Afghanistan: Die Rückkehr des Kriegsherrn

Warlord Gulbuddin Hekmatyar, der vom Helden des Westens zum Terroristen wurde, kehrt in die Politik zurück

Wenige Tage bevor der Tod von Taliban-Chef Mullah Akhtar Mohammad Mansour die Schlagzeilen dominierte (Tod im Schatten der Drohne), gab es anderweitige, beachtenswerte Entwicklungen am Hindukusch. Wie vor kurzem bekannt wurde, hat die Partei des Kriegsherrn Gulbuddin Hekmatyar, die Hizb-e Islami, einen Friedensvertrag mit der Kabuler Regierung unterzeichnet. Obwohl Hekmatyar selbst bei der Unterzeichnung in Kabul nicht anwesend war, würde das Abkommen eine eventuelle Rückkehr Hekmatyars in die afghanische Politik bedeuten.

Obwohl Hekmatyar in den letzten Jahren immer weniger von sich hören ließ, ist der Warlord alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Seine Hizb-e Islami galt in den 80er-Jahren während des Krieges gegen die Sowjetunion als schlagkräftigste Mudschaheddin-Fraktion und wurde deshalb dementsprechend von den USA sowie von Pakistan unterstützt. Sowohl die CIA als auch der pakistanische ISI sahen zum damaligen Zeitpunkt in Hekmatyar einen Garanten, der ihre politischen Interessen in der Region vertrat.

Flagge von Hizb-e Islami

In diesen Zeiten wurde der Kriegsherr in den Vereinigten Staaten als Held, der dem Kommunismus die Stirn bietet und für die Freiheit seines Volkes kämpft, gefeiert. Hekmatyar und viele Mitglieder seiner Partei tourten durch die ganze Welt, um für den Krieg der Afghanen Spenden und moralische Unterstützung zu sammeln. Hekmatyar selbst wurde etwa von CDU-Politikern in Deutschland hofiert.

Hekmatyars extremistische Einstellung kam allerdings schon in den Jahren zuvor zum Vorschein. Bereits während der Regierung von Mohammad Daoud Khan, dem ersten Präsidenten der postmonarchistischen afghanischen Regierung, versuchten Hekmatyar sowie einige andere Extremisten, unter ihnen etwa der später weltweit bekannte Kriegsherr Ahmad Shah Massoud sowie dessen ideologischer Mentor und spätere Präsident des Landes, Burhanuddin Rabbani, Khan mit pakistanischer Hilfe zu stürzen. Khans teils säkular-autoritärer Regierungsstil hatte vor allem zu einer Radikalisierung islamisch-politischer gesinnter Kräfte geführt.

Vom Helden zum Terroristen

Als der Eiserne Vorhang fiel und die Weltöffentlichkeit sich von Afghanistans abwandte, begann ein blutiger Bürgerkrieg im Land und die verschiedenen Mudschaheddin-Gruppierungen fingen an, sich untereinander zu bekriegen. Auch hier nahm Hekmatyar, zum damaligen Zeitpunkt Premierminister der Mudschaheddin-Regierung in Kabul, eine dominante Rolle ein und bekämpfte vor allem seinen Erzrivalen Ahmad Shah Massoud. Zehntausende von Zivilisten fielen dem Gemetzel damals zum Opfer. Hekmatyars Milizen begingen zahlreiche Kriegsverbrechen, die bis heute nicht ausführlich aufgearbeitet wurden.

Durch das Umtreiben von Warlords wie Hekmatyar wurde erst der Nährboden für jene Gruppierung geschaffen, die Ende der 1990er als Taliban bekannt wurde und innerhalb kürzester Zeit fast ganz Afghanistan eroberte. Durch das Aufkommen kamen die Kriegsherren unter Bedrängnis. Hekmatyar war einer von jenen, die es ins Exil schlug.

Nachdem die NATO 2001 einmarschierte, kam es jedoch zu einer Kehrtwende. Während Rabbani und zahlreiche andere Kriegsfürsten sich den Amerikanern anschlossen, erklärte Hekmatyar den fremden Soldaten den Krieg. Von den Amerikanern, seinen ehemaligen Unterstützern, wurde er von nun an als "Terrorist" betrachtet.

Einstige Gefährten Hekmatyars lassen sich mittlerweile auf Seiten der afghanischen Regierung oder der Taliban finden. Einige andere, ehemalige Mitglieder der Hizb-e Islami haben mittlerweile gar dem IS die Treue geschworen. Vor wenigen Monaten drückte auch Hekmatyar selbst seine Unterstützung für den IS im Kampf gegen die Taliban, die er bis heute verachtet, aus. Nachdem seine Aussage für viel Aufsehen sorgte, ruderte er jedoch zurück und behauptete, falsch zitiert worden zu sein. Umso überraschender kam die Nachricht, dass der cholerische Kriegsherr nun Frieden mit der Regierung schließen möchte.

Unbedeutender Faktor

Auch wenn Hekmatyars Kämpfer auf dem Schlachtfeld alles andere als das Sagen haben und mittlerweile zu einem unbedeutenden Faktor geschrumpft sind, wäre das Abkommen einer der wenigen Erfolge, die der afghanische Präsident Ashraf Ghani für sich verzeichnen könnte.

Verschiedenen Quellen zufolge soll der Friedensvertrag mehrere Richtlinien haben. Unter anderem werden Hekmatyars Kämpfer dazu aufgefordert, ihre Waffen niederzulegen, die afghanische Verfassung zu respektieren und jegliche Kontakte zu anderen aufständischen Gruppierungen abzubrechen. Darauffolgend sollen Kämpfer der Hizb-e Islami, die sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Gefangenschaft befinden, aus ihrer Haft entlassen werden.

Des Weiteren soll Hekmatyar Amnestie gewährt werden. Die Kabuler Regierung will sich diesbezüglich auf jenes Gesetz berufen, welches Afghanistans ehemaliger Präsident Hamid Karzai im Jahr 2007 erließ, um verschiedenen Warlords, die an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sind, eine Rückkehr ins politische Leben zu ermöglichen.

Was Hekmatyars Rückkehr nach Kabul bedeuten könnte, bleibt jedoch offen. Beobachter und Analysten gehen davon aus, dass der machtgierige Kriegsfürst sich kaum in den Hintergrund drängen lassen wird. In diesem Kontext besteht die Gefahr, dass Hekmatyar abermals mit anderen Warlords, die bereits in der Regierung sitzen, aneinander geraten könnte.

Obwohl Kritiker darauf hinweisen, dass ein brutaler Mann wie Hekmatyar in der Regierung nichts verloren hat, sollte diesbezüglich erwähnt werden, dass Kriegsfürsten seines Schlages auch in der amtierenden Regierung zu finden sind. Abdul Rashid Dostum, der wohl blutigste Kriegsherr der jüngeren afghanischen Geschichte ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt Vizepräsident des Landes und wohl das beste Beispiel hierfür (Das Massaker, das nicht sein darf, Die vergessenen Kriegsgefangenen).

Ob der Deal mit Hekmatyar zu einem Frieden in Afghanistan beitragen kann, ist fragwürdig. Sinnvoller wäre ein derartiges Engagement seitens der Regierung wohl gegenüber den Taliban gewesen, die weiterhin die stärkste aufständische Gruppierung darstellen und Hekmatyar und dessen Milizen schon seit langem in den Hintergrund gedrängt haben. (Emran Feroz)

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