Achtsamkeit als Gegenentwurf zur zunehmenden Digitalisierung?

Thích Nhất Hạnh. Foto: d nelson. Lizenz: CC BY 2.0

Was ist dran an der Idee der Achtsamkeit, die gerade wieder einmal als Idee durch die Lande gereicht wird, welche vor Überlastung schützen könnte?

Die Optimierung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit mit pharmazeutischer Hilfe hat unter dem Namen Doping vorwiegend im Sport inzwischen einen durchaus zweifelhaften Ruf erhalten. Dennoch hält die Nachfrage nach Methoden zur Leistungsoptimierung weiter an. Zu groß ist der Wettbewerbsdruck am Arbeitsmarkt. Greifen die einen zu digitalen Auswertung der Körperfunktionen und richten ihr tägliches Leben weitestgehend an diesen Messergebnissen aus, so kommt auf der anderen Seite die Idee der Achtsamkeit wieder zum Zuge.

Rund um die Uhr vernetzt und immer erreichbar hetzt der moderne Mensch durch den Tag. Innehalten ist kaum noch möglich. Zu sehr besteht die Angst, irgendetwas Wichtiges zu verpassen. Doch die Entscheidung, was wichtig ist, wird schon längst anderen überlassen.

Auch wenn der Begriff Achtsamkeit im Deutschen einen leicht esoterischen Klang hat, geht die Vorstellung der Achtsamkeit auf die Lehre Siddhartha Gautamas zurück, der um 500 v. Christus in Nordindien lebte. Nach Europa kam die Vorstellung der Achtsamkeit in erster Linie über den vietnamesischen buddhistischen Mönch Thích Nhất Hạnh sowie über den US-amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn.

Beide Linien haben sich dabei von den fernöstlichen Vorstellungen durchaus gelöst. Thích Nhất Hạnh lebte über viele Jahre im französischen Exil und adaptierte in diesem Zusammenhang auch westliche Vorstellungen und so verwundert es wenig, dass sich seine Bücher in der Hauptsache an westliche Leser wenden.

Bei Jon Kabat-Zinn wurde die Idee der Achtsamkeit vom buddhistischen Ursprung gelöst und über mehrere Jahrzehnte in der Arbeit mit Kranken eingesetzt, die in vielen Fällen als von der Schulmedizin austherapiert galten. Durch die Übung der Achtsamkeit konnte zumindest deren Lebensqualität verbessert werden. Daneben wurden Achtsamkeitsübungen auch als Mittel gegen Burnout eingesetzt. Auf dieser Erfahrung setzte dann auch die Arbeit mit Menschen auf, die ihre Lebensqualität verbessern wollten, ohne im medizinischen Sinne krank zu sein.

Die meiste Zeit beschäftigen wir uns mit Dingen, die in der Zukunft oder bereits in der Vergangenheit liegen. Den ganzen Tag über hetzt man sich ab, um irgendwo hin zu kommen. Schon vor der Ankunft ist man gedanklich schon wieder weg. Dabei ist das Hier und Jetzt der einzige Augenblick, den wir haben und beeinflussen können. Dabei ist das Vergangene inzwischen unveränderbar und die Zukunft noch ungewiss. Was bleibt, ist das Hier und Jetzt. Nur dafür ist im Rahmen der täglichen Abläufe praktisch keine Zeit.

Achtsamkeit soll dafür sorgen, dass der Mensch mit sich selbst im Einklang sein kann und seine eigenen Bedürfnisse erkennen kann. Dabei sollen verschiedene Übungen helfen, vor allem tägliches Meditieren. Zeit in Ruhe mit sich selbst zu verbringen, soll dazu führen, dass man wahrnimmt, was einen beschäftigt. Wer diese Übungen regelmäßig vornimmt, kann beispielsweise schneller bemerken, wenn Unmut aufkommt und kann besser einschätzen, woher der Anlass für allfälligen Ärger stammt. Letztlich soll man dadurch ausgeglichener werden. Achtsamkeit wird als die Kunst oder Fertigkeit gesehen, sich durch Meditation ganz auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und den eigenen Geist so zu schärfen, dass man sein volles Potential ausschöpfen kann.

Und spätestens an diesem Punkt wurde das Thema Achtsamkeit auch für die Personalentwicklung von Firmen wie Bosch oder Beiersdorf interessant. Dabei stellt sich natürlich die Frage, inwieweit der Unternehmensalltag mit der Idee der Achtsamkeit vereinbar ist. Auch auf den zweiten Blick scheinen die beiden Welten nicht zusammen zu passen.

Aber offensichtlich hilft die ursprünglich buddhistischen Geistesschulung der Achtsamkeit sowohl Konzernen, als auch mittelständischen Unternehmen dabei, ihre Führungskräfte für die aktuellen Anforderungen im Wettbewerb fit zu machen. Ein Punkt, der mit den Achtsamkeitsübungen erreicht werden kann, ist die Konzentration auf das Wesentliche. Und mit dieser Konzentration hofft man letztlich auch die Leistung der Mitarbeiter zu steigern, auch wenn das in der Regel nicht in den Vordergrund gestellt wird. Betont wird zumeist, dass die Mitarbeiter mit Hilfe der Achtsamkeitsübungen ausgeglichener würden und letztlich glücklicher.

Die digitale Kommunikation lässt dem Einzelnen heute kaum noch eine Reaktionszeit. Jeder erwartet eine sofortige Antwort, auch wenn es in vielen Fällen sachlich gar nicht zwingend geboten sein muss. Regelmäßige Achtsamkeitsübungen sollen dagegen die Konzentration fördern. Und wer jetzt bemerkt, dass er bei solchen meditativen Übungen regelmäßig einschläft, sollte sich eingestehen, dass er bislang völlig übermüdet auf Arbeit war. (Christoph Jehle)

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