AfD: Nur ein stummer Schrei nach Liebe?

Wahlkampfplakat der AfD 2017. Bild: Valodnieks/CC BY-SA-4.0

Studien fördern bahnbrechende Erkenntnisse zutage: AfD-Wähler sind sexuell frustrierte Rassisten und Ausländerfeinde

Ein zentraler Mythos, der den politischen Aufstieg der AfD begleitet, besteht aus der Behauptung, dies sei die Partei der sozial Abgehängten. Die von der Politik missachteten "Modernisierungsverlierer" würden demnach die rassistische und nationalistische Partei nicht aus Überzeugung, sondern aus Protest gegen "die da Oben" wählen. Die mit diesem Mythos eng verwandte Rede von den zu kurz gekommenen "besorgten Bürgern", deren berechtigte Sorgen, Ängste und Nöte Politik und Medien unbedingt ernst zu nehmen hätten, ist ja inzwischen sprichwörtlich geworden.

Diese weit verbreite Ansicht, wonach "fehlgeleitete" Nöte und Sorgen einer sozial abgehängten Bevölkerungsschicht der AfD politischen Auftrieb verschafften, widerlegte eine kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studie des German Socio-Economic Panel on Multidisciplinary Panel Data Research beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Aufbauend auf einer breiten empirischen Untersuchung kommt Studienautor Martin Schröder vom Institut für Soziologie bei der Universität Marburg zu dem Schluss, dass AfD-Wähler sich nur in Bezug auf sehr wenige Einstellungen von den "sonstigen Deutschen" unterschieden: Sie seien "unzufrieden mit der Demokratie", machten sich verstärkt Sorgen um Kriminalität - und sie seien der Meinung, dass "Flüchtlinge Deutschlands Kultur untergraben" würden. Die AfD-Unterstützer unterschieden sich somit "fast ausschließlich" durch ihre "Einstellungen" zu Flüchtlingen von der Wählerschaft der sonstigen Parteien.

Die bisherigen Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen sozialer Schlechterstellung und AfD-Unterstützung herstellten, hätten den Faktor "Ausländerfeindlichkeit" schlicht ignoriert, kritisierte Schröder: "Kurioserweise" hätten diese Studien den Einfluss dieser "ausländerfeindlichen Einstellungen auf die AfD-Unterstützung" nicht berücksichtigt, obwohl dieser alle anderen Einflüsse überschatte.

Deswegen würden bestehende Studien fälschlicherweise davon ausgehen, dass "ökonomische Deprivation AfD-Unterstützung bedingt", konstatierte Schröder. Die Zahlen, die einen Zusammenhang zwischen Ausländerfeindlichkeit und AfD-Sympathien herstellen, seien eindeutig:

Wer meint, dass Flüchtlinge Deutschland generell zu einem besseren Lebensort machen oder Deutschland kulturell bereichern, hat eine um ca. 80 Prozent verringerte Chance, die AfD zu unterstützen. Wer meint, dass Flüchtlinge gut für die Wirtschaft sind, hat eine um zwei Drittel niedrigere Chance. Wer sich Sorgen über Zuwanderung macht, hat sogar eine 4,6-fache Chance auf AfD-Sympathie. Damit sind Einstellungen zu Flüchtlingen und Ausländern der stärkste Einfluss auf die Unterstützung der AfD.

Martin Schröder

Schröders wenig überraschendes Fazit: Es sei letztendlich "Ausländerfeindlichkeit" und nicht "soziale Deprivation", die hauptsächlich die Unterstützung der AfD bedinge. Eine rassistische und ausländerfeindliche Partei wird von Rassisten und Ausländerfeinden gewählt - es stellt sich nur noch die Frage, inwiefern diese bahnbrechende sozialwissenschaftliche Erkenntnis sich auch in einem öffentlichen Diskurs wird durchsetzen können, in dem die Neue Rechte längst dominiert.

Die jüngst von Schröder publizierte Untersuchung baut auf Vorarbeiten des Leipziger Soziologen Holger Lengfeld auf, der in einer umfassenden Studie der AfD-Wählerschaft den Mythos widerlegte, es handele sich hierbei um eine Partei der "Kleinen Leute" und der "Modernisierungsverlierer". Die gerade für Modernisierungsverlierer typischen "niedrigen Statuslagen (geringer Bildungsgrad, berufliche Tätigkeit als Arbeiter und geringes Einkommen)" hätten laut Lengfeld "keine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit", für die AfD zu stimmen. Gleiches gelte für Personen, die sich als "Verlierer der gesellschaftlichen Entwicklung" betrachteten.

Das untersuchte empirische Material legte tendenziell eher "eine stärkere AfD-Wahlabsicht von Personen mit mittlerer und höherer Statuslage" offen, so Lengfeld. Damit konnte "kein Hinweis auf die Gültigkeit der Modernisierungsverliererthese gefunden werden".

Auch hier sind die Zahlen eindeutig: Rund 39 Prozent der befragen AfD-Wähler gaben an, mehr als 150 Prozent des Medianeinkommens zu verdienen, während es im Durchschnitt der anderen Partien nur 22 Prozent waren. Bei der Mittelschicht (70 bis 150 Prozent des Medianeinkommens) sympathisierten 29,7 Prozent mit der AfD, gegenüber 35 Prozent bei den sonstigen Parteien. Die Diskrepanz bei einkommensschwachen Bevölkerungsschichten war ebenfalls sehr groß: Nur 19 Prozent derjenigen Wähler, die weniger als 70 Prozent des Medianeinkommens verdienen, konnten sich vorstellen, die AfD zu wählen, während es im Durchschnitt der sonstigen Parteien 30,4 Prozent waren.

Somit verhält sich das empirische Material der Schröder- und Lengfeld-Studien genau umgekehrt zur öffentlichen Wahrnehmung der AfD-Wählerschaft: Es sind überproportional viele Gutverdiener, die, motiviert durch Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, die AfD wählen, während die Geringverdiener innerhalb der AfD gerade unterrepräsentiert sind.

Die historischen Parallelen sind somit unübersehbar: Die Mittelklasse, die überproportional oft innerhalb der Anhängerschaft der AfD vertreten ist, droht somit dieselbe Funktion als soziales "Rückgrat" der Neuen Rechten einzunehmen, wie es im deutschen Vorfaschismus der frühen 1930er Jahre beim "Kleinbürgertum" der Fall war. Es sind somit nicht vorwiegend die verarmten Bevölkerungsschichten, die "alles verloren" haben, die der AfD zulaufen, sondern gerade die von Verlustängsten geplagte Mittelklasse, die der Neuen Rechten überproportional zugetan ist.

Die Parallelen zu den 1930er Jahren sind aber auch an einem anderen Punkt evident, nämlich bei der schweren sexuellen Frustration, unter der AfD-Anhänger überdurchschnittlich oft litten. Bei einer von der Online-Dating Plattform Gleichklang im Vorfeld der Bundestagswahl durchgeführten Umfrage, bei der die politischen Präferenzen und das Beziehungsleben von rund 700 Usern erfasst wurden, ist ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Enttäuschungen im Liebesleben und der Präferenz für die AfD konstatiert worden. Vor allem das Liebensleben der Wähler der Grünen und der Linkspartei unterschied sich stark von den enttäuschenden Erfahrungen der AfD-Anhänger, wie der Merkur berichtete:

Verbittert über das eigene Liebesleben war bei den Wählern der Grünen eine Person von 18 Personen, bei der Linkspartei eine von acht Personen, bei der AfD aber eine von vier Personen. In der Liebe "verarscht" fühlte sich bei den AfD-Wählern eine von fünf Personen, bei der Linkspartei eine von 12 Personen und bei den Grünen nur eine von 25 Personen. Dass das ganze Gerede von der Liebe eine Lüge sei, meinte bei den AfD Wählern eine von 6 Personen, bei der Linkspartei eine von 14 Personen und bei den Grünen eine Person von 20 Personen.

Merkur

Folglich hätten 74 Prozent der Linksparteianhänger und 72 Prozent der Grünen-Wähler der Aussage zugestimmt, dass eine solidarische Welt, in der die Menschen "liebevoll miteinander umgehen", erstrebenswert sei. Bei den sexuell frustrierten AfD-Wählern waren es nur 40 Prozent. Die Anhänger von SPD, CDU/CSU und FDP lagen bei der Umfrage zwischen diesen beiden Extremeinstellungen, wobei die FDP-Wählerschaft bezüglich sexueller Frustration der AfD am nächsten war.

Diese psychopathologische Konstitution, in der Projektionen sexueller Frustration zu Hass führen, insbesondere auf die als potente sexuelle Konkurrenz wahrgenommenen arabischen "jungen Männer", spielt als unbewusste, irrationale Treibkraft der Neuen Rechten offensichtlich eine wichtige Rolle. Der Rechtspopulismus fungiert somit auch als politische Ausscheidung einer massenhaften, aus Liebesmangel resultierenden Psychopathologie, als ein "stummer Schrei nach Liebe".

Genau diese massenpsychologische Konstellation thematisierte schon Wilhelm Reich in seiner berühmten, 1933 publizierten Schrift "Die Massenpsychologie des Faschismus". Reich arbeitete als erster Sozialwissenschaftler den Zusammenhang zwischen autoritärer Triebunterdrückung - insbesondere der Sexualunterdrückung - und der autoritären, irrationalen Charakterstruktur heraus, die anfällig sei für faschistische Tendenzen.

Tatsächlich wird dieser Zusammenhang etwa bei der neurechten Incel-Männerbewegung deutlich (abgeleitet aus: involuntary celibates), die ihre sexuelle Frustration offen thematisiert - und sich in Frauenhass, Rassismus, Selbstmitleid und allgemeiner Misanthropie ergeht. Somit ist es die zunehmende Triebunterdrückung durch die sich beständig verschärfenden "Sachzwänge" im krisengeplagten Spätkapitalismus, die den Faschismus auch auf dieser psychopathologischen Ebene - zusätzlich zu den sozioökonomischen Faktoren wie verschärfter Krisenkonkurrenz - immer wieder anfacht.

Ein weiterer Faktor, der den Wahn von rassischer oder kultureller Überlegenheit so verlockend erscheinen lässt, den die Neue Rechte propagiert, besteht in den intellektuellen Defiziten ihrer Anhängerschaft. Empirisch verifiziert ist inzwischen die Tatsache, dass AfD-Wähler einen unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweisen, sodass Ideologien der Ungleichheit, die ihnen eine nationale, kulturelle oder rassische Überlegenheit andichten, eine große Anziehungskraft entwickeln - ganz im Sinne eines unbewussten psychischen Kompensationsmechanismus.

Dieser Umstand, dass es sich bei der AfD um die Partei der weniger Intelligenten handelt, muss nicht mit der Tatsache in Konflikt geraten, dass überdurchschnittlich oft Mitglieder der Mittel- und Oberschicht den Rechtspopulisten zugetan sind. Es besteht - gerade angesichts der Defizite des ständischen deutschen Bildungssystems - kein Zusammenhang zwischen Intelligenz und der Zugehörigkeit zur Mittel- oder Oberschicht in der Bundesrepublik.

Gerade im Gegenteil: Angesichts der immer geringeren Chancen auf sozialen Aufstieg von Arbeiterkindern, der immer weiter schwindenden sozialen Mobilität in der Bundesrepublik, bildete sich eine Schicht von Mittelklassenmitgliedern aus, die ihren Status de facto durch die Zugehörigkeit zur Schicht ihrer Eltern "vererben".

Die krasse soziale Undurchlässigkeit, etwa im Bildungswesen, lässt in der Bundesrepublik einen regelrechten Ständestaat entstehen, wo der Habitus der Mittelklasse bei der Schul- und Berufskarriere entscheidend ist - und nicht die Intelligenz. Es waren ja auch die verstärkten Abgrenzungsbemühungen der Mittelklasse, die etwa die Sarrazin-Debatte als den irren Urknall der Neuen Deutschen Rechten beförderten.

Dem in der öffentlichen Debatte weit verbreiteten Zerrbild des unterprivilegierten und missachteten "Modernisierungsverlierers" als des prototypischen AfD-Wählers soll abschließend ein aus den besagten Studien und empirischen Datensammlungen entworfenes Korrekturbild entgegengestellt werden.

Der überproportional oft innerhalb der Wählerschaft der AfD anzutreffende Typus ist männlich, weiß, sexuell frustriert und unterdurchschnittlich intelligent. Er ist ein Mittelschichtsangehöriger, der seine soziale Stellung nicht wirklich erarbeitet, sondern aufgrund der hohen sozialen Schranken in der Bundesrepublik de facto vererbt hat. (Paradebeispiel dafür ist wiederum Sarrazin, der seine Karriere dem Segeln auf dem Parteiticket der SPD verdankt.) Deswegen fühlen sich AfD-Anhänger durch soziale Mobilität bedroht - und sie suchen infolgedessen in rassistischen oder kulturalistischen Überlegenheitsansprüchen oder Unvereinbarkeitsphantasien Zuflucht.

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