Ärger verhindern - schon vor der Geburt

Die englische Regierung will möglichst früh gegen potenzielle Gefahren für die Gesellschaft vorgehen

Heute will der englische Premierminister Tony Blair in einer Rede alles genauer darlegen. Seine aktuellen Pläne zur Prävention von sozialen Problemfällen, die er vergangene Woche in einem BBC-Interview skizziert hatte, sorgen für einigen Wirbel. "Wir können schon vor ihrer Geburt gegen unsoziale ("antisocial") Kinder vorgehen": Mit diesem Zitat, das bei vielen einmal mehr Assoziationen zu "Big Brother-Staatsutopien" auslöste, überschrieb der Guardian vergangenen Freitag einen Bericht, der einige Kernpunkte des neuen staatlichen Interventionsplans der britischen Regierung vorstellte.

Seit längerem schon hat die britische Regierung unter Premier Blair den Kampf gegen "Social Exclusion" auf ihrer Agenda. Bei einem Treffen Ende August in Chequers besprach sich Tony Blair mit wichtigen Vertretern von Organisationen für Kinder. Thema war ein neuer "major action plan" gegen sozialen Ausschluss, den die Regierung in diesem Monat vorstellen will.

Nach Aussagen des Premiers im BBC-Interview will die Regierung mit der Prävention von sozialen Problemfällen künftig früher einsetzen und solche Fälle frühzeitig identifizieren - "sogar vor der Geburt", so Blair. Ganz genau hinschauen will man bei den sogenannten "high-risk families".

Man will verhindern, dass Kinder, die in solche Familien hineingeboren werden, sich zu "Problem-Teenagern" auswachsen. Schwangere aus Familien mit Drogen- und Alkoholproblemen und vor allem jene Schwangere, die selbst noch Teenager sind, sollen demnach gezwungen werden, staatliche Hilfe schon vor ihrer Entbindung anzunehmen. Bislang sagte Blair, sei die Identifizierung solcher riskanten Familien zu spät erfolgt:

Wenn wir nicht darauf vorbereitet sind, dies früher vorauszusehen und früher einzuschreiten, dann wird es Kinder geben, die in Familien aufwachsen, die, wie wir gut wissen, vollkommen dysfunktional sind. In einigen Jahren werden die Kinder dann eine Bedrohung für die Gesellschaft ("a menace to society") und für sich selbst sein.

Das Programm, das Blair heute detaillierter vorstellen will, ist von der Regierung in Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Joseph Rowntree Foundation und Turning Point ausgearbeitet worden; es soll nun auch jene erreichen, die von früheren Regierungsprogrammen kaum berührt wurden.

Blair muss sich mit diesem Programm auf harten Gegenwind gefasst machen. Die anvisierte staatliche Interventionspolitik bis in die Intimsphäre der Familie hinein geht vielen zu weit. Erste Statements von Kritikern weisen genau auf diesen heiklen Punkt hin. Ob Blair mit seinem dezidierte Standpunkt den Kritikern Wind aus den Segeln nehmen wird, ist eher unwahrscheinlich: "Dass sich manche mit dieser Idee nur schwer anfreunden können, verstehe ich, aber hier kann man auf keinen Fall überängstlich agieren ("no point 'pussy-footing'").

Entweder man umschifft das und sagt, da hat die Regierung nichts zu suchen, in diesem Fall weicht man dem Problem aus. Oder - und das ist meine echte Überzeugung - wir müssen uns um diese speziellen Angelegenheiten kümmern und uns tatsächlich einmischen und dies zu einem sehr frühen Zeitpunkt.

Nach offiziellen Zahlen vom Februar dieses Jahres waren 2004 7,5 Mädchen von 1000 im Alter zwischen 13 und 15 schwanger. Eine der Maßnahmen des neuen Interventionsplans ist ein 12-Wochen-Programm für junge Eltern in prekärer Lage, um ihre erzieherischen Fähigkeiten zu verbessern.

Wenn wir an eine Mutter im Teenageralter denken, unverheiratet, in keiner festen, stabilen Beziehung, dann gibt es eine Unterstützung, die wir für sie vorbereitet haben. Dazu braucht es keine sorgfältige Beobachtung der Person und wie sich ihre Situation entwickelt, weil alle Indikatoren für diese Art der Situation darauf hindeuten, dass sie zu Problemen in der Zukunft führen wird.

Zwar sind bei wissenschaftlichen Untersuchungen zu Programmen, die "Hoch-Risiko-Familien" mit Hausbesuchen, Elternausbildung und die Einbindung der Kinder in "hoch qualifizierte Umgebungen für Kleinkinder" versorgt haben, viel versprechende Ergebnisse beobachtet worden: Eltern, die bei solche Programmen teilgenommen haben, sollen ihren Kindern größere emotionale Unterstützung gegeben haben, mehr in der Erziehung involviert gewesen sein und mehr "positive Interaktionen" mit ihren Kindern gehabt haben als Kontrollgruppen. Die Kritiker der neuen Initiative haben jedoch größte Bedenken und reagieren heftig auf das polemische Angebot, das zentrale Worte des Blairschen Vorabinterviews liefern.

So wertete ein englischer Think Tank namens "Civitas" die Idee, Kinder schon vor ihrer Geburt als problematisch zu etikettieren, als "genetischen Determinismus" (sozialer Determinismus wäre hier wohl angebrachter). Und das ehemalige Kabinettsmitglied der Labour-Partei, Tony Benn, stellte gar Parallelen zu Hitler auf:

This one about identifying troublesome children in the foetus - this is eugenics, the sort of thing Hitler talked about.

Den wichtigsten und beunruhigendsten Kritikpunkt, der sich sehr viel konkreter an die Big-Brother-Problematik dieser Initiative richtet, nämlich auf die Erfassung und Detektierung der "problematischen Familien", erwähnt aber nur ein Boulevard-Blatt in einem kurzen Satz:

Die neuen Maßnahmen werden wahrscheinlich zu einem computergestützten Identifikationssystem führen, das über Problem-Familien Buch führt und Alarm schlägt.

Diese Lücke in der Darstellung von Blairs neuen Plan ist auch einem aufmerksamen Blogger aufgefallen:

Blair sagte nicht viel darüber, wie die Sache laufen soll, außer dass Sozialarbeiter da "früh reingehen" sollten. Doch wie dies von Mark Easton von der BBC (...) nahegelegt wurde, wird das, wo sie früh reingehen sollen, von einem Regierungscomputer bestimmt.

An dieser Vorgehensweise hat der Blogger "Jawbox" seine Zweifel. Einmal weil die Vorgeschichte von IT-Projekten der Regierung ihm nicht gerade Vertrauen einflößt, zum anderen, weil "ein Computer nur macht, wofür er programmiert wird - in diesem Fall wird er wahrscheinlich eine Liste aller Haushalte zusammenstellen, die Aufmerksamkeit erfordern, was darauf basiert, dass sie Häckchen bei bestimmten sozialen Problem-Kästchen haben. Er wird dann darüber informieren, auf welche Familien in allen möglichen Regionen man aufpassen muss. Brillant."

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