Abwesenheit des Vaters ist ein Artefakt der Moderne

Über toxische Männlichkeit und das Leben im Sekundären

Dass toxische Männlichkeit eines der drängendsten Probleme ist, sieht man derzeit auf großer und auf vermeintlich kleiner Bühne. Auf der großen Bühne gibt der amerikanische Präsident die Tötung eines einzelnen Gegners bekannt und ist dabei von seinem Glauben an einen persönlichen Erfolg so geblendet, dass er jegliches Empfinden für die völkerrechtliche Illegalität und die moralische Verheerung der Tat vermissen lässt.

Um das Potential für folgende Racheakte zu senken, hätte man das ja ganz anders machen können. Ein großes Bedauern, dass die Aktion so hätte durchgeführt werden müssen, wäre die minimale Referenz an eine moderne Haltung gewesen, wenn man schon keine politischere Lösung der militarisierten Probleme anbieten kann. Stattdessen wurden Schutzbehauptungen aufgestellt, deren Beleg gar nicht erst versucht wird. Als lebten wir noch immer im 20. Jahrhundert will man bloß sagen: Nur Stärke zählt, meine. Jetzt sind wir in einer nervöseren Welt mit erhöhter Terrorgefahr.

Schlechte Nachricht vor allem für Metropolenbewohner. Wobei, man konnte zuletzt auf den verwegen wirkenden Gedanken kommen, diese hätten sich an den Zug zum Risiko bei mangelndem Überblick auf kleiner Bühne längst gewöhnt. Denn als seien wir bereits im Krieg, schicken sie ihre Kinder immer öfter in Warnwesten auf die Straße. Jedes Anreden gegen die Aufrüstung wie die einfache Forderung nach Tempo 30 wird als Verbotstümelei verunglimpft oder unter den Verdacht des grünen Totalitarismus gestellt.

So geschah es, nachdem ein Porsche Macan letzten Herbst in der Berliner Invalidenstraße in eine Menschenmenge raste. Abschließend wurden Informationen verschleppt und schließlich behauptet, der Fahrer habe einen Krampf im Bein gehabt. Die Proteste verpufften, obwohl ein Krampf im Bein nicht erklärt, wieso der Fahrer seinen Wagen nicht links neben die Passanten steuerte, wo genug Platz war, wieso er überhaupt schnittig auf der Gegenspur fuhr mit dem Krampf, warum er, wie ein Zeuge berichtet hatte, unmittelbar vor dem Unfall äußerst aggressiv steuerte, und wieso während des Hergangs das Bremslicht leuchtete.

Insgesamt liegt eine unverständliche Verkürzung der Betrachtungsweise aller Beteiligten von Staatsanwaltschaft bis Facebooknutzer vor, denn am Tag werden im Land zehn Menschen tot gefahren: Nehmen wir das hin? Ja. Machen wir. Als sei die intellektuelle DNA in einem Alterungsprozess bereits so verkürzt, dass es zu Funktionsausfällen kommt, diskutieren weder Fachleute, noch Politiker, noch Geschädigte und Bedrohte über eine gesetzliche Beschränkung von Fahrzeuggewicht und Beschleunigung, obwohl wir in einem Land leben, das die Leuchtkraft von Fahrradlampen gesetzlich einer Obergrenze unterwirft.

Niemand forderte eine Pflicht elektronischer Assistenzen am Auto für die Sicherheit Anderer als nur der Insassen. Es wird nicht diskutiert, dass ein Kleinwagen heute eine Beschleunigung hat wie der Porsche 911 unserer Jugend in den Siebzigern, dass die Elektroautos noch viel stärker sind und die Unfallzahlen seit Jahren stagnieren. Kein Fortschritt. Keine Forderung nach Null-Toleranz, was totgefahrene Schulkinder angeht. Nicht die Frage danach, wie sehr sich eine Gesellschaft eigentlich aufgeben kann. Aber, und das macht mich traurig: eine Debatte über die Liebe des Deutschen zum Verbot.

Statt über die angebliche Liebe zum Verbot zu diskutieren und wie deutsch diese sei, wäre es an der Zeit gewesen zu besprechen, was erlaubt ist. Vielleicht leben wir ja in einer radikalen Erlaubnisgesellschaft? Ich glaube schon, und den Beweis bekam ich nur wenige Tage nach dem Verstummen der Proteste gegen zu viel Auto auf zu wenig Raum, als ich meine Frau zum Hauptbahnhof brachte. Auch unser Sohn, 8, war dabei, als ganze 900 Meter westlich vom Unfallort des Macan in der Invalidenstraße, kurz hinter der Chausseestraße, ein AMG Mercedes, der mit seiner Breite einen Fahrstreifen voll ausfüllt, unseren Audi A2 mit jenem Geräusch überholte, das ich aus dem Video des Unfalls so gut kannte.

Vorher hatte der Fahrer mich schon bedrängt, das heißt: Er war auf einen, zwei Meter aufgefahren, schnell und mit abruptem Bremsen. Jetzt preschte dieses Auto mit 70 bis 80 km/h links an uns vorbei, zog wie auf der Flucht oder im Rennen auf die rechte Spur vor uns, drängte sich zwischen Straßenbahn und fünf, sechs Radfahrer, die auf dem Radstreifen fuhren, der nur durch eine weiße Markierung auf dem Asphalt kenntlich war. Es war dunkel. Zu den Radfahrern blieb ein halber Meter Platz. Ein Scherbe auf dem Radstreifen, der einer der Radfahrer ausweicht, oder eine überraschte Drehung des Kopfes wegen des anstürmenden Lärms hätten zur Katastrophe genügt.

Eine Sache nicht des Autos oder der Männer könnte man sagen, wenn man mit dem Konzept der toxischen Männlichkeit nicht mitgehen will, sondern das Problem eines oder zwei einzelner. Aber eine Möglichkeit ist eben eine Möglichkeit und noch mehr als das. Denn wozu ist ein AMG da?

Alexander Kluge hat die Diskussion der sich verselbständigen Technik anhand der Bombardierung von Halberstadt luzide geführt, als ein englischer Pilot gefragt wurde, was er denn machte, wenn er weiße Laken sähe. Die teuren Bomben aufs Feld werfen, war für ihn keine Option. Aber machen Frauen nicht auch fatale Fehler, könnte man fragen, sind sie nicht auch bösartig? Ja, aber sie fallen nicht durch diese Art des Fahrens auf, durch eskalierende Motorisierung, diese Kampfbereitschaft im Außenraum.

Nach neuester Rechtsprechung hatten wir nicht einem Realitätsverlust, sondern einem Mordversuch beigewohnt. Motiv noch unklar. Früher einmal hieß urban das Maßvolle, das Feine und Gehobelte, im Gegensatz zur groben, bäuerlichen Umgangsform, die man auf dem Land antraf. Das scheint vorbei. Also Warnweste? Sind zehn Tote täglich schon der Bürgerkrieg, von dem manche in Thüringen und anderswo phantasieren?