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Film + Pop + Frauen

Zwei Frauen machen Pop. Die Geschichte Evitas der Diktatorengattin und die Geschichte Valerie Solanas der Attentäterin Andy Warhols wurden verfilmt. Beide Produktionen reflektieren auf exemplarisch filmische Weise das Verhältnis von Frauen, Männern, Macht und Pop wieder.

Lili Taylor als Valerie Solanas

Am 3. Juni 1968 schießt Valerie Solanas, Verfasserin des SCUM-Manifestos, dreimal auf Andy Warhol. Warhol überlebt, aber Pop war danach nicht mehr dasselbe wie vor dem Attentat. Der Mythos, daß Pop eine Lebensform sei, die außerhalb der Realität existieren kann, war zerstört. Valerie Solanas hatte kein Talent zum Pop-Star, sie war zu ernsthaft, zu zerquält, zu verquer-revolutionär. Sie war offen bekennend lesbisch und radikalfeministisch. Sie gründete SCUM, die Society to Cut Of Men, als alleiniges und einziges Mitglied in New York. Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin verdingte sie sich als Gelegenheitsprostituierte. In ihrem SCUM-Manifest schrieb sie unter anderem über männliche Sexualität, männliche Künstler und Hippies:

Männliche Sexualität. Obwohl er ausschliesslich physisch existiert, ist der Mann nicht einmal als Zuchtbulle... obwohl er von Schuld- und Schamgefühlen, Angst und Unsicherheit aufgefressen wird ..... ist der Mann gleichwohl wie besessen aufs Vögeln aus ; er wird durch einen See voller Rotze schwimmen, meilenweit durch bis zur Nase reichende Kotze..... wenn er nur glaubt, dass er am anderen Ufer ein freundliches Vötzchen auf ihn wartet.

Valerie Solanas

Der männliche Künstler versucht das Dilemma, nicht leben zu können und keine Frau zu sein, dadurch zu bewältigen, dass er eine durch und durch künstliche Welt aufbaut.....Das "künstlerische" Ziel des Mannes ist nicht Kommunikation ..... sondern das Kaschieren seiner Animalität, daher nimmt er Zuflucht zu Symbolismus und Obskurantismus.......

Valerie Solanas

Was den Hippie für die Kommune begeistert, ist vor allem die Aussicht auf all die frei verfügbaren Votzen; sie sind die wichtigste Ware, auf die man ein Recht hat und die man auf blosse Anfrage umsonst bekommt.

Valerie Solanas

Für Valeria Solanas war ihre Realität, dokumentiert im SCUM-Manifest, nichts, dass sich zu Pop und Attitüde umfunktionieren liess. Ihr Treffen mit Andy Warhol war wahrscheinlich für beide erst einmal ein Glücksfall. Beide waren ihrer Umgebung entfremdet. Warhol wollte aus seiner Entfremdung Pop-Kunst machen, Valerie Solanas die weibliche Revolte. Als Andy Warhol von der unanpassungsfähigen Frau genug hatte, servierte er sie in üblicher Factory-Manier ab. Solanas fühlte sich von männlicher Macht - ihr Verleger hinterging sie, ihrer Freundinnen drifteten zu Männern ab - zusehends in die Enge getrieben, sie begann unter Wahnvorstellungen zu leiden, die schliesslich im Attenttat auf Warhol gipfelten.

Später sagt Andy Wahrhol, dass ihn vorallem verrückte Leute inspiriert hätten, weil sie es seien, die alleine radikal kreativ sein könnten. Nach dem Attentat hörte er mit dem Filmen auf, die New Yorker Factory war nur noch für ausgewählte Besucher geöffnet. Als er sich schliesslich wieder der Malerei zuwandte, arbeitete er die meiste Zeit an Auftragsarbeiten für Prominente.

I Shot Andy Warhol beschränkt sich teilweise auf die Dokumentation der Ereignisse, inszeniert aber auch die Athmosphäre der Factory-Clique, samt Live-Style und Aura der 15-minütigen Stars die sich um Andy Warhol scharrten. Die Frage, ob Valeria Solanas verrückt war, oder nur radikal, welche Beziehung ihr Attentat zu Pop hat, bleibt offen. Der Film konzentriert sich unpretenziös auf die SCUM-Thesen, das Attentat, auf den grossen, berühmten Moment der Solanas, die nach der Entlassung aus dem Gefängnis für kriminelle Geisteskranke als Obdachlose vor sich hinvegetierte und vor einigen Jahren starb. Sie war wie die meisten aus der Factory-Clique zu Pop geworden, berühmt, aber identitätslos. Für ihre Theorien interessierte sich zu recht, zu unrecht, niemand. Daran will dieser Film auch nichts ändern.

Credits: USA, 1996 Darsteller: Lili Taylor, Jared Harris, Stephen Dorff u.a. Regie: Mary Harron