Abweichen, Austreten, Neugründen

Neu: Jetzt großes Angebot an kommunistischen Parteien in Deutschland

Der Kapitalist hat es einfach: Er richtet sein Dasein nach dem Profit aus. Meßlatte ist, was hinten rauskommt, zum Beispiel ein paar Millionen Euro Jahresgehalt für die Top-Banker und ein paar Milliarden Euro für die Bankbesitzer. Der Kommunist hat es dagegen schwer. Sein Handeln wird von der politischen Linie bestimmt. Der richtigen politischen Linie wohlgemerkt, und die liegt nicht einfach so herum, sondern will auf Parteitagen und auf nächtlichen Zentralkomiteesitzungen erstritten sein. Dabei werden so manche Genossen wegen "Abweichung" ausgeschlossen, früher wurden sie gerne auch eingeschlossen, oder sie treten selber aus und gründen eine eigene Partei mit der dann richtigen Linie.

Wenn man nun danach fragt, warum denn die Arbeiterklasse in Deutschland etwa im Vergleich zu ihren französischen Kollegen so handzahm ist, könnte das etwas mit dem üppigen Angebot an deutschen kommunistischen Parteien zu tun haben. Es gibt davon so viele, dass sich der deutsche Arbeiter einfach nicht entscheiden kann, welcher Avantgarde er folgen soll. Zur Orientierung also im Folgenden ein kleines KPD-Brevier.

Beginnen wir mit dem bundesrepublikanischen Klassiker, der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Sie wurde 1968 in Essen als Nachfolgerin der 1956 in der Bundesrepublik verbotenen KPD gegründet. Ihre Hoch-Zeit erlebte sie in den 1970 Jahren, als die Partei um die 40.000 Mitglieder zählte und die Parteizeitung "Unsere Zeit" jährlich eine Auflage von rund zehn Millionen Exemplaren erreichte. Dabei halfen die Kollegen aus (Ost)-Berlin finanziell etwas aus, was nach dem Verschwinden der DDR auch nahezu zum Verschwinden der DKP führte.

Heute zählt die Partei nach eigenen Angaben 5.000 Mitglieder. Linienmäßig jedoch ist nicht alles im Lot, was vor rund einem Jahr der Parteiaustritt von Werner Seppmann, bis dahin Mitherausgeber der parteieigenen "Marxistischen Blätter" und im Vorstand der "Marx-Engels-Stiftung" zeigte. Er beklagte einen "kulturpolitischen Kurswechsel" der Partei, der sich im Feuilleton der ZU zeige: "Als Mustergültig (und von unüberschreitbarer 'Progressivität') sollen beispielsweise Theaterinszenierungen sein, bei denen (ohne dramaturgische Notwendigkeit) auf der Bühne geschissen und gekotzt wird."

Bleiben wir im Jahre 1968, und zwar in der Sylvesternacht. In der gründete der ehemalige KPD-Politiker Ernst Aust die KPD/ML, die mit der DKP wegen "Revisionismus" aber schon gar nichts am Hut hatte und die ihre "Linie" irgendwo zwischen Mao Tse Tung in China und Enver Hodscha in Albanien suchte. Übriggeblieben aus den geistigen Linien-Scharmützel ist heute die Kommunistische Partei Deutschlands/Stalinisten-Hoxhaisten ("In den besten Zeiten unserer Partei gaben wir bis zu 250 Betriebszeitungen in den wichtigsten deutschen Betrieben heraus, ebenso Zeitungen für die Bauern und das Landvolk"). Die Partei hat schon einiges hinter sich: "Im Verlauf dieser Vereinigung benannten wir auch unser Zentralorgan in "Roter Blitz" um ... Wir wollten uns mit dem "Roten Blitz" von den Spalterorganisationen abgrenzen. So ist auch die Umbenennung von KPD/ML in KPD und wieder zurück in KPD/ML zu verstehen als Abgrenzungsnotwendigkeit von den Parteiabweichlern...." Doch leider: "Die KPD/ML verlor ihren "Roten Blitz" im Jahre 1996 an die Parteifeinde. Seit der Zeit bringt die KPD/ML wieder das Zentralorgan "Roter Morgen" heraus."

Und was ist jetzt aber wiederum mit der Parteizeitung "Roter Stern"? Die gehört nämlich auch zu einer KPD/ML aus dem Raum Magdeburg, die sich gleichwohl auf die Sylvesternacht-Partei beruft: "Der Wiederaufbau war...objektiv sehr schwierig, bis schließlich wieder ein fester kommunistischer Kern geschmiedet war. Erschwert wurde die Arbeit auch dadurch, daß in dieser kritischen Phase Genosse Ernst Aust verstarb."

Erschwert wird die Arbeit des Überblicks langsam dadurch, dass auch eine gewisse KPD einen "Roten Morgen" herausgibt, diesmal in Frankfurt am Main. Die Partei aber darf wiederum nicht verwechselt werden mit jener KPD aus Berlin, deren Parteizeitung sich "Rote Fahne" nennt: "Nachdem sich 1990 die SED/PDS vom Marxismus lossagte und in Ostdeutschland eine neue SPD gegründet wurde, wurde folgerichtig im Januar 1990 die Kommunistische Partei Deutschlands wiedergegründet." Selbstredend dass sich die Partei wie auch alle anderen als "rechtmäßige Nachfolgerin der KPD Liebknechts und Luxemburgs, Thälmanns und Piecks" bezeichnet. Ihr prominentestes Mitglied war übrigens Erich Honecker, nachdem er im Dezember 1989 aus der SED ausgeschlossen wurde.

Die Parteizentrale findet sich am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin und wieder ist es leicht verwirrend, dass unter der gleichen Adresse auch eine KPD/B firmiert. "B" steht für Bolschewismus und wen wundert's, dass es um die richtige Linie ging: "Durch Richtungskämpfe im ZK der KPD in den Jahren 2004/2005 ist es gelungen, den bolschewistischen Kern unter dem Vorwand, 'Linkssektierer' zu sein, auszuschließen. Den parteifeindlichen, revisionistischen Kräften in der KPD ging es einzig und allein darum, den bolschewistischen Kern der Partei, die Marxisten-Leninisten zu zerschlagen und die Partei insgesamt auf einen anti-marxistisch/leninistischen Kurs zu führen", ist auf der Website der KPD/B zu lesen. Deren "aufrechte Marxisten-Leninisten" stehen "fest auf den von Marx, Engels, Lenin und Stalin gesetzten Fundamenten" und die Partei – wen wundert’s – bekämpft natürlich "jede Abweichung vom Marxismus-Leninismus".

Kommen wir nun zu einer interessanten sprachlichen Variante innerhalb des KPD-Reigens, zur MLPD. Die hat das "Marxismus-Leninismus" nach vorne gezogen und verzichtet großzügig auf das "Kommunistisch". Daneben unterscheidet sie von den anderen K-Parteien, dass sie irgendwie über Geld verfügen muss. Ist doch die Partei nach eigenen Angaben in mehr als 450 Städten vertreten und leistet sich in den Ländern eigene Geschäftsstellen. Laut ihrem Finanzrechenschaftsbericht machte das Gesamtvermögen der Partei Ende 2004 rund 15 Millionen Euro aus, wozu auch Einzelspenden von 2,5 Millionen Euro beitrugen. Auch hier wird wieder mal eine "Rote Fahne" herausgegeben, das Zentralkomitee sitzt in Gelsenkirchen.

Es macht nun nicht wirklich Sinn, noch auf die "Kommunistische Programmpartei", die Gruppe "Aufbau/KPD", den "Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD", die "Gruppe Arbeiterrecht", die "Gruppe Arbeiterpolitik" oder die "Gruppe Arbeiterstimme" einzugehen, damit wäre auch noch längst kein Ende der Aufzählung erreicht. Wo der Kapitalismus aus jedem Arbeiter einen Unternehmer machen will, scheint die linke Linke in Deutschland jedem Arbeiter seine eigene kommunistische Partei gönnen zu wollen.

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