Abwanderung könnte Türkei um Jahrzehnte zurückwerfen

Bild: xxoktayxx / CC0

Ein US-Medien-Bericht, der in Ankara auf kein Entzücken stoßen wird, warnt vor Konsequenzen eines Exodus' aus der Erdogan-Türkei

Auch Erdogans islamistisch und neoosmanisch unterlegter Umbau der Türkei gehört zum Spektrum der Identitätspolitik, die seit einigen Jahren Konjunktur hat. Eine Folge des auf konservative Rückbesinnung gegründeten Umbaus der Türkei durch Erdogans Politik sind Fluchtbewegungen, zumal mit zum Teil extremen Repressionen gegen Andersdenkende nicht gespart wird.

Die New York Times schildert in einem aktuellen Bericht, dass nicht nur die an Universitäten ausgebildeten Jüngeren in den letzten Jahren aus dem Land abgewandert seien, sondern auch "Unternehmer, Geschäftsleute und Tausende wohlhabender Personen, die alles verkaufen und ihre Familien und ihr Vermögen ins Ausland bringen".

Folgen von Erdogans Umbau der Türkei

Es habe schon vor Erdogan Wellen auswandernder Studenten und Professoren gegeben, aber dieses Mal ist etwas Anderes, Größeres, Folgenreicheres im Gange, lautet die Quintessenz des Berichts, der sich dabei maßgeblich auf den in London tätigen Migrationsspezialisten Ibrahim Sirkeci stützt. Aus der Sicht Sirkecis handelt es sich um einen "Exodus", der eine dauerhafte Umstellung der Gesellschaft bedeute und drohe, die Türkei um Jahrzehnte zurückzuwerfen.

Es sind buchstäblich Breitseiten, die das liberale US-Medium auf die Türkei unter Erdogan abfeuert. Leser aus der Regierung in Ankara werden wenig entzückt sein. Vorgebracht wird einmal, dass die Motive zur Flucht aus der Türkei nicht allein mit Verfolgung und Repression, der Beschneidung der Freiheiten und der Grundrechte zu tun haben, sondern auch mit der Politik Erdogans, die auf persönliche Bereicherung und die seiner Familie ausgerichtet ist.

Dem entsprechend werden im Bericht auch nicht allein die "typischen" Flüchtigen der von Willkür und Machtmissbrauch besonders Betroffenen aufgezählt wie das Milieu der gut Ausgebildeten oder Minderheiten, sondern auch und als bezeichnend für die Lage "Geschäftsleute und Millionäre und altes Geld".

Millionäre verlassen das Land

Mindestens 12.000 der Millionäre in der Türkei hätten in den Jahren 2016 und 2017 ihr Vermögen aus dem Land gebracht, ist im Artikel der New York Times zu erfahren. Dazu heißt es, dass dies etwa 12 Prozent der wohlhabenden Klasse im Land entspricht. Die Angaben hat man aus einem Bericht der AfrAsia Bank, dem Global Wealth Migration Review.

Demzufolge sind die Vermögenden entweder nach Europa oder in die Vereinigten Arabischen Emirate gezogen. Istanbul ist den Verfassern des Berichts als einer der sieben Städte weltweit aufgefallen, die eine auffallende Flucht von Wohlhabenden verzeichnen. Dazu gibt es im Bericht der AfrAsia Bank, einen finsteren Ausblick, der von der US-Zeitung wiedergegeben wird:

Wenn man sich die großen Zusammenbrüche von Ländern in der Geschichte anschaut, dann gehört zum Vorlauf eines jeden die Abwanderung von Reichen aus dem Land.

AfrAsia Bank-Bericht laut New York Times

Die These, wonach auch zum ersten Mal seit Gründung der türkischen Republik vor etwa 100 Jahren viele das Land verlassen, "die aus der Klasse des alten Geldes kommen, insbesondere aus der säkularen Elite, die das kulturelle und das Wirtschaftsleben des Landes seit Jahrzehnten dominiert haben", stammt vom bereits erwähnten Migrationsforscher Ibrahim Sirkeci, der diese Behauptung aber nicht mit empirischen Zahlen untermauert.

Die amerikanische Zeitung unterstreicht dies mit einem Interview mit einer bekannten türkischen Geschäftsfrau. Auch ein anderes Stichwort fällt: die Teilnahme an den Gezipark-Protesten im Jahr 2013, die vielen in der kulturellen Klasse vor Augen geführt hat, wohin der Kurs mit Erdogan geht.

"Mehr als eine Viertelmillion Türken wanderten im Jahr 2017 aus"

Und dann gibt es doch ein paar Zahlen, die die Dimension der Fluchtbewegungen aus der Erdogan-Türkei anzeigen. Ibrahim Sirkeci verweist auf geschätzt 10.000 Türken, die in den letzten Jahren über Geschäftsvisa nach Großbritannien gekommen sind, wobei beobachtet werde, dass die Zahl seit dem Putsch im Jahr 2016 angestiegen sei. Zu sehen sei der Anstieg auch bei den weltweiten Asylgesuchen von Türken. Laut NYT haben sie sich von 10.000 im Jahr 2017 auf seither 33.000 erhöht ("The number of Turks applying for asylum worldwide jumped by 10,000 in 2017 to more than 33,000").

Die eindrücklichste Zahl zum Phänomen des Exodus aus der Türkei stammt von der türkischen Statistikbehörde. "Mehr als eine Viertelmillion Türken wanderten im Jahr 2017 aus. Das sind 42,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor, als 178.000 das Land verließen", heißt es in der amerikanischen Zeitung.

Die Zahl sorgte bereit vor Wochen für Aufmerksamkeit. Das türkische Statistikinstitut veröffentlichte sie - auch in einem englisch-sprachigen Bericht- Anfang September. Demnach haben im Jahr 2017 253.640 Personen die Türkei verlassen. Mehr als die Hälfte, 54 Prozent, waren männlich. Anhand der Altersgruppen zeigt sich, dass ein Großteil der Auswanderer zwischen 20 und 34 Jahren alt ist (15,5 Prozent waren zwischen 25 und 29 Jahre alt; 14,4 Prozent waren zwischen 20 und 24 Jahre alt und 12,3 Prozent waren zwischen 30 und 34 Jahre alt).

IT-Abwanderer: Probleme mit der Schulausbildung in der Türkei

Laut eines Berichts von Ahval-News hat die Oppositionspartei CHP ebenfalls deutlich angestiegene Auswanderungszahlen ermittelt. Nach Informationen der Autorin Sibel Elkin beschleunige sich insbesondere die Abwanderung von qualifizierten IT-Kräften. Als Grund wird unter anderem auch die Besorgnis genannt, dass die Kinder in türkischen Schulen nicht gut ausgebildet werden und die Religion in türkischen Schulen einen wichtigen Platz einnehme.

Erdogan zeigte sich in der Vergangenheit immer wieder stolz auf eine traditionelle religiöse Ausbildung; die Religionsschulen blühen unter seiner Herrschaft auf (was auch angesichts der Ausbildung der hundertausende syrischen Flüchtlingskinder zu Besorgnis Anlass gibt). Anderseits versucht sein Wissenschaftsminister mit angesagt klingenden Stipendien den "brain drain" aufzuhalten. (Thomas Pany)

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