Ägypten: "Seit 1977 keine Zukunftsperspektive für die Jugend"

Wassermangel und verstopfte Kanäle

Während Ägyptens Regierung bei der Bekämpfung von Wohnraummangel, sozialer Ungleichheit und Defiziten im öffentlichen Nahverkehr Gestaltungsspielräume ungenutzt lässt und sich harsche Kritik gefallen lassen muss, sind ihr bei der Wasserversorgung nur bedingt Vorwürfe zu machen.

Meerwasserentsalzung, Grundwasser und Regen decken lediglich fünf Prozent des ägyptischen Wasserverbrauchs ab, der Nil stellt die verbleibenden 95 Prozent bereit. Zwar wird derzeit verstärkt in Meerwasserentsalzungsanlagen investiert und eine intensivere Grundwassernutzung in Betracht gezogen, doch an der Abhängigkeit des Landes vom Nil kann auch die Regierung wenig ändern.

Ägypten verfügt dabei über nicht unerhebliche fossile Wasserreserven, doch deren Ausbeutung gilt als hochgradig komplex und ist stark umstritten. Zumindest bisher werden sie daher als strategische Reserve betrachtet, denn bei dem "Nubian Sandstone Aquifer", der sich über Libyen, Tschad, Ägypten und Sudan erstreckt, handelt es sich um nicht erneuerbare Vorkommen.

Während Libyen bereits in den 1980er Jahren deren Ausbeutung initiierte und mit Hilfe des Great-Man-Made-River-Projekts die Wasserversorgung von rund 70 Prozent der eigenen rund sieben Millionen Menschen zählenden Bevölkerung sicherstellte, wäre eine solch großangelegte Grundwasserausbeutung in Ägypten angesichts des vielfachen Bedarfs höchst riskant und vor allem eine kurzlebige Option.

Zwar unterzeichneten die vier Staaten schon 2013 eine Rahmenvereinbarung über die gemeinsame Nutzung der Vorkommen, doch Ägyptens Regierung wolle behutsam mit den Reserven des Nubian Sandstone Aquifers umgehen, versichert der Sprecher des ägyptischen Außenministeriums, Ahmed Abu Zeid, gegenüber Telepolis:

Grundwasser gehört für jedes Land zu den potentiellen Wasser-Ressourcen, ganz besonders in dieser Region, aber wir nutzen das nur sehr vorsichtig, da es sich um nicht erneuerbare Ressourcen handelt.

Ahmed Abu Zeid

Umso wichtiger ist daher eine zügige Lösung des Konfliktes um den Bau eines Megastaudamms in Äthiopien, der über einen Zeitraum von mehreren Jahren Ägyptens Wasserversorgung einzuschränken droht, sowie vermehrte Anstrengungen, effizient und effektiv mit den vorhandenen Wasserressourcen im Land zu haushalten.

Kritik an mangelhafter Effizienz bei der Wassernutzung, Versickerungs- und Verdunstungsverlusten durch die in der ägyptischen Landwirtschaft gängige Oberflächenbewässerung und zu geringer Anstrengungen des Staates, das marode Wasser- und Abwassersystem in den Städten zu modernisieren und die Kapazitäten der Abwasseraufbereitung auszubauen ist zwar berechtigt, mutet aber in der oft vorgetragenen Vehemenz nur bedingt zielführend an.

Denn mit Hilfe eines weit verzweigten Kanalsystems, das vor allem im Nildelta eine fast flächendeckende Wasserversorgung garantiert sowie ein parallel verlaufendes Dränagenetz, dass landwirtschaftlich genutztes und im Boden versickertes Wasser zurück in die Kanäle leitet, wird es bereits mehrfach verwendet und eine Versickerung zumindest partiell verhindert.

Problematisch an diesem System sei vielmehr der Rückfluss von durch intensiven Düngemitteleinsatz kontaminiertem Wasser in die Kanäle, denen es an flächendeckenden Kläranlagen mangelt, heißt es von Vertreterinnen der internationalen Entwicklungskooperation. Auf lange Sicht werde damit nicht nur die Wasserqualität beeinträchtigt, sondern auch die Qualität landwirtschaftlicher Produkte.

Die so oft kritisierte Oberflächenbewässerung, aber auch die inzwischen reihenweise entstehenden Fischfarmen an der Mittelmeerküste, haben derweil noch eine weitere Funktion, deren Bedeutung keineswegs unterschätzt werden sollte.

Denn durch die Versickerung von Süßwasser wird die durch den Anstieg des Meeresspiegels verursachte Versalzung küstennaher landwirtschaftlich nutzbarer Flächen im nördlichen Nildelta verlangsamt und das sich dort stetig ausbreitende Salzwasser zugunsten eines stabilisierten Grundwasserspiegels zurückgedrängt.

Dieser wird jedoch andernorts unnötigerweise angezapft, denn diejenigen landwirtschaftlichen Kleinbetriebe, die am Ende von Bewässerungskanälen liegen, setzten angesichts der unzuverlässigen Kanalflutung durch die staatlichen Wasserbetriebe inzwischen vermehrt auf Brunnen, um den Bedarf ihrer Felder zu decken und die Instabilitäten bei der Kanalflutung zu kompensieren.

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