Ägypten: Neuer Ausgangspunkt für Flüchtlinge

Küste vor Rosetta/Raschid (Nilmündung), Ägypten. Bild: Roland Unger/CC BY-SA 3.0

Nach einem Bootsunglück mit Migranten vor der ägyptischen Küste wurden über 140 Tote geborgen. In der EU gibt es angeblich Sorgen vor einer "Massenflucht aus Ägypten"

Hierzulande wird das kaum mehr wahrgenommen: Die Zahl der Flüchtlinge und Migranten, die das Mittelmeer überqueren, um nach Italien zu gelangen, ist nach wie vor hoch. Laut Frontex sind dort allein im Monat August 23.000 Migranten mit Booten angekommen.

Die Zahl sei nahe an der vom Vorjahr. Dies gelte auch für die Gesamtzahl von 117.900 Flüchtlingen und Migranten, die in den ersten 8 Monaten die italienische Küste erreicht haben, weshalb Frontex von einem "anhaltenden Migrationsdruck" spricht, dem Italien ausgesetzt sei.

Indessen rückt die Aufmerksamkeit von Migrationsexperten und Politikern auf ein "neues Ausgangsland" der Flüchtlinge. Zwar starten die meisten Flüchtlingsboote noch immer von der libyschen Küste, aber Frontex-Chef Fabrice Leggeri warnte schon Ende Juni davor, dass Ägypten zu einem "immer wichtigeren Startpunkt für Schlepperboote nach Europa" werde (Frontex-Chef: Die Route übers Mittelmeer "wächst").

Für die EU war diese Entwicklung schon zu Anfang des Jahres ein Anlass zur Sorge - auch weil befürchtet wurde, dass sich unter die Flüchtlinge und Migranten Mitglieder dschihadistischer Gruppen aus dem Sinai mischen könnten, wie ein ungenannter EU-Diplomat Ende Februar Reuters gegenüber äußerte.

Ein Unglück vor der ägyptischen Küste macht das Problem derzeit international bekannt. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete, dass rund 600 Menschen an Bord eines überladenen Schlepperbootes waren, das am Mittwoch gekentert ist. Laut CNN waren 450 Passagiere an Bord des Bootes, das für höchstens 150 Passagiere ausgelegt war.

Nach jüngsten Meldungen des ägyptischen Mediums Ahram Online wurden bis Freitagnachmittag 148 Tote geborgen, die Behörden rechnen damit, dass noch mehr Leichen geborgen werden.

Bisher konnten 164 Personen gerettet werden, inklusive der vier Crewmitglieder, die sofort verhaftet wurden (wie zunächst auch die überlebenden Passagiere). 117 seien ägyptische Migranten und 43 Migranten aus anderen Ländern. Viele Frauen und Kinder seien unter den Opfern.

Das Boot kenterte, ungefähr 12 Seemeilen von der Hafenstadt Rosetta im Nildelta entfernt, als die viel zu vielen Passagiere zugestiegen waren. Diese waren zuvor in mehreren Feluken (Fassungsvermögen etwa 20 Personen) aus drei Küstenorten zum Treffpunkt gebracht worden.

Laut Aussage eines Überlebenden schwamm er sieben Stunden im Wasser inmitten von Leichen, bis er gerettet wurde.

Auf der Flucht nach Europa über das Mittelmeer sind bis Ende August 3.267 Migranten umgekommen, so die Zahlen des UN-Flüchtlingswerks fast genauso viel wie im gesamten Jahr 2015 (3.771).

Ägypten sei nach Libyen zum zweitwichtigsten Ausgangsland für Migranten geworden, die über das Mittelmeer in die EU gelangen wollen. Jeder zehnte starte von der ägyptischen Küste aus, berichtet die SZ mit Berufung auf Angaben der Bundesregierung.

Nach Informationen der Zeitung wachse in der Bundesregierung und in der EU die Sorge vor einer "Massenflucht aus Ägypten". Zitiert wird der Europaparlamentspräsident Martin Schulz (SPD), der dafür plädiert, mit Ägypten ein Flüchtlingsabkommen zu schließen nach dem Modell des Türkei-Deals: "Diesen Weg müssen wir einschlagen", so Schulz.

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