Äthiopien und Eritrea schließen Friedensabkommen

Gemeinsamer Hafen geplant

Abiy Ahmed, der Regierungschef von Äthiopien, und Isaias Afwerki, der Staatspräsident von Eritrea, haben bei einem am Samstag begonnenen Gipfeltreffen in der eritreischen Hauptstadt Asmara einen 1998 ausgebrochenen, aber seit 18 Jahren eher kalten Krieg mit einer gemeinsamen Friedenserklärung formell beendet, wie der eritreische Informationsminister Yemane Meskel heute mitteilte.

Nun wollen die beiden Länder diplomatische Vertretungen eröffnen und wieder Handel miteinander treiben. Außerdem soll das Binnenland Äthiopien über einen gemeinsam verwalteten Hafen Zugang zum Roten Meer bekommen. Bisher führt es Güter (außer auf dem Land- und dem Luftweg) vor allem über Port Sudan und über die ehemalige französische Kolonie Dschibuti aus und ein.

Die Güter, die über diese beiden Häfen ausgeschifft werden, sind hauptsächlich landwirtschaftliche: Kaffee, aber auch andere Lebensmittel, die chinesische Unternehmen in Großbetrieben heute sehr viel effizienter produzieren als die einheimischen Kleinbauern. Inzwischen haben chinesische Firmen auch Fabriken errichtet, in denen technisch weniger aufwendige Güter wie Schuhe produziert werden.

Die Trennlinie zwischen Äthiopien und Eritrea verläuft nicht den Sprachen nach: Neben den nomadischen Afar und Saho leben auch die seit 1991 in beiden Ländern tonangebenden Tigrinya (die oft mit den mit ihnen eng verwandten Amharen als Abessinier zusammengefasst werden) auf beiden Seiten der Grenze. Unter anderem deshalb hatten sich die Vereinten Nationen 1952 entschlossen, dem damaligen äthiopischen Kaiser Haile Selassie die personalunierte Herrschaft über das von 1890 bis 1941 italienische und danach elf Jahre lang britische Gebiet aus dem ehemaligen Bestand des Osmanischen Reiches zu übertragen.

Als der von Rastafaris als Messias verehrte Regent den Eritreern 1961 die Selbstverwaltungsrechte entzog, brach darüber ein Guerillakrieg aus, der auch nach dem Sturz des Kaisers durch den moskauorientierten Amharen Mengistu Haile Mariam 1974 weiterging. Als dessen Schutzmacht wegzufallen begann, verbündete sich die heute in Eritrea als "Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit" regierende "Eritreische Volksbefreiungsfront" (EPLF) mit der "Volksbefreiungsfront von Tigray" (TPLF). Nachdem deren Bündnis "Revolutionäre Demokratische Front der Äthiopischen Völker" (EPRDF) 1991 die Regierung stürzte, wurde Eritrea zwei Jahre später in die Unabhängigkeit entlassen.

Allerdings war man sich nicht über den genauen Grenzverlauf einig, weshalb am 6. Mai 1998 jener Krieg ausbrach, der zwei Jahre später faktisch und nun auch formell beendet wurde. Berücksichtigt man, dass es um ein verhältnismäßig kleines Gebiet ging, hatte er bemerkenswert viele Opfer: Auf eritreischer Seite sollen etwa 19.000, auf äthiopischer 34.000 Soldaten und Zivilisten ums Leben gekommen sein.

Ob sich durch das Friedensabkommen der Wehrdienst in Eritrea verkürzen wird, ist fraglich. Seine Dauer gilt in Europa als wichtigster Asylgrund, was auch der Regierung bekannt ist. Sie verlangt in ihren Vertretungen eine Steuer von den nach Europa ausgereisten Migranten, die sie über ihre diplomatischen Vertretungen einzieht und auf die sie wahrscheinlich ebenso wenig verzichten möchte wie deren Verwandte auf andere Geldtransfers.

Der nun auch formelle Friedensschluss mit Eritrea gibt der äthiopischen Regierung die Gelegenheit, sich stärker um zwei andere Konflikte zu kümmern, die in den letzten Jahren an Intensität zunahmen: Sie betreffen Völker, die die im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren Kaisern selbst als Kolonialmacht agierenden Abessinier weit über ihre Siedlungsgrenzen hinaus unterwarfen. Wegen dieser Eroberungen sind die größte Volksgruppe in Äthiopien heute die früher als "Galla" bekannten Oromo.

Sie leben nicht nur in der Region Oromia (die sie nach dem Sturz des Kaisers und der auf ihn folgenden moskauorientierten Regierung zugestanden bekamen), sondern auch in der Hauptstadt Addis Abeba, die 1889 von den Amharen auf erobertem Gebiet errichtet wurde und in der etwa ein Fünftel der Einwohner Oromo spricht. Der (inzwischen wieder fallen gelassene) Plan, die Verwaltungsgrenzen von Addis Abeba auf Kosten der die Hauptstadt umgebenden Oromoregion auszudehnen, löste 2015 einen blutigen Konflikt zwischen Oromo und Abessiniern aus (vgl. Löst sich Äthiopien auf?). Ein anderer blutiger Konflikt tobt zwischen Oromo-Bauern und äthiopischen Somali-Hirten (vgl. Krisenhorn von Afrika). (Peter Mühlbauer)

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