Abschied von Hollywood

Das Kino der Welt emanzipiert sich von Hollywood. Endlich

Um es gleich einmal vorneweg zu sagen: Ich kann die blöden Dackelaugen von Al Pacino schon nicht mehr sehen. Und Anthony Hopkins vermeide ich ebenfalls, wo es nur geht. Aber: Kaum schalte ich den Fernseher an, wer steht da wieder vor mir? Dustin Hoffman, Tom Cruise, Meryl Streep, Demi Moore. Die ganze Hollywood-Filmriege. Gleitet ein amerikanisches Auto über den Bildschirm, mache ich „klick“. Es hilft natürlich nichts.

Ich habe jeden Film mit Johnny Depp gesehen, mit Matt Damon, mit Leonardo di Caprio - ganz ohne es zu wollen. Jeden Film mit Bruce Willis, Tom Hanks, John Travolta, George Clooney. Mel Gibson oder Robert Redford erkenne ich bereits von hinten, wenn die Fernbedienung nur den Bruchteil einer Sekunde an ihnen haften bleibt. Robert de Niro sowieso.

Ins Kino gehe ich schon lange nicht mehr. Eben läuft hier um die Ecke eine Art Western der Coen Brüder mit irgendwelchen Filmbösewichtern. Tommy Lee Jones und Kollegen. Irgendjemand hat dem Film sogar einen Oscar umgehängt. „Bester Film des Jahres“. Da kann ich nur kichern. Ich werde mir den Schmarren sicher nicht ansehen. Erstens, weil ich ihn wahrscheinlich im nächsten Flieger gezwungenermaßen 13 mal hintereinander sehen werde, zweitens weil er mich gewiss zu Weihnachten im TV ereilt, und drittens schon mal aus Prinzip nicht, weil ich versuche, Filme zu vermeiden, die mir, als Zuschauer, Lustgewinn am Töten vermitteln wollen.

Oscargewinner: No Country for Old Men. Bild: Universal

Freunde und Bekannte schauen mich an, schütteln die Köpfe. Sie halten mich für altmodisch oder reaktionär, denn sie finden es ganz normal, dass es fünf Filme über den Serienmörder Hannibal Lecter gibt, und dass man sie alle im Schuber auf DVD besitzen muss.

Mir selber stellt sich die Frage anders. Ich bin mit Filmen aufgewachsen. Das tägliche Kino-Erlebnis begleitete mich durch meine Teenager-Jahre, die Welt der Filme gehörte als Blickfeldfortsetzung in jeden gelebten Augenblick, die Stimmen von Schauspielern dienten als Referenzpunkte, lieferten Amüsement in der Imitation. Filme gehörten in meinen Lebenstext mit hinein. Im Vergleich dazu bin in den letzten 10 Jahren vielleicht 10 Mal tatsächlich im Kino gewesen.

Meistens auch nur, weil ich mit irgendjemandem mitgegangen bin, etwa weil die betreffende Freundin oder Bekannte gesagt hat: „Es regnet. Sollen wir ins Kino gehen?“ Nun gut, dann saß ich eben irgendwo in der 15. Reihe auf einem engen & unbequemen Platz und hab mir einen Film angetan, den ich mit Bewusstsein und aus freien Stücken gewiss nie ausgewählt hätte. Hollywood ist für mich nicht erst bei der letzten Oscar-Verleihung gestorben. Und geht man die Liste der „besten Filme des Jahres“ der letzten drei Jahrzehnte durch:

Allen Ernstes: Welchen dieser Filme möchte ich noch einmal sehen müssen? Oder gar mir als DVD ins Regal stellen wollen, um ihn dann irgendwann einmal anzusehen, wenn zufällig kein Hollywood-Streifen im TV laufen sollte?

Earth Girls Are Easy

Nein, für mich gibt es nur zwei Filme aus Hollywood, die ich - vielleicht mit leise provokanter Absicht, aber eigentlich ganz im Ernst - meinen Freunden und Bekannten als „die beiden besten Hollywoodfilme der letzten 25 Jahre“ anpreise. Den zweitbesten nenne ich als ersten. Er heißt „Earth Girls Are Easy“ (1988) und ist nicht direkt leicht aufzutreiben. Es handelt sich dabei um eine, sagen wir, etwas alberne Science-Fiction-Komödie mit Musik.

Earth Girls Are Easy

Aber was daran so einzigartig ist:

  1. Es ist ein durch und durch amerikanischer Film. Er spielt sogar in Hollywood - oder nicht weit davon entfernt.
  2. Es ist ein Film, der nur als Film vorstellbar ist - nicht als TV-Sketch, nicht als Roman, nicht als Theaterstück.
  3. Ich kann mir den Film immer wieder ansehen. Von mir aus könnte er 24 Stunden ununterbrochen im Fernsehen laufen. Es wird mir niemals fade dabei. Es ist ein Film wie eines dieser Kinderbücher, bei dem die Kleinen sagen: „Lies es mir noch mal vor“, obwohl man es ihnen doch gerade eben schon zum soundsovielten Mal wieder vorgelesen hat. Schön ist natürlich auch der Moment, als Geena Davis sich von dem „Außerirdischen“ Jim Carrey mit den Worten verabschiedet: „Ich glaube, DICH werde ich am allerwenigsten vermissen.“
Earth Girls Are Easy

Verglichen mit diesem Film zerbersten alle so genannten ernsthaften und gewichtigen Hollywood-Produktionen wie Seifenblasen und nicht einmal den oberwichtigen „Citizen Kane“ oder einen dieser unsäglichen Kult-Schinken mit James Dean kann man sich nachher noch ansehen, ohne sofort in hysterisches Gegacker auszubrechen. Es ist Geena Davis’ Glanzrolle, ihr „claim to fame“, der Höhepunkt ihrer Filmkarriere. (Und das, obwohl sie in „Die Piratenbraut“ und in „Thelma und Louise“ auch nicht übel war!)

Was den besten Hollywood-Film betrifft, so gebührt die absolute Nummer Eins den „Coneheads“ (1993). Auch dies eine Science-Fiction-Komödie. Na, schön. Noch eine. Die Amerikaner selber finden den Film „unlustig“, denn das Wort „Satire“ sagt ihnen eher wenig und das Wort Ironie ist ihnen gänzlich unbekannt.

Coneheads

Natürlich ist Dan Ackroyd, der hier die Hauptrolle spielt, ein Kanadier, man könnte also fast schon sagen, ein halber Brite. Das erklärt so manches. Sacha Baron Cohens „Borat“ (2006) winkt sozusagen aus der Zukunft herüber. Aber der Film macht etliche Pluspunkte für sich geltend. Erstens enthält er das beste Musik-Video, das je gedreht wurde. (Zu Paul Simon’s „Kodachrome“, Gesamtdauer knapp über zwei Minuten.)

Coneheads

Außerdem inspirierte er Frank Zappa zu dem Song „Coneheads“; auch ein erfreulicher Zug. Als nächstes enthält er geradezu prophetische Aussagen zur amerikanischen Einwanderungspolitik von heute. Und er ist genau das, was Film eigentlich sein sollte: er bildet eine Welt ab, die es außerhalb dieses Films nicht gibt, weil es sie anders nicht geben kann. „Coneheads“ (man denkt an „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“) ist nahezu brechtisch auch in seiner gebrochenen Realitätsvermittlung, und selbst da wo die Maske „fehlerhaft“ ist - ist der Entfremdungseffekt beabsichtigt. Der Film vermittelt sich als „gemacht“, er zerstört seine eigene Illusion von „Wirklichkeit“.

Nun, ich will es nicht übertreiben. Es gibt natürlich noch viele andere, fast gleichwertige amerikanische Filme. Amerika war immer schon das Filmland Numero Uno der Welt und wird es immer bleiben, und der amerikanische Film wird uns immer wieder beeindrucken.

Aber es werden wohl kaum die Hollywood-Produktionen sein, und auch nicht die Oscar-Geschmückten. Gewiss, der Oscar ist ein wichtiges Marketing-Tool. Aber für die künstlerische Qualität des amerikanischen Films ist er völlig unerheblich. Coppola? Große prätentiöse Schrottfilme. Spielberg? Kleine prätentiöse Schrottfilme, dann größere. „Schindlers Liste“ (1993) war für mich nie etwas anderes als saurer Kitsch. Doch wo sind heute die Regisseure, wie einst Otto Preminger, Leute aus der zweiten Reihe, die einen Klasse-Film nach dem andern abdrehten? Robert Altmann war einer der Letzten dieser Art, und seine Filme gingen, oscarmäßig besehen, selbstverständlich allesamt leer aus.

Mike Nichols (& Elaine May) wären zu nennen. Woody Allen mag sich selber (sogar ironisierend, wie in seinem Nachruf auf Bergman) für einen Ingmar Bergman des amerikanischen Films halten; ich betrachte ihn eher als drittrangigen Filmemacher, der mit drittrangigen Schauspielern (oberschmerzhaft: Sean Penn als Möchtegern-Django Reinhardt in „Sweet and Lowdown“, 1999) trotzdem gelegentlich mal ins Schwarze trifft.

Aber auch in Amerika gibt es die eigentlich grottenschlechten Regisseure, siehe John Waters, deren Filme schließlich doch ein internationales Publikum finden, wie bei Werner Herzog. Freilich hat es in Amerika nie wirklich das Auteur-Kino gegeben, wo man bereits nach ein oder zwei Minuten weiß, dass man sich gerade einen Polanski oder Luc Besson reinzieht. Hitchcock war wahrscheinlich der einzige Name, der in Amerika auch als Regisseur „Star“-Qualitäten besaß. „Star“ konnte in Amerika immer nur ein Schauspieler oder eine Schauspielerin sein. Sie waren es, die den industriell gefertigten filmischen Werkstücken mit den immer gleichen Stories und immer gleichen Rollen, die Glanzlichter aufsetzten.

Heute sucht man vergebens nach der Strahlkraft solcher Filmhelden. Der nostalgische Rückblick ergötzt sich, dementsprechend, nimmermüde, immer noch und immer wieder, an Fred Astaire und Ginger Rogers, an Humphrey Bogart, Lana Turner, Robert Mitchum, Marilyn Monroe. Wo, fragt der Film-Liebhaber, gibt es noch eine Bette Davis, die „Dame ohne Nahaufnahme“, die so etwas angeblich „nicht nötig“ hatte?

Nun ja: es gibt ihn schon noch, den Star-Auftritt. Etwa in „Der Pferdeflüsterer“ (1998). Eine halbe Stunde lang mühen sich die Stadttheatergrößen Sam Neill und Kristin Scott Thomas ab, und nix passiert. Endlich kommt Robert Redford und lauscht zwei Minuten lang ins Telefon. Sagt nicht mal „Muh“ oder „Mäh“. Aber jetzt geht im Film das Licht an. Trotzdem ist das alles nur ein müder Widerschein des echten Star-Leuchtens, nur noch eine kosmische Hintergrundstrahlung.

Heute gibt es in Wirklichkeit nur noch einen echten Star, und das ist Julia Roberts. Ich würde mir jeden Film mit Julia Roberts ansehen, ebenso wie ich mir jeden Film mit Juliet Binoche ansehe oder angesehen habe. Aber der Unterschied zu früher ist der: Ich würde wegen Julia Roberts trotzdem nicht ins Kino laufen. Das Kino-Erlebnis, selbst das schöne, rare, irgendwie altgvatterische (Sommerkino im Wiener Augarten, Stummfilme mit Echtklavier und Gelsenstich) (Nostalgie im Belaria-Kino mit Filmriss und Blasenschwäche am Nebensitz) hat seinen Reiz für mich verloren.

Silentium. Bild: Senator

Aber nicht nur das Kino, auch der Star ist überflüssig geworden. Ich kaufe mir die „Brenner“-Filme auf DVD, sicher auch weil der Josef Hader so cool ist, aber vor allem weil die Filme (nach den Romanen von Wolf Haas) so cool sind. Bei „Silentium“ (2004) stören mich zwar die automatisch eingeblendeten bundesdeutschen Verständnishilfen, aber ich sehe einen Film, der mehr Hollywood-Tabus verletzt, als es in Hollywood überhaupt welche gibt. Es freut mich, mir vorzustellen, dass es einen Film gibt, der mehr bietet, als man sich in Hollywood vorstellen kann. „Angst“, eine schwarze Psychopathen-Komödie aus Österreich aus dem Jahr 1983, stellt jeden Horror-Streifen aus Hollywood in den Schatten.

Trotzdem vermelden so genannte Filmkritiker in den Animiermedien, des Lobes voll, dass der Hauptdarsteller, Erwin Leder, auch mit einer kleinen Hollywood-Rolle belohnt worden sei. Und schließlich lese ich, dass Michael Haneke, der zur Zeit vielleicht bedeutendste österreichische Filmemacher („Die Klavierspielerin“, 2001) mittlerweile auch in Amerika Aufmerksamkeit erregt hat.

Grund? Die grausliche Selbstmordszene in „Caché“ (2004) hat schließlich irgendeinen Nerv eines amerikanischen Cinéasten getroffen. Gewalt. Blut. Das Eintrittsbillet zur amerikanischen Kill-Kultur. Aber es ist völlig nebensächlich, welches Lob & welche Lorbeeren Amerika verteilt. Das Kino der Welt emanzipiert sich von Hollywood. Was Film heute zeigen kann und darf findet buchstäblich auf einem anderen Planeten statt. Und das gilt sogar für Amerika selbst. Die Parallele zum Broadway ist offensichtlich. Relevantes Theater gibt es dort nicht mehr zu sehen. Der wirklich interessante amerikanische Film kommt heute längst nicht mehr aus Hollywood, er entsteht irgendwo im „Off“. Und man sieht ihn nicht mehr im Kino. (Tom Appleton)