Äh,..öh..

Rehabilitierung der Stotterbazis

Ob in Seminaren für Sekretärinnen oder Manager, bei Uni-Referaten oder Produktpräsentationen: Stockungen, Verzögerungen und Überbrückungsphänomene im Redefluss gelten als deplaciert und unnötig. Sie erschweren spracherkennenden Rechnern die Arbeit. Unterhaltsam sind sie allenfalls in peinlichen Film-Liebesszenen oder wenn Edmund Stoiber mit Sabine Christiansen spricht.

Erstens: Es muß - äh - zum Beispiel bei vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland - generell den Anwerbestop für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer außerhalb der Europäischen Union aufzuheben, halte ich für falsch, das kann man den Millionen von Arbeitslosen in Deutschland nicht - äh - deutlich machen, hier stimme ich sogar ausnahmsweise mal mit Oskar Lafontaine überein, der das - äh - äh - am Sonntag vor einer Woche hier auch so deutlich gemacht hat. - Äh - zweiter Punkt: Ich halte also die Begren- - ich halte den Anwerbestop - der muß - äh - kann nicht generell aufgehoben werden.

Quelle

Turbo­Management ist angesagt...Wer langatmige und ausschweifende Erklärungen abgibt, wer mit seiner Botschaft nicht rüberkommt, wer Ähs und Öhs vor sich hinstammelt, wird...als Zumutung empfunden

Wisu

Dabei sollen die Ähs und Öhs besser sein als ihr Ruf: Wer sich mit "Hmm" und "Ääh" durch seine Sätze windet und hinter jedes "Ööh" noch eine lange Pause wirft, ist laut New York Times oft unternehmungslustiger, effektiver und dominanter als jemand mit einem geglätteten Duktus.

Der Artikel bietet jedoch zunächst eine hübsche Vorstellung der Ähs und Öhs auf Zungen dieser Welt: Demzufolge sagen bzw. stammeln die Franzosen "Öö", Hebräischsprachige sagen "Ihhh", Serben und Kroaten murmeln "Owey", Türken "Mmmmm". Japaner sollen "Ito" und "Anoo" sagen, Spanier "Este" und Mandarinsprachige "Niga" oder "Dschiga". In Schweden habe man die Wahl zwischen "Ii", "Ah", "Aah", "M", "Mm", "Hmm", "Uuh", "A" und "Oh"; in Norwegen seien "I", "Ih", "M" und "Hm" am beliebtesten.

Um zu lernen, wie man eine Sprache korrekt spricht, ist es also unabdingbar, auch die kleinen Störer mitzulernen. Als Pausenfüller können sie ebenso elegant und strukturiert sein wie das Pausieren selbst. Und aussagekräftig, da sie Informationen auf einer "zweiten Ebene" enthalten können, indem sie werten oder den Gedankenfluss transparent machen. In der Zeitschrift "Language and Speech" erschien eine Untersuchung, der zufolge Menschen, die besonders zielgerichtet und aktiv sind, bei ihren Reden besonders häufig den Satz neu beginnen, Wörter wiederholen und zahlreiche Stockungen einflechten. Wer eine eher passive Rolle einnimmt, hat dagegen den klareren Redefluss. Männer sollen übrigens öfter mit "Ähs" und "Öhs" hantieren als Frauen, wenn auch insgesamt beide gleich große Stockungen im Redefluss haben.

Eine weitere Studie will Erstaunliches bei Universitätsvorlesungen herausgefunden haben; Die Professoren der Geisteswissenschaften machten durchschnittlich 4,85 mal in der Minute "Äh" und "Öh", die Sozialwissenschaftler 3,64 mal und die Naturwissenschaftler nur 1,39 mal. Glaubt man dem Leiter der Studie, so kann man daraus schließen, dass den Geisteswissenschaftlern mehr Möglichkeiten des Ausdrucks zur Verfügung stehen, aus welchen er auswählen muss. Wer seine "Öhs" jetzt noch nicht liebgewonnen hat: der Konsum von Alkohol, das hat eine weitere Untersuchung gezeigt, reduziert sie nachweislich. (Michaela Simon)

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