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Bemerkungen zum Tod von Steve Jobs

Wenn einer von den Großen geht, haben die Nachrufe und die Nachflüche meistens schon in den journalistischen Leichenspeichern und in den Köpfen der Blogger und Forenkommentierer gewartet. Die Großen sind abgefrühstückt, bevor sie gegangen sind - ein ironischer Ausgleich für den Nachruhm, den sie sich mehr oder weniger redlich verdient haben.

Aber als die Nachricht von Steve Jobs' Tod vor einigen Stunden durch die Medien ging, war ich konsterniert. Ich muss wohl doch gehofft haben, er würde zurückkommen. Wie schon einmal. Wie immer. Und mir fielen die Dinge ein, die ich über jemand erzählen würde, der mein Leben aus der Ferne seltsam nachdrücklich beeinflusst hat.

Da ist einmal sein Auftritt von 2005 in Stanford. Diese Rede ist eines der erstaunlichsten Dokumente, das mir je von einem Firmenchef untergekommen ist. Fast ein Beleg dafür, dass "die auch Menschen sind", was immer der gern genommene Spruch meint.

Auf jeden Fall aber ein Beleg für die Statur von Steve Jobs. Ohne Sentimentalität, aber auch ohne burschikoses Herrengetue, an Fakten orientiert, aber Gefühle nicht leugnend, beschreibt hier einer den Weg, auf dem ihn ein außergewöhnliches Talent zu außergewöhnlichen Resultaten geführt hat. Die Selbstdarstellung mag wie alle Selbstdarstellungen selektiv sein - dennoch lebt sie von etwas Kostbarem: Leidenschaft ohne Getöse.

Wenn man mich auffordern würde, das Besondere an Steve Jobs ohne eigene Worte zu charakterisieren, dann würde ich diese Rede mit dem vergleichen, was deutsche Vorstandsvorsitzende in vergleichbarer Lage zu sagen pflegen. Oder Steve Ballmer. Wem der Unterschied dann nicht auffällt, dem kann ich nicht helfen.

Oder man nehme Steve Jobs' Reaktion auf harsche Kritik aus dem Publikum auf der World Wide Developer Conference 1997. Umwerfend, wie er es trotz sichtbarer Erregung vermochte, nicht auf das Angebot zu einem billigen Showkampf einzugehen, sondern mit einer fast schon beängstigenden Souveränität eigene Wissenslücken zugab und dann den Kern seines eigenen Anliegens so bündelte, dass der Einwurf aus dem Publikum als läppische Wadenbeißerei kenntlich wurde. Stimmt schon: so souverän wäre ich auch gern manchmal.

Die letzte Sache, von der ich erzählen möchte, hat mit einem anderen Todesfall zu tun. Vor etwa drei Monaten starb völlig unvermutet mein Vater. Er hatte es sich in seinen letzten Jahren zum Hobby gemacht, bei der Computerei mithalten zu wollen - nicht einfach für jemand, der damit erst als Pensionär angefangen hatte. Aber es kam für ihn nicht in Frage, sich einfach dem Alter zu ergeben.

Den Wiederaufstieg von Apple verfolgte er mit Aufmerksamkeit, und im Sommer 2010 musste es dann das Flaggschiff der MacBook Pro-Reihe sein. Es ist leicht zu erkennen, dass für ihn die Maschine ein Symbol der Moderne war und seiner Teilhabe daran. Ihn an die praktische Arbeit mit dem Gerät zu gewöhnen, fiel mir zu; das MacBook war dann wohl auch eine willkommene Gelegenheit, öfter Kontakt zu mir aufzunehmen, als dies ohne es der Fall gewesen wäre.

Am Tag nach dem Tod meines Vaters saß ich in seinem alten Arbeitszimmer und löschte die Daten, weil das MacBook als Leasinggerät zurück zum Händler sollte. Ich sah ihm zu, wie es die Dateien herunterzählte, die es mit Nullen überschrieb, und mir wurde plötzlich klar, dass ich diese Maschine nicht zurückbringen wollte. Der Text, den Sie gerade lesen, ist auf ihr entstanden. Kein Zweifel: Die Produkte der Firma, die Steve Jobs mitgegründet hat, prägen meinen Alltag.

Steve Jobs ist in der Vergangenheit manchmal als arrogrant und rücksichtslos beschrieben worden. Ich frage mich, zu welchen charakterlichen Bewertungen Leonardo da Vinci Veranlassung gegeben hat. Heute sehen wir seine Werke und sagen "Oh!" und "Ah!", aber ich kann mir gut vorstellen, dass das zu seiner Zeit nicht durchweg der Fall war. Ein zu starker, ein hinkender Vergleich? Wahrscheinlich.

Außer Frage steht, dass Steve Jobs sehr viel mehr war als arrogant und rücksichtslos (im Kontrast zu manchen seiner Konkurrenten) und sein Fehlen wird sich schmerzlich bemerkbar machen. Goodbye, Mr. Jobs. (Marcus Hammerschmitt)