Afghanistan: Taliban kontrollieren mehr und mehr Territorium

Taliban aus der Laghman-Provinz/Afghanistan. Bild: Propagandamaterial/Twitter

Das Kommando der Nato-Operation "Resolute Support" wollte anscheinend die neuesten Zahlen zur Lage in Afghanistan nicht in der Öffentlichkeit sehen

Mit einer ganzen Serie von Anschlägen (siehe Anschlag in Kabul: Über 90 Tote und kein Mittel gegen die Taliban) machten die Taliban zuletzt den Rest der Welt darauf aufmerksam, dass ihrem Aktivitätsradius in Afghanistan nicht gerade enge Grenzen gesteckt sind.

Die Anschläge der Taliban stellen ein neues "Hoch" dar, wobei einiges in Deutschland gar nicht in Berichten auftauche oder kaum Aufmerksamkeit bekomme, schreibt der deutsche Afghanistankenner Thomas Ruttig in seinem jüngstem Beitrag zur Lage: "Vom nahezu wahllosen Morden in Afghanistan". Darin stellt er fest, dass die Anschlagswelle zwar eine Eskalation sei, aber "nicht präzedenzlos".

Das Niveau der landesweiten Gewalt habe allerdings einen neuen Gipfel erreicht. Für diese Beobachtung nennt Ruttig fünf wichtige Indikatoren, die seines Wissens 2017 alle auf "Rekordniveau" standen: die Zahl der sicherheitsrelevanten Vorfälle (von Entführungen bis zu Gefechten), die Zahl der Zivilopfer, die Zahl der Verluste bei den afghanischen Streitkräften sowie die Zahl der vom Krieg neu Vertriebenen.

Als weiteren wichtigen Indikator für die schwierige Sicherheitssituation in Afghanistan nennt Ruttig, dass die "Taliban mehr Territorium als je zuvor nach dem Sturz ihres Regimes in 2001 kontrollieren". Dies ist ganz offensichtlich kein gutes Zeugnis für die Wirksamkeit des US-amerikanischen Militäreinsatzes in Afghanistan, der seit Herbst 2001 die Präsenz und den Einfluss der Taliban möglichst klein halten will und sich stabile Verhältnisse zum Ziel gesetzt hatte.

Nach gut 16 Jahren dieser Bemühungen soll, wie am Dienstag mehrere Berichte meldeten, die US-Regierung versucht haben, die Veröffentlichung der Zahlen über die von den Taliban kontrollierten Distrikte in einem offiziellen Bericht zurückzuhalten.

Das Verteidigungsministerium habe den Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans, bekannt unter der Abkürzung SIGAR (Special Investigator General for Afghan Reconstruction), dazu angehalten, "öffentliche Daten zur Anzahl der Distrikte (…), die von der afghanischen Regierung oder den Insurgenten (die Taliban, Einf. d.V.) kontrolliert werden oder unter ihrem Einfluss stehen oder umstritten sind, nicht zu veröffentlichen, obwohl die aktuellen Daten nicht als geheim eingestuft sind" - so die Anweisung, wie sie gestern in mehreren Publikationen zu lesen war.

Später wurde präzisiert, dass die Anweisung vom Kommando der (Nato-) Operation in Afghanistan "Resolute Support" kam und dass sie irrigerweise aufgrund eines "menschlichen Fehlers" erfolgte. Doch verwies SIGAR nach Informationen des Long War Journal, das - solange es nicht um Iran geht - eine einigermaßen verlässliche Quelle zu bestimmten Aspekten des Kriegs in Afghanistan ist, darauf, dass das Nato-Kommando verschiedene Stellen im Entwurf des SIGAR-Berichts "markieren" ließ, damit sie nicht an die Öffentlichkeit geraten. Nach "human error" sieht dieses Vorgehen nicht aus …

Möglicherweise war es ein eher "politischer Fehler", der dann vom Pentagon korrigiert wurde, wie man es zumindest jetzt aussehen lassen möchte.

Die Zahlen, die erst verheimlicht werden sollten, sehen laut LA-Times und AP so aus: 56 Prozent der 407 Distrikte in Afghanistan befinden sich unter der Kontrolle der afghanischen Regierung. 30 Prozent seien umkämpft und 14 Prozent werden von den Taliban kontrolliert. Die Los Angeles Times fügt dem hinzu, dass sich geschätzt 60 Prozent der afghanischen Bevölkerung unter der Kontrolle der afghanischen Regierung befinden - im Februar 2017 seien es noch 65 Prozent gewesen.

Die bereits genannte US-Publikation Long War Journal führt seit einigen Jahren eigene Aufzeichnungen zur Kontrolle der Territorien in Afghanistan. Ihr aktueller Lagebericht ist in etwa konsistent mit dem SIGAR-Bericht. Nur dass das Long War Journal als private Veröffentlichung mit weitaus mehr Verve und Energie seit längerer Zeit schon vor einer sich verschlechternden Situation in Afghanistan warnt.

35 Prozent der 407 afghanischen Distrikte seien umstritten und 11 Prozent würden von den Taliban kontrolliert (in absoluten Zahlen 45). 212 Distrikte wurden etikettiert als "von der Regierung kontrolliert" oder "undetermined", was wohl heißt, dass die Lage nicht ganz klar ist. Als "umkämpft" werden 117 Distrikte bezeichnet.

Gestern gab auch die BBC Zahlen aus eigener Recherche, durchgeführt vom August bis November 2017, bekannt. Dort ist allerdings nur von 399 Distrikten die Rede. Gesprochen haben Mitarbeiter der BBC mit 1.200 Personen, die als lokale Quellen bezeichnet werden, entweder persönlich oder am Telefon. Als Hauptergebnis wird dort herausgestrichen:

Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 15 Millionen Afghanen, das ist die Hälfte der Bevölkerung, in Zonen lebt, die entweder von den Taliban kontrolliert werden oder wo die Taliban offen Präsenz zeigen und regelmäßig Angriffe unternehmen.

BBC

Nach der Zuordnung der BBC haben die Taliban in 14 Distrikten - was 4 Prozent des Landes entspreche - die volle Kontrolle und eine "offene physische Präsenz" in 263 Distrikten, was 66 Prozent entspreche. Diese Zahl sei deutlich höher als frühere Einschätzungen der Stärke der Taliban. Laut NBC schätzen US-Vertreter die Gesamtstärke der Taliban-Milizen neuerdings auf 60.000 Kämpfer.

Bei SIGAR findet sich noch die zusätzliche Information, die als Nachtrag für Berichte zur Lage in Afghanistan schon beinahe notorisch ist: Trotz aller Bemühungen im Kampf gegen Drogen habe die Opium-Produktion und die Größe der Pflanzungen im Jahr 2017 "all-time-highs" erreicht. Mit 87 bzw. 63 Prozent mehr als im Jahr 2016. (Thomas Pany)

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