Afghanistan: "Die Reichen fliehen, die Armen bleiben"

Im Land herrscht Krieg, die Wirtschaft stagniert, die Armut wächst

Im Kabuler Luxushotel "Kabul Star" ist die Atmosphäre angespannt. Schwerbewaffnete Soldaten der afghanischen Armee sichern das Gelände des Hotels, das eher einer Festung gleicht. Militärhunde sind präsent, jeder Gast wird genauestens durchsucht. Kein Wunder, denn heute wird hoher Besuch erwartet.

Auf einer Veranstaltung zur kolonialen Grenzziehung in Afghanistan wird Hamid Karzai, der ehemalige Präsident des Landes, sprechen. Die Gäste warten gespannt. Unter ihnen befinden sich vor allem Politiker, Historiker, Journalisten und Studenten. Die meisten von ihnen sind wegen Karzai gekommen - und wegen des guten Hotelessens, wie getratscht wird. Die Veranstaltung ist eigentlich für neun Uhr angesetzt, aber in Afghanistan beginnt alles etwas später als geplant. Dann, circa eine Stunde später, taucht Karzai auf, umringt von mehr als einem Dutzend Leibwächter. Lächelnd winkt er den Gästen zu und hält die Eröffnungsrede. Seine berühmte Karakul-Mütze legt er ab, genauso wie seinen Umhang, den ihm einer seiner Leibwächter abnimmt.

Am Montag befreiten Taliban-Kämpfer mit einem vorhergehenden Selbstmordanschlag 355 Gefangene aus dem Gefängnis in Ghanzi, 248 waren wegen Terrosrismus verurteilt. Bild: shahamat

Dass eine solche Veranstaltung ausgerechnet in diesen Tagen stattfindet, ist kein Zufall. Vor kurzem wurde deutlich, dass die afghanische Regierung unter Präsident Aschraf Ghani die umstrittene Durand-Linie, die Afghanistan von Pakistan trennt und um die es heute geht, anerkennen will. Benannt ist der Strich auf der Landkarte nach Sir Mortimer Durand, einem britischen Diplomaten, der das Ganze im Jahr 1893 durchsetzte. Damals sollte die Grenze, die angeblich eine Gültigkeit von einhundert Jahren besaß, das afghanische Gebiet von jenem der britischen Krone abgrenzen.

Die Grenzziehung verlief willkürlich und ging durch zahlreiche Gebiete der Paschtunen. Während jene auf der einen Seite weiterhin als Afghanen betrachtet wurden, entfremdeten sich jene auf der anderen Seite. Im Laufe der Zeit ergab sich allerdings ein Problem. Abgesehen davon, dass das britische Imperium in sich zusammenbrach, entstand der Staat Pakistan. Dieser will bis zum heutigen Tage nichts vom Durand-Vertrag wissen. Da man damals nicht existierte, ist man ergo heute kein Vertragspartner. Die einstigen afghanischen Gebiete sind heute pakistanisch und sollen es auch weiterhin bleiben, so der Tenor aus Islamabad.

Im Laufe der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gab es deshalb immer wieder nationalistisch gesinnte Politiker, welche die Durand-Linie zum Thema machten und Pakistan damit in Aufruhr brachten. Der bekannteste von ihnen war wohl Mohammad Daoud Khan, der erste Präsident der Republik, der 1973 seinen Vetter Mohammad Zahir Schah, Afghanistans letzten König, absetzte und Islamabad als Feind des afghanischen Nationalinteresses betrachtete.

Einer, der heute ähnlich denkt, ist Hamid Karzai. Während seiner Amtszeit hat er es strikt verweigert, die Durand-Linie anzuerkennen. Zu Pakistan pflegt er ein teils gehässiges Verhältnis, was unter anderem damit zu tun hat, dass er den pakistanischen Geheimdienst ISI für die Ermordung seines Vaters verantwortlich macht. Dass nun Aschraf Ghani, des während seines Wahlkampfes im vergangenen Jahr mit nationalistischen Tönen die Wähler anlockte, nun einen derartigen Kuschelkurs mit dem "Feind" pflegt - unter anderem wurde ein tiefgehendes Partnerschaftsabkommen zwischen den Geheimdiensten der beiden Länder unterzeichnet -, halten viele, auch am heutigen Tag, für einen Affront.

Dass Karzai die Thematik für wichtig hält, steht außer Frage. Die heutige Veranstaltung im "Kabul Star" finanziert er nämlich aus eigener Tasche. Gäste aus Pakistan, sprich, den einstigen afghanischen Gebieten wie etwa der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, wurden extra eingeflogen, damit sie ihre patriotischen Reden halten können.

Dabei fallen teils unrealistische Vergleiche. So meint ein Redner, wie Karzai vor ihm, dass die jeweiligen Gebiete Afghanistan zurückgegeben werden müssen, und schlägt vor, sich an der Rückgabe Hongkongs an China zu orientieren. Im Jahr 1997 wurde die ehemalige Kolonie der Briten Peking überreicht.

Die Thematik um die Durand-Linie ist damit allerdings kaum vergleichbar. Dass es damals letztendlich dazugekommen ist, hat ohne Zweifel mit dem Aufstieg Chinas als Weltmacht zu tun. Währenddessen ist Afghanistan nicht einmal eine Regionalmacht und verfügt über keinerlei Druckmittel. Im Falle einer militärischen Auseinandersetzung mit Pakistan hätte es keinerlei Chancen. "Islamabad hat die Atombombe, doch was hat Afghanistan? Nicht einmal ein einziges Gewehr aus Eigenproduktion", meint etwa Waheed Mozhdah, ein politischer Analyst, der ebenfalls an der Veranstaltung teilnimmt, skeptisch.

Abgesehen davon hat Afghanistan zum gegenwärtigen Zeitpunkt andere Probleme. Im Land herrscht nämlich weiterhin Krieg, und zwar brutaler als jemals zuvor. Allein im vergangenen Jahr wurde ein neuer Höchststand bezüglich getöteter Zivilisten erreicht. Viele von ihnen wurden nicht nur von aufständischen Gruppierungen wie den Taliban getötet, sondern auch von der afghanische Armee sowie regierungstreuen Milizen.

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