Afghanistan: Jagd auf Zivilisten

US-Botschafter James B. Cunningham bei der Unterzeichnung des Bilateralen Sicherheitsabkommens mit Afghanistan am 30. 9. 2014, Abdul Dostum ist der Zweite von rechts. Bild: state.gov

Warlord Dostums Miliz beging das schlimmste Massaker nach 2001, heute ist er Vizepräsident, seine Miliz ist weiter aktiv

Afghanistans gegenwärtiger Vizepräsident Abdul Rashid Dostum ist ein großer, bulliger Mann. Orientalistisch angehauchte Journalisten aus dem Westen sehen in den stämmigen Usbeken einen Nachfahren Dschingis Khans: Wild, entschlossen, sympathisch und, wenn es sein muss, auch grausam.

Tatsächlich gehört Dostum zu den blutigsten Kriegsherren des Landes. Seine Laufbahn begann er unter der Regierung des letzten kommunistischen Führers Afghanistans, Mohammad Najibullah. Schon damals, Ende der 1980er, scharte Dostum treue Männer seiner Ethnie um sich. Sie stellten die ersten Strukturen seiner berühmt-berüchtigten Junbish-Miliz dar, die bis heute existiert. Unter Najibullah machte sich Dostum einen Namen als Mudschaheddin-Jäger. Regelmäßig schwirrte er mit seinen Milizen aus und machte Jagd auf sie. Nicht selten wurden Zivilisten, allen voran Angehörige der paschtunischen Ethnie, getötet.

Doch auf dem Schlachtfeld war Dostum stets ein Egoist. Sein persönlicher Vorteil hatte stets oberste Priorität. Aus diesem Grund wechselte er regelmäßig die Allianzen. Es gibt so gut wie keine Fraktion, der Dostum kurzzeitig nicht angehörte. Eine Zeit lang hielt er sogar im Norden des Landes seinen eigenen Pseudostaat inklusive einer eigenen Währung.

Seine Glanzzeiten erlebt der Kriegsherr seit 2001. Als die US-Amerikaner gemeinsam mit ihren NATO-Partnern ins Land einmarschierten, verbündeten sie sich im Kampf gegen die Taliban mit jedem Warlord und Milizionär, der ihnen entgegenkam. Dostum befand sich damals in der ersten Reihe. Bereits in den ersten Monaten nach dem NATO-Einmarsch wurde seine Junbish-Miliz für eines der blutigsten Massaker in der jüngeren Geschichte Afghanistans verantwortlich gemacht (Die vergessenen Kriegsgefangenen).

Damals, im November 2001, hatten Dostum und seine Kämpfer eine größere Gruppe von Taliban-Kämpfern gefangen genommen und sie in mehrere Container eingesperrt. Die Container wurden anschließend in die Wüste Dasht-e Laili gefahren, wo man sie einige Tage stehen ließ. Von außen schossen die Junbish-Milizen immer wieder Löcher in die Container, während die Gefangenen schlimmste Qualen durchmachten und in der Hitze verdursteten (Das Massaker, das nicht sein darf).

Als die Container einige Tage später geöffnet wurden, entwich, so beschrieben es später anwesende Journalisten, ein bestialischer Gestank, eine Mischung aus Blut, Verwesung, Urin und Kot. Von den etwa 220 Männern pro Container überlebten durchschnittlich nur sechs Personen die Tortur. Die wenigen Überlebenden wurden danach umgehend hingerichtet. Ihre Leichen verscharrte man in Massengräbern. Dostum selbst beteiligte sich an allen Verbrechen persönlich.

Der pakistanische Journalist Ahmed Rashid, bekannt für seine zahlreichen Bestseller über die Region, bezeichnete das Massaker von Dasht-e Laili als das schlimmste und brutalste Menschenrechtsverbrechen des Afghanistan-Krieges.

Menschliche Knochen an dem Ort in der Nähe von Masar-i-Scharif, an dem das Massaker stattfand und der von Physicians for Human Rights untersucht wurde.

Milizen des Vizepräsidenten begehen weiterhin ungehindert Verbrechen

Nun soll Dostums Miliz abermals weitere Verbrechen begangen haben. Dostum selbst, der sich in den letzten Jahren massiv bereichert hat - vor allem durch Sicherheitsverträge mit NATO-Truppen im Norden Landes -, ist mittlerweile nicht nur Kriegsfürst, sondern auch Vizepräsident des Landes. Als der damalige Präsidentschaftskandidat Ashraf Ghani Dostum zu seinem Stellvertreter ernannte, war die Empörung groß, dass der Paschtune ausgerechnet jenen Mann auserkoren hatte, dessen Milizen bekannt dafür waren, paschtunische Zivilisten zu jagen - und dies auch weiterhin tun.

Berichten zufolge wurden Ende Juni in der nördlichen Provinz Faryab Zivilisten gezielt von Angehörigen der Junbish-Miliz angegriffen. Mindestens 41 Menschen, allesamt Paschtunen, wurden von den Milizen, die zum damaligen Zeitpunkt gemeinsam mit der afghanischen Armee eine Anti-Taliban-Operation in der Region ausführten, getötet und verletzt. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schossen die bewaffneten Männer wahllos in die Menge. "Sie trugen Kalaschnikows, schrien 'Ihr seid Taliban' und schossen auf jeden, der sein Haus verließ", meint etwa Hashmat, ein Dorfbewohner, der von Human Rights Watch zitiert wird.

Eine weitere Augenzeugin, Soraya, berichtet, wie die Milizen sie misshandelten und darauf hinwiesen, dass sie, wie alle anderen Dorfbewohner, als Paschtunin keine Rechte habe. Anhand weiterer Aussagen wurde des Weiteren deutlich, dass Dostums Milizen das Dorf in den letzten Monaten regelmäßig aufsuchten und es terrorisierten. Die anwesenden Soldaten der afghanischen Armee schritten in keinster Weise ein und ließen den Milizen freie Hand.

"Die Morde in Faryab sind nur die jüngsten einer langen Serie von Gräueltaten, die von Dostums Miliz ausgeführt wurden. Die Tatsache, dass diese Kräfte sowie Vizepräsident Dostum noch nie dafür belangt wurden, hat die Sicherheitslage im Norden Afghanistans geschwächt", meint etwa Patricia Gossman von Human Rights Watch Afghanistan.

Zum gleichen Zeitpunkt profitieren aufständische Gruppierungen wie die Taliban von derartigen Vorfällen. Die Brutalität der Milizen sowie die Abwesenheit jeglicher staatlicher Ordnung treibt ihnen Unterstützer in die Arme. Nachdem etwa die Hauptstadt der Provinz Kunduz im vergangenen Jahr kurzzeitig fiel, wurde bekannt, dass die zivile Bevölkerung regelmäßig von der Armee sowie von regierungstreuen Milizen drangsaliert wurde. Umso leichter fiel es den Aufständischen, aus den Reihen der Zivilbevölkerung zu rekrutieren und mehr Sicherheit zu versprechen. (Emran Feroz)

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