AfD: Poggenburg verordnet sich eine Denkpause

André Poggenburg. Screenshot von YouTube-Video.

Einer der lautesten Schreihälse für Heimat, Vaterland und den Schutz "unserer" deutschen Frauen, stolpert über eine Affäre und das "Rattenloch" der AfD-Partei

"Mein Gott, ist das peinlich", twitterte André Poggenburg, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt, am 1. September, als er wieder einmal scharfsinnig linke Agitation in einem TV-Talk entdeckte. Auf unvorhergesehene Weise sollte er diesmal recht behalten. Wenig später stellte ein Whistleblower Aufzeichnungen von erotischen Chats des deutschnationalen Politikers auf die linke Internet-Plattform indymedia. Poggenburg schaltete die Justiz ein, doch es war schon zu spät. Im World Wide Web kann man nicht so leicht schreddern wie in den Büros wohlgesonnener Behörden.

Mit hoher Plausibilität vermutet Poggenburg Heckenschützen in der eigenen Partei hinter dem Verrat. Er fragt sich nun ernsthaft, "was für ein Rattenloch eine Partei oder Fraktion überhaupt sein kann". Gern sei wiederholt, wer damit angesprochen ist: die "Alternative für Deutschland" und ihr Landesverband Sachsen-Anhalt, dessen Vorsitz Poggenburg bis vor kurzem innehatte. Der AfD-Mann, der immer häufiger an seine eigene Prominenz erinnern muss, hält die "neue, perfide Masche", die gegen ihn angewandt werde, für ungeheuerlich, niederträchtig und "weit unter der Gürtellinie".

Vielleicht eher knapp darunter. Poggenburg zweifelt die Echtheit der - in seinen eigenen Worten "pikanten" - Enthüllungen nicht an. Demnach unterhielt er in den letzten drei Jahren einen anzüglichen Flirt mit einer AfD-Mitarbeiterin. Das voyeuristische Interesse, zu welchen praktischen Übungen es infolgedessen gekommen ist, wird an dieser Stelle nicht bedient. Bezeichnend ist allerdings der Befund des Whistleblowers, dass der Abgeordnete auch privat größten Wert auf seine Stellung als Chef gelegt habe. Offenbar braucht sein Sexleben diese Bestätigung.

Ungewollt erhält die Öffentlichkeit nun Auskünfte über Poggenburgs Privatsphäre. Seine frühere Freundin beendete die Beziehung, als sie schon vor längerer Zeit von den Heimlichkeiten erfuhr. Ihre Nachfolgerin, die das Amt einer stellvertretenden Vorsitzenden der Jungen Alternative Sachsen-Anhalt ausübt, fand den Chatverlauf nicht lustig, wofür Poggenburg Verständnis aufbringt. "Wir haben uns jetzt eine Denkpause verordnet. Wie das ausgeht, ist derzeit offen."

All das wäre unter aufgeklärten Menschen keine Erwähnung wert, wäre nicht Poggenburg einer der unerbittlichsten Ankläger des "immer stärkeren Verfalls gesellschaftlicher Mindestnormen und -werte" und wäre er nicht einer der lautesten Schreihälse für Heimat, Vaterland und den Schutz "unserer" deutschen Frauen. Den Rechten ist die Familie als Keimzelle der Nation heilig. In ihr sind bekanntlich Treue und Ehre in ihrer reinsten Form angesiedelt. Um diese angeblich deutschen Tugenden, deren Erwähnung in keiner AfD-Ansprache fehlen darf, von anderen, weniger wertvollen Kulturen zu unterscheiden, schimpfte Poggenburg beispielsweise am Aschermittwoch über die "Vielweiberei weit hinter dem Bosporus". Sein Publikum brüllte vor Begeisterung, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob so etwas eventuell weit vor dem Bosporus stattfinden könnte. Die gespielte Ahnungslosigkeit ist jetzt nur noch Heuchelei, Schmuddel-André bis auf die Knochen blamiert.

Sein Thüringer Kollege Björn Höcke muss nun auf ein schnell wachsendes Gras des Vergessens hoffen. Denn die Zwillingsbrüder im Geiste, Höcke und Poggenburg, hatten gemeinsam 2015 den völkischen "Flügel" der AfD ausgerufen. Jetzt muss der Flügelversand mit Höcke allein auskommen. Der Fanshop hat sein Konterfei auf ein blaues Poloshirt "Höcke hatte recht" gedruckt. Freilich erinnert die gescheitelte Frisur deutlich an einen anderen Führer. Und der soll recht gehabt haben?!

Der gemeine AfDler lässt sich durch solche Sachverhalte natürlich nicht beeindrucken. Trotzdem würde er - gerade er! - gern mehr Pikantes erfahren. Dabei ist er tragischer Weise ausschließlich auf die verhasste "Lügenpresse" angewiesen (Stand: 5.9.18). Auf den einschlägigen Plattformen pi-news ("Politically Incorrect"), Compact ("Mut zur Wahrheit"), Sezession ("Als ich am späten Abend aus Chemnitz zurückgekehrt war, griff ich nach Ernst Jüngers ‚Strahlungen’") hat das Ereignis einfach nicht stattgefunden. Auch die Jungen Freier ("Wochenzeitung für Debatte") ziehen es vor, das Thema zu beschweigen. Die AfD als Rattenloch ist politisch einfach zu unkorrekt, als dass darüber geschrieben werden könnte.

Unter den Blogs mit geringerer Verbreitung haben es immerhin die Epoch Times gewagt, das heiße Eisen anzufassen. Freilich beschränken sie sich darauf, Informationen der MSM ("Mainstream Medien") zu referieren, anstatt ihren Heimvorteil auf diesem Marktsegment zu nutzen und beispielsweise zu ergründen, was Anja, Mandy oder Lisa vom "Sinkflug im Land der Dichter und Denker" halten, den ihr Partner erst analysiert und dann mit einer eigenen Bruchlandung anschaulich untermalt hat. Nicht einmal Lutz Bachmann ("Patriotische Europäer...") hat ein Erbarmen mit seinem Freund André, dessen Lifestyle ihm nicht allzu fremd sein dürfte.

Wird der mutige Held von gestern nicht mehr gebraucht? Oder ist das Laster des Abendlands am Ende stärker als seine Retter? Poggenburg ist ein Fall für Olivia Jones. (Detlef zum Winkel)