AfD: Antisemitismusstreit geht in die Verlängerung

Jörg Meuthen. Foto: © Robin Krahl, CC-by-sa 4.0. Quelle: Wikimedia Commons.

Gedeon lässt Fraktionsmitgliedschaft ruhen, bis ein Gutachten fertig ist

Gestern verkündete der umstrittene Konstanzer Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon, er werde seine Mitgliedschaft in der AfD-Fraktion so lange ruhen lassen, bis ein wissenschaftliches Gutachten die gegen ihn erhobenen Antisemitismusvorwürfe entkräftet oder bestätigt. Dieser Kompromiss war das Ergebnis einer 150 Minuten dauernden Fraktionssitzung, bei der Fraktionschef Jörg Meuthen den Arzt und Ex-Kommunisten eigentlich mit einer Zweidrittelmehrheit ausschließen lassen wollte.

Meuthen, der mit seinem Rücktritt und der Spaltung der Fraktion gedroht hatte, wenn diese Zweidrittelmehrheit nicht zustande kommt, wertete das Ergebnis gegenüber der Presse trotzdem als Erfolg, weil er sich sicher ist, dass das Gutachten die Antisemitismusvorwürfe bestätigt. Einen Vorgeschmack, wie eine genauere Auseinandersetzung mit Gedeons Schriften aussehen könnte, hatte der baden-württembergische AfD-Programmkoordinator Marc Jongen am Montag veröffentlicht.

In seiner Stellungnahme merkt er erst an, dass aufgrund pauschaler und unberechtigt erhobener Vorwürfe in der Vergangenheit zurecht skeptisch sein müsse, wenn solche Vorwürfe laut werden, kommt aber nach einem "Blick in die Schriften" zum Ergebnis, dass sie bei Gedeon zutreffen, auch wenn der Abgeordnete dies abstreitet. Das leitet er nicht nur aus der viel zitierten und wissenschaftlich nicht haltbaren Einschätzung des Arztes ab, die Protokolle der Weisen von Zion sähen für ihn "eher nicht nach [einer] Fälschung aus", sondern auch aus der in seinen Büchern dargelegten "Weltanschauung", die nach Ansicht Jongens "weit davon entfernt [ist], den Verdacht des Antisemitismus zu zerstreuen" und "im Gegenteil umso mehr schaudern [lässt], je näher man sich mit ihr beschäftigt".

Dazu zitiert er den Autor selbst, der seine "geschichtstheologische 'große Erzählung"" wie folgt zusammenfasst:

Seit Golgatha ist der geistige Hintergrund unserer Geschichte das Ringen zwischen Judaismus und Christentum. Im Mittelalter hat letzteres den Sieg davongetragen, seit der Französischen Revolution gewinnt aber der Judaismus zunehmend die Oberhand. Nun versucht der Zionismus, die politisch aggressive Form des heutigen Judaismus, die Begriffe Antisemitismus und Antijudaismus zu vermischen, und die von ihm gesteuerten Medien gehen daran, aus der Geschichte des christlichen Abendlandes eine ‘antisemitische Kriminalgeschichte’ zu machen. Dies ist ein Frontalangriff des Zionismus auf die Wurzeln der europäischen Kultur!

Außerdem konstatiert der promovierte Philosoph, der an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) unterrichtet, dass in Gedeons Werk "an zu vielen Stellen eine unheimliche Nähe zur finstersten Zeit deutscher Geschichte durch[schimmert], als dass noch an eine absichtslose Häufung unglücklicher Zufälle zu glauben wäre". Ein Beleg dafür ist für ihn, dass der Konstanzer mit Bezug auf die von ihm für "eher echt" gehaltenen Protokolle der Weisen von Zion schreibt:

Machttaktisch geht es also darum, die Völker, die man beherrschen will, führerlos zu machen. Wenn man sich heute umschaut, hat man hier schon viel erreicht. Die meisten Völker der westlichen Zivilisation kann man inzwischen als weitgehend führerlos bezeichnen. […] Im Zuge einer generellen Dämonisierung des Dritten Reiches hat man den Begriff des Führers insgesamt in Misskredit gebracht, so dass 'Führerlosigkeit' inzwischen als angestrebtes Ideal einer modernen Demokratie gilt.

Für Gedeon erschwerend kommt für Jongen hinzu, dass der Mediziner die Bücher, in denen diese Sätze stehen, unlängst als "Kaderliteratur" bezeichnete und damit den Eindruck erweckte, "die 'Parteikader' der AfD sollten daraus ihre weltanschauliche Formung beziehen" obwohl sie dem Vizesprecher nach weder mit den "Grundsätzen" noch mit den "programmatischen Leitlinien" der für mehr direkte Demokratie eintretenden Partei "harmonieren". (Peter Mühlbauer)

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