Abschied von der "Finnlandisierung"

Grenze zu Russland, am östlichsten Punkt Finnlands. Bild: Repovesi/CC BY-SA 3.0

Die Grenzen zwischen Finnland und Russland werden schärfer überwacht, es sollen weniger russische Touristen kommen. Der Nato-Beitritt ändert das "finnische Konzept".

Finnland will die Einreise von russischen Touristen eindämmen. Doch im Alleingang geht dies nicht, da es sich um Schengen-Visa handelt.

"Wir brauchen die gleichen Regeln im gesamten Schengen-Raum", so der finnische Außenminister Pekka Haavisto, der das Thema bei der Konferenz der EU-Außenminister Ende August auf den Tisch bringen will. Russland droht mit Konsequenzen, sollte dies umgesetzt werden.

Finnland hat den Flug wie Zugverkehr nach Russland eingestellt, jedoch kommen viele russische Bürger via Auto in das kleine Land, um dort den Urlaub zu verbringen oder vom Flughafen Helsinki Ziele in der EU anzufliegen. Derzeit passierten täglich 70.000 Touristen die Grenze, so das öffentlich-rechtliche Fernsehen YLE.

Dies sorgt für Unmut bei einem Teil der Bevölkerung, 58 Prozent wollen eine Verschärfung der Einreise. Dass Russen den finnischen Sommer genießen, während ihr Land Krieg gegen die Ukraine führt, stößt auf.

Vergangene Woche meldeten die finnischen Medien, dass im Grenzbereich Unbekannte Schilder an der Straße aufgestellt haben, bei denen Russland in russischer Sprache als "Kriegsverbrecher" angeklagt wurde. Am Flughafen werden die Gäste auf Russisch mit einem großen offiziellen Plakat darauf hingewiesen, dass man hier vom "Krieg" spreche.

Auch kommt es immer wieder zu Beschimpfungen russischer Touristen - ungewöhnlich für die sonst zurückhaltenden Finnen. Russland drohte bereits Ende Juli mit "Gegenmaßnahmen", sollte Finnland die Einreise erschweren.

Das finnische Konzept

Dieser finnische Vorstoß ist ein weiteres Kapitel im Wandel des besonderen Verhältnisses, das Finnland mit seinem östlichen Nachbarn pflegte. In den Zeiten des Kalten Krieges wurde dies vom Westen als abschreckendes Beispiel einer Unterordnung an die Sowjetunion interpretiert, Schlagwort "Finnlandisierung". Kritik am Nachbarn war im politischen Mainstream Finnlands bis zur Wende nicht gelitten, auch konnte erst 1989 ein Film zu dem heiklen Thema "Winterkrieg", den Angriff der Sowjetunion 1939/1940 auf Finnland, finanziert werden.

Dieses finnische Konzept fußte auf einer Dialogbereitschaft und vielfältigen Zusammenarbeit, auf Bündnisfreiheit wie auch auf einer ständigen Verteidigungsfähigkeit, sollte sich der Kreml zu einem erneuten Angriff entscheiden.

Das zweite Prinzip wurde durch den Antrag der Nato-Mitgliedschaft aufgegeben, welcher am vergangenen Mittwoch von den USA ratifiziert wurde, das erste wird zunehmend abgebaut. So ließ die Mitte-Links-Regierung unter der Sozialdemokratin Sanna Marin Grenzkontrollen an den 13 offiziellen Übergängen nach Russland verschärfen, wobei Gegenstände zur Navigation oder Drohnentechnologie konfisziert wurden.

Nach dem Kalten Krieg wurden die finnischen Wachpostenhäuser an der Grenze in Sommerhäuschen umgewandelt, nun sollen bis zu 250 der 1.340 Kilometer langen Grenze von Finnland aus mit Stacheldraht und teils Kameraüberwachung gesichert werden.

Energiepolitik

Aber auch in Sachen Energiepolitik werden Grenzen gezogen. So hat der finnische Energiekonzern Fennovoima das Projekt eines russisch-finnischen Atomkraftwerks im Mai aufgegeben, obwohl sich der Meiler an der Nordküste der Republik in Kooperation mit dem russischen Unternehmen RAOS schon im Bau befand.

Russland revanchierte sich mit einem Stopp der Stromlieferung, was mit einem größeren Stromkauf in Schweden ausgeglichen wurde. Nach dem Nato-Antrag am 18. Mai reagierte Moskau mit einem Drehen am Gashahn, dieser Energieträger macht zwar nur fünf Prozent des Bedarfs des Landes mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern aus, ist jedoch für die Industrie entscheidend wie das Öl.

Darum füllt etwa das Heizkraftwerk Naistenlahti in der zweitgrößten Stadt Tampere seine Tanks als Wintervorbereitung mit Öl des Unternehmens Teboil auf, das dem russischen Giganten Lukoil gehört. Ganz ohne Kooperation mit Russland geht es noch nicht.

Handel mit Russland

Auf den ersten Blick scheint Russland kein so wichtiger Handelspartner für Finnland zu sein - 5,4 Prozent des landesweiten Exports gingen 2021 zu dem Nachbarn im Osten, der Import aus Russland machte 12 Prozent der gesamten Einfuhr aus, vornehmlich Kraft- und Schmierstoffe.

Allerdings hatten finnische Unternehmen noch vor drei Jahren 295 Tochtergesellschaften in Russland, deren Geschäfte wegbrechen. Das Außenministerium hält den finnischen Handel dazu an, keine Luxusgüter an Russen zu verkaufen, wenn diese auf der EU-Sanktionsliste seien. In den grenznahen Gebieten ist man von den Einschränkungen wenig begeistert, da dort viele Finnen von der Großzügigkeit der russischen Mittelschicht leben.

"Finnen haben keine Angst"

Auch der kulturelle Austausch leidet - das Finnische Institut in St. Petersburg hat nach 30 Jahren seine Tätigkeit aufgrund des Krieges eingestellt, "eine Rückkehr zur Normalität kann es nicht geben", so die scheidende Direktorin des Instituts, Sani Kontula-Webb, die nun wieder in Finnland lebt.

Das Institut wirkte über den Sprachunterricht hinaus als Mittler zwischen Vertretern von Kultur und Wissenschaft beider Länder. Grundsätzlich gibt es in der russischen Gesellschaft eine größere Offenheit gegenüber Finnland als etwa gegenüber anderen Länder Westeuropas.

Die "Finnisch-Russische Gesellschaft" zur Vermittlung russischer Kultur und der Förderung eines demokratischen Russlands ist jedoch weiterhin in Helsinki und Tampere aktiv. Die Vereinigung nimmt dagegen Stellung, dass russische Kulturschaffende per se mit einem Bann belegt werden. Offiziell eine unpolitische NGO spart sie auch das Thema "Krieg" nicht aus.

"Finnen haben keine Angst", erklärte im Frühjahr Staatspräsident Sauli Niinistö einmal gegenüber einem US-amerikanischen TV-Sender. Allerdings ist die Sorge, in einen Krieg hineingezogen zu werden, dass Familienväter an die Front müssen, in der letzten Zeit die größte Sorge der Finnen. (Jens Mattern)