Abschrecken statt abfangen

Tactical Boost Glide. Bild: DARPA

Die USA schwenken von Abwehr von Hyperschallwaffen aus dem Weltraum auf erdstationierte Offensivkapazitäten um

Im letzten Jahr ließ Russland eine Avangard-Rakete mit 27-facher Schallgeschwindigkeit in einer Plasmawolke fliegen. Der russischen Nachrichtenagentur RIA zufolge können solche Hyperschallraketen sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden.

Technische Details dazu fehlen bisher jedoch, weshalb nicht alle Beobachter davon ausgehen, dass man die damit verbundenen Kühlprobleme wirklich schon gelöst hat. Sind sie gelöst, haben sich die militärischen Gewichte zwischen den Mächten verschoben, weil sich so eine für Radar unsichtbare Rakete, die ihre Richtung ändern kann, mit herkömmlichen Raketenabwehrsystemen praktisch nicht abfangen lässt (vgl. Sputnik-Schock bei Hyperschallraketen?).

Die militärischen Forschungsagentur DARPA schrieb deshalb ein Glide-Breaker-Projekt aus (vgl. Amerikanisches Glide-Breaker-System soll russische Hyperschallraketen abfangen), von dem Beobachter annahmen, dass es im Weltraum stationiert werden soll, weil sich Hyperschallraketen sonst nicht rechtzeitig abwehren lassen (vgl. Pentagon will Raketen im Weltraum stationieren). Äußerungen des US-Präsidenten Donald Trump schienen diese Annahme zu bestätigten (vgl. Trump in Space).

Tactical Boost Glide (TBG) und Hypersonic Air-Breathing Weapon Concept (HAWC)

Für solche Defensivwaffen sind im aktuellen Entwicklungsbudget der Missile Defense Agency aber lediglich 160 Millionen von insgesamt 2,6 Milliarden Dollar vorgesehen. Nachdem diese Gewichtung bekannt wurde, stellte DARPA-Direktor Steven H. Walker zwei geplante Abschreckungswaffen mit Hyperschallantrieb vor: Einen Tactical Boost Glider (TBG) und ein Hypersonic Air-Breathing Weapon Concept (HAWC).

Der TBG, dessen Prototyp bis 2023 fertig werden soll, wird (anders als die russischen Hyperschallwaffen) nicht mit einer Langstreckenrakete an den Atmosphärenrand gebracht, sondern von einem Langstreckenbomber und Raketen-Boostern.

Da er aus einer Höhe von 70 Kilometern auf sein Ziel zustürzt, soll die Sprengkraft seiner Ladung um ein Vielfaches größer sein als die einer herkömmlichen Rakete, welche höchstens auf eine Geschwindigkeit von 800 Stundenkilometern kommt. Dieser Effekt ist auch der Grund dafür, dass bloße (und nicht ein mal allzu große) Gesteinsbrocken bei einem aus entsprechender Entfernung erfolgenden Aufprall auf die Erdoberfläche verheerendere Zerstörungen anrichten können als Sprengladungen.

Das HAWC beruht auf einer Cruise-Missile-Rakete, die ebenfalls mit einer Kombination aus Bomber und Raketen gestartet wird. Erreicht sie so die fünffache Schallgeschwindigkeit, soll ein Scramjet-Triebwerk anspringen, dass sie noch deutlich schneller macht.

Ob das alles so gelingt, wie geplant, ist auch deshalb unklar, weil amerikanische Hyperschallraketenexperimente mit der X-47 und der X-51A nicht zu den erhofften Ergebnissen führten und Anfang der 2010er Jahre eigestellt wurden. Danach konzentrierte man sich beim Finanzieren von Forschung und Entwicklung auf Drohnen und Laser - zwei Technologien, die man damals für vielversprechender hielt.

China startet Hyperschallwaffen ebenfalls aus Flugzeugen

China forschte dagegen (ebenso wie Rußland) weiter intensiv an Hyperschallraketen (vgl. Wettrüsten bei Hyperschall-Raketen und -Fluggeräten). Eine der Entwicklungen dort ist die CH-AS-X-13, mit der die H-6X1/H-6N-Bomber bestückt sein sollen. Im letzten Jahr vermutete Hans Kristensen vom Nuklearwaffeninformationsprojekt der Federation of American Scientists (FAS) außerdem, dass ein modifizierter Mittelstreckenbomber Xian H-6K eine Hyperschallrakete testete.

Der Think Tank Rand Corporation warnte bereits 2017 vor einer "neuen Bedrohungsklasse", für die neue Abkommen nötig seien. Solche neuen Abkommen könnten ein nicht offen kommuniziertes Ziel der amerikanischen Kündigung des INF-Abrüstungsvertrages sein.

Er wurde während des Kalten Krieges geschlossen und wird nicht nur dem mittlerweile fortgeschrittenen Stand der Technik nicht mehr gerecht, sondern lässt auch das damals noch nicht zum Kreis der Supermächte gehörige China außen vor (vgl. INF-Streit zwischen Russland und NATO). Bisher zeigen die Chinesen allerdings wenig Interesse an neuen Abrüstungsverträgen, die ihnen Beschränkungen auferlegen würden (vgl. China: Kein Interesse an trilateralen Rüstungsbegrenzungsverhandlungen). (Peter Mühlbauer)

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