Äthiopien: Weg frei für den Bürgerkrieg

Die wichtigsten Sprachen und Volksgruppen in Äthiopien und Eritrea. Karte: TP

Nach dem Ablauf eines Ultimatums ziehen chinesische Investoren ihre Arbeitskräfte ab

Der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed hatte der im Teilstaat Tigray herrschenden Woyane-Partei am Sonntag ein 72-stündiges Ultimatum zur kampflosen Übergabe der Regionalhauptstadt Meqele gestellt, das heute abgelaufen ist. Der Woyane-Anführer Debretsion Gebremichael verlautbarte dazu, die Tigrinya, das Staatsvolk des Teilstaates, seien "Menschen mit Prinzipien und bereit, für die Verteidigung unseres Rechts auf Verwaltung unserer Region zu sterben".

Zusammengefasste Rivalen

Die Tigrinya stellen mit etwa sechs Millionen nur etwa sechs Prozent der Bevölkerung. Trotzdem galten sie zwischen 1991 und der Wahl Ahmeds 2018 als tonangebend. Seitdem nahmen die Rivalitäten zwischen Amharen und Tigrinya deutlich zu. Im Vergleich zu anderen äthiopischen Volksgruppen sind sich die beiden eigentlich sehr ähnlich. So ähnlich, dass sie früher meist als "Abessinier" zusammengefasst wurden. Beide entstanden, als Gruppen aus dem heutigen Jemen in der Antike Teile der gegenüberliegenden afrikanischen Küste eroberten, was auch heute noch an Sprache, Kultur und Physiognomie hör- und sichtbar ist. Aber auch ähnliche Gruppen können sich bekämpfen - wie in Europa Russen und Ukrainer.

Noch komplexer wird der Konflikt dadurch, dass die Tigrinya nicht nur im Norden Äthiopiens leben, sondern auch jenseits der Grenze, in Eritrea. Dort stellen sie mit gut 50 Prozent Bevölkerungsanteil sogar die Mehrheit. Trotzdem brach der Krieg zwischen Eritrea und Äthiopien in den 1990er Jahren zu einer Zeit aus, während der in der äthiopischen Staatsführung Tigrinja dominierten. Und trotzdem beschoss die Woyane am 14. November den Flughafen der eritreischen Hauptstadt Asmara - mit der Begründung, dass der eritreische Präsident Isaias Afwerki (ein Tigrinya) militärisch mit Ahmed kooperiere.

Weil auf beiden Seiten der Grenze Tigrinya lebten, hatten sich die Vereinten Nationen 1952 entschlossen, dem damaligen äthiopischen Kaiser Haile Selassie die personalunierte Herrschaft über das von 1890 bis 1941 italienische und danach elf Jahre lang britische Gebiet aus dem ehemaligen Bestand des Osmanischen Reiches zu übertragen. Als der von Rastafaris als Messias verehrte Regent den Eritreern 1961 die Selbstverwaltungsrechte entzog, brach darüber ein Guerillakrieg aus, der auch nach dem Sturz des Kaisers durch den moskauorientierten Amharen Mengistu Haile Mariam 1974 weiterging.

Als dessen Schutzmacht wegzufallen begann, verbündete sich die heute in Eritrea regierende Shabia mit der Woyana in Tigray. Nachdem deren Bündnis Ih'adeg 1991 die Regierung stürzte, wurde Eritrea zwei Jahre später in die Unabhängigkeit entlassen. Allerdings war man sich nicht über den genauen Grenzverlauf einig, weshalb am 6. Mai 1998 ein Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea ausbrach, der zwei Jahre später faktisch und 2018 formell beendet wurde vgl. Äthiopien und Eritrea schließen Friedensabkommen). Dieses formelle Ende kam erst, als mit Ahmed kein Tigrinya mehr äthiopischer Präsident war.

Der Sohn eines Oromo und einer Amharin wurde zwar von der bis dahin dominierenden Ih'adeg gewählt (in der vorher die Woyana den Ton angab), formte daraus aber seine eigene Präsidentenpartei Badhaadhiinaa ("Wohlstand"), der sich die in Tigray klar dominierende Partei nicht anschloss. Vielmehr wuchsen die Spannungen mit Vorwürfen, dass Addis Abeba nicht nur staatliche Gelder nicht mehr nach Tigray fließen lasse, sondern auch Chinesen und Türken an Investitionen hindere. Und sie eskalierten, als Ahmed mit Hinweisen auf Corona die Wahlen auf unbestimmte Zeit verschob, worauf hin die Teilstaatsregierung von Tigray im August trotzdem wählen ließ. Ahmeds Zentralstaatsführung erkannte diese Wahlen nicht an und verbot die Woyana, worauf hin es bald zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der äthiopischen Bundesarmee und der Nationalgarde von Tigray kam.

Chinesische Unternehmen scheinen nach dem abgelaufenen Ultimatum in Meqele eine Ausweitung des Konflikts zu erwarten: Sie ziehen gerade in großem Umfang ihre chinesischen Arbeitskräfte aus dem Norden Äthiopiens ab, obwohl der chinesische Botschafter in Addis Adeba versicherte, die "Zusammenstöße" würden begrenzt bleiben und ausländische Investitionen wären sicher.

Nie europäische Kolonie

Außer in Tigray gibt es aber auch noch in anderen äthiopischen Regionen Konflikte - vor allem zwischen Amharen und Oromo und zwischen Oromo und Somalis. Dass die von Oromo und Somalis besiedelten Regionen zu Äthiopien gehören, liegt an der Geschichte des Landes. Es war - anders als andere afrikanische Staaten- nie europäische Kolonie. Dafür agierten die Amharen und Tigrinya im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren Kaisern selbst als Kolonialmacht und unterwarfen weit über ihre Siedlungsgrenzen hinaus andere Völker. Kaiser Menelik II., der 1896 die Italiener besiegte, machte den anderen europäischen Kolonialmächten erfolgreich vor, er würde als Christ die Nachbarvölker zivilisieren, wenn man ihn dort herrschen lässt - obwohl dieses Unterfangen in der Praxis vor allem daraus bestand, dass diese Völker abessinische Garnisonen ernähren mussten.

Wegen der damaligen Eroberungen weit über die Siedlungsgrenzen der Abessinier hinaus sind die größte Volksgruppe in Äthiopien heute die früher als "Galla" bekannten Oromo. Diese Oromo leben nicht nur in der Region Oromia, sondern auch in der Hauptstadt Addis Abeba, die 1889 von den Amharen auf erobertem Gebiet errichtet wurde und in der etwa ein Fünftel der Einwohner Oromo spricht. Der (inzwischen wieder fallen gelassene) Plan, die Verwaltungsgrenzen von Addis Abeba auf Kosten der die Hauptstadt umgebenden Oromoregion auszudehnen, löste 2015 einen blutigen Konflikt zwischen Oromo und Abessiniern aus (vgl. Löst sich Äthiopien auf?).

Aber auch die Oromo hatten im 16. und 17. Jahrhundert Siedlungsgebiete von Nachbarvölkern erobert, wo sie mit ihren Pferden und ihren Kopfbedeckungen aus den langen Haaren von Blutbrustpavianen Angst und Schrecken verbreiteten. Deshalb gibt es auch bewaffnete Konflikte zwischen Oromo und Gedeo und zwischen Oromo und Somalis (vgl. Krisenhorn von Afrika). (Peter Mühlbauer)