Jahre lag die durchschnittliche Jahresrendite von Firmen im S&P-500-Aktienindex beispielsweise bei 7,5 Prozent, dann sank sie auf 6,5.

Dafür explodierten die Managereinkünfte: Zwischen 1960 und 1980 waren in den 365 größten börsennotierten US-Unternehmen die CEO-Einkünfte pro für die Firma erwirtschaftetem Dollar um 33 Prozent gesunken. Die Manager erwirtschafteten in diesem Zeitraum mehr für ihre Aktionäre - und zwar zu einem günstigeren Preis. Zwischen 1980 und 1990 verdoppelte sich dagegen die CEO-Entlohnung pro für die Firma erwirtschaftetem Dollar. Und zwischen 1990 und 2000 vervierfachte sie sich.

Weil Manager gut daran verdienen, ist es Martin zufolge auch illusorisch zu erwarten, dass sie das für ihre Arbeitgeber nachteilige System selbst ändern: Mahnende Worte an diese Adresse wären eine ebenso große Zeitverschwendung wie Predigten an heranwachsende Jungs, sich nicht mit Mädchen abzugeben. Oder, wie Upton Sinclair es 1935 formulierte: "Es ist schwierig, einen Menschen dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht".2

Martin fordert deshalb Gesetzesänderungen wie die Rücknahme des 1995 verabschiedeten (und von Newt Gingrich mit entwickelten) Private Securities Litigation Reform Act, der Manager und Unternehmen vor Verantwortung schützt, und der Buchhaltungsregel FASB 142, damit Abschreibungen nicht mehr an den Aktienkurs gekoppelt werden können. Das würde Nachteile für Manager beseitigen, die sich nicht am Shareholder Value orientieren. Als weitere Maßnahmen empfiehlt Martin die Regulierung von volatilitätsrisikofördernden Hedgefonds und eine mehrere Jahre nach dem Ausscheiden aus dem Betrieb andauernde Sperrfrist, während der es Managern verboten ist, eigene Aktien zu verkaufen.

Eine stärkere Konzentration von Unternehmen auf ihre Produkte, wie sie dem Harvard-Absolventen als Ersatz für das Leitbild der letzten Jahrzehnte vorschwebt, wurde schon vor ihm vorsichtig angedacht und führte dazu, dass das deutsche Wort "Mittelstand" Eingang in die englische Sprache fand. Damit dieses Konzept Erfolg hat, müsste man allerdings Technikern mehr Macht geben und dafür die von Bürokraten beschneiden - was ein noch weitaus radikalerer Paradigmenwechsel wäre als die Abkehr vom Shareholder Value.

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