Achtung, die Flexecutives kommen

Die Trendspotter haben die Yuppies der neunziger Jahre entdeckt.

Jahrelang haben "wir" ein Schattendasein geführt: Wir, die Scharen der neuen KreativberuflerInnen in den noch neueren Medien, die Web-Designer und Internet-Consultants, die Qualitäts-Marktforscher für Trendnischen, die Netzradio- und Club-Entrepreneure und nicht zuletzt auch die Online-Redakteure und -Reporter. Wir haben uns zwar gegenseitig erkannt, was nicht schwer ist, weil wir ohnehin nur auf Parties gehen, auf denen unseresgleichen zu finden ist, nun aber wurden wir endlich entdeckt und einen Namen haben wir auch schon: Flexecutives.

Diesen wichtigen Schritt in der urbanen Gegenwartsethnographie leistete Richard Benson in der heutigen Online-Beilage der englischen Tageszeitung The Guardian und derselbe Kauderwelsch wird sich in nochmals ausgewälzterer Fassung in der März-Ausgabe des Magazins Arena finden. Laut Benson gibt es eine schöne chronologische Ordnung. Waren die Yuppies Inbegriff eines urbanen Lebensstils der achtziger Jahre, so sind die Flexecutives nun der Inbegriff der Neunziger. Lang hats gedauert, kann man da nur sagen, denn während der Yuppie schon zu Beginn der Achtziger Armani-bei-Fuss stand, wurden wir Flexecutives erst ganz am Ende der Dekade, für die wir doch so typisch sein sollen, in zeitschriftengerechter Form fassbar.

Flexecutive Hari Kunzru, Mute Redakteur und .TV Talk-Show Host. Man sieht es bei dieser Bildgrösse nicht, aber in sein Hemd ist der Name eines High-Tech Konzerns subtil als Muster eingewebt.

Jetzt gibt es nichts mehr zu leugnen. Wir sind "die Leute, die das große Geld aus den nervösen neunziger Jahren ziehen", schreit es aus der Titelzeile. Während die Yuppies aber nur auf das große Geld scharf waren und auf Jobs in der City, sind es bei uns "Projekte" - weil es keine sicheren Jobs mehr gibt - und lange Auslandsreisen in exotische Gegenden. Und auch äußerlich pflegen wir das Understatement, statt Armani gibts Carharrt (aber nur die US-Reihe) und überhaupt eine Reihe von Assecoires, die aus der Street-Culture und frühen Club Culture kommen und nun durch teure Labels domestiziert und kommodifiziert wurden: Evisu, Prada Sport, Napapijiri, Helmut Lang, DKNY. Selbstverständlich sind wir nicht so dumm, diese teuren Stücke allzu auffällig auf der Haut zu tragen, wir mischen das mit ein wenig echtem Street-Wear, der Adidas-Jacke, die wir 1982 dem älteren Bruder geklaut haben oder einer echten Armee-Hose vom Flohmarkt. Denn es geht nicht darum, Wohlstand zu repräsentieren, sondern ewige Hipness.

Wie in der Mode ist genau das unsere Aufgabe: All die Dinge, die wir aus der Jugendkultur der achtziger Jahre kennen und die tendenziell einmal subversiv, wenn nicht gar revolutionär gewesen sein sollen, an unsere Auftraggeber aus gut bezahlenden Top-500-Firmen zu verkaufen, als den "subversiven Guerrilla-Chic der neunziger Jahre". Natürlich sind wir uns dabei völlig im klaren, daß nichts daran subversiv oder revolutionär ist, was es unserem Gewissen umso leichter macht, unser Szene-Wissen in Formen des modernen Cross-Media-Marketing, die wir natürlich selbst miterfunden haben, einfliessen zu lassen.

So sind wir, laut Benson, "die fünfte Kolonne von ca. Dreissigjährigen, welche die Schlachtpläne für die Vermarktung von Hipness an Geschäftsleute und Politiker verkaufen." Thatcher/Kohl überlebt habend, wissen wir, dass es keinen vertikalen Karriereweg nach oben für uns je geben wird und auch keinen sicheren Pensionsplan. Stattdessen hätten wir "horizontalen Ehrgeiz". Damit ist nicht das "älteste Gewerbe" gemeint sondern das gleichzeitige Ausleben von "Multiple-Lebensstilen", welche vor allem in ein Ziel münden: Wenn immer es die Auftragslage und das Bankkonto erlauben, zu möglichst exotischen und touristisch unentdeckten Reisezielen hin zu verschwinden. Denn wie alle Spezialisten der "Crossover-Hybrid-Media-Marketing-Strategies" ist unsere größte Angst die, daß uns vor lauter hybrider Allround-Kompetenz das entgeht, was Menschen erfahren, die ihr Leben lang einer Idee oder Aufgabe folgen: Reinheit, bzw. Unverfälschtheit. Deshalb müssen wir reisen, um die Authetizität wieder zu entdecken (und bei nächster Gelegenheit in einem neuen Website-Konzept zu verkaufen.)

Ungeachtet der Tatsache, daß hier Richard Benson tatsächlich einen interessanten Punkt berührt, steht der doppelseitige Artikel vor allem für eines, nämlich den verzweifelten Notstand von Zeitschriften wie The Guardian, ihre Online- und Wochenendssonderbeilagen mit Stoff zu füllen, der sich irgendwie gut liest und den Zeitgeist, diese klapprige alte Fetzenkönigin aus den achtziger Jahren, mit des Kaisers neuen Kleidern umhüllt. Das hat eine Form von "Meinungsjournalismus" hervorgebracht, der sich auf kaum mehr gründet, als einige subjektive Beobachtungen, einen Mittwochskater und eine drohende Deadline. Es handelt sich um eine Form des Journalismus, die trotz Focus und "jetzt" in Deutschland ihresgleichen noch nicht gefunden hat und Leuten wie Julie Burchill auch in 50 Jahren noch zu unerwarteten Comebacks verhelfen wird.

"Middle Youth" oder "Flexies"? Grafiker Damian Jaques, links, Netzkunstaktivist Micz Flor, rechts, vergnügen sich beim Shoreditch Strassenfest.

Eines der Lieblingsspiele dieses "Am-Nerv-der-Zeit-sein-Geschreibes" ist die Erfindung neuer Trendgruppen. Im Vorjahr war es die "Middle-Youth" gewesen. Plötzlich wurden wir von allen Seiten darüber aufgeklärt, daß es eine wachsende Anzahl von Menschen gibt, die ihre Jugendideale noch immer nicht aufgegeben haben, obwohl sie flott auf die 50 zugehen oder sogar schon darüber sind. Welch schöne Bestätigung, daß das Leben nicht mit 30 zuende sein muß. Und klarerweise geht all das nicht ohne den Kauf der entsprechenden Produkte und Produktlinien.

Ein weiteres Merkmal dieser Identifizierung von Trendgruppen ist es, daß die Artikel vor allem so geschrieben sind, daß sie bei allen, die nicht dazugehören, Sozialneid schüren. Dieser kann nur bekämpft werden, indem die entsprechenden Produkte, die in derartigen Artikeln immer gerne und häufig aufgezählt werden, gekauft werden. Es mag wirklich eine Anzahl von Leuten geben, die Bensons Beschreibung ungefähr ähneln. Doch erst durch die Benennung der Gruppe und die Nennung der von ihnen bevorzugten Konsumprodukte werden sie zu einem Medienphänomen. Solche Phänomene zu schaffen, ist vor allem im Interesse der Medien, weil es die Anzeigenkundschaft auf Trab hält. Wie groß die Überschneidung mit der Wirklichkeit ist, wird zweitrangig, sobald sich ein Schlagwort verselbständigt hat.

Auf der Doppelseite mit Bensons Artikel befinden sich auch Personenprofile, darunter eines mit Kathryn Schmitt, "zufällig" eine persönliche Freundin. Bevor Kass, das junge amerikanische Netzwerk-Genie, direkt aus den Bell-Laboratories nach London importiert, für den Verlag Ellipsis zu arbeiten begann, hatte sie den Server von Backspace eingerichtet, ein Internet-Cafe mit starker Betonung von Kunst und soziokulturellen Inhalten. Die Gage dafür war genau 0.00 Pfund Sterling. Wenn "Flexecutive" zu sein bedeutet, gratis für künstlerische und soziokulturelle Projekte zu arbeiten, dann kann es nicht so schlecht um "unsere inneren Werte" bestellt sein, wie Benson ansonsten bemüht ist, es darzustellen.

Dieses "knapp daneben aber doch vorbei" charakterisiert diesen, bzw. diese Art von Artikeln, auch in vielen weiteren Punkten. Richtig identifiziert Benson einige Strassen links und rechts der Old Street als Epizentrum einer relativ neuen Entwicklung, des Hype um Shoreditch. Diese einst von verschlafenen Lagerhäusern und itialienischen Handtaschengroßhandelsgeschäften gekennzeichnete Gegend am östlichen Rand der City weist nun eine hohe Dichte von Mixed Media Büros auf - Web-Design, Consultancy, PR usw. Schnell entstand mit eine passende Infrastruktur von Coffee Shops (Mr.Bean) und Kneipen wie @home, Electricity Showroom, Hoxton Bar, etc. und mit dem Lux Centre gibt es sogar einen kulturellen Schwerpunkt passend zur Gegend - mit Programmkino und Electronic Arts Gallery.

Der Shoreditch-Hype führt jedoch dazu, daß genau die Leute, die unwillentlich zu seiner Entstehung beigetragen haben, wie etwa die Zeitschrift Mute, die jahrelang dort ihr Büro hatte und als Kommunikationsknoten der Londoner Digitalkunstszene gelten darf, wegen Wuchermieten und unpassender neuer Nachbarn inzwischen wieder weggezogen sind. Die neuen Mieter in der gleichen Strasse sind von einer ganz anderen Beschaffenheit, wie etwa die Architektur-Stiftung von Prince Charles, deren Einkauf in Shoreditch als die Immobilien-Wasserscheide für die Gegend gesehen werden kann. Die Preise in Shoreditch sind nun höher als in Soho und kein normalsterblicher Web-Designer kann sich das heute noch leisten. Klassische "Flexies" wie Mute (digitale "Slacker-Typen" nannte man das vor diesem Artikel) werden in kürze in Shoreditch kaum noch anzutreffen sein, dafür Werbe-Bosse und königliche Architekten.

Wohnen und arbeiten im Loft. Wer genau hinsieht, entdeckt bei ihr den Wollschal. Im Winter ziehts.

Ein Nebeneffekt, an dem sich Old Street Veteranen gerne belustigen, ist, daß es die neuen Mieter wie Prince Charles feine Architektenriege ziemlich schwierig finden werden, sich in der neuen Gegend einzuleben. Es gibt zwar erwähnte Trend-Bars, aber meilenweit im Umkreis keinen vernünftigen Supermarkt oder Gemüsehändler. Die wenigen Shops heissen "Costcutter" oder "Poundstretcher" und die Karotten und Salatköpfe, die dort angeboten werden, lassen einen vor Mitleid mit dem kranken Gemüse jedes Hungergefühl vergessen. Nicht nur deshalb, auch was die Versorgung mit Schulen, Krankenhäusern und anderen Dingen des "normalen" Lebens betrifft, ist die Lebensqualität in Shoreditch gelinde gesprochen mies.

Im Artikel zwar angesprochen aber nicht weiter ausgeführt wird die tatsächliche wirtschaftliche Situation der identifizierten neuen Trendgruppe. Die Arbeitsverträge sind "kurzfristig", das ist richtig, daher die Notwendigkeit zur Flexibilität. Aber darüberhinaus begünstigt das Rechtssystem und die banale Macht des Geldes die Auftraggeber weit mehr als die "Flexies". Diese arbeiten nicht nur mehr als Durchschnittsbürger - gut, sie fangen später an als der Durchschnitt, arbeiten dafür aber häufig in die Nacht hinein, grundsätzlich auch an Samstagen und häufig auch sonntags - sondern verbringen auch noch viel Zeit damit, säumige Zahler anzumahnen und zu hoffen, daß das Geld irgendwann auch tatsächlich kommt - ein klares Mahnverfahren mit Fristen gibt es anders als in Deutschland nicht.

Da bleibt dann selten jener Überschuß, den es brauchen würde, um in private Pensionskassen einzuzahlen. Eine Studie der britischen Regierung hat jüngst herausgefunden, daß es in 30 Jahren ca. 2 Millionen Menschen geben wird, die minimale oder keine Pensionsansprüche haben werden. Man kann nur rätseln, wie viele "Flexies" sich darunter befinden werden. Wie nicht anders zu erwarten, ist auch die Durchdringung mit gewerkschaftlichen Aktivitäten gleich Null, arbeiten die Flexies doch gewöhnlich in eigenen Klein- und Kleinstfirmen, gegen wen sollen sie sich also gewerkschaftlich organisieren, sich selbst?

Derartige Dinge gehen ans Mark der Crossover-Society. Sie zeigen, daß der Lebensstil und die berufliche Auswahl zwar "hybride" und "hip" sein können, die zugrundeliegenden ökonomischen Verhältnisse aber frühkapitalistisch, oder nach Geschmack neoliberalistisch zu nennen sind - von den "Schlesischen Webern" zu den Web-Designern von Shoreditch. Wer von Sehnenscheidenentzündung und Maus-Schulter aus dem Flexi-Arbeitskampf geworfen wird, sieht sich schnell an oder unter der Armutsgrenze. So deckt sich dieser Befund mit Slavoij Zizeks Gedanken in seinem Essay zum Kommunistischen Manifest und Bill Gates. Die Möglichkeit in den neunziger Jahren einen hybriden Lebensstil zu wählen oder für sich zu erfinden, schadet dem Kapitalismus keineswegs, sondern hilft sogar, die eigentlichen Machtverhältnisse zu verschleiern, mit immer größeren Akkumulationen von Macht und Kapital in immer weniger Händen, während die Politik gleichzeitig zum Kanonenboot-Imperialismus zurückgekehrt ist. Aus dieser Perspektive repräsentieren die "Flexies" weniger einen hippen neuen Lebensstil als vielmehr das Resultat einer Ausweichbewegung in der grimmen sozioökonomischen Realität der Neunziger. Ein puristisches Künstlerleben würde unausweichlich in die Armut führen, während die Jobs in den bürgerlichen Berufen bereits (über)besetzt sind. Da bleibt kaum was anderes übrig, als sich flexibel in einer "hybriden" Identität irgendwo zwischen Kunst und Brotberuf durchzuwurschteln.

Solche traurigen Widersprüche werden uns allerdings nicht davor bewahren, daß die "Flexecutives" morgen im Arena erscheinen werden, übernächsten Monat im Konrad und im "jetzt" und in einem halben Jahr dann auch in Focus und Stern, damit die neue Sozialneid-Elite auch am deutschsprachigen Lesevolk nicht vorbeigeht.

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