Ägypten: "Seit 1977 keine Zukunftsperspektive für die Jugend"

Ungebremstes Bevölkerungswachstum

Denn das im Land und allen sozialen Schichten allgegenwärtige Dogma, Kinder zeugen zu müssen, hat eine fast ideologische Dimension und wird oft als familiäre und individuelle Pflicht betrachtet. Paare, die keine Kinder wollen, werden nicht nur von den eigenen Familien, sondern auch der Gesellschaft massiv unter Druck gesetzt.

Die Hintergründe dessen sind jedoch vielfältig und keineswegs nur auf mangelnde Aufklärung zu Themen wie Verhütung oder Familienplanung sowie der in Ägypten hohen Analphabeten-Rate zurückzuführen. Die in westlichen Wohlfahrtsstaaten nicht unüblichen Belehrungen über die vor Ort durchaus bekannten Konsequenzen eines ungebremsten Bevölkerungszuwachses in Entwicklungsländern greifen meist jedoch zu kurz und sind aufgrund verfehlter Interpretationen sozioökonomischer Dynamiken nur wenig hilfreich.

Das Dogma, Kinder zeugen zu müssen, hat in einem Land wie Ägypten zweifelsohne eine religiöse und traditionelle Dimension und ist angesichts der zunehmenden Hinwendung vieler Menschen zu religiöser geprägten Lebensentwürfen schwer zu durchbrechen. Doch nicht zu unterschätzende treibende Kräfte hinter dem Bevölkerungswachstum sind sozialer Natur.

Denn in einer von heftigen Klassengegensätzen geprägten Gesellschaft ohne nennenswertes soziales Sicherungsnetz oder selbstbestimmte Altersplanung mit entsprechender Infrastruktur - zwar gibt es in Ägypten Altersheime, doch viele Familien scheuen sich aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung Verwandte dort einziehen zu lassen - können Menschen im Falle von Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit, Krankheit oder Alter nicht auf den Staat zählen, sondern sind zwingend auf die Familie angewiesen.

In der Mittelschicht ist das am weitesten verbreitete Argument für Kinder die Altersvorsorge. Die Betreuung älterer Menschen aus dem familiären Umfeld in den eigenen vier Wänden ist daher keine Seltenheit, sondern die Regel. In einkommensschwachen Familien spielt die Altersversorgung zwar auch eine Rolle bei der oft bewussten Entscheidung, mehr als zwei Kinder zu bekommen, doch das alltägliche Überleben ist ebenso wichtig.

Eine wesentliche Motivation informell beschäftigter Menschen mit niedrigen und instabilen Einkommen für die Gründung von Großfamilien ist die damit verbundene Hoffnung, mit Hilfe mehrerer Kinder das Familieneinkommen mittelfristig zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund gehört auch die Kinderarbeit zum Alltag im Land.

Derweil bekommt die kinderreiche Mittelschicht inzwischen erbarmungslos zu spüren, wie wenig kompatibel Wirtschaftskrisen mit gewissen gesellschaftlichen Verpflichtungen sind. Denn angesichts massiv steigender Preise können immer weniger Familien die ausufernden Ausgaben für die im Mittelstand üblichen Hochzeitsexzesse in stadtbekannten Luxushotels samt Mitgift und Eigentumswohnung stemmen und verschulden sich.

Während im mittleren Einkommenssegment die Bereitschaft zugunsten einer gewissen Familienplanung durchaus ansteigt, ist dies angesichts der verhältnismäßig kleinen Mittelschicht im Land für den Bevölkerungszuwachs nur begrenzt relevant. Denn die Dynamiken, die den Kinderreichtum in der einkommensschwachen Masse antreiben, bleiben unverändert bestehen.

Während sich die Regierung der Problematik durchaus bewusst ist, mangelt es weiterhin an einer adäquaten Strategie für den Umgang mit dem Bevölkerungswachstum. Im Herbst sorgte zwar ein Gesetzentwurf für Debatten, der als erster Schritt hin zu einer Zwei-Kind-Politik verstanden werden kann und nicht nur Kampagnen zu Themen wie Geburtenkontrolle beinhaltet, sondern auch Anreize für eine partielle Familienplanung schaffen soll.

Doch solange solche Initiativen nicht in großem Maßstab umgesetzt und durch grundlegende Reformen der sozialen Sicherungssysteme flankiert werden, dürfte die Regierung mit solch halbherzigen Versuchen, das Bevölkerungswachstum unter Kontrolle zu bringen, gnadenlos scheitern.

Eine Meldung von Ende Februar 2017 stellt diese These allerdings in Frage. Ende Februar hatte der stellvertretende ägyptische Gesundheitsminister, Tarek Tawfeek, erklärt, die Anzahl der Geburten pro Jahr sei von 6,68 Millionen im Jahr 2015 auf nur noch 2,6 Millionen im Folgejahr und 2,55 Millionen im Jahr 2017 gesunken.

Dennoch bleibt abzuwarten, ob es sich dabei nur um eine vorübergehende mit der anhaltenden sozialen Misere verbundene Tendenz handelt und ob die Zahlen wieder ansteigen, sobald sich die wirtschaftliche Lage wieder stabilisiert.

Zusätzlich stellt die demographische Entwicklung die Regierung in Sachen Verkehrsinfrastruktur, Wohnraum und Wasserversorgung vor enorme Herausforderungen. Wenig überraschend hat sich die in dem AP-Film süffisant zusammengefasste Beschreibung der Kairoer Verkehrslage bis heute ebenso wenig verbessert wie die Wohnungsnot.

Der Verkehr ist nicht nur auf Kairos Hauptstraßen und den Nilbrücken chronisch verstopft, sondern selbst in Wohnvierteln, die als Ausweichrouten genutzt werden. Doch auch das aus allen Nähten platzende Nahverkehrsnetz hat massiven Nachholbedarf. Jüngste Investitionen in die U-Bahn werden angesichts des Bevölkerungszuwachses der Hauptstadtregion nicht annähernd für langfristige Entspannung sorgen.

Dabei zählt die Kairoer Metro bereits heute zu den meist frequentierten öffentlichen Nahverkehrsnetzen der Welt - und das mit nur zwei (sic!) fertig gestellten Linien. Das erste Teilstück der dritten Linie wurde 2012 eröffnet und ist inzwischen auf zehn Stationen erweitert worden. Eine vierte Linie ist bereits im Bau und soll bis 2032 um zwei weitere Trassen erweitert werden.

Auch der Wohnraummangel bleibt ein zentrales Problem, denn der Zugang zu Sozialwohnungen und bezahlbarem Wohnraum ist stark begrenzt. Entsprechend ist der informelle Siedlungsbau seit 2011 völlig außer Kontrolle geraten und breitet sich nicht nur in Ballungsgebieten und in der Wüste aus, sondern auch in den Provinzen und auf fruchtbarem Ackerland.

Zwar stehen nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde Capmas landesweit fast 13 Millionen Wohnungen leer - 4,7 Millionen davon allein im Großraum Kairo - doch auch wenn ein Teil davon nicht bezugsfertig ist, ist das Problem hoher Leerstände hausgemacht und vor allem nicht neu.

Ein von Staatspräsident Gamal Abdel Nasser in den 1950ern eingeführtes und seither mehrfach revidiertes Mietrecht, das Wohnraum auch für Einkommensschwache zugänglich machen sollte und Mieterhöhungen massiv erschwert, war zwar gut gemeint, aber katastrophal umgesetzt.

Bis heute können derartige Mietverträge abgeschlossen werden, bei denen man sich für durchaus stattliche Beträge in einen Vertrag einkauft und anschließend bis zum Lebensende monatliche Mieten von wenigen ägyptischen Pfund zahlt. Da Wohnungseigentümer jedoch keine Mieteinnahmen erwirtschaften, werden die Gebäude nicht in Stand gehalten und verfallen.

Der Wohnungsmarkt ist derweil einer der führenden Investmentbereiche für Privathaushalte. Wer kann, investiert sein Barvermögen in Wohnungen, die angesichts einer enormen Nachfrage zu den sichersten Investitionsobjekten im Land zählen.

Gerade im Kontext der aktuellen Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Talfahrt des ägyptischen Pfundes steckten viele Menschen ihr Geld in Wohnungen, deren Preise seit 2015 explosionsartig gestiegen sind.

Die Wohnungsnachfrage wird dabei vom Bevölkerungswachstum, aber auch dem hohen Bedarf von verheirateten Paare getragen. Denn vor allem in der Mittelschicht investieren Eltern schon früh in Wohnungen für die eigenen Kinder, die nach dem Kauf oft jahrelang leer stehen.

Seit seiner faktischen Machtübernahme 2013 hat Al-Sisi den Wohnraummangel derweil mehrfach zur Priorität erklärt. Doch weder das in Kooperation mit der Firma Arabtec geplante Projekt zum Bau von einer Million Wohnungen noch weitere seither lancierte staatliche Bauinitiativen brachten den erhofften Befreiungsschlag.

Während derlei Projekte oft mit massiver Verspätung oder in weitaus geringerem Umfang umgesetzt werden als angekündigt, sind auch stadtplanerische Verfehlungen ein Hauptgrund für deren Scheitern. Denn die meist am Stadtrand oder in der Wüste errichteten Wohnsiedlungen oder Satellitenstädte verfügen oft lediglich über Wasser- und Stromnetzanschlüsse, aber keine städtische Infrastruktur oder Nahverkehrsanbindungen. Entsprechend zögerlich werden sie bezogen.

Während die Probleme großangelegter staatlicher Wohnungsbauprojekte ebenfalls seit Jahrzehnten bekannt sind, initiierte Al-Sisi kurz nach seinem Amtsantritt ein weiteres umstrittenes Megaprojekt, dessen Erfolgsaussichten aus politischen Gründen optimistischer einzuschätzen sind.

Das Regime baut östlich der Kairoer Stadtgrenze eine neue Verwaltungshauptstadt für fünf Millionen Menschen, in der Regierungsgebäude, Botschaften und andere staatliche Infrastruktur errichtet werden soll. Ein neuer Flughafen - keine 20 Kilometer vom Cairo International Airport entfernt - ist bereits betriebsbereit, ein von Siemens errichtetes Kraftwerk ebenso.

Ein neues Parlamentsgebäude und ein erstes Wohnviertel für 30.000 Menschen stehen kurz vor der Fertigstellung. Während in informellen Vierteln in Kairo, Giza oder Alexandria weiterhin regelmäßig ohne staatliche Aufsicht errichtete Gebäude einstürzen, mauert sich die Oberschicht in einer neuen luxuriösen Gated Community sprichwörtlich ein.

Das Projekt ist eine politische Bankrotterklärung des Regimes und der herrschenden Eliten, die damit vor allem demonstrieren, wie sehr sie sich vor einer abermals aufbegehrenden eigenen Bevölkerung fürchten.

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