Absicherung des Finanzsystems über Islamic Banking?

Mit der KT Bank erhielt das erste islamische Geldinstitut eine Vollbanklizenz in Deutschland und in der Eurozone deren Geschäftsmodell Zinsen und Spekulation verbietet

Schon im Oktober 2012 hatte die Kuveyt Türk Beteiligungsbank (KT Bank) eine Vollbanklizenz beantragt. Nachdem ihr die Finanzaufsicht Bafin nun nach mehr als zwei Jahren eine Lizenz für das Firmen und Privatkundengeschäft erteilt hat, wird sie im Juli in der Bankenmetropole Frankfurt mit dem Hauptsitz ins breite Geschäft einsteigen. Sie hat mit dem Islamic Banking nicht allein die 4,5 Millionen Muslime im Blick, sondern will mit dem Zins- und Spekulationsverbot auch darüber hinaus Menschen ansprechen, die ihr Geld weder in Rüstung, Prostitution oder Glückspiel angelegt sehen wollen. In Vorbereitung sind Filialen in Mannheim, wo die Bank schon seit 2010 tätig ist, in Berlin, Köln sowie im Großraum Düsseldorf / Essen und München. Von Deutschland aus will sich die KT Bank in ganz Europa ausbreiten.

Die KT Bank gehört zum türkischen Mutterunternehmen die "Kuveyt Türk Katılım Bankasi", die ihren Sitz in Istanbul hat. Mit einer Bilanzsumme von rund 31 Milliarden Euro zum vergangenen Jahresende gehört sie zu den größten Banken der Türkei und ist die größte Bank in dem Land, die sich an die Grundsätze des Islamic Banking hält. Tatsächlich ist die Kuveyt Türk mehrheitlich im Besitz des Kuwait Finance House, das 62% der Anteile an der Bank hält. Es handelt es sich um eines der größten Unternehmen des Emirates Kuwait.

"Wir sind die erste Bank in Deutschland, die Finanzprodukte nach den ethischen Prinzipien des islamischen Bankwesens anbietet", schreibt die KT Bank auf ihrer Webseite und damit sei der "deutsche Bankenmarkt um eine echte Alternative reicher". Als Islamic Banking wird ein Bank- und Geschäftsverhalten bezeichnet, dass im Einklang mit den Regeln und dem religiös-ethischen Wertekanon des Islam stehen. Es soll ein Bankwesen sein, das den Regeln des Korans folgt, also mit der Scharia im Einklang steht.

Ein zentraler Unterschied zwischen dem islamischen und dem traditionellen Finanzwesen liegt im Zinsverbot. Immer wieder hat der Prophet Mohammed "Riba" (Zins) verurteilt. Geld darf nach Vorstellung des Islams nicht mit Geld verdient werden. "Gott hat den Kauf erlaubt und den Riba verboten", heißt es zum Beispiel im Koran in Sure II Vers 275. Deshalb sind auch Spekulationsgeschäfte untersagt. Viele Anhänger dieser Religion sind sich auch dabei mit vielen Kapitalismuskritikern einig, denn der Islam sieht in der Spekulation eine Art des verbotenen Glücksspiels.

Tatsächlich funktioniert der Derivate-Markt, auf dem Billionenwetten abgeschlossen werden, im Grunde wie ein großes Casino (Staatsanleihen-Ankauf der EZB.) Solche Geschäfte sind im Islamic Banking verboten. Die KT Bank schreibt deshalb, dass ihr Banking konsequent "auf verzinslichen Geldverleih (auf Arabisch "Riba"), jegliche Geschäfte mit Glücksspielcharakter ("Maysir")" verzichtet. Das Geschäft müsse "im Einklang mit den Regeln und dem religiös-ethischen Wertekanon des Islam und seinen Verpflichtungen zu sozialer Verantwortung stehen."

Die ethischen Grundsätze verbieten es auch, dass Geld der Anleger in Unternehmen aus der Rüstungs-, Tabak-, Porno- oder Alkoholindustrie investiert wird. Dazu kommen aber auch Firmen, die sich der Verarbeitung von Schweinefleisch oder dem Handel damit widmen. Auch schon hoch verschuldete Unternehmen werden gemieden und über die Einhaltung der Kriterien wacht ein Ethikrat. "Wir haben ein engeres Geschäftsfeld als konventionelle Banken, aber ein breiteres als die bisher in Deutschland aktiven ethischen Banken", erklärt auch Generalbevollmächtigte der KT Bank Ugurlu Soylu. Dass ethische Vorstellungen im Banking eine Rolle spielen können, ist keine Besonderheit des Islam. Es gibt in Deutschland schon eine Handvoll kirchlicher oder ethischer Banken wie die Umweltbank. Und an deren Kundschaft richtet sich die KT Bank ebenfalls. "Auch für Christen und Juden und für alle, die unsere Maßstäbe teilen, ist unser Angebot interessant", fügt Soylu an.

Da auch "Scharia-Banken" Gewinne machen und Renditen erwirtschaften wollen, sieht das Geschäftsmodell etwas anders aus. Und daraus ließe sich interpretieren, dass das Zinsverbot nur trickreich umgangen wird. So erklärt auch Generalbevollmächtigte der KT Bank, man habe "ein unverkrampftes Verhältnis zum Profit". Und wie der Profit gemacht wird, erklärte Soylu auch. Denn letztlich ist seine Bank eine Art Zwischenhändler: Sie kauft für den Kreditnehmer das, was der sich mit dem Kredit kaufen wollte. Das erworbene Gut verkauft sie sofort mit einem Aufschlag weiter an ihren Kunden, der den Gewinn der Bank darstellt. Der Käufer zahlt der Bank den Kredit auf Raten ab. "Für unsere Kunden macht das unterm Strich keinen Unterschied zum Abzahlen einer Zinsforderung", räumt Soylu ein. Allerdings fallen bei den Vorgängen anders als beim Aktien- oder Derivatehandel auch Transaktionskosten an, womit Umsätze und Gewinne weiter geschmälert werden. Im Falle eines Hauskaufs bedeutet es in Deutschland sogar, dass die Grunderwerbsteuer bezahlt werden muss, da es nach Gesetzeslage zweimal verkauft wird.

Man könnte das Modell bestenfalls mit einem Festzinsmodell vergleichen, der ebenfalls dem Kreditnehmer über die gesamte Kreditlaufzeit eine klare Perspektive zur Abzahlung bietet. Deutlich steigende Belastungen für Familien und Unternehmen sind somit ausgeschlossen. Steigende Zinsen machten es im Rahmen der Finanzkrise auch zahllosen Familien in vielen Ländern Europas unmöglich, die deutlich gestiegene Zinslast für ihre Hypotheken noch zu bezahlen. So platzten wie in Spanien oder Irland auch Immobilienblasen. Zahllose Menschen wurden von den Banken aus ihren Wohnungen geworfen, weil sie die Kredite nicht mehr bedienen konnten.

In Spanien passen zum Beispiel die Kreditinstitute die Zinsen ein- oder zweimal im Jahr an und wälzen so fast das gesamt Risiko für Zinsschwankungen auf die Familien ab. Günstige (aber variable) Zinsen gaukelten diesen zunächst vor, sie könnten die Hypotheken bezahlen. Und so sieht sogar die spanische Bankenvereinigung (AEB) den zentralen Grund für die Immobilienblase in variablen Zinssätzen. Die AEB warf der Regierung vor, mit der Gesetzesänderung Anfang des Jahrhunderts die Immobilienblase erst erzeugt zu haben, weil die billigen Zinsen die Menschen zu Krediten verleiteten. Eine Kultur fester Zinsen hätte die Blase weitgehend vermieden, erklärte die AEB. "Die spanischen Banken wollten keine variablen Zinsen", sagte der Verbandschef Miguel Marin (Nichts aus der Krise gelernt).

Mit der einseitigen Schuldzuweisung machen es sich die Banken aber viel zu einfach und versuchen, sich aus jeder Verantwortung zu drücken. Niemand hat sie gezwungen, das Risiko auf die Kunden über variable Zinsen abzuwälzen. Sie hätten weiterhin mit festen Zinssätzen arbeiten und ein ähnliches Modell anwenden können, wie es die KT Bank tut. Sie hätten auch keine Kredite an Familien vergeben dürfen, die schon massiv verschuldet waren, bei denen Kredite absehbar schon faul werden, wenn auch nur ein Familienmitglied seinen Job verliert. Auch so hätte es nie eine Immobilienblase dieses Ausmaßes mit diesen fatalen Folgen in Spanien gegeben.

Doch das Geschäft war zu verlockend und ethische Grundsätze nicht vorhanden. Das Ergebnis war nicht nur für viele Familien fatal. Denn zahllose Kredite wurden faul und rissen immer neue Löcher in die Bilanzen von Sparkassen und Banken. Letztlich musste Spanien zur Stützung seiner Banken unter den europäischen Rettungsschirm gehen (Spanien stellt Nothilfe-Antrag). Und für die gestiegenen Staatsschulden werden die Bürger über gestiegene Steuern und tiefe Einschnitte bei den Sozialleistungen noch lange zu bezahlen haben. Somit haben die Banken auch die Risiken für ihr unverantwortliches Vorgehen fast komplett sozialisiert. Und nun sind die Krisenländer bis über alle Ohren verschuldet, allen voran Irland.

Experten, die sich wie Hans Peter Burghof ausgiebig mit dem Islamic Banking auseinandergesetzt haben, bringen dem Modell große Sympathien entgegen. Anders als bei börsennotierten Kreditinstituten stehe der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund meint der Professor für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Der Professor für Unternehmens und Kapitalmarktrecht an Universität Münster meint, dass beim Islamic Banking die Risiken, dass sich zum Beispiel Spekulationsblasen bilden, geringer sind als beim üblichen Banking. "Aber dass es gar keine Blasenbildung gibt, hat der Fall Dubai widerlegt", sagt er mit Blick auf die Überhitzung der Immobilienpreise in dem Emirat.

Für den Geschäftsführer der KT Bank ist es allerdings bemerkenswert, dass auch in der Finanzkrise ab 2007 nicht eine Bank in die Insolvenz abgeschmiert sei, die nach dem Scharia-Recht agiert. Neben dem Zins- und Spekulationsverbot sieht Soylu dafür eine weitere Besonderheit des Islamic Banking. Er beschreibt den Mechanismus, "dass jeder Zahlungsstrom durch ein reales Gut oder Dienstleistung unterlegt sein muss." Das führe auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene dazu, dass der Kreditsektor im Einklang mit der Realsektor wachsen müsse, erklärt er im Interview.

Nach der Scharia darf überhaupt nichts gehandelt werden, was dem Verkäufer nicht gehört. Deshalb kommen eigentlich nur reale Sachwerte wie Immobilien und Firmenanteile in Frage, allerdings legt das die KT Bank schon etwas großzügiger aus und bezieht auch Dienstleistungen ein. Zu den riesigen Märkten, an denen an Finanzmärkten auch mit Derivaten spekuliert wird, die über die Geldschwemme der Zentralbanken zudem massiv gefüttert werden, hat das Islamic Banking keinerlei Zugang.

Gewährleistet wird, dass das Geld der Anleger in die Realwirtschaft fließt, auch wenn die Renditeerwartungen dort deutlich niedriger sind. Es ist nur erlaubt, Geld an Geschäften zu verdienen, bei denen etwas produziert wird. Die Banken und ihre Geschäftspartner teilen sich sowohl Gewinne wie Verluste, denn eine islamische Bank beteiligt sich oft an den Unternehmen und trägt damit auch ein Risiko. Und das gilt auch für die Sparer, denn die werden wiederum zu Teilhabern der Bank. Denn nach dem Scharia-Recht müssen die Kunden stets auch am Risiko beteiligt sein. Aus all diesen Gründen spricht man beim Islamic Banking auch von Beteiligungsbanken.

Die Renditen der Sparer ergeben sich aus den durchschnittlichen Erträgen aller Kreditgeschäfte. Da über einen Pool die Risiken breit gestreut werden, seien auch Totalausfälle ausgeschlossen. Ein klares Zins- oder Renditeversprechen gibt es deshalb für die Sparer nicht. Da die KT Bank nun allerdings über eine Vollbanklizenz verfügt, gehört sie wie jede andere Bank in Deutschland dem System der Einlagensicherung an. Damit sind auch die Einlagen bei dieser Bank nun bis zu 100.000 Euro abgesichert. Und das verstößt eigentlich gegen den Grundsatz, dass es bei islamischen Banken keine risikolosen Profite geben soll.

Außerhalb der Eurozone ist bisher Großbritannien das einzige Land in Europa, in dem echtes Islamic Banking schon möglich ist. "Wenn die Islamfinanz um 50 Prozent schneller wächst als der traditionelle Bankensektor und die islamischen Investitionen 2014 auf 1,3 Billionen Pfund weltweit ansteigen, dann wollen wir sicherstellen, dass ein großer Teil davon hier in Großbritannien investiert wird." Das erklärte der britische Premierminister David Cameron schon 2013 auf dem World Islamic Economic Forum in London, als der Lizenzantrag der KT Bank in Deutschland längst gestellt war. Im Königreich gibt es derweil schon fünf Institute mit einer Vollbanklizenz. Dort wurden schon Ausnahmen in Bezug auf die Einlagensicherung und Eigenkapital geschaffen um aktiv die Ansiedlung und Eröffnung von Kreditinstituten nach Scharia-Recht zu befördern.

Letztlich handelt es sich bei dem Modell des Islamic Banking aber auch nur um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Es ist ein Nischenphänomen und nur deshalb interessant, weil trotz aller Versprechen bei der Regulierung der Finanzmärkte seit der Finanzkrise nicht wirklich etwas passiert ist. Nicht einmal eine läppische Finanztransaktionssteuer von 0,1% auf Aktien und 0,01% auf Derivate wurde bisher eingeführt, mit der die Banken unter anderem auch an den Kosten für die Bankenrettungen beteiligt werden sollten. Und immer wenn die Idee vor Wahlen neu aufgewärmt wird, wird weiter abgespeckt. (Ralf Streck)

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