Älteste Höhlenmalerei der Welt auf Borneo entdeckt

Abschied von der Wiege der Kunst in Europa

In den letzten Jahrzehnten schien es bereits gewiss, dass die Wiege der menschlichen Kunst in Europa stand, immer ältere Kunstwerke kamen ans Licht und erregten großes Aufsehen. Das gilt vor allem für die ausdrucksstarken und lebendigen Zeichnungen an den Wänden der Chauvet-Höhle in Südfrankreich, die bis zu 35.000 Jahre alt sind und bis heute Diskussionen um ihre Datierung auslösen, weil die dynamischen Darstellungen sehr modern wirken, und durchaus wie Vorlagen für Animationsfilme wirken (vgl. Vergessene Träume in 3D).

Ihren Status als älteste Malereien der Welt verloren sie, als sich 2012 rote Wandbilder aus Scheiben und Hand-Stencils in der nordspanischen El Castillo-Höhle als mindestens 40.000 Jahre alt erwiesen.

Zudem fanden sich im Karstgebirge der Schwäbischen Alb sowohl die ältesten Skulpturen aus Mammutelfenbein, als auch die ältesten Musikinstrumente der Menschheit: Flöten aus Knochen und Elfenbein (vgl. Die Schamanen der Schwäbischen Alb).

Alles sprach für einen Urknall der Kunst in Europa. Möglicherweise in Gang gesetzt durch die Konfrontation und das anschließende Zusammenleben mit einer anderen Menschenform, dem Neandertaler, dem inzwischen zumindest abstrakte Kunstwerke und Handabdrücke zugeschrieben werden (vgl. Kunst der Neandertaler).

Hand-Stencils in Dunkelviolett aus Borneo, die ältere in rot gehaltene Abdrücke überlagern. Zwischen den beiden verschiedenen Stilen liegen mindestens 20.000 Jahre. Foto: Kinez Riza

Fast alle Experten gingen deshalb bislang davon aus, dass die Kunst in Europa von frisch zugewanderten Homo sapiens in die Welt gesetzt wurde. Zwei Modelle dazu stehen im Raum. Das erste geht von einer langsamen Kunst-Evolution aus, an deren Anfang abstrakte, einfache geometrische Muster der Höhlenmalerei stehen, die sich nach und nach hin zu den figurativen Formen wie Tierdarstellungen entwickelt. Der zweite Ansatz geht von einem schlagartigen Auftauchen der Kunst aus, wobei bereits komplizierte, figurative Werke im Anfang stehen.

Immer mehr spricht für das zweite Modell. Und dafür, dass die Kunst entweder bereits im Gepäck war, als der anatomisch moderne Mensch Afrika verließ oder sich auf dem Weg entwickelte, bevor sich die Gruppen trennten, um in verschieden Richtungen gehend die Welt zu erobern.

Auf jeden Fall steht jetzt fest, dass die ältesten bekannten Höhlenmalereien gleichzeitig in Westeuropa und dem heutigen Borneo entstanden, das vor 40.000 Jahren noch mit dem Kontinent verbunden war und die östliche Ecke Eurasiens darstellte (Sundaland). Wenn in Europa ein Kunst-Urknall stattfand, dann gab es diesen Urknall parallel auch in Südostasien.

Wer waren die frühen Künstler von Borneo?

Unklar bleibt, wer die ersten Künstler auf Borneo waren. Knochen von Menschen haben sich in dem feuchtwarmen Klima kaum erhalten. Es gibt nur sehr wenige mehr als 25.000 Jahre alte Fundstücke aus der Region. Der älteste Schädel namens "Deep Skull" ist 37.000 Jahre alt und wurde in der Niah-Höhle im malaysischen Teil Borneos gefunden).

Durch die neuen Datierungen stellte sich heraus, dass es in den Höhlen des Sangkulirang-Mangkalihat Karst zwei deutlich zu unterscheidende Phasen der Felskunst mit verschiedenen Stilen gab. Die ältere Phase zeichnet sich durch die Verwendung von orange-roter Farbe aus, mit der große Tiere und die Handnegative auf den Wänden verewigt wurden.

Darauf folgt ab ungefähr vor 20.000 Jahren die zweite Phase, in der die Eiszeit-Künstler dunkelviolette Farbe benutzten, um ebenfalls Hand-Stencils zu hinterlassen, die aber mit Punkten oder Strichen verziert, und teilweise durch Linien, die wie Ranken oder Äste aussehen, miteinander verbunden wurden. Die älteste menschliche Figur ist mindestens 13.600 Jahre alt.

Vor 20.000 Jahren erreichte die letzte Eiszeit ihren Höhepunkt. Vielleicht brachten die schwierigeren Lebensbedingungen die Menschen dazu, sich durch neue künstlerische Formen auszudrücken. Oder Klimaflüchtlinge aus kälteren Regionen trafen in dem Gebiet ein und sorgten für kulturelle Innovation sowie neue Kommunikationsformen zwischen den Bevölkerungsgruppen.

Stilisierte menschliche Figuren aus einer der Höhlen in Ost-Kalimantan, indonesisches Borneo. Dieser Stil ist mindestens 13.600 Jahre alt und geht möglicherweise zurück bis zum Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 20.000 Jahren. Foto: Pindi Setiawan

Wer die Eiszeit-Künstler vor 40.000 Jahren waren, und was aus ihnen wurde, bleibt vorerst ein Geheimnis. Aber angesichts der auf Sulawesi entdeckten, etwa gleich alten Malereien ist es wahrscheinlich, dass sie zu einer der Migrationswellen gehörten, die sich in östlicher Richtung über das Meer aufmachten, um letztlich auch Australien zu besiedeln. Sulawesi war auch während der Eiszeit nie mit dem Kontinent verbunden, es war nur auf einem Schiff erreichbar.

Weitere Untersuchungen der Höhlen in dem schwer zugänglichen Karstgebirge Ost-Kalimantans auf Borneo sind sicher lohnend. Bislang sind 52 Höhlen mit Kunstwerken bekannt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Wissenschaftler und Naturschützer schneller sind als die Palmölfarmer, Steinbruchbetreiber oder Zement-Produzenten, die aktuell zunehmend in das Gebiet drängen.

(Anschauungsmaterial: Video Griffith University "Oldest known figurative cave art discovered in Borneo") (Andrea Naica-Loebell)

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